Hintergrund: Adventskalender 2017 - Die Schumanns in Düsseldorf

Adventskind Eugenie
„Früh den 1sten December ein Kleines.“ Lakonischer hätte man die Geburt eines Kindes im Advent wohl kaum vermerken können als Robert Schumann anno 1851 in Düsseldorf. Seine kleine Tochter Eugenie kam am Montag nach dem ersten Advent als Rheinländerin zur Welt, denn ihre Eltern hatten im September 1850 dem „Elbflorenz“ den Rücken gekehrt und waren von Dresden an den Rhein gezogen, wo Robert den Posten des Städtischen Musikdirektors in Düsseldorf antrat – eine neue Aufgabe, in die er sich mit Elan stürzte. Am Rhein begann er auch, neue Kammermusik zu schreiben – nach längerer Abstinenz in diesem Genre.

Herbstsonaten für Violine
Was dem Dresdner Geiger Franz (François) Schubert versagt geblieben war, nämlich dem Komponisten eine Violinsonate zu entlocken, das gelang seinem Düsseldorfer Kollegen Wilhelm Josef von Wasielewski gleich doppelt. Der aus der Nähe von Danzig stammende Musiker hatte in Leipzig studiert und dort zunächst unter Mendelssohns Leitung im Gewandhausorchester gewirkt. Dann aber holte ihn Schumann als neuen Konzertmeister nach Düsseldorf, wo er alsbald zwei Violinsonaten des Meisters aufführen durfte. Sie entstanden im besonders gemütlichen Düsseldorfer Domizil in der Kastanienallee, wo man im Juli 1851 eingezogen war. Am 12. September trug Schumann lakonisch ein “Duo für Pf und Viol” ins Tagebuch ein – der Beginn der Arbeiten an der a-Moll-Sonate. Bereits am 15. September konnte er befriedigt vermerken: „Ziemlich fertig mit der Sonate für Violine“. Zu einem ersten Durchspielen weilte Wasielewski Mitte Oktober in der Wohnung der Schumanns. Die Aufführung muss Schumann so inspiriert haben, dass er sofort mit der zweiten Violinsonate in d-Moll begann, die schon am 2. November „ziemlich beendigt“ war. Am 15. November wurde sie bei einer „kleinen musikalischen Gesellschaft“ von Wasielewski aus der Taufe gehoben. Clara Schumann begleitete hochschwanger am Klavier.

Advent mit Eroica
Nur zwei Wochen später kam Clara mit der kleinen Tochter Eugenie nieder – ein wahres Adventskind, das alle seine Geschwister überleben sollte und erst 1938 in Bern starb! Viel Zeit zur Erholung blieb ihrer Mutter nicht nach der Geburt: Frau Schumann musste das Weihnachtsfest vorbereiten. Immerhin wurde sie von einer Hebamme unterstützt und konnte schon am 19. Dezember einen ersten Ausgang wagen. Ihr Mann hatte derweil ein Abonnementskonzert mit dem Düsseldorfer Orchester zu dirigieren, am Donnerstag vor dem dritten Advent. Beethovens „Eroica“ und Gades Vierte Sinfonie standen auf dem Programm, Spohrs „Violinkonzert in Form einer Gesangsszene“ mit Wasielewski als Solisten und eine Chor-Orchester-Szene nach Byron von Hiller. Schumanns eigene neue Werke waren noch in Arbeit: die Neuinstrumentierung der Vierten Sinfonie und die Konzertouvertüre nach Goethes „Hermann und Dorothea“.

Weihnachten mit Regimentstochter
Am Vorabend des Heiligabends gönnte Schumann seiner Frau eine kleine Freude: Er kaufte zwei Theaterkarten für eine ganz besondere Aufführung von Donizettis „Regimentstochter“ im städtischen Theater. Die legendäre Koblenzer Sopranistin Henriette Sontag kehrte nach 20 Jahren Abwesenheit auf die Bühne zurück. Ihr Gatte, der italienische Conte Carlo Rossi, Botschafter des zukünftigen Königs von Italien in Den Haag, hatte ihr jeden Auftritt untersagt. Als er aber 1848 sein gesamtes Vermögen verlor, musste sie durch ihr erfolgreiches „Comeback“ die Familie ernähren. Am 16. Dezember gab sie ihr einziges Konzert im Stadttheater ihrer Heimatstadt Koblenz, eine Woche später triumphierte sie auch in Düsseldorf. Wie sehr konnte Clara Schumann ihre Nöte nachvollziehen, denn auch im Hause Schumann war die Arbeitsteilung streng geregelt. Nie hätte sich der Herr Musikdirektor an den Vorbereitungen zum Weihnachtsfest beteiligt, er komponierte lieber. Zwei Tage vor Heiligabend übergab er seiner Frau 20 Taler für „Weihnachtsausgaben“. Festlich sollte es schon zugehen, trotz des neugeborenen Mädchens im Haus und trotz der vielen Arbeit auf seinem Schreibtisch.

Heiligabend mit Goethe und Orangen
Die Bescherung am Heiligen Abend feierte man bei den Schumanns wie allenthalben üblich: unter dem Christbaum mit allerhand Geschenken und Geschichten, mit einem Mahl und Musik. Clara erhielt eine Goethe-Büste im Wert von einem Taler (da ihr Mann gerade wieder für den Dichterfürsten schwärmte) und eine neue Lampe im Wert von 10 Talern, was sie vielleicht doch ein wenig mehr freute. Die Kinder durften sich an Schokolade und Obst laben, sonderlich an 6 teuren Apfelsinen. Ein Christstollen nach Dresdner Originalrezept war auch gebacken worden, damit die Kinder diese liebgewonnene Spezialität nicht missen mussten. Und natürlich wurde musiziert: Die zehnjährige Tochter Marie spielte einige Sätze aus dem „Album für die Jugend“, das ihr Vater zwei Jahre zuvor in Dresden geschrieben hatte. Marie war das älteste Kind der Schumanns und die beste Pianistin unter allen Schwestern. Später wurde sie Assistentin ihrer Mutter an Dr. Hoch’s Konservatorium in Frankfurt und lebte als alte Frau mit ihrer Schwester Eugenie in Interlaken. Nach der begabten Tochter ließen sich Robert und Clara am Klavier hören. Nach den Feiertagen kamen Besucher vorbei, allen voran Wasielewski, der wieder einmal die schöne a-Moll-Violinsonate spielen wollte.

Hörtipps
Der New Yorker Geiger Giora Schmidt, der im März drei Konzerte mit Stipendiaten der Villa Musica geben wird, spielt Schumanns 1. Violinsonate, begleitet von Rohan de Silva, aufgezeichnet 2013 in New York.
Violinsonate

Der italienische Pianist Marco Tezza spielt im Teatro Olimpico Winterszeit I aus dem „Album für die Jugend“.
Winterszeit

Karl Böhmer, 2017