Hintergrund: Adventskalender 2017 - Walzerweihnacht in Wien

Brahms in der Singerstraße
„Ich wohne höchst gemütlich“, meldete Johannes Brahms seiner verehrten Freundin Clara Schumann in einem Brief aus Wien vom Oktober 1864. „3 ganz kleine Zimmer habe ich. Singerstr. Nr. 7, 7. Stiege, 4. Stock.“ Dort verbrachte der 31-jährige Junggeselle und Neuwiener die Weihnachtstage 1864 – nicht sein erstes Weihnachtsfest in Wien, aber das bislang gemütlichste, denn er war nicht mehr überhäuft mit Konzertverpflichtungen wie im ersten Wiener Winter 1862/63. Nur ein einziges Konzert dirigierte er bei der Singakademie, die er in der Saison zuvor noch geleitet hatte. Clara berichtete er von diesem Weihnachtskonzert in aufgeräumten Worten: „Ich soll ganz prächtig lustig gewesen sein, natürlich weil mir die Konzerte nicht mehr im Nacken sitzen und weil das Magnificat von Bach herrlich in Feuer bringt.“ In den Weihnachtstagen 1864 erklommen zahlreiche liebe Freunde jene Stiege bis zum vierten Stock in der Singerstraße, manche um zu plaudern, andere um Musik zu machen oder Geschäfte abzuschließen wie sein damaliger Verleger Rieter. Bei ihm veröffentlichte Brahms 1866 eine Serie von vierhändigen Klavierwalzern, die er an jenem gemütlichen Weihnachtsfest des Jahres 1864 begonnen hatte. Rasch war Brahms als genialer Walzerspieler in Wien bekannt geworden. Ausgerechnet er, der kühle Hanseate aus Hamburg, war stolz darauf, jede Wiener Gesellschaft, die schon im Aufbruch begriffen war, wieder zur „Party“ zurückzuholen, indem er begann, Walzer zu spielen. Genau aus dieser guten Laune heraus begann er 1864 seine Weihnachtswalzer.

Walzer zu vier Händen
„Der ernste, schweigsame Brahms, der echte Jünger Schumanns, norddeutsch, protestantisch und unweltlich wie dieser, schreibt Walzer? Ein Wort löst uns das Rätsel, es heißt: Wien. Die Kaiserstadt hat Beethoven zwar nicht zum Tanzen, aber doch zum Tänzeschreiben gebracht, Schumann zu einem ´Faschingsschwank´ verleitet, sie hätte vielleicht Bach selber in eine ländlerische Todsünde verstrickt.“ So launig kündigte der Wiener Kritikerpapst Eduard Hanslick im Jahre 1866 das neueste Werk seines Freundes Brahms an: die Walzer für Klavier zu vier Händen, Opus 39. Sie waren der erste reine Walzerzyklus des Hamburgers in Wien – vor den „Liebesliederwalzern“ und den „Neuen Liebesliedern“. Das Klavierduo war dafür das ideale Medium. Wie viele seiner Zeitgenossen war auch Brahms ein leidenschaftlicher Klavierspieler zu vier Händen, besonders, wenn er es mit einer feschen jungen Dame als Mitspielerin zu tun hatte. Diese Leidenschaft teilte er mit seinem Kritiker-Freund Eduard Hanslick, dem er seine neuen Walzer nicht zufällig widmete: „Soeben den Titel zu vierhändigen Walzern schreibend … kam mir ganz wie von selbst Dein Name mit hinein. Ich weiß nicht, ich dachte an Wien, an die schönen Mädchen, mit denen Du vierhändig spielst, an Dich selbst, den Liebhaber von derlei, den guten Freund, ich fühlte die Notwendigkeit, Dir es zuzuschreiben.“ So launig begründete Brahms die Widmung der Walzer.

Wahrlich von süßester Art
Hanslick revanchierte sich mit der bereits zitierten, begeisterten Rezension, wobei ihm eine treffende Charakterisierung des Opus gelang: „Auch die Walzer von Brahms sind eine Frucht seines Wiener Aufenthalts, und wahrlich von süßester Art. Nicht umsonst hat dieser feine Organismus sich Jahr und Tag der leichten, wohligen Luft Österreichs ausgesetzt – seine Walzer wissen nachträglich davon zu erzählen. Fern von Wien müssen ihm doch die Straußschen Walzer und Schuberts Ländler, unsere Gstanzel und Jodler, selbst Farkas´ Zigeunermusik nachgeklungen haben, dazu die hübschen Mädchen, der feurige Wein, die waldgrünen Höhen und was sonst noch. Wer Anteil nimmt an der Entwicklung dieses echten und tiefen, bisweilen vielleicht einseitigen Talentes, der wird die Walzer als glückliches Zeichen einer verjüngten und erfrischten Empfänglichkeit begrüßen, als eine Art Bekehrung zu dem poetischen Hafisglauben Haydns, Mozarts und Schuberts! Welch reizende, liebenswürdige Klänge!“ Stolz auf die Wiener Musikkultur und die „Bekehrung“ des strengen Brahms zur Wiener „Gemütlichkeit“ spricht aus diesen Zeilen.

Weiter schrieb Hanslick folgendes: „Wirkliche Tanzmusik wird natürlich niemand erwarten: Walzer-Melodie und Rhythmus sind in künstlerisch freier Form behandelt und durch vornehmen Ausdruck gleichsam nobilisiert. Trotzdem stört darin keinerlei künstelnde Affektation, kein raffiniertes, den Total-Eindruck überqualmendes Detail – überall herrscht eine schlichte Unbefangenheit, wie wir sie in diesem Grade kaum selbst erwartet hätten. Die Walzer, sechzehn an der Zahl, wollen in keiner Weise großtun, sie sind durchwegs kurz und haben weder Einleitung noch Finale. Der Charakter der einzelnen Tänze nähert sich bald dem schwunghaften Wiener Walzer, häufiger dem behäbig wiegenden Ländler, mitunter tönt aus der Ferne ein Anklang an Schumann oder Schubert. Gegen Ende des Heftes klingt es wie Sporengeklirr, erst leise und wie probirend, dann immer entschiedener und feuriger – wir sind ohne Frage auf ungarischem Boden.“ Der Brahms-Biograph Max Kalbeck hat Hanslick insofern ergänzt, als er nachwies, dass die Walzer tatsächlich auf wienerischem Boden entstanden, nämlich im Winter 1864/65, kurz vor der durch den Tod seiner Mutter erzwungenen Abreise des Komponisten aus der Donaumetropole. Erst 1866 ließ sich Brahms endgültig in Wien nieder.

Hörtipp
Der wunderbare amerikanische Pianist Emanuel Ax, der auch schon im Dianasaal von Schloss Engers seine Brahmskünste unter Beweis stellte, hat die Walzer Opus 39 beim New Yorker “Mostly Mozart Festival” 2015 aufgeführt, natürlich mit einer bezaubernden jungen Pianistin an seiner Seite wie seinerzeit Eduard Hanslick in Wien und hoch über den Dächern von Manhattan im Stanley H. Kaplan Penthouse:
Walzerweihnacht

Karl Böhmer 2017