Hintergrund: Adventskalender 2017 - Bach in Köthen

Der Himmel lachet mit Vergnügen,
Und überschneyet uns mit Lust.

So sang am 10. Dezember 1720 die Schäferin Sylvia in einem „Schäfergespräch“ des Hallenser Dichters Christian Friedrich Hunold, genannt „Menantes“, vertont von Johann Sebastian Bach. Der Anlass war der wichtigste des Jahres im kleinen Fürstentum Anhalt-Köthen: der Geburtstag des Fürsten. Zwar war Leopold von Anhalt-Köthen am 29. November 1694 daselbst zur Welt gekommen, doch wurde dieses Datum noch nach dem „Alten Stil“ des Julianischen Kalenders gezählt. Als die protestantischen Reichsstände im Jahre 1700 endlich den „Neuen Stil“ des Gregorianischen Kalenders einführten, fielen auch sämtliche fürstliche Geburtstage plötzlich elf Tage später: Fürst Leopold nahm fortan am 10. Dezember die Glückwünsche seiner Untertanen entgegen, auch und vor allem von seiner kostbaren Hofkapelle unter Bachs Leitung. Die Glückwunschkantaten, die Bach zu dieser Gelegenheit dirigierte, hießen „Serenata“ und waren – wie ihre Vorbilder in Wien und Italien – halbszenische Kleinopern für allegorische Personen oder auch für Schäfer und Schäferinnen. Für ihre Aufführung stand die zum Theater umgebaute alte Orangerie zur Verfügung, an der „botanischen Insel“ des wundervollen Köthener „Gartenreichs“ gelegen, das Fürst Leopold wieder in den alten Glanz zurückversetzen ließ. Zu seinem Geburtstag 1720 freilich hatte er wenig genug davon: Dicker Schnee lag auf den Laubengängen und den Obstbäumen, die den Hof im Herbst mit 24 Sorten Birnen und 18 Sorten Äpfeln versorgten. Immerhin konnten einige der wertvollen Pomeranzen des Fürsten, die portugiesischen Pampelmusen und neapolitanischen Limetten, als Dekoration für die Serenata ins warme Theater gebracht werden. Dort also sinnierten die Schäferinnen Sylvia und Phillis über den Frühling mitten im Winter. Gesungen wurden sie von den beiden „Singejungfern“ Monjou, die Fürst Leopold im Sommer 1720 als neue Hofsängerinnen engagiert hatte:

Sylvia: Heut ist gewiß ein guter Tag:
Mir ist so wohl, ich weiß mich nicht zu lassen,
Ich kann mich kaum vor Freuden fassen,
Die ich nicht nennen mag.
Phillis: Auch meine Lust ist ungemein,
Der heut’ge Tag muß recht glückseelig seyn.
Sylvia: So bin ich nicht im frohen May gewesen,
Phillis: Und in der grünen Felder-Pracht,
Die alle Sinnen freudig macht,
Hab’ ich die Blumen nie gelesen
Mit so vollkommner Lust,
Die jetzt in meiner Brust;
Da doch der Schnee die Hütten deckt.
Sylvia: Wenn die Vergnügung drinnen steckt,
So muß sie unsre Hertzen rühren,
Es mag sonst schneyen oder frieren.

Der Grund für die Frühlingsfreude mitten im Winter war natürlich der Geburtstag des Fürsten, der hier unter seinem Schäfernamen „Daphnis“ gefeiert wird. Und so wie der Himmel anno 1720 die Köthener Lande mit Schnee bedeckte, so sollte mit jeder Schneeflocke auch das Wohlergehen des Daphnis, sprich: des Fürsten wachsen:

Der Himmel lachet mit Vergnügen,
Und überschneyet uns mit Lust.
So viel von oben Flocken Fallen,
So viel soll Daphnis Ruhm erschallen,
So vieles Wohl beglücke seine Brust.

Die Musik zu dieser schönen Arie wie zur gesamten Serenata BWV Anh. 7 ist zwar verloren, sie lässt sich aber in kleinen Teilen aus einzelnen Arien rekonstruieren, die Bach für Leipziger Kirchenkantaten wiederverwendet hat, in diesem Fall für die Ratswahlkantate von 1723 (BWV 119). Der dort etwas trocken belehrende Text („Die Obrigkeit ist Gottes Gabe“) kann die lachenden Staccati der beiden Blockflöten kaum rechtfertigen. Erst das „Überschneyen“ der weltlichen Vorlage und das Lachen vor Vergnügen erklärt die wunderbar zarte Musik dieser Arie. Zwei Blockflöten sind als Schäferinstrumente beteiligt. Andere Arien der selben Serenata boten Bach den Anlass zu kräftigeren Farben, etwa wenn die Schäferin Phillis singt:

Jagen ist ein groß Ergetzen
Und des Edlen Daphnis Lust.

Ob sich die Musik zu dieser Arie in BWV 175 erhalten hat, wo die Bass-Arie mit zwei Trompeten so viel mehr nach Sopran und zwei Hörnern klingt („Öffnet euch, ihr beiden Ohren“)? Die Spurensuche nach Resten von Bachs verlorenen Köthener Serenaden ist ein lohnendes Unterfangen, zeigt sie uns doch den “Fünften Evangelisten” von seiner weltlichen Seite, die ihm ebenso wichtig war wie sein Kirchenamt – gerade auch im dunklen Advent. Am reformierten Fürstenhof zu Köthen störte sich niemand an einem so prachtvollen Hoffest mitten im „Tempus clausum“ der Adventszeit, nicht einmal der angeblich so strenge Lutheraner Bach als „Hochfürstlich Cöthenischer Capell-Meister“. Noch in seiner Leipziger Zeit nutzte Bach das Aussetzen der wöchentlichen Kirchenkantaten im Advent, um gelegentlich Abstecher nach Köthen zu machen und seinem Fürsten wieder einmal mit einer „Serenata“ zum Geburtstag aufzuwarten.

Hörtipp
Leider sind nur zwei Bachsche Serenaden aus Köthener Tagen im Original erhalten: BWV 134a zu Neujahr 1719 und BWV 173a zum Fürstengeburtstag 1722. Hier eine Aufnahme unter Helmuth Rilling, die mit deutschen Sängerinnen und Sängern auch die Schönheiten der Texte angemessen zur Geltung bringt:
Köthen

Karl Böhmer, 2017