Hintergrund: Adventskalender 2017 - Bach in der Himmelsburg

Am 2. Dezember 1714, dem ersten Advent, schritt Johann Sebastian Bach wie jeden Sonntag die Stufen zum Gewölbe der Weimarer Schlosskapelle hinauf. Ihren Namen „Himmelsburg“ trug die dreigeschossige Emporenkirche nicht zufällig: Über der gewaltigen Pyramide, die sich über dem Altar erhob, öffnete sich sonntags das Gewölbe der Decke, das ansonsten verschlossen war. Unter einem Himmelsfresko tat sich eine weitere Empore auf, die auf drei Seiten für die Musiker der Hofkapelle bestimmt war, auf der Altarseite aber von der Orgel eingenommen wurde. In dieser luftigen Höhe versah der Weimarer Hoforganist Bach seinen Dienst, und zwar bereits seit 1708. Den gestrengen Herzog Wilhelm Ernst und dessen weitaus weltlicher gesinnten Neffen und Mitregenten Ernst August beeindruckte Bach abwechselnd mit Präludien und Fugen für Orgel, mit anrührenden Choralbearbeitungen und unvorstellbar virtuosen Übertragungen Vivaldischer Violinkonzerte auf die Orgel.

Schon mehrfach hatte er Luthers Choral „Nun komm der Heiden Heiland“ für die Orgel der Himmelsburg bearbeitet – jeweils zum ersten Advent. Anno 1714 aber war alles anders: Bach saß nicht an der Orgel, sondern hatte seine Jacobus-Stainer-Violine unter dem Arm, als er die viele Stufen zum Himmelsgewölbe hinaufeilte. In seiner neuen Funktion als Konzertmeister leitete er die kleine Hofkapelle vom ersten Geigenpult aus. Neu war auch, dass die Kantate nun von ihm selbst stammte. Seit Palmsonntag 1714 schrieb er alle vier Wochen ein neues „Concerto“ für die „Himmelsburg“ – so nannte Bach selbst seine Kantaten: „geistliches Konzert“. Für den ersten Advent hatte er sich als Grundlage seines neuen „Concerto“ Luthers Choral herausgesucht, den er so sehr liebte:

Nun komm der Heiden Heiland,
Der Jungfrauen Kind erkannt,
Des sich wundert alle Welt;
Gott solch Geburt ihm bestellt.

Diese erste Strophe des Chorals vertonte Bach als französische Ouvertüre, um den Beginn des Kirchenjahres am ersten Advent gebührend hervorzuheben. Herzog Ernst August, der im „Roten Schloss“ zu Weimar besonders die weltliche Musik pflegte, dürfte seinen Ohren kaum getraut haben: eine „Ouverture“ im französischen Stil mitten im Gottesdienst? Erst als die vier Singstimmen nacheinander mit der ersten Choralzeile einsetzten, wurde den Zuhörern klar, dass sich der neue Konzertmeister Bach hier nicht in den Noten oder im Stil vergriffen hatte, sondern eine „Predigt in Tönen“ von tiefer Symbolik verfasst hatte: „Der Heiden Heiland“, also Jesus Christus, zieht zu den pompösen punktierten Rhythmen einer Ouverture in die „Himmelsburg“ ein – wie ein weltlicher Herrscher in sein Schloss. Zugleich eröffnet diese Ouverture das neue Kirchenjahr mit den angemessen feierlichen Tönen. Mehr noch: Den in der Ouverture üblichen Wechsel zu einem schnellen Mittelteil im Dreiertakt nutzte Bach für die dritte Choralzeile: „Des sich wundert alle Welt.“ Die Wiederkehr der punktierten Rhythmen im feierlichen Tempo begleitet dann passend die vierte und letzte Choralzeile: „Gott solch Geburt ihm bestellt“.

Noch an einer anderen Stelle dieser wunderbaren Weimarer Adventsmusik hat Bach die räumliche Situation der „Himmelsburg“ in bildliche Töne umgesetzt: Das Jesuswort „Siehe, siehe, ich stehe vor der Türe, und klopfe an“ hat Bach von den Streichern im Pizzicato begleiten lassen, also mit „klopfenden“ gezupften Tönen. Diese erklangen in Weimar von der Höhe des Himmelsgewölbes herunter, Jesus, der Himmelsherrscher, klopfte hier also tatsächlich von oben an die „Pforte“ der Weimarer Schlosskapelle.

Hörtipp
Bachs Kantate BWV 61 in einer Konzertaufzeichnung unter Nikolaus Harnoncourt, dem vor zwei Jahren verstorbenen Pionier der historischen Aufführungspraxis und unablässigen Verfechter des originalen Klangbilds für Bachs Kantaten. Bach selbst führte dieses Werk mit nicht mehr als acht Sängern und vierzehn Orchestermusikern auf. Mehr fanden auf der Gewölbe-Empore der “Himmelsburg” keinen Sitzplatz.
BWV 61

Karl Böhmer, 2017