Hintergrund: Adventskalender 2017 - Vivaldis kältester Winter

Die große Kälte kam am letzten Festtag von Weihnachten: am 6. Januar 1709. Binnen Stunden froren alle großen Flüsse nördlich der Alpen zu: der Rhein, der Main, die Seine, die Rhone, und sie blieben für volle zwei Monate von einer dicken Eisschicht überzogen. Selbst die Küsten der Nordsee erstarrten in Eis, und auch die Venezianer erblickten ein noch nie da gewesenes Schauspiel: die Lagune war komplett von dickem Eis bedeckt. Begeistert kramten einige junge Leute ihre Schlittschuhe hervor, die ihre Väter in den Niederlanden besorgt hatten, und trauten sich aufs Eis. Einer ging mutig voran und zog ruhig und schön seine Bahnen. Die anderen folgten zaghaft, tastend, noch unsicher auf dem ungewohnten Untergrund. Dann aber schwärmten sie alle aufs Eis, fielen hin, rafften sich wieder auf. Ein besonders Verwegener meinte, weit hinauslaufen zu müssen, und brach – nach einer virtuosen Pirouette – im Eis ein.

An der Riva degli Schiavoni hatten schon die Maler ihre Zeichenblöcke gezückt, um all das festzuhalten, was man in Venedig sonst nie zu sehen bekam. Rasch eilten sie ins Atelier, um der erste zu sein, der das ungewohnte Spektakel in Ölfarben auf Leinwand festhielt. Mit dem Geigenbogen in der Hand machte auch Don Antonio Vivaldi seine Zeichnungen. Am Fenster seines Professorenzimmers im Ospedale della Pietà hatte er einen Logenplatz für das Eis-Spektakel, und kein Detail entging ihm. Er setzte die Geige an den Hals und fing an zu spielen: ruhige Bögen gleicher Sechzehntel im Dreiertakt, mit einem Schwung am Anfang, wie ein Eisläufer, der sich abstößt. Dann, so entwarf er im Geist sein Concerto, müssten die anderen hinzu kommen, im Streichorchester, dem “Tutti”. Der verwegene Solist aber würde sich immer mehr zutrauen, unter dem Applaus der anderen: schnelles Laufen, Pirouetten, wilde Sprünge, bis er am Ende mit einem Krachen im Eis einbrach – ganz so wie dort draußen, wo sich Vivaldi nie hingetraut hätte, wegen seines chronischen Asthmas. Schnell, unglaublich schnell, warf er die Noten seiner Improvisation aufs Notenpapier – natürlich in f-Moll, der Wintertonart.

Der rothaarige Priester mit der Hakennase und dem starken venezianischen Akzent galt mit seinen gerade mal 30 Jahren schon als der weitaus virtuoseste Geiger der Lagunenstadt – und das wollte etwas heißen. Seit vier Jahren unterrichtete er die Findlingsmädchen im Ospedale della Pietà auf Streichinstrumenten und im Orchesterspiel, wozu er eine Gattung perfektioniert hatte, die besser als jede andere geeignet war, den einheitlichen Bogenstrich im Tutti mit der Schönheit des solistischen Geigenklangs zu vereinen: das Violinkonzert oder auch “Concerto per Violine solo”.

Kaum war Don Antonio an jenem 6. Januar von der Epiphianas-Messe ins Ospedale zurückgekehrt, schon bestürmten ihn die Mädchen mit Bitten und Fragen: Ob er denn nicht Schlittschuhe besorgen könnte, er hätte doch so gute Verbindungen nach Amsterdam und nach Deutschland? Sie würden doch so gerne einmal selbst hinauslaufen aufs Eis. Die Nonnen rümpften dazu die Nase, doch Don Antonio nickte hinter ihrem Rücken seinen Mädchen zu. Dass sie sich nur dabei nicht verletzten, denn er bereite gerade ein besonders wichtiges Konzert vor, an dem sie alle teilnehmen müssten. Der König von Dänemark hatte zum Karneval seinen Besuch angekündigt. Ihm wollte Vivaldi mit einem besonders bildstarken neuen Werk aufwarten. Noch am selben Abend vollendete er den letzten Satz dieses Concerto. “L’inverno”, “der Winter” sollte es heißen, denn einen solchen Winter hatte Venedig noch nicht erlebt. Der Gast aus dem hohen Norden aber würde meinen, man habe nur ihm zu Ehren den Winter zum Thema eines Concerto gemacht.

Auf die Inspiration für die ersten beiden Sätze musste Vivaldi nicht lange warten: Immer wieder sah er in den nächsten Tagen die Venezianer, wie sie sich in den Gassen drängten und vergeblich auf eine Gondel warteten. Sie stampften mit den Füßen, um sich aufzuwärmen – der Anfang des Concerto. Da der Transport zu Wasser zum Erliegen kam, mussten sich alle zu Fuß durch die Stadt bewegen, unter den beißenden Attacken des Nordwinds – der erste Einsatz der Solovioline. Das Zähneklappern der Venezianer war eine wunderbare Vorlage für Vivaldis Tremolo mit den “klappernden” Dissonanzen. Eine solche Kälte waren die Veneziani weiß Gott nicht gewohnt. Die Pelzhändler hatten alle Hände voll zu tun, die Preise stiegen.

Plötzlich, im Februar, taute es, und starker Regen setzte ein. Alle waren erleichtert und schauten in ihren schlecht beheizten Stuben dem Regen zu, wie er an die Scheiben plätscherte. Dazu fiel dem rothaarigen Priester eine so schöne Melodie ein, wie er noch keine ersonnen hatte. Und die Begleitung setzte er aus lauter plätschernden Regentropfen zusammen. Doch dann, urplötzlich, zehn Tage später, kehrte die schreckliche Kälte zurück. Fern von Venedig, in der Terraferma bei Bergamo und Brescia, ließ er alles erfrieren, was die Menschen an Obst und Getreide im Laufe des Jahres hätten ernten können. Der Hunger und die Not waren die späten Nachzügler des härtesten Winters, den Europa bis dahin erlebt hatte. Ein genialer Venezianer hat ihn in Noten festgehalten – im Winter-Konzert der “Vier Jahreszeiten”.

Hörtipp
Vivaldis Winter-Konzert mit der Geigerin Julia Fischer und dem Kammerorchester des Bayerischen Rundfunks. Dessen Konzertmeister Radek Szulc hat ebenso bei Villa Musica gastiert wie Julia Fischer, hier in einer Aufzeichnung von br Klassik aus dem Nymphenburger Schloss mit winterlichen Bildern vom Park:
L’Inverno

Karl Böhmer, 2017