Hintergrund: Adventskalender 2017 - Wie Melodien zieht es

Neujahr in Frankfurt
Kurz nach Neujahr 1889 überraschte die Sängerin Hermine Spies das Frankfurter Publikum mit Novitäten von Johannes Brahms: Im 6. Museumskonzert sang sie die ersten beiden Lieder des Opus 105, „Wie Melodien zieht es mir leise durch den Sinn“ und „Immer leiser wird mein Schlummer“. Sicher dachte sie dabei an jenen unvergesslichen Sommertag in der Schweiz zurück, als ihr der Meister drei Jahre zuvor diese Perlen seiner Liedkunst offeriert hatte – in seinem ersten Sommer am Thuner See.

Ein Sommertag in der Schweiz
„Ein Spätsommertag war’s. Die Nachmittagssonne stand vor ihrem Untergange und strahlte golden über die Wasser und durch die geöffneten Fenster zu uns herein. Die Blumengehänge, die über die Ufer des Sees herab fielen, wurden zu neuen vollen Farben erweckt und sandten ihren Duft herüber. Hermine sang dazu. Zwei neue, noch ungedruckte Lieder lagen auf dem Notenpult des Flügels, Brahms begleitete.” Hermine Spies, die so sehr verehrte Altistin aus Wiesbaden, stattete ihrem Mentor Brahms einen Besuch ab und machte sein Sommerglück vollkommen. Ihre Schwester Minna war zugegen und hat den seligen Augenblick für die Ewigkeit festgehalten. Kaum hatte Brahms erfahren, dass ihn die heimlich Verehrte am Thuner See aufsuchen werde, schon komponierte er für sie ein neues Lied auf Verse von Klaus Groth. Es sollte eines seiner berühmtesten werden:

Wie Melodien zieht es
Mir leise durch den Sinn,
Wie Frühlingsblumen blüht es
Und schwebt wie Duft dahin.

A-Dur, die Tonart des Liedes, wurde nicht zufällig auch die Tonart einer neuen Violinsonate, die Brahms gerade komponierte. In deren Hauptthema hat er ein früheres Lied für Hermine zitiert: „Komm bald“ aus Opus 97. Brahms hatte sein „Herminche“, wie er die junge Frau auf gut Hessisch nannte, schon heimlich herbei gesehnt in jenem Sommer 1886.

Sommerfrische am Thuner See
„Da sitze ich heute früh in einer ganz reizenden Wohnung. Ich glaube, es ist die schönste Wohnung, die ich noch hatte, und ich bin sehr froh, mich zur Reise hierher entschlossen zu haben.“ Etwas verblüfft dürfte der Berliner Verleger Fritz Simrock Ende Mai 1886 diese Zeilen seines Autors Brahms gelesen haben. Hatte man ihn je so glücklich erlebt? Das fragte sich auch Freund Widmann aus Bern, der Dichter und italienische Reisegefährte, dem es gelungen war, Brahms ins Berner Oberland zu locken. Zwar musste er den Meister jedes Wochenende in Bern bewirten und ihm seine halbe Bibliothek für den See ausleihen. Doch die „Brahmsiaden“ im Widmannschen Hause entschädigten ihn dafür, jene Abende, an denen der Meister mit dem Spiel Bachscher Klavierwerke begann und am Ende zu Strauß-Walzern überging, während er dazwischen Kostproben seiner neuen Lieder und Kammermusiken zum besten gab.

Kaffeemaschine und Kammermusik
Am Thuner See trübte kaum eine Wolke die kreative Heiterkeit des 53-jährigen Urlaubers – es sei denn die Fahrradfahrer, die „oft so unvermutet an dem stillen Spaziergänger lautlos vorübersausten“ oder „mit einem plötzlichen Signal ihn erschreckten und seinen Gedankenfluss störten“ (Johannes Former). Der ungestörte Gedankenfluss war das eigentliche Glück des Sommers, beflügelt von der Natur, von weiten Spaziergängen und vom herrlichen Ausblick in die Landschaft, was alles der Thuner See im Überfluss zu bieten hatte. Der Tischler Johann Spring vermietete dem berühmten Gast aus Wien die ganze obere Etage in seinem Haus in Hoffstetten am Ufer des Aareflusses. Die große Veranda mit dem atemberaubendem Ausblick auf Eiger, Mönch und Jungfrau, die nahen Wälder für den morgendlichen Spaziergang, eine Fluchtmöglichkeit rückseitig, falls vorne unliebsame Besucher auftauchen sollten, und die Wiener Kaffeemaschine – alles war vorhanden, was Brahms’ Bequemlichkeit steigern konnte. Im nahen Biergarten blieb er inkognito, weil man hinter einem so schlecht gekleideten Sommergast keine Berühmtheit aus Wien vermutete. Eher schon hielten ihn die Schweizer für „abgebrannt“. Ideale Voraussetzungen also, damit sich die Inspiration einstellte. Am Ende dieses Sommers nahm Brahms gleich drei neue Kammermusikwerke mit nach Wien: die zweite Cellosonate Opus 99, die zweite Violinsonate Opus 100 und das dritte Klaviertrio Opus 101. Hinzu kamen die neuen Lieder und manches Andere, was auf seine Vollendung bis zum nächsten Sommer warten musste.

Advent in Wien
Die Wiener durften die beiden neuen Brahms-Sonaten als erste hören, schon im Advent 1886 im Abstand von nun einer Woche im Kleinen Musikvereinsaal. Am 24. November, vier Tage vor dem ersten Advent, spielte Brahms mit dem Cellisten Robert Hausmann die F-Dur-Cellosonate, am 2. Dezember mit Joseph Hellmesberger die A-Dur-Violinsonate. Die Wiener waren entzückt. Nur ein junger Musikkritiker namens Hugo Wolf zürnte und schrieb für das „Wiener Salonblatt“ einen seiner schärfsten Brahms-Verrisse: „Aber etwas, wie die neue Cello Sonate von Herrn Dr. Johannes Brahms aufzuschreiben, drucken, aufführen zu lassen, ja selbst dabei mitzutun, zu verlangen, daß so was gefallen soll, zu sehen, daß es gefällt, und die Versicherung solchen Gefallens nicht für teuflische Ironie zu nehmen, sondern im vollen Glauben an die Aufrichtigkeit des Beifalls, das neueste Werk als der Himmel weiß was hinzustellen – das mit ansehen und von solchem Wahnsinn nicht angesteckt zu werden, ist keine Kleinigkeit mehr.“ Brahms schmunzelte, denn am Erfolg der zweiten Cellosonate konnte Wolfs Ärger nichts ändern, zumal das Werk von Robert Hausmann mit besonderem Nachdruck vorgetragen wurde. Noch nämlich hoffte der Hüne auf ein Cellokonzert, das ihm Brahms versprochen hatte … Auch Brahms selbst hatte allen Grund, sich ins Zeug zu legen: Hermine Spies gab ihre Wiener Debütkonzerte, was er minutiös vorbereitete – er hatte nur noch Augen und Ohren für sie. Kein Wunder, dass sich Clara Schumann in Frankfurt über das Ausbleiben seiner Weihnachtspost beschwerte. Elisabeth von Herzogenberg schrieb im neuen Jahr aus Berlin einen eifersüchtigen Brief, nachdem ihr die Spies die neuen Brahms-Lieder vorgesungen hatte.

Vor Weihnachten in Budapest
Das neue Klaviertrio hob sich Brahms für Budapest auf, wo er mit zwei phänomenalen jungen Virtuosen ein Trio gegründet hatte: mit dem Geiger Jenö Hubay und dem Cellisten David Popper. Vier Tage vor Heiligabend hoben die drei Musiker das c-Moll-Trio aus der Taufe. Außerdem spielte der Komponist mit Hubay die neue Violinsonate, mit Popper die neue Cellosonate und konnte im Stillen die Leistungen der beiden weltberühmten Virtuosen mit ihren Wiener Kollegen vergleichen. Das Resümee der ungarischen Zeitungen fiel eher ernüchternd aus: “Sie schreiben alle dasselbe: die Sonaten sind nicht der Mühe wert, aber das Trio”, so berichtete Brahms seinem Verleger mit der Neujahrspost. Weihnachten und Silvester hatte er wieder in Wien verbracht. Seinen Verleger Simrock aber ließ er noch schmoren, bevor er die Stichvorlagen der neuen Werke nach Berlin schickte. Die Erfahrungen der ersten Aufführungen wollte er noch einarbeiten. Mitte Januar durfte Simrock endlich die drei Meisterwerke in Händen halten – kaum acht Monate, nachdem einige glückliche Briefzeilen aus der Schweiz bei ihm eingetroffen waren. Die Lieder des Sommers 1886 ließ Brahms noch zwei weitere Jahre liegen, bevor er sie mit den Opera 105 bis 107 an die Spree schickte. Sicher konnte er Hermine Spies dazu bewegen, sie ihm öfter privatissime vorzusingen …

Hörtipp
Alexander Hülshoff, der Künstlerische Leiter der Villa Musica, spielt das berühmteste Lied von Brahms auf dem Cello, begleitet vom Pianisten Andreas Fröhlich:
Brahms1886

Karl Böhmer, 2017