: Villa Musica Adventskalender: Schuberts Wiener Weihnacht 1820

Wie Franz Schubert Weihnachten feierte, ist für die meisten Jahre seines Lebens nicht überliefert. Die Rituale glichen sich jedoch, ob im Jahre 1816, 1820 oder 1825: Freunde luden ihn zu geselligen Abenden ein, man trank Punsch und musizierte. Auch dem Vater und den Brüdern in Lichtenthal stattete er seinen Besuch ab. In der Vorstadt brauchte man sein exzellentes Geigenspiel dringend für die Weihnachtsmessen. Häufig genug wird dabei eine seiner frühen Messen erklungen sein. All dies absolvierte Schubert mit dem üblichen lakonischen Gleichmut. Wie es in seinem Inneren tatsächlich aussah, offenbarte nur seine Musik – gerade jene Stücke, die er vor und an Weihnachten komponierte.

23. Psalm

Im Dezember 1820 schrieb er vier völlig unterschiedliche Werke: das Lied „Im Walde“ nach Friedrich von Schlegel und den so genannten Quartettsatz c-Moll, Goethes „Gesang der Geister über den Wassern“ für Männerchor und tiefe Streicher und den 23. Psalm für Frauenchor mit Klavierbegleitung. Nur das vierte dieser Stücke, der 23. Psalm D 706, war ein Auftragswerk: Anna Frölich, die bekannte Sängerin und Pianistin, bat Schubert um einen Frauenchorsatz als Prüfungsstück für ihre Gesangsklasse am Wiener Konservatorium. Ihre Schülerinnen sollten nicht nur als Solistinnen bestehen, sie sollten auch lernen, im Chor aufeinander zu hören und Schubertsche Harmonien treffsicher zu bewältigen. Dass der Komponist dafür den 23. Psalm auswählte, „Der Herr ist mein Hirt, mir wird nichts mangeln“, offenbart die für ihn so typische Annäherung an das Göttliche über Dichtung und Musik. Während ihm die Predigten der katholischen Pfarrer zu Wien und anderswo ein Greul waren, während er manchem Glaubensartikel im Credo distanziert gegenüberstand, hat Schubert die Suche nach dem Allerhöchsten in seiner Musik nie aufgegeben. Für ihn offenbarte sich Gott zuerst im Wehen des schöpferischen Geistes.

Im Walde

Windes Rauschen, Gottes Flügel
Tief in kühler Waldesnacht,
Wie der Held in Rosses Bügel
Schwingt sich des Gedankens Macht.

Mit diesen Worten beginnt das Schlegel-Lied „Im Walde“, D 708: zerrissene Phrasen der Singstimme, eingetaucht in einen stürmisch wogenden Klaviersatz, der ständig moduliert, ständig nach oben drängt und ständig die Fesseln der Konvention sprengt. Das Lied gipfelt in der Versen: „Schöpferischer Lüfte Wehen / Fühlt man durch die Seele gehen.“ Kaum begriffen seine Freunde, was sich da vor ihren Ohren ereignete, als dieses Lied an Weihnachten 1820 in geselliger Runde zum ersten Mal erklang. Am 1. Dezember 1820 war Schuberts „Erlkönig“ in Wien zum ersten Mal öffentlich aufgeführt worden, am 8. Dezember hatte die Wiener „Mode-Zeitung“ neben den üblichen Beilagen mit den neuesten Kleiderkreationen aus Paris auch sein Lied „Die Forelle“ als Weihnachtsbeilage gedruckt. Das war der Schubert, wie ihn die Wiener liebten. Seinen brodelnden Klangvisionen nach Schlegel standen sie vorerst verständnislos gegenüber.

Gesang der Geister über den Wassern

Vom Widerspiel zwischen Wasser und Wind handelt Goethes „Gesang der Geister über den Wassern“, eines der großen metaphorischen Gedichte des Weimarer Klassikers:

O Seele des Menschen, wie gleichst du dem Wasser,
O Schicksal des Menschen, wie gleichst du dem Wind.

Wenige Tage vor Weihnachten 1820 skizzierte Schubert dieses gewaltige Gedicht in ebenso gewaltigen Tönen für achtstimmigen Männerchor und tiefe Streicher D 714 – nicht die erste Vertonung, die er von Goethes Gedicht anfertigte, aber die großartigste, vollendet erst im Februar 1821. Bratschen, Celli und Kontrabässe gehen mit einem geheimnisvollen Klanggrund im fatalistisch trottenden „Wanderrhythmus“ Schuberts voran. Darüber setzen Tenöre und Bässe so schemenhaft ein wie Geisterstimmen, die aus der Ferne ihren Gesang über das Wasser senden. Die Klippen, an denen sich die Wasserwogen brechen, sind so gefährlich wie die Abgründe der Schubertschen Harmonien.

Quartettsatz

„Für seinen Vater und die älteren Brüder war es ein vorzüglicher Genuss, mit ihm Quartetten zu spielen. Bei diesen spielte Franz immer Viola, sein Bruder Ignaz die zweite, Ferdinand die erste Violine, und der Papa Violoncello“. So berichteten Schuberts Freunde über das Familienquartett in Lichtenthal. Die Aussicht darauf, an Weihnachten mit Vater und Brüdern wieder einmal ungestört Streichquartett spielen zu können, hat Schubert wohl dazu animiert, nicht mit leeren Händen zu kommen: Im Advent 1820 begann er mit der Komposition eines neuen Streichquartetts. Schon elf Quartette aus seinen früheren Jahren lagen bei seiner Familie im Notenschrank, doch wollte er von diesen Jugendwerken anno 1820 nichts mehr wissen: Auch im Quartett wollte er neue Bahnen einschlagen. Der Quartettsatz c-Moll ist dafür das erschütternde Dokument – auch ein Dokument des Scheiterns. Denn hier stürmt und drängt alles so unerhört und so rücksichtlos, dass Schubert im Andante keine rechte Fortsetzung finden konnte und es nach 41 Takten abbrach. Den Faden dieses visionären Fragments hat er erst ab 1824 wieder aufgegriffen, in seinen drei großen Streichquartetten in a, d und G. Vorerst blieb dieser neue Stil einer wild drängenden Streicherklangwelt nur eine Vision: ein Tremolosturm als Einstieg, ein um sich selbst kreisendes Hauptthema, das die absteigende Linie des Tremolos fortspinnt, eine lyrische Geigenmelodie als Seitenthema, unter der es weiter brodelt, bis das Tremolo wieder ausbricht – das sind die bizarren Bausteine eines Satzes, der sich so wild drängend in neue schöpferische Höhen aufschwingt wie Schuberts Schlegel-Lied D 708. Ob wenigstens seine Brüder das unerhört Neue solcher Klänge verstanden?

Zum Hören

Schuberts Vertonung des 23. Psalms für Frauenchor, hier gesungen von den Frauenstimmen des SWR Vokalensembles zu einer orchestrierten Fassung der Klavierbegleitung von Hans Zender:
23. Psalm

Goethes „Gesang der Geister über den Wassern“ in Schuberts Vertonung für achtstimmigen Männerchor und tiefe Streicher, gesungen vom Arnold Schoenberg Chor Wien unter der Leitung von Nikolaus Harnoncourt:
Gesang der Geister

Das Schlegellied „Im Walde“, in der klassischen Aufnahme mit Dietrich Fischer-Dieskau und Gerald Moore:
Im Walde

Schuberts Quartettsatz c-Moll mit dem Brandis Quartett:
Quartettsatz