Hintergrund: Adventskalender 2017 - Haydns Abschied von Wien

Frühpensionär Haydn
So hatte sich Joseph Haydn das Weihnachtsfest des Jahres 1790 sicher nicht vorgestellt: Als Reisender auf dem Weg zwischen Wien und London kam er bei schlechtestem Wetter an Schloss Engers vorbei, um wenige Stunden später am Bonner Hof Station zu machen. Dabei hatte noch im Spätsommer alles nach einem ruhigen Jahresschluss ausgesehen – natürlich in Diensten des ungarischen Magnaten Fürst Nikolaus von Esterházy, des “Prachtliebenden”, dem Haydn nun schon seit Jahrzehnten treu diente. Der Hofkapellmeister bereitete die Erstaufführung von Mozarts “Le nozze di Figaro” am Schlosstheater in Esterháza vor, und alle genossen das Leben in den vertrauten sommerlichen Bahnen. Dann plötzlich, Knall auf Fall, verstarb Ende September Fürst Nikolaus. Sein Sohn und Nachfolger, Fürst Paul, entließ auf einen Schlag die gesamte Hofkapelle. Haydn durfte sich mit einer stattlichen Pension nach Wien zurückziehen, wo er ein Zimmer auf der „Wasserkunstbastei“ bezog. Mit 58 Jahren war er Frühpensionist – für den Handwerkersohn aus Rohrau in Niederösterreich keine Perspektive.

Abschied von Mozart
Immerhin atmete er nach Jahrzehnten höfischer Enge die befreiende Luft von Wien, wo sich unter dem gerade erst gekrönten Kaiser Leopold II. Aussichten auf allerhand geistliche Musik eröffneten, die dessen Bruder und Vorgänger Joseph II. verschmäht hatte. Also richtete sich Haydn in seiner neuen Wohnung ein und freute sich auf sein erstes Weihnachtsfest in künstlerischer Freiheit unter seinen Wiener Freunden. Im Advent wirkte er in den Kammerkonzerten seines Freundes Mozart als Bratschist mit. Man spielte Mozarts Streichquintette, wobei sich die beiden Komponisten an der ersten Bratsche ablösten. Mozart wurde durch dieses Musizieren so inspiriert, dass er gleich ein neues Quintett schrieb: das herrliche D-Dur-Quintett KV 593, dessen Cellosolo für Joseph Oeßler, den Solocellisten der Kaiserlichen Hofkapelle, bestimmt war. Auch das Cello spielte nun, unter dem neuen Kaiser, eine gewichtigere Rolle. Das traute Kammermusizieren wurde jäh unterbrochen, als plötzlich ein Besucher aus London in Haydns Tür stand. Es war Johann Peter Salomon, seines Zeichens Geiger und früherer Kapellmeister beim Prinzen Heinrich von Preußen, nun der erfolgreichste Konzertmanager Londons. Zufällig war er auf dem Kontinent unterwegs, als er in einer Kölner Zeitung von den dramatischen Ereignissen in Esterháza las und sofort seine Reiseroute änderte. Kaum in Wien angekommen, stellte er sich mit einem knappen Satz bei Haydn vor: „Ich bin Salomon aus London und komme, um Sie abzuholen; morgen werden wir einen Akkord schließen.“ Tatsächlich wurden sich der Manager aus London und der Compositeur aus Wien schnell handelseinig. Schon am 15. Dezember reisten die Beiden gen Nordwesten ab – viel betrauert von Mozart, der fürchtete, seinen alternden Freund „Papa Haydn“ niemals wiederzusehen. Das Abschiedskonzert, das er ihm am 14. Dezember 1790 gab, war zugleich die Uraufführung des D-Dur-Quintetts, dass so tränenreich nach Abschied klingt, in der langsamen Einleitung und im Adagio. Tatsächlich sollten sich die beiden Freunde nie wiedersehen, doch anders, als es Beide erwartet hatten: Mozart starb ein knappes Jahr später, am 5. Dezember 1791 in Wien. Wäre es nach Johann Peter Salomon gegangen, hätte Mozart damals schon längst in London sein sollen, denn ihm war die nächste Saison dort zugesagt worden. Doch Haydns Erfolge in London machten eine Verlängerung des Kontrakts unbedingt notwendig. Er blieb an der Themse, Mozart am Donaukanal, und das Schicksal nahm seinen Lauf.

Weihnachten in Bonn
Es war eine unwirtliche Weihnachtsreise, die Haydn zwar beschwingt antrat, die ihm aber wegen „der Unordnung des Schlafs, verschiedenen Speisen und Getränks“ schwer zu schaffen machte. Im langsamen Reisetempo des späten 18. Jahrhunderts gelang es nicht mehr, vor dem Fest London zu erreichen, weshalb man Weihnachten am Bonner Hof feierte. Kurfürst Max Franz von Köln, der Bruder des Kaisers und erzmusikalische Habsburger, bereitete dem berühmten Gast aus Wien einen königlichen Empfang. Haydn erlebte im Hochamt die Aufführung einer eigenen Messe und durfte abends auf Kosten des Kurfürsten mit Freunden und Musikern der Hofkapelle speisen. Bei dieser Gelegenheit wird man ihm das junge Genie des Hofes vorgestellt haben, den “störrisch aussehenden” jungen Pianisten namens Ludwig van Beethoven, der wegen seiner dunklen Hautfarbe den Spitznamen “der Spanier “ trug. Es war sicher keine Liebe auf den ersten Blick, die Haydn und seinen späteren Wiener Schüler miteinander verband. Ihren ersten Dialog zwischen strengstem Niederösterreichisch und ebenso kernigen Rheinländisch muss man sich akustisch vorstellen ..

Ärmelkanal
Nach Weihnachten ging es unverzüglich weiter Richtung Küste. Kaum jemals dürfte Haydn einen so unwirtlichen Silvesterabend erlebt haben wie in Calais: „Die eingefallene schlechte Witterung und der beständig anhaltende Regen verursachet, dass ich eben erst abends nach Calais angekommen und morgen früh um 7 Uhr über Meer nach London abgehen werde.“ Trotz des Sturms wagten Haydn und Salomon am Neujahrsmorgen die Fahrt über den Ärmelkanal. Für den 58-jährigen war es nicht nur der Beginn eines neuen Jahres, sondern der Auftakt zu einem neuen Lebensabschnitt: Das Abenteuer London begann – kaum drei Monate nach der Entlassung aus Esterházyschen Diensten. Sein erster Gastgeber in London war der Verleger John Bland, der Haydn im November 1789 in Esterháza besucht und bei dieser Gelegenheit drei Klaviertrios bestellt hatte. Ausdrücklich wünschte sich Bland als Oberstimme in diesen Trios nicht die Geige, sondern die Flöte. Die drei Werke gehören zu Haydns besten Klaviertrios, sind aber selten in der Originalbesetzung mit Flöte zu hören.

Londoner Klaviertrio
Im D-Dur-Trio, Hob. XV:16 hat Haydn den festlichen Glanz der Tonart mit chromatischen Linien und überraschenden Ausbrüchen in dunkle Mollregionen verbunden. Mozarts D-Dur-Quintett lag ihm noch im Ohr, wo dieses “Chiaroscuro” in tiefste Melancholie führt. Bei Haydn sind die Moll-Episoden mehr Farbkontrast denn Gemütseintrübung.

Das erste Allegro wird vom Klavier mit einem munteren Thema eröffnet, das die Flöte zwar aufgreift, aber gleich mit dunklen Halbtonschritten anreichert. Anschließend versetzt sie das Thema ins traurige a-Moll, woraus eine Modulation bis nach F-Dur entsteht, bevor endlich das zweite Thema in der „richtigen“ Tonart A-Dur einsetzt. Dessen munterer Tanzschritt ist typischer Haydn, ebenso wie das knappe Motiv der Schlussgruppe, das eine Art Marsch über Hornquinten darstellt. Mozarts Figaro-Arie “Non più andrai” lässt schön grüßen. Der Mittelteil beginnt mit dem Hauptthema in a-Moll, gefolgt von einer plötzlichen Generalpause. Danach setzt das Thema in C-Dur statt e-Moll wieder ein. Mit diesem Überraschungseffekt hat Haydn die Durchführung eröffnet, wo die Motive des Seitenthemas und des Hauptthemas besonders lang und kunstvoll verarbeitet werden – bis hin nach fis-Moll, bevor das Hauptthema im strahlenden D-Dur wieder eintritt. Freilich folgt dunkles d-Moll auf dem Fuß. Die dunklen Schatten aus dem ersten Teil breiten sich weiter aus und werden erst in der Coda vertrieben. Sie beginnt mit dem Marschmotiv in “Hornquinten”, das plötzlich abbricht. Das Seitenthema setzt in Es-Dur neu ein und eröffnet eine letzte, dramatische Moll-Wendung, bevor sich in brillanten Läufen endlich D-Dur durchsetzt. Bekräftigt wird es durch das kleine Marschmotiv, das am Ende leise von dannen zieht wie eine kleine Militärkapelle beim Wachwechsel. Haydn wusste um die Vorliebe der Engländer für Marschmusik.

Natürlich steht auch der langsame Mittelsatz in d-Moll. Er beginnt mit einem sanft klagenden Menuett des Klaviers, das von Flöte und Cello aufgegriffen wird. Das Cantabile der Oberstimme verbreitet eine “sentimentalische” Stimmung, die den Engländern in der Epoche der “Sentimental Journey” ebenso entgegenkam wie die pastoralen Anklänge dieses Satzes, der sich bald freundlichem Dur zuwendet. Das Tempo stellte sich Haydn recht zügig vor “Andantino più tosto Allegretto”. Nach der Wiederkehr des vom Klavier umspielten d-Moll-Menuetts scheint sich die Coda in gewagten Modulationen einem düsteren Schluss zuzuwenden, doch es bleibt bei einem Halbschluss, denn attacca schließt sich das muntere Finale an.

Natürlich handelt es sich um einen englischen “Country Dance”, aber in der falschen Tonart A-Dur, was Haydn erst in den letzten beiden Takten des Themas richtig gestellt hat. Für die Interpreten sind die kleinen Kontrapunkte dieses “Country Dance” alles andere als leicht zu spielen. Auf englische “Country Music” deutet auch manche Episode dieses rustikalen Satzes hin, während sich dazwischen immer wieder die weichen Molltöne aus dem Mittelsatz einstellen. Kurz vor Schluss hat Haydn das Thema in seiner üblichen Manier zerfleddern lassen und mit allerhand Pausen-“Gags” durchsetzt, bevor ein fast sinfonischer Schluss das prachtvolle D-Dur triumphal bekräftigt. Natürlich war dieses Trio bei den Londonern sofort ein Verkaufsschlager. Schon bevor er am 1. Januar 1791 seinen Fuß auf englischen Boden setzte, wusste Haydn, was man jenseits des Ärmelkanals von ihm erwartete.

Hörtipp
Haydns Londoner D-Dur-Trio für Flöte, Cello und Klavier in einem Live-Mitschnitt von den Rencontres Artistiques de Bel-Air.
Haydn-Trio