Archiv: Auf Zeitreise ins barocke Dresden

Was gäbe man manchmal darum, die Zeit zurückdrehen zu können! Wie wäre es zum Beispiel, als Musikliebhaber dem großen Johann Sebastian Bach zu begegnen? Oder einem seiner Söhne? Ohne Zeitmaschine, aber mit tollen Kostümen und einem Schmaus für alle Sinne lud das Barockfest in Schloss Engers jetzt zu einer solchen Zeitreise ein. Das Ziel war in diesem Jahr das barocke Dresden – inklusive einer Begegnung mit Wilhelm Friedemann Bach…

Wie war es damals wohl in Schloss Engers, so um das Jahr 1739? Die Frage lässt sich ganz leicht beantworten, ließ Kurfürst Johann Philipp von Walderdorff sein Sommerschloss doch erst 20 Jahre später erbauen. Aber abgesehen von dieser kleinen Mogelei mag es vielleicht genau so zugegangen sein wie am vergangenen Wochenende anno 2010: Musik, höfische Spiele, Tänze, Konzerte, Speis‘ und Trank, eine Greifvogelschau, ein Markt mit allerlei Kunsthandwerk und so manch aufwändig gewandeter Herr und schmucke Dame im barocken Kostüm, die sich verlustieren.

Alle zwei Jahre findet das Barockfest in Schloss Engers statt. Schon lange ist es kein lokaler Termin mehr, so dass man am Sonntag schmunzelnd jenen grün bewamsten Gast aus einem britischen Wohnmobil steigen sah, der seine Gemahlin im auslandenden Reifrock an der Kasse vorbei in den Schlosshof führte – als Besucher im historischen Gewand durfte er sich den Eintritt sparen.

Die fünf Euro Eintritt waren indes bestens angelegt. Denn hierfür bekam man sozusagen das Ticket für ebenjene Zeitreise, die einen ins Elbflorenz des Jahres 1739 führte: „Das barocke Dresden zu Gast am Rhein“ war das diesjährige Motto, das Ulrike Dittrich in der Person der Maria Josepha, Kurfürstin von Sachsen und Königin von Polen ausgerufen hatte. In aufwändigem Putz, einem maßgeschneiderten grünen Gewand und beeindruckend aufgetürmter Frisur schlüpfte sie in die Rolle der Monarchin und füllte sie nicht nur in der Spielszene „Das Geheimnis des grünen Gewölbes“ perfekt aus.

Das „Grüne Gewölbe“ in Dresden ist die historische Museumssammlung der ehemaligen Schatzkammer der Wettiner Fürsten von der Renaissance bis zum Klassizismus. Der Name der umfangreichsten Kleinodiensammlung Europas leitet sich von den malachitgrün gestrichenen Säulen im Pretiosensaal her, die heute allerdings mit Spiegeln ummantelt sind. Soviel zu den Fakten. Fiktional war hingegen jene Unterhaltung zwischen Maria Josepha, der Hofopern-Primadonna Faustina Bordoni-Hasse (gespielt von Julia Becker), dem italienischen Komponisten Nicola Porpora (Lothar Ackva) und Friedemann Bach (Dominik Bruchof): Dabei ging es mit allerlei Ränkespiel und giftigen Kommentaren zum ausschweifenden Leben bei Hofe um den Schlüssel zum „Grünen Gewölbe“ und eine Oper, in der die Fürstin von mediterranen Langfingern um ihre Reichtümer gebracht wird. Der anberaumte Komponistenwettstreit, den Porpora siegesgewiss mit einem maliziösen „Deutschland verliert gegen Italien immer!“ kommentierte, wurde jedoch verschoben…

Im vollen „Spielplan“ dieses Tages wäre hierfür auch kein Platz mehr gewesen: Hier gab es lustige Gaukelei mit dem Possenreißer Alexander Jemino, aparte Tanzvorführungen des Ensembles „Les Apricots“ unter der Leitung von Peter Hofmann und beeindruckende Vorführungen der Greifvogelstation Hellenthal mit ihren Bussarden und majestätischen Adlern.

Als Maitre de plaisier führte Thomas Häuser in der Rolle des Freiherrn von Eschenbach durch den Tag und bestieg in der Spielsezen „Allerley Freuden für seine Majestät“ gemeinsam Petra und Marius Cofflet sowie Julia Häuser als Ensemble „Venez-y-Voir“ die Bühne, schließlich stand der Besuch August III., Kurfürst von Sachsen und König von Polen bevor, für den es ein Theaterstück zu ersinnen galt. Unterhaltsam brachten die Mimen ihrem Publikum die Genres der Tragödie, der Komödie und des Schäferstücks nahe, bevor klar wurde, dass seine Majestät wohl doch nicht kommen würde.

Im Falle seiner Anreise hätte er sich wahrscheinlich ohne Umwege in den Saal der Diana begeben, denn Schloss Engers hatte an diesem Tag natürlich auch konzertante Einlagen zu bieten. Tröpfelte im zum „Dresdnischen Coffeehaus“ umfunktionierten Gartensaal die Musik von Johann David Heinichen noch leise aus den Lautsprechern einer Stereoanlage, konnte man ein Stockwerk höher Livemusik von höchster Qualität lauschen – wenn man denn einen Platz ergatterte. Vor interessiertem Publikum spielten Jed Wentz, einer der großen Virtuosen auf der Traversflöte und Michael Borgstede, Cembalist des bekannten Ensembles „Musica ad Rhenum“, in drei Konzerten Werke von Johann Sebastian Bach, seinem Sohn Wilhelm Friedemann und dem Dresdner Hofkomponisten Johann Adolf Hasse, Francois Couperin, Johann Joachim Quantz und Georg Philipp Telemann.

Dazwischen konnte man den Tag über immer mehr wunderbar kostümierte Herren und Damen bewundern, die mit Dreispitz und Degen, Reifrock und Schirm über den Schlosshof flanierten, um sich die schönen Dinge des Handwerkermarktes, die Kunst des Klöppelalteliers sowie des Porzellankabinetts anzuschauen oder in der „Feldbeckerey“ einen schmackhaften Fladen zu gönnen, während die kleinen Gäste sich barocke Perücken basteln oder sich als junge Höflinge eine vornehme Blässe schminken lassen konnten.

Keine Frage: Auch wenn es am Nachmittag ein paar Tropfen regnete, war die Stimmung im barocken Dresden an diesem Tag doch höfisch elegant und ausgelassen. Beste Unterhaltung gemischt mit von Lothar Ackva kurzweilig vorgetragener Information zum historischen Background des Tages ließen das Barockfest in Schloss Engers zum angekündigten Bankett für alle Sinne werden, denn es gab nicht nur viel zu schmecken und zu riechen, sondern vor allem zu hören und nicht zuletzt zu sehen.