Aktuell: Villa Musica Adventskalender: Schumann in Leipzig

„Wie Ostern so warm.“ Mit diesem lakonischen Satz kommentierte Robert Schumann am ersten Weihnachtsfeiertag des Jahres 1842 in Leipzig die damals schon unberechenbaren Ausschläge des Thermometers in frühlingshafte Höhen. Es sollten festliche Weihnachten werden, gekrönt von einem neuen Klaviertrio, das er am 6. Dezember begonnen hatte.

Stollen an Heiligabend

Noch am Heiligen Abend hielt Schumann letzte Ausgaben fürs Fest im Haushaltsbuch fest: „an Klara zu Weihnachten: für das Soireekleid 30 Taler, für ein gewöhnliches Kleid 10 Taler, in Mariens Sparbüchse 5 Taler 12 Groschen, für Stollen 4 Taler“. Der viel beschäftigte Komponist überließ es seiner Frau Klara, sich ihre neuen Kleider als Weihnachtsgeschenke selbst auszusuchen. Immerhin aber hatte er ihr zuvor „ein Dutzend Handschuhe, Eau de Cologne und Verschiedenes“ besorgt, für die kleine Tochter Marie war rechtzeitig eine Puppe angeschafft worden. Die Ausgaben summierten sich, denn der übermäßig fleißige Komponist hatte in seinem „Kammermusikjahr“ 1842 so viele gut gehende Artikel für seine Verleger produziert, dass es den Schumanns in ihrem Leipziger Heim gut ging. Es waren stattliche Weihnachten, und natürlich waren sie auch der Musik gewidmet: Am 28. Dezember findet sich im Haushaltsbuch die kurze Notiz: „Das Trio fertig geschrieben.“

Triogedanken an Nikolaus

Bei jenem letzten Werk des Kammermusikjahres handelte es sich um Schumanns erstes Klaviertrio. Just am Nikolaustag waren ihm dazu die ersten Gedanken gekommen: „Triogedanken“ notierte er knapp, bevor er zu einem Kammermusikabend aufbrach, bei dem sein Klavierquartett und Klavierquintett erklangen, gespielt von Freund Mendelssohn und Streichern des Gewandhausorchesters. Durch diese Soiree wurde der Komponist so beflügelt, dass er schon einen Tag später den ersten Satz des Trios fertig stellte und „Vieles im Scherzo“. Noch hatte Schumann im Sinn, ein reguläres viersätziges Klaviertrio zu schreiben. Schon am 11. Dezember war es „fast beendigt“. Dann aber drängten sich die Vorbereitungen zum Fest und ein mehrtägiges „Unwohlsein“ dazwischen. Schumann schrieb am Trio nurmehr kursorisch weiter und konnte es erst nach Weihnachten vollenden. Das Originalmanuskript lässt deutliche Spuren der mühevollen Arbeit am Finale erkennen.

Phantasiestücke Opus 88

Seinem weihnachtlichen Klaviertrio gegenüber blieb Schumann lebenslang skeptisch. Als er Ende Dezember 1842 den Titel darauf setzte, nannte er es noch “Trio für Pianoforte, Violine und Violoncello”. Als er es acht Jahre später zum Druck beförderte, hieß es nur noch “Phantasiestücke”. Angesichts seiner beiden Klaviertrios in d-Moll und F-Dur, op. 63 und 80, musste ihm der Trio-Erstlng genrehaft vorkommen, wie eine Art Potpourri in einfachen Tanz- und Liedformen.

Der erste Satz ist eine “Romanze” in dreiteiliger Liedform, „Nicht schnell, mit innigem Ausdruck”, eine Art trauriges Wiegenlied zur Weihnachtszeit. Im innigen Mittelteil wird es von lauter kurzen Kanons abgelöst – getreu der Schumannschen Devise, dass er „alles kanonisch erfinde“. Leider hat der Komponist aus seinem Manuskript vor der Drucklegung eine wunderschöne Coda von 20 Takten gestrichen. Auf dieses Nikolausstück vom 6. Dezember folgt Knecht Ruprecht auf dem Fuß: In den wehmütigen Schluss der Romanze platzt die “Humoreske” attacca hinein, ein F-Dur-Satz von bärbeißigem Humor, der immer wieder ins Gespenstische umschlägt. Formal ist dieses Scherzo ein Unikum: Statt dem Hauptteil ein einziges Trio folgen zu lassen, hat Schumann deren fünf geschrieben, die alle ineinander übergehen, bevor der Hauptteil wiederkehrt.

Den langsamen Satz nannte Schumann “Duett” und schuf damit eines der schönsten Genrestücke der romantischen Kammermusik. In innigem Zwiegespräch singen Violine und Violoncello einander die schönsten Melodien zu, während das Klavier sanft wogend begleitet. Ob sich dahinter eine Liebeserklärung an seine Frau Klara zum Weihnachtsfest verbirgt? Darauf folgt wieder ein plötzlicher Umschlag in ruppige Töne: Das Finale ist ein Marsch in a-Moll, zweiteilig mit Wiederholungen, der anschließend variiert wird. Im dreiwöchigen Ringen um diesen Satz hat Schumann etliche Variationen wieder gestrichen. Von den zahllosen Strichen und Querverweisen ist das Manuskript beinahe entstellt. Offenbar war er diese Unentschiedenheit, die seine Skepsis gegenüber dem gesamten Trio begründete. Es könnte durchaus reizvoll sein, die Phantasiestücke Opus 88 einmal in der ungekürzten Urfassung zu spielen – mit der Coda des ersten Satzes und allen gestrichenen Variationen des Finales. Vielleicht wäre das Stück dann noch weihnachtlicher als in der geläufigen Fassung.

Zum Hören

Die beiden langsamen Sätze aus Schumanns Opus 88, aufgezeichnet mit dem Osiris Trio im winterlichen Amsterdam:

Phantasiestücke

Karl Böhmer 2018