Archiv: Brahms und der rote Igel

Ein Kinderstück mit Musik von Karl Böhmer

Theodor Billroth, Arzt und Freund von Brahms Schauspieler
Cellist
Bratschist

Uraufführung 16. August 2015, Schloss Engers

Copyright: Villa Musica Rheinland-Pfalz

Theodor Billroth im Arztkittel, kommt sehr hektisch ins Zimmer …
Billroth: Oh, je, Kinder, schnell, Ihr müsst mir helfen! Seht ihr hier irgendwo ein Glas Marmelade? Hier vielleicht … Oder da? … Nein, da ist auch nichts (Die Kinder rufen: Aber da!!!) Ach so, stimmt. Steht ja groß drauf: „Marmelade!“ Herr Brahms wird immer so sauer, wenn er nicht gleich seine Marmelade bekommt. Ich bin gleich wieder da (verschwindet wieder).
Cellist: (tritt ein, bevor Billroth rauslaufen kann) Grüß Gott, Herr Billroth …
Billroth: Ah, die Herren Musiker, tut mir leid. Ich bin gleich zurück. Herr Brahms braucht dringend seine Marmelade. Wenn Sie schon mal einstimmen würden …
Cellist: Hallo Kinder. Geht’s Euch gut? Oh je, die Notenständer sind noch nicht aufgebaut. Kannst Du einen Notenständer aufbauen?
Bratschist: Ich??? Ich spiel doch die Bratsche …
Cellist: Ach so, stimmt. Kann einer von Euch schon einen Notenständer aufbauen? Ja bitte, helft uns doch mal.
(Kinder kommen auf die Bühne und bauen die Notenständer auf.)
Cellist: Lass uns schon mal stimmen. Warum war jetzt der Herr Billroth so hektisch?
Bratschist: Brahms kann furchtbar sein, wenn er hungrig ist.
Cellist: Ach so, nur wenn er hungrig ist?
Bratschist: Naja, er soll auch sonst eher mürrisch ein.
Cellist: Und warum spielen wir dann seine Musik?
Bratschist: Die ist gar nicht mürrisch, sondern wunderschön. Hört mal, Kinder. (Spielt den Anfang von „Joseph, lieber Joseph mein“ aus dem Brahms-Lied Opus 91 Nr. 2).
Cellist: Das kenn ich doch, das ist ein Weihnachtslied. Kennt Ihr das auch, Kinder? Nein? Ihr dürft mal mitsingen (teilt Notenblätter aus) Alle mitsingen, auch die Erwachsenen! Wir spielen, Ihr singt. Eins, zwei … „Joseph, lieber Joseph mein“. Gut habt Ihr das gemacht, Kinder. Aber wo bleibt jetzt eigentlich der Herr Billroth? Ruft mal mit uns, Kinder! „Billllll roooooooth“.
Billroth: (kommt erschöpft herein) Endlich geschafft! Wenn der Herr Brahms seinen Heißhunger bekommt, ist er unerträglich. Habt Ihr das auch manchmal, Kinder, einen Heißhunger? Wenn Ihr unbedingt was zum Essen wollt und nicht warten könnt? Naja, Ihr mögt dann wahrscheinlich Überraschungseier oder Kinderschokolade oder Fruchtzwerge oder Gummibärchen. Brahms braucht eher Berge von Marmelade, eine Riesenportion Gulasch und ein kühles Bier. Das ist mehr was für euern Papa … Naja, jetzt ist er erst mal satt – vorläufig.
Cellist: (räuspert sich laut, weist auf das leere Notenpult).
Billroth: Seltsam, Kinder, was hat er denn, der Herr Cellist? Die Notenständer sind doch aufgebaut. Habt Ihr das gemacht? (Kinder rufen: Ja!) Was fehlt denn jetzt noch? (Die Kinder rufen „Noten“). Ach so ja, die Noten. Der Brahms hat mich ganz verrückt gemacht. Mal sehen, wo ich die Noten habe (wühlt in der linken Tasche des Kittels und zieht einen langen Beipackzettel heraus, liest.) „Nebenwirkungen: In vereinzelten Fällen kann es zu Durchfall kommen …“. Nein, das sind nicht die Noten! Bestimmt in der andern Tasche (wühlt und zieht ein Rezept aus der rechten Tasche): „Zweimal Hustensaft täglich, morgens und abends“ … Nein, das sind auch keine Noten. Wo hab ich sie nur? Ach, ja, in der Tasche (zieht aus seiner Aktentasche die Noten, legt dem Cellisten die Bratschennoten hin).
Cellist: (räuspert sich) Das ist im Bratschenschlüssel geschrieben, das kann ich nicht lesen.
Billroth: Seltsam, Kinder, die Musiker können ihre Schlüssel nicht lesen. Habt Ihr schon mal einen Schlüssel gelesen? (Holt seinen Schlüssel raus und hält ihn vors Gesicht.) Also ich kann meinen Schlüssel nicht lesen. Ich schließe damit die Haustüre auf und das Auto. Und wozu brauchen Musiker einen Schlüssel? Damit sie die Noten überhaupt lesen können. Sehr seltsam! (teilt die Noten richtig aus) Hier also die richtigen Noten, bitteschön!
Bratschist: Na endlich, kann’s jetzt losgehen?
Billroth: Einen Moment noch, bitte. Also, Kinder, ich stelle mich kurz vor. Mein Name ist Theodor Billroth, ich bin Arzt und ein guter Freund von Johannes Brahms. Der ist Komponist und hat so viel schöne Musik komponiert, aber leider nichts für eine Bratsche und ein Cello. Wisst Ihr, was das ist, eine Bratsche? (Bratschist hebt sein Instrument in die Höhe.) Die ist größer als die Geige und kleiner als das Cello, und die klingt immer so, als hätte sie Schnupfen.
Bratschist: Na, sowas! Frechheit!
Billroth: Naja, so näselnd halt. Spiel doch mal was. (Bratschist spielt das Thema der Es-Dur-Sonate.) Das klingt wie meine alte Tante, wenn sie ihr Asthma hat. Ich glaube, ich muss die Bratsche mal untersuchen. (Hält sein Stethoskop an die Bratsche.) Also, ich kann nichts hören. Seid mal ganz still, Kinder. (Hält es nochmal ans Instrument.) Bratsche, bitte mal A sagen (Bratschist spielt ein langes A). Klingt gesund. Langsam aus- und einatmen bitte. (Bratschist zieht den Bogen vibratolos über die Saite, erst Abstrich, dann Aufstrich.) Nichts, Kinder, ich kann nichts finden. Die Bratsche ist gesund, klingt halt so merkwürdig.
Bratschist: Finde ich nicht. Hören Sie doch mal dieses schöne Thema von Brahms. (spielt den Anfang der Es-Dur-Sonate zusammen mit dem Cellisten.)
Billroth: Also das Cello klingt viel tiefer und voller, kern gesund, findet Ihr nicht? Wie ein Opa, dem es ganz gut geht. Also wir haben hier Tante Bratsche und Opa Cello. Was soll man für die Beiden schon komponieren? Das hat sich Brahms auch gedacht und lieber für ein ganzes Orchester geschrieben. Nur leider: Ein Orchester passt hier nicht ins Zimmer hinein. Und Zeit hatten nur meine beiden Freunde hier: der Alex am Cello (steht auf, Applaus) und der NN an der Bratsche (steht auf, verneigt sich). Wir haben uns gedacht: Lassen wir doch einfach alle anderen Instrumente vom Orchester weg und schauen mal, was passiert. Also hört mal, Kinder: Dieses Stück ist eigentlich für Orchester:
(Musiker spielen das Scherzo aus der 3. Sinfonie.)
Billroth: Klingt sooo schön! Aber so traurig. Ist Brahms immer so traurig?
Cellist: Nicht wirklich. Hört das mal an. (Musiker spielen den Anfang vom Rondo alla Zingarese aus Opus 25.)
Billroth: Das klingt wie ungarische Musik. Ein ungarischer Tanz. Wollen wir mal versuchen, dazu zu tanzen, Kinder? (Mitmachelement Tanz.)
Toll, wie flott der Brahms das komponiert hat, dabei kann er gar nicht tanzen. Er ist nämlich viel zu dick. Jede Woche sage ich ihm: „Abnehmen, Johannes, abnehmen!“ Herr Brahms heißt nämlich „Johannes“ mit Vornamen. „Diät! Du musst abnehmen,“ sage ich ihm. „Kein Gulasch mehr, keine Marmelade, kein Bier, keinen Wein!“ Da macht er sooooo ein Gesicht und ist noch mürrischer. Also Kinder, das ist der Herr Brahms, sooooo dick ist er. (Hält das Poster mit Brahms und dem roten Igel hoch.)
Cellist: Ganz schön dick, aber wer ist der rote Igel da?
Billroth: Gute Frage, das weiß ich auch nicht. Das Bild ist so in der Zeitung erschienen, und seitdem sucht man überall nach dem roten Igel. Habt Ihr schon mal einen roten Igel gesehen, Kinder? (Nein!!) Ich auch nicht, das ist eben das Problem. Die Polizei hat den roten Igel gesucht, der Tierschutzverein, der Zoo – alle wollten den Igel haben. Aber Brahms sagt nur: „Mein roter Igel und ich.“ Mehr sagt er nicht. Er redet ja eh nicht viel, der Herr Brahms. Und dann sagt er noch: „Mürzzuschlag!“
Cellist: Und was soll das jetzt bedeuten?
Billroth: Naja, Mürzzuschlag am Semmering, das ist so ein Kaff irgendwo in den Alpen, in Österreich. Da hat Brahms seine Vierte Symphonie geschrieben. Wieso fährt einer in die Alpen, um eine Sinfonie zu schreiben? Sehr seltsam. Habt ihr schon mal versucht, auf einen Berg zu klettern? Ganz oben am Gipfel ist nicht viel Platz. Da ist also der Brahms raufgeklettert, hat sein Marmeladenbrötchen gegessen und sein Notenpapier ausgepackt. Ungefähr so. (zieht den Arztkittel aus, einen Tirolerhut auf den Kopf, tut so, als würde er klettern, reibt sich die Stirn, setzt sich hin, beißt ins Brötchen, holt das Notenpapier heraus.) Na, und jetzt? Jetzt wartet der Brahms auf einen Einfall. Wisst ihr, wie laaaaangweilig das ist: auf einen Einfall warten? Habt Ihr auch schon mal Hausaufgaben machen müssen, und Euch ist einfach gar nichts eingefallen? Aber Brahms hatte Glück. Plötzlich hörte er etwas aus der Ferne … Seid mal ganz leise, hört mal genau hin.
(Cellist spielt sehr leise das Alphornthema aus der 1. Sinfonie)
Erst war es ganz leise, dann immer lauter. (Thema nun lauter.) Das war ein Alphorn. So ein riesiges Horn, das spielen die Alpenbauern, statt Telefon, um sich Nachrichten zuzusenden. Brahms war ganz begeistert und hat das Thema aufgeschrieben. Plötzlich kam noch was hinterher, ein wunderschönes Alpenlied. (Bratschist und Cellist spielen das Finalthema der Ersten.) Und kaum hatte Brahms die beiden Themen gehört, schon war sein Finale im Kopf fertig. Nun musste er aber den Berg wieder runterklettern. Das dauerte ganz schön lange, und er durfte die Musik nicht wieder vergessen, also hat er sie beim Klettern die ganze Zeit vor sich hingesummt. Summt ihr mal mit, Kinder? Unsere Musiker spielen jetzt, und Ihr summt mit.
(Musiker spielen noch etwas „Klettermusik“ aus der Ersten.)
Und wer glaubt Ihr, hat unten gewartet am Berg, als der Brahms wieder runterkam? Die Kinder von Mürzzuschlag. Die waren nämlich schlau. Die wussten, dass der Brahms Kinder liebt und ihnen immer Bonbons austeilt. Aber er hatte keine dabei. So ein Pech. Brahms rast in seine Wohnung, die Kinder hinterher, ein großer Aufstand.
Cellist: Und der rote Igel?
Billroth: Ja, da ist sehr seltsam. Ich habe nämlich nachgeforscht, in Mürzzuschlag. Da hat mir die Hauswirtin vom Brahms die Geschichte erzählt: Also, als er nachhause kommt und alles aufgeschrieben hat, das Alphorn und das schöne Alpenlied, da hört der Brahms plötzlich eine Stimme, eine hohe laute Stimme: „Erste Sinfonie, nicht Vierte.“ Brahms dreht sich um, und wer sitzt da? Der rote Igel. Einfach so, und er spricht mit ihm: „Das gehört in die Erste Sinfonie, nicht in die Vierte.“ Der Brahms ist erst erschrocken, aber dann hat er nachgedacht und gefunden, dass der Igel recht hat. Also, ab mit der Musik in die Erste Sinfonie. Und für die Vierte wieder auf den Berg! Doch der Igel sagt: „Nicht auf den Berg, an den Bach!“ Brahms denkt: Er muss es ja wissen, geht am nächsten Tag nicht mehr auf den Berg, sondern zum Bach, und da fällt ihm ein wunderschönes Thema für Cello ein. Brahms geht zurück ins Zimmer, fängt an zu komponieren, da steht wieder der Igel da und sagt: „Drittes Klavierquartett, nicht Vierte Sinfonie.“ Brahms schaut ganz verdutzt, aber denkt: Ja, passt viel besser ins Quartett. Heute steht dieses wunderschöne Cellothema im 3. Klavierquartett:
(Musiker spielen das Cellothema aus dem 3. Klavierquartett.)
Und so geht es tagaus, tagein. Brahms hat einen Einfall, der Igel sagt ihm, wo er hinkommt.
Cellist: Dann ist ja der Igel der wichtigste Berater von Brahms.
Billroth: Sozusagen.
Cellist: Und wie hat sich der Brahms bei ihm bedankt?
Billroth: Er hat ihm ein Schlaflied geschrieben. Ein Schlaflied für den roten Igel. Das kennen Eure Eltern sicher, wenigstens die Großeltern. „Guten Abend, gut Nacht, mit Rosen bedacht“. (Musiker spielen das Wiegenlied.) Das singen wir jetzt mal alle zusammen. Nehmt mal das Notenblatt vor und lest die unteren Zeilen. (Alle singen, Musiker begleiten.) Und das hat der Brahms für seinen Igel geschrieben.
Cellist: Wirklich? Ich kenne die Geschichte anders!
Billroth: Naja, die Hauswirtin vom Brahms hat mir das alles so erzählt. Und dann ist der Igel auf einmal verschwunden, und der Brahms ist ganz traurig gewesen. Da hat er sich müde durch Mürzzuschlag geschleppt, und ihm ist nur doch supertraurige Musik eingefallen.
(Musiker spielen das Thema aus dem d-Moll-Adagio des 1. Streichsextetts.)
Billroth: Wie traurig.
Cellist: Und der Igel ist nicht wieder aufgetaucht?
Billroth: Doch, im nächsten Jahr. Da hat der Brahms beschlossen, nicht mehr nach Österreich in die Ferien zu fahren, sondern in die Schweiz, an den Thuner See. Und da stand der Igel plötzlich wieder da. Sehr seltsam. Und auf einmal sind dem Brahms wieder wunderschöne Melodien eingefallen.
(Musiker spielen „Wie Melodien zieht es”, op. 105 Nr. 1)
Aber nun ist der Igel seit letztem Sommer verschwunden, und der Brahms ist ganz traurig. Deshalb ist er auch immer so mürrisch in letzter Zeit, kaum zum aushalten. Wenn wir ihn nur wiederfinden könnten, den Igel, dann wäre Brahms wieder fröhlich. Helft mal mit, Kinder! Wir wünschen uns jetzt ganz toll, den Igel zu finden. Vielleicht haben wir ja Glück. Ruft mal alle „Iiiiiiiigel!“ (Kinder rufen) Lauter! (Kinder rufen lauter! Plötzlich zieht der Bratschist den Igel aus der vorbereiteten Tasche.)
Da ist er ja, der Igel. Dass muss ich gleich dem Brahms sagen, ich nehme den Igel sofort mit. Bin gleich wieder da. Der wird Augen machen! Wird der sich freuen! Spielt mal was für die Kinder, ich bin gleich wieder da. (Verschwindet mit dem Igel. Die Musiker spielen den Anfang des 1. Streichsextetts.)
Billroth: (kommt zurück mit einem Beutel voller Süßigkeiten.) Der Brahms hat sich so gefreut, seinen Igel wiederzusehen, dass er mir Bonbons für Euch alle mitgegeben hat. Also nehmt euch eines mit, Kinder, und kommt gut nachhause. Und wenn ihr einen roten Igel seht, sagt dem Herrn Brahms Bescheid!