Hintergrund: Adventskalender 2017 - Händels römischer Advent

Ankunft in Rom
Glaubt man den Forschungen der Musikwissenschaftlerin Ursula Kirkendale, so dürfte Georg Friedrich Händel bereits vor Weihnachten 1706 in Rom eingetroffen sein. Aktenkundig ist seine Präsenz erst für den 13.-14. Januar 1707, doch welcher Reisende aus dem Norden hätte sich die Weihnachtstage in der „Ewigen Stadt“ entgehen lassen? Außerdem war das Wetter im Dezember für eine Reise über den Apennin bzw. von Florenz kommend deutlich milder als im Januar. Wie Ursula Kirkendale herausfand, zeigen die Rechnungsbücher des Marchese Francesco Maria Ruspoli, des nachmaligen Dienstherrn und Hauptgönners von Händel in Rom, seismographische Aktivitäten, die schon im Dezember auf die Anwesenheit eines neuen Cembalisten hindeuten, und zwar im alten Familienpalast zu Füßen des Kapitols. Nehmen wir also an, Händel traf just am Nikolaustag 1706 in Rom ein. Da er vermutlich mit einem Empfehlungsschreiben des Gran Principe di Toscana, Ferdinando de’ Medici, ausgestattet war, dürften sich die Formalitäten der Einreise an der Piazza del Popolo nicht allzu sehr in die Länge gezogen haben. Immerhin mussten die päpstlichen Sbirren bei einem Lutheraner aus Deutschland das Gepäck besonders gründlich nach verbotenen Büchern durchsuchen. Mehr als einen der gängigen Rom-Reiseführer und viele Noten werden sie nicht gefunden haben.

Roma barocca
Der erste Anblick Roms muss für Händel überwältigend gewesen sein. Nirgends in Nord- oder Mitteldeutschland gab es eine Stadt aus mattweißem Marmor, mit Kuppelkirchen der neuesten, sehr katholischen Façon und mehr als 300 barocken Palazzi. Dass sich dazwischen die ärmlichen Häuser der normalen Römerinnen und Römer erhoben, dürfte Händel ebenso wenig entgangen sein wie der aussichtslose Kampf der für die Straßenhygiene zuständigen Kardinäle gegen das Entsorgen jeder Art von Müll, das Fehlen einer Straßenbeleuchtung oder die Hochwasser-Marken, die überall in der Stadt zu sehen waren. Zunächst aber zeigte sich Rom von seiner besten Seite: Die Zwillingskirchen an der Piazza del Popolo streckten ihm ihre Travertin-Fassaden mit den schönen, antikischen Portikus entgegen, und er sah die ersten von zahllosen Kuppeln des barocken Rom. Damals konnte er noch nicht ahnen, dass er schon im Juli des Folgejahres für die Karmeliter in der linken Kirche, S. Maria di Montesanto, großartige Psalmen und Solo-Motetten für zwei Vespern schreiben würde. Auch die anderen Orte seiner römischen Triumphe lagen im Dezember 1706 noch gleichsam bedeutungslos vor dem Auge des Musikers Händel. Hier durfte vorerst der Tourist Händel schwelgen, etwa vor dem Collegio Clementino am Tiberufer, vor den riesigen Palazzi der Kardinäle Pamphilj und Colonna, die damals noch nicht die Schaufassaden aus dem “Barocchetto” erhalten hatten, vor dem päpstlichen Kanzleipalast unweit des Campo de’ Fiori, wo Roms leidenschaftlichster Musik-Kardinal residierte, Pietro Ottoboni, und vor vielen weiteren Landmarken der „Roma barocca“. Dass die Opernhäuser der Stadt geschlossen waren, wusste Händel. Papst Clemens XI. hatte den Karneval und damit auch die Oper für fünf Jahre verboten – als Sühneopfer für ein Erdbeben, das die Ewige Stadt anno 1703 gerade noch so verschont hatte. Dass Alessandro Scarlatti, der wichtigste römische Komponist jener Epoche, nicht in der Stadt weilte, wusste er ebenfalls. Es war nur eine Frage der Zeit und des geschickten Einfädelns seiner “Padroni”, bis er die römischen Musiker das Fürchten lehren würde …

Tridente
Vorerst wandte sich Händel als gewöhnlicher, aber sehr gut gekleideter deutscher Tourist dem „Tridente“ zu, dem Dreizack der Straßen, der hoch heute jeden Besucher von der Piazza del Popolo zielsicher in die Stadt geleitet: Die Via del Babuino zur Linken brachte Händel an die Piazza di Spagna, wo es damals zwar bereits die spanische Botschaft, aber noch nicht die spanische Treppe gab. Die Via della Ripetta zur Rechten führte am kleinen Tierhaften vorbei (daher ihr Name) erst zum Collegio Clementine, dann zur Piazza Navona und schließlich in den Vatikan. Die Via del Corso in der Mitte leitete schnurgerade zur Piazza Venezia und zum Kapitol. Noch begrenzten enge, gerade Klostermauern die Piazza del Popolo, noch erhob sich am andern Ende der Via del Corso nicht das Nationaldenkmal, sondern eine Reihe heute zerstörter Kirchen und Palazzi. Dort musste Händel hineilen, denn – so Kirkendale – im alten Palazzo Marescotti, gerade gegenüber der Rampe zum Kapitol, hatte der Marchese Ruspoli für Händel eine kleine Wohnung einrichten lassen. Vielleicht wurde er ja an der Porta Flaminia bereits von einem Diener des Marchese erwartet, der ihn dort hinführte.

Il Sássone
Schon auf der Piazza del Popolo dürfte der große, blonde Deutsche mit den strahlend blauen Augen und dem länglichen Gesicht eine auffallende Erscheinung gewesen sein. Mit seinem Namen allerdings hatten die Römer zu kämpfen: „Monsù Hendel“ war ihre erste Lösung für den Ausländer mit dem Umlaut und dem „H“ am Anfang. Später ließen sie es bei dem üblichen „il Sássone“ bewenden, „der Sachse“ – die italienische Sammelbezeichnung für alle deutschen Lutheraner, ob sie nun Hamburger waren wie Hasse oder Hallenser wie Händel. Dass sich dieser “Sássone” mit den Gebräuchen des Südens schon auskannte, dass er fließend Italienisch sprach, dass er mit dem Medici vertrauten Umgang pflegte und überhaupt nicht deutsch stur oder gar lutherisch fanatisch daher kam, war ihm gleich anzusehen: Händel war schon mit 21 Jahren eine barocke Respektsperson von durchaus weltmännischem Anstrich.

Weihnachtsbräuche
„Monsù Hendel“ musste nicht lange auf die Begegnung mit den Weihnachtsgebräuchen Roms warten: Sein Gastgeber Ruspoli ließ ihm eine Krippe in den Palazzo stellen. Außerdem begannen draußen vor den Fenstern schon morgens um 7 Uhr die Straßenmusikanten ihr weihnachtliches Werk. Es handelte sich um die so genannten „Pifferari“, Hirten aus den Abruzzen, die auf ihren Volksinstrumenten weihnachtliche Weisen spielten. Mit der Zampogna und der Piffa ausgerüstet, also mit Dudelsack und Schalmei, musizierten sie stets zu zweit vor den so genannten „Madonelle“, den Darstellungen der Madonna mit Kind, die in Rom noch heute an vielen Palazzi und Straßenecken zu finden sind. Die Besitzer der Palazzi bezahlten die Hirtenmusiker für ihren Dienst, auch Händels Mäzen Ruspoli, der an seinem Palast eine besonders schöne Madonella besaß. Also konnte der junge Händel den Melodien der Hirten ganz in Ruhe lauschen und einige von ihnen aufschreiben. 35 Jahre später hat er sie im “Messias” wieder verwendet – in der berühmten Pifa, der Hirtensinfonie im ersten Teil des Oratoriums, und in der Duo-Arie “He shall feed his flock like a shepherd”. Erstere geht auf eine Pifferari-Melodie zurück, die auch Alessandro Scarlatti und andere Komponisten verwendeten, letztere klingt an das neapolitanische Weihnachtslied „Quando nascette Ninno“ an, das seinerseits auf eine Hirtenmelodien zurückgeht. Ob Händel ähnlich allergisch auf das laute Musizieren der Pifferari reagierte wie hundert Jahre später der französische Dichter Stendhal, ist nicht bekannt. Immerhin aber setzte er diesen Hirtenmusikanten im „Messias“ ein rührendes Denkmal, das noch heute Zuhörerinnen und Zuhörer auf der ganzen Welt mit einer durchaus römischen Weihnachtsstimmung erfüllt.

Hörtipp
Händels Aria a due “He shall feed his flock like a shepherd” under dem tschechischen Dirigenten Václav Luks:
Messiah