: Villa Musica Adventskalender: Verdi in Sankt Petersburg

Heute würden die Verdis einfach einen Direktflug von Mailand Malpensa nach Petersburg buchen – in der Business Class natürlich, auf einem Ehrenplatz der Alitalia für den berühmtesten Komponisten des Landes. Ende November 1861 aber stiegen Giuseppe Verdi und seine Frau Giuseppina Strepponi in Piacenza in einen einfachen Zug, der sie nach Turin brachte. Fernziel: die Hauptstadt des Zarenreiches. Reisezeit: drei Wochen.

Reise mit italienischem Pass

Auf der Fahrt nach Turin genossen die Verdis die Freiheiten des neuen Königreichs Italien, das damals erst acht Monate alt war. Keine Pass- und Zollkontrollen mehr auf dem Weg vom Herzogtum Parma ins Königreich Savoyen, sondern ein einziges vereinigtes Italien, in dem man reisen konnte, wie man wollte. Nur der Kirchenstaat war noch päpstlich, doch dorthin ging die Reise nicht, sondern über die Alpen nach Frankreich. An der Grenzstation zeigte Verdi den Franzosen stolz seine Papiere vor: den ersten Pass, ausgestellt im Namen V.E.R.D.I. auf den Namen Verdi, sprich: im Namen von Vittorio Emanuele II Re d’Italia für Giuseppe Verdi, dessen Name zum Symbol der angestrebten Einheit geworden war, vor zwei Jahren nach der Uraufführung des „Maskenballs“ in Rom. Nun war der Traum Wirklichkeit geworden: Die Verdis reisten als italienische Staatsbürger ins geliebte Paris.

Dort war ihre Liaison zuerst toleriert worden, ganz anders als im heimatlichen Busseto. Paris war die Stadt ihrer Freiheit und ihrer Träume, also hatten Giuseppe und Peppina dort etliche Freunde zu treffen, bevor sie sich auf die lange Reise über Berlin und Warschau nach Petersburg machten. Als sie an der Newa eintrafen, feierten die Russen gerade erst den Nikolaustag. Nach dem alten julianischen Kalender mussten auch die Verdis ihre Uhren um zwölf Tage zurückdrehen. An jenem Mittwoch bezogen sie ihr komfortables Quartier. Die russischen Gastgeber ließen es für das prominente Paar an nichts fehlen. Schließlich galt es, den schwierigen Maestro bei Laune zu halten: Er musste seine neueste Oper vollenden und einstudieren, „La forza del destino“, „Die Macht des Schicksals“, ein Auftragswerk der kaiserlichen Bühnen des Zaren.

Die Schönheiten von Sankt Petersburg

Drei Tage vor Heiligabend traf bei Verdis Verleger Tito Ricordi der erste Brief seines Maestro aus Russland ein: die lange Reise sei „gar nicht schrecklich“ gewesen, und die sibirische Kälte spüre man gar nicht, denn alle Zimmer seien wunderbar geheizt – ganz im Gegensatz zu den nasskalten Räumen im winterlichen Italien. Freilich musste der Maestro eine bittere Pille schlucken: die Uraufführung der „Forza“ war wegen eines anderen Stücks auf dem Spielplan ins neue Jahr verschoben worden. Da er die Partitur noch nicht vollständig instrumentiert hatte, kam ihm die Verschiebung nicht ungelegen. So blieb auch Zeit, sich die wunderbare Stadt an der Newa anzusehen. Verdi war in einen dicken Pelzmantel gehüllt und trug eine Pelzmütze – ein pittoreskes Motiv, das ein Fotograf in Sankt Petersburg für die Nachwelt festhielt. Von den Bauten der Zarenhauptstadt waren die Verdis tief beeindruckt: vom Winterpalast mit der Eremitage, von den Plätzen und vor allem von den Kirchen und Klöstern.

La Vergine degli Angeli

Als Verdi den ersten Männerchor in einer russischen Kathedrale hörte, war er wie vom Donner gerührt: So etwas gab es in Italien nicht mehr. Seit die Napoleonische Ära die wunderbare Kirchenmusik an den Kathedralen der Lombardei und im Herzogtum Parma restlos vernichtet hatte, konnte man dort nur noch frommes Gesäusel von wenigen kärglichen Stimmen hören. Hier aber brandete der volle Mönchschor in allen Registern auf wie eine Orgel. In fließendem Französisch fragte Verdi den Chorleiter, wer denn das Stück geschrieben habe: „Giuseppe Sarti“ lautete die überraschende Antwort. Verdi erinnerte sich dunkel daran, dass der berühmte Domkapellmeister aus Mailand 1784 von Katharina der Großen ins Zarenreich gerufen wurde. Dort sollte Sarti eigentlich italienische Opern schreiben, verliebte sich dann aber in die Kathedralmusik der Russen und begann, Chöre in russischer Sprache zu schreiben. So weit wollte Verdi nicht gehen: Russisch zu lernen, wäre ihm nicht eingefallen, da doch Französisch die Sprache der gebildeten Russen war. Aber den russischen Chorklang in einer Nummer der Oper nachzuahmen, das würde sich lohnen. Also hinterlegte er die „Preghiera“ der Primadonna, das Gebet der Leonora, mit einem vollstimmigen, tiefen und feierlichen Männerchor.

Leonora, die Tochter des ermordeten Herzogs von Calatrava, sucht Ruhe und Frieden in einem abgelegenen Kapuzinerkloster, das der Madonna degli Angeli geweiht ist, der Muttergottes von den Engeln. Nach zähem Ringen mit dem Guardiano weisen ihr die Fratri endlich eine Klause in den Bergen zu und verabschieden sie mit dem Gebet zur Madonna: „La Vergine degli Angeli / Vi copra del suo manto / E voi protegga vigile / Di Dio l’Angelo Santo.“ „Die Jungfrau der Engel bedecke euch mit ihrem Mantel / Und euch beschütze wachsam der Heilige Engel Gottes.“ Nirgends in Italien sangen Kapuziner so vollstimmige Gebetschöre wie diesen, wohl aber die Mönche in Russland. Vermischt mit dem zarten Solo der Primadonna wurde daraus einer der „Hits“ in „La forza del destino“. Bis es soweit war, gingen freilich noch Monate ins Land. Denn bei der ersten Probe zu „La Vergine degli Angeli“ war die Primadonna heiser.

35 Grad unter Null und eine erkrankte Primadonna

Zu Beginn des neuen Jahres traf ein Schreiben von Peppina Strepponi mit einer Hiobsbotschaft in Italien ein: die neue Oper ihres Mannes könne in der laufenden Saison überhaupt nicht mehr gegeben werden wegen andauernder Krankheit der Primadonna: „Ach, die Stimmen der Sänger sind zerbrechlich wie … (setzen Sie an dieser Stelle ein, was Sie möchten!), und die Stimme der Signora Grua ist zu ihrem und zu Verdis Unglück ein besonders verzweifeltes Beispiel für jene Zerbrechlichkeit. Also sitzt Verdi da, dazu verurteilt, Temperaturen von 24, 26, 28 und mehr Kältegraden zu ertragen. Doch hat ihn diese entsetzliche Kälte bisher nicht im geringsten gestört, dank der hiesigen wohlgeheizten Räume. Doch wohlgemerkt: Dieser merkwürdige Widerspruch ist ein Glück, das nur den Reichen zuteil wird. Die können wahrhaft ausrufen: Es lebe die Kälte, das Eis, das Schlittenfahren und die anderen Freuden des Daseins! Die Armen hingegen und ganz besonders die Kutscher sind die unglücklichsten Geschöpfe von der Welt.“

Auch in Russland sahen die Verdis über das Leid der einfachen Leute nicht hinweg. Da die Temperatur in Russland damals noch nach dem Thermometer von Réaumur gemessen wurde, handelte es sich in Wahrheit um 30 bis 35 Minusgrade in Celsius. Ob sie ihren Kutscher zu Weihnachten ins wohlgeheizte Zimmer einluden? Sicher wird Verdi seiner Peppina am Heiligen Abend „La Vergine degli Angeli“ vorgespielt haben, und sie, die frühere Primadonna, sang den Part der Leonora dazu. Bis die Petersburger endlich in diesen Genuss kamen, sollten noch Monate vergehen: Erst reisten die Verdis zurück nach Italien, dann kamen sie wieder, nachdem man eine neue Primadonna für das Stück gefunden hatte. Endlich, am 10. November 1862, fand im Bolshoi Theater die Uraufführung statt. Am selben Tag feierten die Italiener nach dem gregorianischen Kalender schon den 22. November, das Fest der Heiligen Cäcilie, der Schutzheiligen der Musik – ein gutes Omen für die neue Oper.

Zum Hören

„La Vergine degli Angeli“ aus „La forza del destino“ mit der unvergessenen Montserrat Caballé, die in diesem Jahr verstarb:
La Vergine deli Angeli

Einer der russischen Chorsätze von Verdis Vorgänger Giuseppe Sarti, komponiert um 1790 in Sankt Petersburg, bildlich unterlegt mit Ikonen:
Giuseppe Sarti