Aktuell: Villa Musica Adventskalender: Nikolaus mit Jenny Lind

Den Nikolaustag des Jahres 1845 verbrachte Felix Mendelssohn in der denkbar angenehmsten Gesellschaft: Jenny Lind, die „schwedische Nachtigall“, begleitete ihn auf der Fahrt von Leipzig nach Dessau. Die schwedische Sopranistin war damals 25 Jahre alt, blendend aussehend wie eine Liv Ullmann der Romantik und im Vollbesitz ihrer stimmlichen Kräfte, was sie fürs lyrisch-dramatische Fach prädestinierte.

Die schwedische Nachtigall

Norma, Agathe, Donna Anna waren ihre Paraderollen, mit denen sie auch die Leipziger bezauberte: „Beide Arien, sowohl die Sortita der Norma als die Arie der Donna Anna: ‘Ich grausam, o mein Geliebter?` sang sie mit deutschem Texte, dessen Aussprache, nebenbei gesagt, selten von einer geborenen Deutschen so deutlich und correct gehört werden mag, als von ihr, der Ausländerin. Wir versichern, beide Musikstücke noch nie in solcher Vollendung gehört zu haben, und gedenken nur des wunderbar schönen Eindrucks, den im Mittelsatze der Mozart’schen Arie bei dem Wiedereintritte der Hauptmelodie die musterhafte, durch kein Athemholen unterbrochene Verbindung der Töne hervorbrachte.“ So schrieb im Dezember 1845 ein Kritiker der „Allgemeinen Musikalischen Zeitung“. Meyerbeer hatte sie Ende 1844 nach Berlin geholt. Bald wollten auch die Leipziger die „schwedische Nachtigall“ erleben, was ihnen Mendelssohn ermöglichte. Fazit: „Aller Lippen fließen und flossen noch jetzt über von ihrem Lobe.“ Am Ende ihrer ersten Leipziger Konzertserie begleitete sie den elf Jahre älteren Mendelssohn von Leipzig nach Dessau. In der Heimatstadt seines Großvaters Moses sollte der Text des geplanten Oratoriums „Elias“ endlich konkrete Formen annehmen, wozu er sich mit seinem Dichter Schubring traf. Jenny Lind aber reiste weiter nach Berlin – vorerst.

Schwedische Lieder

Auf der Fahrt nach Anhalt unterhielten sich die Beiden über Weihnachtsbräuche in Schweden. Am Vorabend nämlich hatte Jenny Lind vor 1000 Leipziger Zuhörern Mendelssohn-Lieder und ein schwedisches Lied so rührend vorgetragen, dass dem Publikum die Tränen kamen. Wenn sie zusammen musizierten, konnten die Beiden ihre Zuneigung kaum verbergen. Als der dänische Märchendichter Hans Christian Andersen die Beiden im Februar 1846 in Leipzig im Konzert erlebte, fiel ihm sofort auf, dass die Schwedin dem deutschen Dirigenten „sehr zugetan“ sei. Als Klavierbegleiter trug Mendelssohn Linds Sopranstimme mühelos bis in höchste Höhen, auch beim Adventskonzert für den „Orchester-Wittwen-Fonds“ am 5. Dezember 1845 in Leipzig: „Zum Schlusse des Concerts sang Fräulein Lind zwei Lieder von Mendelssohn, ‚Auf Flügeln des Gesanges’ und ‚Leise zieht durch mein Gemüth’, vom Componisten am Pianoforte begleitet, mit seelenvollem Klange und einer Innigkeit des Ausdrucks, die gewiss allen noch lange nachtönen wird, und accompagnirte sich zuletzt selbst ein schwedisches Lied, was den enthusiastischen Beifall auf den höchsten Gipfel trieb.“ Zuvor sorgte der Chefdirigent des Gewandhausorchesters für die schönsten Orchesterfarben, während Lind Arien aus Webers „Freischütz“ und „Euryanthe“ sowie eine Szene aus Mozarts „Figaro“ vortrug. Mendelssohn selbst spielte zwei seiner „Lieder ohne Worte“ und sein brillantes g-Moll-Klavierkonzert. Ouvertüren von Weber und Gade rundeten den festlichen Abend ab. Er klang mit einem Ständchen der begeisterten Orchestermusiker für die begnadete Sängerin aus. Nicht nur Mendelssohn hatte die junge Schwedin ins Herz geschlossen.

Verdi und Mozart im Adventskonzert

Nach der Rückkehr aus Dessau hatte Mendelssohn vor Weihnachten noch zwei weitere Abonnementskonzerte mit dem Gewandhausorchester zu absolvieren, leider ohne Jenny Lind. Keines davon klang adventlich. Eine Woche vor Heiligabend dirigierte er als Novität die große Szene der Elvira aus Giuseppe Verdis „Ernani“ – die ersten Noten des Meisters aus Busseto, die in Leipzig erklangen. Entsprechend aufmerksam lauschte der Kritiker der „Allgemeinen Musikalischen Zeitung“: „Der Italiener G. Verdi, der jetzt mit seinen Opern auf den Theatern seines Vaterlandes eine nicht unbedeutende Rolle spielt, ist uns Deutschen mit wenigen Ausnahmen noch eine unbekannte Größe; auch in Leipzig ist noch keine seiner Opern zur Aufführung gekommen. Ob das hiesige Publikum dies zu bedauern hat, darüber lässt freilich ein einziges Solo aus einem dieser Werke nicht genügend urtheilen; aber, ohne voreilig zu sein, kann und muss Referent doch offen gestehen, dass er sich mit der einmaligen Begegnung des Herrn Verdi gern begnügt.“ Ebenso sauertöpfig merkte der Herr Kritiker an, dass Mendelssohn sich bei den Tempi in einigen Nummern aus Mozarts „Così fan tutte“ doch zu sehr „beeilt“ habe. Ob Mendelssohn von einem schönen Vorfall aus Dresden gehört hatte? Als dort ein mit Mozart vertrauter Dirigent den „Don Giovanni“ endlich in den angemessen schnellen Tempi dirigierte, staubten den Orchestermusikern die Perücken vor lauter Anstrengung. Übrigens hatte Mendelssohn ausschließlich Ensembles aus „Così fan tutte“ ausgewählt: die beiden Quintette „Sento, o Dio“ und „Deh scrivermi ogni giorno“, getrennt vom Chor „Bella vita militar“. Kaum Musik für die Adventszeit, aber zwei der schönsten Mozartschen Opern-Ensembles.

Zwei Liederhefte zu Weihnachten

Beflügelt von so viel Mozartscher und Verdischer Melodie, stellte Mendelssohn zum Fest zwei Liederhefte als Weihnachtsgeschenke zusammen. Das eine mit 17 Liedern war für seine Frau Cécile bestimmt und befindet sich heute in der Bibliothek der Juilliard School in New York: „Liederbuch für Cécile M. B., Weihnachten 1845“. Das zweite, wesentlich intimere Liederheft ging an Jenny Lind nach Berlin, begleitet von einem Weihnachtsbrief mit deutlichen Worten: „Was mich betrifft, so wissen Sie, daß ich an jedem fröhlichen Fest, und an jedem ernsten Tage mein Leben lang Ihrer gedenke, und daß Sie Ihren Antheil davon mit nehmen müßten, Sie mögen wollen oder nicht. Sie wollen es aber, und Sie wissen von mir, daß es mir eben so geht, und das wird nimmermehr anders.“ Die Vertrautheit, die aus diesen Zeilen spricht, spiegelt sich auch in den Liedern wider. Larry Todd, der in seiner wundervollen Mendelssohn-Biographie auf diesen Brief und das weihnachtliche Liederheft hinwies, hob besonders das neu komponierte Lied des kleinen Heftes hervor, Mendelssohns eigentliches Weihnachtsgeschenk für die Lind: „Wenn sich zwei Herzen scheiden, die sich dereinst geliebt, das ist ein großes Leiden, wie’s größer keines gibt.“

Zum Hören

Barbara Bonney singt Mendelssohns melancholisches Abschiedslied nach Versen von Geibel, komponiert am 22. Dezember 1845 als Weihnachtsgeschenk für Jenny Lind. Es erschien erst nach dem Tod des Komponisten im Druck (Op. post. 99 Nr. 5):

Wenn sich zwei Herzen scheiden

Jan Lisiecki spielt Mendelssohns furioses g-Moll-Konzert, das der Komponist für das Adventskonzert am 5.12.1845 in Leipzig auswählte:

Klavierkonzert Nr. 1

Karl Böhmer 2018