Hintergrund: Adventskalender 2017 - Die Krippen von Neapel

Festtag in Napoli
Seit Menschengedenken ist das Fest der unbefleckten Empfängnis Mariens, also der 8. Dezember, jener Tag, an dem die Neapolitaner mit dem Bau der Weihnachtskrippe beginnen – eine Haupt- und Staatsaktion für die ganze Familie. Erst wird das Gerüst aus dem Keller geholt, der Rahmen, auf dem sich nach und nach alle Figuren des weihnachtlichen Spektakels versammeln: die Fischverkäufer und die Gastwirte, die Mägde mit ihren Krügen und die Dienerinnen beim Wäschewaschen. Wenn der Familienrat beschließt, in diesem Jahr müsste unbedingt noch ein kleines Wasserrad mit einer Quelle hinzukommen, macht man einen Abstecher in die Via San Gregorio Armeno, zum „Mercantino di Natale“, dem ganzjährigen Weihnachtsmarkt der Stadt. Dort werden zahllose Krippenfiguren im Stil des 18. Jahrhunderts feilgeboten, natürlich auch die Hirten mit ihren obligatorischen Hirteninstrumenten „Zampogna“ und „Pifa“, also Dudelsack und Schalmei. Wenn sich Weihnachten nähert, fügt man die wichtigsten Figuren in die Szenerie ein: zuerst die Heiligen Drei Könige mit ihrem Gefolge, dann die Heilige Familie und zu allerletzt – erst in der Heiligen Nacht – das Jesuskind. Dann ist das Spektakel des „Presebbio“, wie die Krippe auf Neapolitanisch heißt, vollendet. Die Herzen der Neapolitaner schlagen höher, und die Innigkeit des Weihnachtsfestes erreicht ihren Höhepunkt. So ist es im heutigen Napoli, und so war es schon im 18. Jahrhundert. Selbst Goethe konnte sich dem Zauber der Krippen nicht entziehen, die damals noch auf den Dächern der flachgedeckten Häuser standen – mit der Silhouette des Vesuvs im Hintergrund: „Was aber das Ganze unnachahmlich verherrlicht, ist der Hintergrund, welcher den Vesuv mit seinen Umgebungen einfasst,“ schrieb er in seiner „Italienischen Reise“ über die Krippen von Neapel.

Scarlatti im Palazzo Reale
Natürlich stand ein besonders großer und prächtiger “Presebbio” im Palazzo Reale, dem riesigen Palast an der heutigen Piazza del Plebiscito. Dort wirkte 35 Jahre lang der Sizilianer Alessandro Scarlatti als Hofkapellmeister der Vizekönige von Neapel. Deren Amt war von höheren Herren aufgetragen (daher “Vicerè”), dennoch führten sie sich selbst wie Könige auf. Während Scarlattis erster neapolitanischer Periode 1684-1700 waren es spanische Granden, die den Habsburger Karl II. repräsentierten. Als der letzte letzte spanische Habsburger 1700 kinderlos starb, setzte er in seinem Testament Philipp V. von Bourbon zum neuen König ein. Der Enkel Ludwigs XIV. musste dieses Erbe im Spanischen Erbfolgekrieg gegen die österreichischen Habsburger verteidigen. Jeder Musiker, auch Scarlatti, geriet zwischen die Fronten: Seine Zeit unter den neuen Herren aus Madrid dauerte kaum mehr als 15 Monate. Danach verließ er mit seiner Familie fluchtartig die Stadt Richtung Rom. Unter den Bourbonen hatten seine alten Feinde bei Hofe die Oberhand gewonnen Denn als Sizilianer, der in Rom aufgewachsen war, wurde Scarlatti vom ersten Moment an angefeindet – von den einheimischen neapolitanischen Musikern. Als er Ende 1708 wieder in die Metropole des Südens zurückkehrte, herrschten dort österreichische Vizekönige mit teilweise unaussprechlichen Namen: Daun, Schrattenbach, Althann etc. Im Juli 1707 war Neapel von den Kaiserlichen Truppen erobert worden. Nun gehörte der gesamte Süden Italiens zum Reich der Habsburger-Kaiser in Wien. An deren Stelle brachten nun neue Vizekönige Ordnung ins südliche Chaos. In ihren Mußestunden, aber auch zu offiziellen Festen der Dynastie genossen sie die wundervollen Opern, Kantaten und Serenaden ihres Kapellmeisters Scarlatti.

Kantaten für die Weihnachtspost
Zu Weihnachten waren Pastoralkantaten erwünscht, kurze, stimmungsvolle Solostücke für Sopran und Streicher, die man an der Krippe aufführen konnte, wie Scarlattis herrliche Cantata pastorale „O di Betlemme altera“. Der Stil des Stückes weist auf eine Entstehung nach 1710 hin, also unter den österreichischen Vizekönigen. Sicher sandte Scarlatti diese Cantata aber auch nach Rom, wo er 18 Jahre seines Lebens verbracht hatte. Weihnachtspost war damals so obligatorisch wie heute. Also schrieb die gesamte Familie Scarlatti alljährlich im Dezember ihre kleinen Weihnachtsbriefe an die römischen Kardinäle. Nicht nur Vater Alessandro, sondern auch sein ältester Sohn Pietro und seine Tochter Flaminia legten der Weihnachtspost gelegentlich selbst komponierte Kantaten bei. Gut möglich, dass Vater Scarlatti die Soprankantate „O di Betlemme altera“ als Weihnachtsgeschenk für einen Kardinal nach Rom schickte, wo sie zwangsläufig von einem Kastraten gesungen werden musste. In Neapel dagegen durfte seine eigene Tochter Flaminia den Sopranpart übernehmen.

Hochgepriesenes Bethlehem
Die Musik dieser Hirtenkantate führt den Zuhörer direkt vor die Krippe von Bethlehem, was man schon an der kurzen Streichereinleitung hören kann. Hier imitieren die Geigen und Bratschen die Klänge der Hirteninstrumente Zampogna und Pifa – ganz wie in den Weihnachtskonzerten der Epoche von Corelli, Torelli, Manfredini und Locatelli. In drei Arien preist die Sängerin die Erlösungstat des Jesuskindes: Erst lässt sie zusammen mit den Streichern in einem wunderschönen Klangbogen einen Stern über Bethlehem aufgehen („Dal bel seno d’una stella“). Dann beschreibt sie in einer sanften Melodie über absteigenden Streicherakkorden den rührenden Anblick des Jesuskinds in seinen Windeln („L’Autor d’ogni mio bene“). Schließlich werden die Hirten – wie in Bachs Weihnachtsoratorium – aufgefordert, dem Jesuskind ihre Herzen und eine schöne Musik darzubringen. Zur Schlussarie ertönen also wieder Dudelsack und Schalmei, verwandelt in sanfte Streicherklänge („Toccò la prima sorte a voi pastori“). Diese pastorale Schlussarie enthält nicht zufällig Anklänge an heute noch vertraute neapolitanische Weihnachtslieder, denn deren Autoren griffen im späten 18. Jahrhundert auf dieselben Hirtenweisen zurück, die Scarlatti schon 70 Jahre zuvor in seiner Kantate zitiert hatte. Der Effekt des Ganzen ist von einer schwer zu beschreibenden Süßigkeit – typisch für das traditionelle Weihnachtsfest in Neapel.

Hörtipp
Die legendäre Rotterdamer Sopranistin Elly Ameling, die in zwei Monaten ihren 85. Geburtstag feiern darf, singt Scarlattis Weihnachtskantate über das hohe Bethlehem, begleitet von historischen Instrumenten:
Napoli

Karl Böhmer, 2017