: Villa Musica Adventskalender: Heiligabend in Monaco

Schlägt man auf der Website des Fürstenpalastes von Monaco nach (www.palais.mc/fr), so ist zwar über die musischen Hobbies von Fürstin Charlène einiges zu erfahren: Sie liest gerne Literatur aus ihrer afrikanischen Heimat und fördert zeitgenössische Kunst. Doch Fürst Albert schlägt ausschließlich mit Sport zu Buche. Was die Eltern ihren Zwillingen Jacques Honoré Rainier und Gabriella zwei Wochen vor Heiligabend zum vierten Geburtstag geschenkt haben, ist nicht vermerkt, musikalische Gaben dürften aber kaum darunter gewesen sein: Die Musik spielt im Selbstverständnis des Hauses Grimaldi derzeit keine Rolle. Vor genau 300 Jahren war dies völlig anders: Fürst Antoine I. Grimaldi nahm in Monaco voller Freuden einen Band mit Streicherkonzerten entgegen, den ihm sein Hofkapellmeister Francesco Manfredini widmete. Rechtzeitig zu Weihnachten 1718 brachte der Geiger und Komponist aus Pistoia bei Florenz sein Opus 3 mit zwölf Concerti für Streicher heraus. Es schließt mit einer „Pastorale per il Santissimo Natale“, einem Hirtenkonzert für die Heilige Nacht – heute ein Klassiker unter den „Weihnachtskonzerten“ des italienischen Barock, damals aber eine der ersten Nachahmungen von Corellis berühmtem „Concerto per la notte di Natale“. Auch Manfredinis Lehrer in Bologna, Giuseppe Torelli, hatte ein Weihnachtskonzert verfasst. 1718 verpflanzte Manfredini diese Tradition aus Rom und Bologna nach Monaco.

Fürst Antoine und der Jetset seiner Zeit

Antoine I. von Monaco gehörte nicht weniger zum „Jetset“ seiner Epoche als sein Nachfolger Albert II. oder dessen verstorbener Vater Rainier. In Paris frönte Fürst Antoine seiner Vorliebe für Ballett-Tänzerinnen und zeugte mit ihnen zwei uneheliche Kinder, deren erstes später als Vormund seines Neffen zum eigentlichen Herrscher von Monaco aufsteigen sollte: „le Chevalier de Grimaldi“. Nicht nur seiner amourösen Erfolge wegen hatte Ludwig XIV. Fürst Antoine ins Herz geschlossen. Als „Monsieur de Monaco“ spielte er eine nicht unbedeutende Rolle in Versailles. Im Januar 1706 tanzte der 44-jährige Fürst auf Befehl des Königs beim Ball der Senioren in Marly, einem von den jüngeren Höflingen mit viel Amüsement beobachteten Tanz „einiger Fürsten, die über das Alter eigentlich schon weit hinaus waren“, wie Saint-Simon süffisant vermerkte. Danach musste „Monsieur de Monaco“ den französischen Hof verlassen und in den Krieg ziehen: Im Spanischen Erbfolgekrieg hatte das benachbarte Savoyen plötzlich die Seiten gewechselt und drängte nun als Verbündeter des Kaisers und der Engländer gen Westen. Mit den letzten Staatsmitteln verwandelte Fürst Antoine sein kleines Fürstentum in eine einzige Festung – gegen die englische Flotte auf der Seeseite und gegen die Savoyarden zu Lande. Seine Verteidigung war so effizient, dass sie bis Kriegsende Stand hielt – als Speerspitze des Sonnenkönigs an der „Côte d’Azur“. Nur ungern hatte Ludwig XIV. seinen Freund Richtung Süden ziehen lassen: „Adieu, Monsieur de Monaco, rechnen Sie auf meine Wertschätzung, meine Freundschaft und mein Vertrauen“ soll er ihm beim Abschied von Versailles gesagt haben – Worte, denen Louis Taten folgen ließ. Denn bei den Friedensverhandlungen am Ende des Krieges hielt er seine Hand schützend über das kleine Fürstentum, das sich die Italienischen Nachbarn aus dem Haus Savoyen nur zu gerne einverleibt hätten.

Manfredini in Monaco

Obwohl die Italiener seine Feinde waren, konnte sich Fürst Antoine dem Zauber der italienischen Musik nicht entziehen, seit er 1711 Venedig bereist hatte. In seinen Pariser Jugendjahren trat er als Förderer der französischen Oper und des großen Couperin auf. Nun engagierte er in Venedig den Geiger und Komponisten Francesco Manfredini für seinen Hof. Der Musikersohn war 1684 im toskanischen Pistoia geboren und in Bologna ausgebildet worden – von Torelli zum Geiger und von Perti zum profunden Komponisten. Als Streicher in der berühmten Kapelle von San Petronio hatte er die Bologneser Tradition des Concerto grosso studiert, die er nun nach Monaco mitbrachte, an einen Hof, der bis dahin durch und durch französisch geprägt war.

Endlich Frieden

Das Jahr 1713 bescherte den Monegassen den Frieden und der Familie Grimaldi eine vorerst sichere Zukunft auf ihrem Fürstenthron. Tatsächlich konnten sie sich im zweitkleinsten Staat der Erde bis heute halten – trotz der französischen Revolution, trotz der Begehrlichkeiten späterer französischer Regierungen und trotz der vielen Skandale, die dem Fürstenhaus nicht nur nachgesagt wurden. Ihren Erfolg verdankten die Grimaldis nicht zuletzt dem Casino, das ihnen die nötigen Mittel in die Staatskasse spülte. Als Manfredini anno 1718 in der Kathedrale sein Weihnachtskonzert leitete, gab es noch kein Casino und noch keinen „großen Preis von Montecarlo“. Das Leben war einfacher und härter, nach den entbehrungsreichen Kriegsjahren. Umso willkommener waren die Töne von Mandredinis Streichorchester: Friedlicher und idyllischer könnte man die Heilige Nacht auf Streichinstrumenten nicht einläuten.

Hirtenklänge für Streicher

Über lang ausgehaltenen Basstönen stimmen die Geigen zu Beginn ein Weihnachtslied an – ein italienisches, kein französisches. Unverkennbar griff Manfredini hier auf die gleiche Tradition der Hirtenmusikanten im Kirchenstaat zurück, die auch sein Lehrer Torelli und der große Corelli zitiert hatten. Alljährlich im Advent suchten die „Zampognari“ aus den Abruzzen die Ewige Stadt Rom heim, so wie die Hirten vom Apennin die Stadt Bologna – stets zu zweit, auf Dudelsack (Zampogna) und Schalmei (Piffa) musizierend, stets vor Madonnenbildnissen und stets laut und fröhlich, als echte Freiluftmusik. Fürst Antoine kannte diese Klänge aus seiner Kindheit: Sein Vater hatte als französischer Botschafter beim Heiligen Stuhl gewirkt und besaß in Rom noch ein möbliertes Appartement. Um die rustikalen Klänge der „Zampognari“ für die erlauchten Ohren fürstlicher Herrschaften erträglich zu machen, hüllten sie geigende Komponisten wie Manfredini oder Corelli in den edlen Klang des Streichorchesters. In seiner „Pastorale per il Santissimo Natale“ ließ Manfredini auf die Dudelsack-Klänge des ersten Satzes ein feierliches Largo in Moll folgen, schließlich ein heiteres Finale in bäuerlichen Tanzrhythmen. Es klingt mit den nämlichen Bordunklängen aus, die das Konzert eröffnet hatten. Beschwingt durften die Monegassen nach der Christmette den Heimweg antreten, beflügelt von den Hirtenklängen ihres Kapellmeisters.

Zum Hören

Manfredinis „Pastorale per il Santissimo Natale“ aus dem Concertgebouw Amsterdam mit dem niederländischen Barockorchester „Musica Amphion“ unter Pieter-Jan Belder:
Manfredini Pastorale