Hintergrund: Adventskalender 2017 – Telemanns Pariser Advent

Telemann 1737
Im Dezember 1737, als der Advent noch kein Shopping-Event, sondern eine vorweihnachtliche Bußzeit war und Paris noch nicht in einem Meer von Lichterketten erstrahlte, bereitete sich ein deutscher Komponist in Frankreichs Hauptstadt auf das Weihnachtsfest vor. Georg Philipp Telemann, Musikdirektor der Stadt Hamburg und geborener Magdeburger, hatte Ende September 1737 „seine lange schon zuvor entworfene Reise nach Paris“ angetreten, wie sein Stellvertreter Johann Adolf Scheibe berichtete. Dem jungen Kollegen überließ Telemann ausnahmsweise die Hamburger Kirchenmusik zum Weihnachtsfest, denn er blieb bis Mai 1738 in Paris, wo „die Ohren des Hofes und der Stadt“ bald „ungewöhnlich aufmerksam wurden“ auf den Gast aus Deutschland. Seine „Pariser Quartette“ erwarben ihm „in kurzer Zeit eine fast allgemeine Ehre, welche mit gehäufter Höflichkeit begleitet war“ – so berichtete der Meister drei Jahre später in seiner Autobiographie. Es war einer der ersten Fälle öffentlicher Anerkennung, die ein Komponist durch ausgesprochene „Kammermusik“ erwerben konnte.

Advent in Paris
Aus mehreren Gründen dürfte sich Telemann in Paris wie zuhause gefühlt haben. Zum einen war er als Lutheraner in der katholischen Diaspora keineswegs allein auf weiter Flur: Sein Gastgeber, der Cembalobauer Anton Vater aus Hannover, wohnte in dem von Lutheranern bevorzugten Viertel rund um den „Temple“ (das heute nicht mehr vorhandene Palais des Großmeisters des Templerordens). Von dort war es nicht weit ins Palais des schwedischen Botschafters, wo jeden Sonn- und Feiertag lutherischer Gottesdienst in deutscher Sprache gefeiert wurde. Um sein Seelenheil musste der fromme Lutheraner also nicht bangen. Freilich hatte Telemann auch keinerlei Berührungsängste mit dem katholischen Ritus, gab es doch in den Pariser Kirchen viel zu viele erstklassige Organisten zu hören, als dass man sie sich hätte entgehen lassen dürfen – zumal sie über die Festtage die obligatorischen „Noëls“ spielten, sehr freie und sehr barocke Bearbeitungen der gängigen französischen Weihnachtslieder.

Oper und Konzert
Auch fern von Notre-Dame und Saint-Eustache tauchte Telemann tief ins Musikleben der Weltstadt ein. Die Académie Royale de Musique, das damalige Pariser Opernhaus im Palais Royal, bot fast täglich Aufführungen an – von den Klassikern eines Lully oder Campra, die Telemann als junger Komponist vergöttert hatte, bis hin zu den brandaktuellen Stücken des Jean-Philippe Rameau. Die Premiere von Rameaus Castor et Pollux Ende Oktober 1737 hat Telemann sicher miterlebt, denn später wusste er von den Sängerinnen der Pariser Oper unter anderem zu berichten, dass sie sogar Vierteltöne als Ausdrucksmittel nicht verschmähten. In den Tuillerien besuchte er das Concert spirituel, die wichtigste Konzertreihe der Stadt, wo er alsbald auf jene Virtuosen traf, für die er seine „Pariser Quartette“ schreiben sollte: auf den Flötisten Michel Blavet und den Geiger Jean-Pierre Guignon, auf den Gambisten Jean-Baptiste Forqueray und den Cellisten Edouard. Die Salons der großen Adelspaläste schließlich boten Musik im intimsten Rahmen. Dort saßen die Reichen und Mächtigen, die es sich leisten konnten, den Erstdruck von Telemanns „Pariser Quartetten“ vorzubestellen. Die Beziehungen zu diesen standesbewussten Gönnern wollten mit Vorsicht und Ausdauer gepflegt sein – eine Kunst, auf die sich der humorvolle Telemann sicher besser verstand als 40 Jahre später der junge, ungeduldige Mozart. Wobei sich Telemann eines überaus eleganten Französisch zu bedienen wusste, war er doch ein wahrer Meister in den „lebendigen Sprachen“. Sein Hamburger Kollege Johann Mattheson versicherte, dass „er Schon längst vor seiner Pariser Reise, und ohne Deutschlands Grenzen weit zu überschreiten, nicht nur für einen Meister im Französischen, und Italiänischen, sondern auch so gar einigermaßen im Engländischen hat gehalten werden können.“

Pariser Quartette
Jene Werke, die Telemann 1737 die Türen der Pariser Salons öffneten, nennt man heute die „Pariser Quartette“. Etwas ungenau wird dieser Name auf insgesamt 12 Quartette des Komponisten angewendet, von denen aber nur die letzten sechs 1737 in Paris entstanden. Dabei handelt es sich um die Nouveaux Quatuors en Six Suites, zu deutsch: „Neue Quartette in sechs Suiten“ für Traversflöte, Violine, Gambe (oder Cello) und Cembalo. Als „neu“ mussten diese Stücke nur deshalb bezeichnet werden, weil kurz zuvor schon einmal sechs Quartette von Telemann in jener Besetzung in Paris erschienen waren. Die findigen Pariser Verleger hatten nämlich herausgefunden, dass der Meister in Hamburg 1730 sechs Quadros veröffentlicht hatte, die sich gut für den französischen Markt eigneten und dort auch prompt zum Erfolg wurden. Dies verleitete Musikwissenschaftler dazu, auch diese erste Serie als „Pariser Quartette“ zu bezeichnen, obwohl es sich eindeutig um „Hamburger Quadros“ handelt. („Quadro“ war zu Telemanns Zeit in Deutschland der gängige Begriff für ein Quartett analog zu Solo, Duo und Trio.) Der stilistische Unterschied zwischen den beiden Serien ist beträchtlich: In den „Neuen Quartetten“ herrscht durchweg der französische Geschmack, und zwar in jener raffinierten Ausprägung, wie sie Telemann 1737 in Paris kennen lernte – sozusagen musikalisches „Louis-Quinze“. Folglich besteht die Sammlung auch aus sechs Suiten, also französischen Folgen von Tanzsätzen, deren jede von einem gewichtigen Einleitungssatz eröffnet wird. Die Hamburger Quadros dagegen sind aus Paaren von Sonaten, Concerti und Suiten zusammengesetzt, zudem im „vermischten deutschen Geschmack“ geschrieben, d.h. sie orientieren sich wesentlich mehr am italienischen Stil und der deutschen „Gründlichkeit“ von Fuge und Kontrapunkt, als dies Telemann in seinen eigentlichen Pariser Quartetten gewagt hätte. Der französische Geschmack des beginnenden Rokoko war elegant, delikat und auf „galante Konversation“ unter den Instrumenten abgestellt. Dieses Ideal wusste Telemann in seinen Nouveaux Quatuors vollendet umzusetzen und konnte dabei auf die Kunst seiner Interpreten zählen: „Die bewunderungswürdige Art, mit welcher die Quatuors von den Herren Blavet, Traversisten; Guignon, Violinisten; Forcray dem Sohn, Gambisten: und Edouard, Violoncellisten, gespielet wurden, verdiente, wenn Worte zulänglich wären, hier eine Beschreibung.“ So schwärmte Telemann noch Jahre später von diesen denkwürdigen Aufführungen.

Hörtipp
Die Chaconne aus dem sechsten und letzten der Nouveau Quattros, die Telemann in Paris geschrieben hat, mit dem französischen Cembalisten Jean Rondeau und seinem Ensemble Nevermind:
Telemann

Karl Böhmer, 2017