Aktuell: Villa Musica Adventskalender: Mozart in Wien 1786

Am 4. Dezember 1786 trug Mozart ein neues Klavierkonzert in sein eigenhändiges Werkverzeichnis ein: „Den 4. december. Ein Klavierkonzert. Begleitung: 2 violini, 2 viole, 1 flauto, 2 oboe, 2 fagotto, 2 Corni, 2 Clarini, Timpany e Basso.“ Wie üblich schrieb er diese Notiz auf die linke Seite seines Werkheftes, während die Seite gegenüber das Incipit des neuen Werkes zeigt, in diesem Fall die ersten Takte des „Allegro maestoso“ im Klavierauszug. Sie geben nur einen schwachen Eindruck vom wahrhaft majestätischen Beginn dieses vierten und größten seiner C-Dur-Konzerte für Klavier.

C-Dur-Konzert, KV 503

Volle C-Dur-Akkorde des gesamten Orchesters eröffnen den ersten Satz mit Pauken und Trompeten. Später wird das Klavier darauf ebenso vollgriffig antworten, zunächst aber folgt auf den prachtvollen Beginn ein langes, kunstvolles Orchestervorspiel, das man „sinfonisch“ nennen kann. Das zweite Thema nimmt schon den berühmten Drei-Achtel-Auftakt der Fünften Sinfonie von Beethoven vorweg, und zwar in der passenden Tonart c-Moll. Für Mozart ist dieses Ausweichen in die Mollvariante höchst ungewöhnlich. Das ernste, pochende Thema weicht von c-Moll sanft nach Es-Dur aus, um erst mit dem Einsatz der Holzbläser ins helle C-Dur zurückzukehren. In den Überleitungen wimmelt es von gelehrtem Kontrapunkt, ganz so wie in der „Prager Sinfonie“, an der Mozart zur gleichen Zeit arbeitete. Dem Pianisten hat Mozart nach dem langen, strengen Orchestervorspiel einen spielerischen Einstieg geschenkt und zwei eigene Seitenthemen. Dadurch wird das pochende “Beethoven-Thema“ zunächst völlig verdrängt, bis es in der Durchführung wiederkehrt und auf höchst kunstvolle Weise verarbeitet wird. In der Reprise hat Mozart dann alle Seitenthemen nacheinander ins helle C-Dur versetzt. Er hat kein prächtigeres Eingangsallegro in seinen Klavierkonzerten geschrieben, wozu das Andante als Idyll in F-Dur mit herrlichen Bläserklängen ebenso gut passt wie das lange kunstvolle Finale im Rhythmus einer Gavotte. Dass er für diesen Satz als Rondo-Thema eine nie gespielte Gavotte aus seiner Oper „Idomeneo“ aufgriff, hing sicher damit zusammen, dass er im Februar 1786 den „Idomeneo“ für Wien bearbeitete. Dabei muss ihm diese wunderbare Gavotte in die Hände gefallen sein, deren Thema nun einen neuen, prominenten Platz in seinem Schaffen erhielt.

Heute wird dieses C-Dur-Konzert als Nr. 25 der Mozartschen Klavierkonzerte gezählt. Ludwig Ritter von Koechel gab ihm in seinem Mozartverzeichnis die Nummer KV 503, unmittelbar vor der so genannten „Prager Sinfonie“, KV 504. An Prag lag es auch, dass dieses Werk Mozarts vorerst letztes Klavierkonzert bleiben sollte. In den Jahren 1788 und 1791 ließ er zwar noch zwei Nachzügler folgen, das „Krönungskonzert“ KV 537 und das B-Dur-Konzert KV 591, im Grunde aber war mit KV 503 die Serie seiner großen Wiener Klavierkonzerte abgeschlossen. Die Gründe dafür lagen im Advent 1786 und in den folgenden Adventszeiten bis zu seinem Tod.

Klavierkonzerte im Advent

Seit Mozart im Februar 1784 die Niederschrift seines eigenhändigen Werkverzeichnisses gleich mit vier Klavierkonzerten eröffnet hatte, schien keine andere Gattung dort so zahlreich auf wie diese. Mozart schrieb seine großen Wiener Klavierkonzerte zu drei verschiedenen Anlässen: entweder für Schülerinnen bzw. befreundete Pianistinnen oder für seine eigenen Subskriptionskonzerte in der Fastenzeit oder für den Advent. Die adventliche Bußzeit war neben ihrem Pendant vor Ostern in Wien die zweite Haupt-Konzertsaison, da die Theater geschlossen blieben. Also finden sich in schöner Regelmäßigkeit im Dezember neue Klavierkonzert-Einträge im Werkverzeichnis: am 11. Dezember 1784 das F-Dur-Konzert KV 459, am 16. Dezember 1785 das Es-Dur-Konzert KV 482, schließlich am 4. Dezember 1786 1786 das C-Dur-Konzert KV 503. Sie wurden von Mozart jeweils wenige Tage nach der Vollendung in einem adventlichen Konzert öffentlich aufgeführt, wobei es überhaupt nicht in Frage kam, dass er dem Publikum etwa ein Klavierkonzert aus der letzten Saison kredenzt hätte: Die Wiener wollten immer Neues hören. Nur darum hat Mozart so viele Klavierkonzerte geschrieben. Erst auf seinen Reisen nach Leipzig, Dresden und Berlin 1789 und an Rhein und Main 1790 konnte er auf diesen Fundus zurückgreifen und dem erstaunten Publikum etwa in Mainz und Frankfurt die Schönheit und Neuheit seiner Wiener Klavierkonzerte vorführen, besonders die aparten und damals völlig neuen Klangwirkungen der Bläser.

Walzer statt Klavierkonzerten

Warum hörte Mozart nach dem Advent 1786 auf, neue Klavierkonzerte in Serie zu schreiben? Schuld daran war zunächst eine Einladung nach Prag, die er mit seiner Frau Constanze annahm. Dort dirigierte er im Fasching 1787 seine Oper „Le nozze di Figaro“, was ihm den Auftrag zum „Don Giovanni“ bescherte. Nach der Rückkehr aus Prag hatte die Fastenzeit 1787 längst begonnen, für eigene Konzerte war es zu spät. Im Advent wiederholte sich dieses Spiel: Nach der Uraufführung des „Don Giovanni“ am 29. Oktober in Prag wurde die Zeit zu knapp, um „Adventsakademien“ in Wien zu organisieren, also wieder kein neues Klavierkonzert. Außerdem hatte Kaiser Joseph II. Mozart inzwischen zum Kammerkomponisten ernannt, was ihm eine unliebsame Verpflichtung bescherte: Fortan musste er den Advent dazu nutzen, Tänze für den folgenden Fasching zu schreiben, und zwar gleich im ganzen Dutzend. Seine Serien von Deutschen Tänzen, also Walzern, nahmen zwar schon die Walzer von Johann Strauß vorweg, waren für den Komponisten aber eine unliebsame Brotarbeit. Erst im Advent 1789 verschaffte ihm die Einstudierung der Oper „Così fan tutte“ eine willkommene Abwechslung vom ewigen Tänzeschreiben. Als er dann im Spätherbst 1790 aus Mainz und München zurückkam, entschloss er sich, im Advent statt großer Orchesterkonzerte lieber eine kleine „Quartettsubskription“ anzubieten, also Kammermusikabende im Abonnement. Inzwischen regierte ein neuer Kaiser in Wien, Leopold II., der sich für Mozart nicht zu interessieren schien. Das finanzielle Risiko musste klein gehalten werden. Immerhin aber nutzte Mozart das letzte Weihnachtsfest seines Lebens, um ein angefangenes Klavierkonzert aus dem Jahr 1789 endlich zu vollenden: das B-Dur-Konzert Nr. 27, sein berühmtes letztes Klavierkonzert. In der Beschränkung auf Hörner und Holzbläser und im feinen Streichersatz wirkt es geradezu kammermusikalisch. In der tiefen Melancholie verrät es Mozarts Resignation angesichts der Wiener Verhältnisse. Das Konzert Nr. 25 klingt im Vergleich geradezu vollmundig, festlich, weihnachtlich.

Zum Hören

Mozarts „Adventskonzert“ KV 503 in einer Aufführung aus der Alten Oper Frankfurt, mit dem italienischen Pianisten Francesco Piemontesi und dem hr-Sinfonieorchester unter Manfred Honeck.

KV 503

Karl Böhmer 2018