Nachgefragt: Die Vorsitzende der Freunde: Barbara Harnischfeger im Gespräch

Auch nach ihrer Pensionierung ist Barbara Harnischfeger ganz Journalistin: Die langjährige Studioleiterin des SWR in Koblenz wirkt als erste Vorsitzende von Freunde der Villa Musica e.V. so jugendlich neugierig und betriebsam wie eh und je. Im Interview berichtet sie über ihre Beweggründe, die Landesstiftung bei deren Förderung des musikalischen Profi-Nachwuchses durch Kammermusiktraining zu unterstützen.

Frage: Mit welcher Motivation wurden die Freunde der Villa Musica ins Leben gerufen?

Barbara Harnischfeger: Gegründet hat die Freunde Ende 1997 der Vorstandsvorsitzende von Villa Musica, Staatssekretär Joachim Hofmann-Göttig. Er fand, dass die Villa Musica stärker in der Bevölkerung verankert werden muss. Die Stiftung ist elitär und will es auch sein – von der Qualität her und dem, was die Musiker leisten. Das soll aber für die Zuhörer keine Schwelle bedeuten, die den Zugang erschwert. Mit den Freunden sollte eine Akzeptanz in der Bevölkerung demonstriert werden.

Frage: Was war dabei Ihr Ansporn, sich zu engagieren?

Barbara Harnischfeger: Angefangen hat alles damit, dass der Staatssekretär mich als Berichterstatterin des SWR mit meiner Vorliebe für Kulturthemen kennengelernt hat. Schloss Engers, das bis 1995 renoviert und zur Kammermusikakademie der Villa Musica ausgebaut worden ist, liegt in meinem beruflichen Wirkungskreis. Hofmann-Göttig hat mich für den Gründungsvorstand von Freunde der Villa Musica geworben – zunächst als Zweite Vorsitzende und Zuständige für die Öffentlichkeitsarbeit. Ich war bis dahin noch nie in meinem Leben Mitglied eines Vereins gewesen, denn als Journalistin habe ich die Rolle der neutralen und kritischen Beobachterin und wollte mir meine Unabhängigkeit bewahren. Je älter ich werde, desto mehr habe ich das Gefühl, dass man sich nicht immer aus allem raushalten kann, sondern sich auch mal engagieren muss in der Gesellschaft. Und da Musik für mich schon seit Kindertagen das Größte ist und ich Musiker bewundere, ist die Villa Musica eines der schönsten Betätigungsfelder, die ich mir vorstellen kann.

Frage: Warum Kammermusik?

Barbara Harnischfeger: Das hat sich so ergeben. Ich bin eigentlich Opernfan, liebe das Lied und die menschliche Stimme ist für mich das schönste Instrument. Auch wenn ich mal Klavier gelernt habe: Meine Liebe zur instrumentalen Kammermusik ist überhaupt erst durch die Villa Musica entstanden. Bei den Konzerten in Schloss Engers ist der Funke übergesprungen. Wenn bei der Villa Musica erfahrene Meister zusammenwirken mit jungen, unverbrauchten Enthusiasten, dann ist nichts von der routinierten Langeweile zu spüren, wie ich sie vorher bei „eingefleischten“ Musikern erlebt habe. Heute ist für mich die Kammermusik wertvoller als viel Tamtam bei einem Orchesterkonzert. Und wenn ich in den „Kammern“ unserer schönen Burgen und Schlösser in Rheinland-Pfalz so nah dran sitzen darf an den Musikern, dann bin ich hochgespannt und elektrisiert, als dürfte ich selbst mitspielen.

Frage: Was tun denn die Freunde der Villa Musica?

Barbara Harnischfeger: Die Freunde sind zunächst die Botschafter der Villa Musica. Sie erzählen von der Qualität, die dort geboten wird und machen – ganz platt gesagt – einfach Reklame dafür. Die Freunde sind zudem eine Lobby für klassische Musik und für Hochleistung. Und das ist heute, in einer Zeit der oberflächlichen Event-Kultur, notwendig. Eingetragene Mitglieder haben wir derzeit 642. Jedes Mitglied zahlt 35 Euro im Jahr – das ist bewusst niedrig gehalten, um keine Barriere aufzubauen. Von den Mitgliedsbeiträgen unterstützen wir Stipendiaten, die bei uns anfragen. Von der Villa Musica bekommen sie ja das kammermusikalische Training in Kurs und Konzert, aber kein Geld.

Frage: Mit welchen Projekten engagieren sich die Freunde der Villa Musica aktuell?

Barbara Harnischfeger: Im Moment haben wir Geld zurückgelegt, um dem Bianco-Quartett eine CD-Aufnahme zu ermöglichen. Die jungen Streicher aus Hamburg und Berlin haben sich bei Kursen der Villa Musica gefunden und wollen zusammenbleiben. Eine CD ist die musikalische Visitenkarte, mit der sie sich bei Konzertveranstaltern vorstellen können. Außerdem zahlen wir regelmäßig die Hälfte der Versicherungssumme für Instrumente aus der Landessammlung, die sich Villa Musica-Stipendiaten durch erfolgreiches Probespiel als Leihgabe errungen haben. Eine Guarneri-Geige, wie sie Michael Hsu spielt, kostet 2.400,- Euro im Jahr an Versicherung. Wie soll das ein Student bezahlen, wenn er keine reichen Eltern hat? In den elf Jahren unseres Bestehens haben wir bislang insgesamt 110.000,- Euro aufgebracht.

Frage: Ihr Wirken bringt den Stipendiaten eindeutige Vorteile – was hat denn der einzelne Freund der Villa Musica darüber hinaus von einer Mitgliedschaft?

Barbara Harnischfeger: Er lernt Menschen kennen, die denselben Geschmack und dieselben Qualitätsmaßstäbe haben. Bei solchen Voraussetzungen bilden sich schnell gute Bekanntschaften. Die Freunde bekommen Kontakt zu den Musikern und zu den Machern der Villa Musica. Vorstand und künstlerische Leitung sind für die Freunde immer ansprechbar und schätzen deren Feedback. Für die Freunde gibt es mehrmals im Jahr eigene Veranstaltungen. Schon die Jahresversammlung im Frühjahr ist ein besonderes Erlebnis (schmunzelt) – allerdings nicht wegen des Rechenschaftsberichts, der ist vom Vereinsrecht vorgeschrieben; wir können ihn kurz halten, denn ich informiere übers Jahr die Freunde durch Briefe und im Internet: Die Mitgliederversammlung ist immer verbunden mit einem Dankeschön-Konzert von geförderten Stipendiaten und mit Besichtigungen. Wir tagen stets an einem kulturhistorisch interessanten Ort in Rheinland-Pfalz – dieses Jahr war es das Hambacher Schloss. Als ich den Vorsitz übernahm, habe ich im Jahreskreis ein Treffen vor Weihnachten hinzugefügt, damit unter den Freunden ein Zusammenhalt entsteht. Im Sommer biete ich, seit es RheinVokal gibt, eigene Begleitprogramme für die Freunde. Ja, und dann die Reisen: Die Idee, die Freunde könnten ein Ensemble auf einer Auslandstournee begleiten, kam von Villa Musica. Die erste Reise ging nach Plovdiv in Bulgarien und war wunderbar. Dann nahm uns Dr. Böhmer mit nach Graz in die Heimat von Nikolaus Harnoncourt zur Styriade. Wohin fahren wir nächstes Jahr, fragten die Freunde und der Erfolg brachte mich in Zugzwang. Mittelböhmen mit Prag, Berlin, Florenz und Rom. (lacht) Mittlerweile macht es echt Arbeit. Aber ich bringe es nicht übers Herz, die Programminhalte von einem Reisebüro aussuchen zu lassen. Denn ich spüre die Begeisterung und Dankbarkeit der Teilnehmer für eine ganz individuelle und handverlesene Programmgestaltung durch mich und die Villa Musica-Leute. Durch die speziellen Freundeskreis-Unternehmungen werden die Mitglieder zu einer eingeschworenen Gemeinschaft, die aber immer offen ist für Neues.

Frage: Als Freund der Villa Musica kann man auch viel lernen…

Barbara Harnischfeger: Ja, wer mehr weiß, hört mehr. Deshalb habe ich zusammen mit den Profis der Villa Musica das Segment „Musik verstehen“ entwickelt: die Reihe „Musik im Gespräch“. Es begann mit dem Komponisten Volker David Kirchner. Anfang 2010 werden wir einen Schumann-Studientag mit Dr. Karl Böhmer haben. Und auch die Konzerte von RheinVokal verbinden wir mit Künstlergesprächen wie jüngst mit der Sopranistin Juliane Banse und dem Liedpianisten Wolfram Rieger. Unterstützt werde ich bei der Organisation von Freundeskreis-Aktivitäten durch Kai Link, ohne den ich das überhaupt nicht hinkriegen würde. Er ist der Geschäftsführer des Vereins und er ist hauptamtlich Leiter der Kammermusikakademie Schloss Engers. Als solcher ist er das ideale Scharnier hinein in die Villa Musica. Inhaltlich ganz wichtig für die Freunde-Aktivitäten ist der Geschäftsführer von Villa Musica, der Musikwissenschaftler Karl Böhmer. Und Heidrun Miller von RheinVokal ist auch eine echte Freundin. Wenn wir vier uns am Rande eines Konzertes begegnen, entsteht meist schon wieder eine neue Idee, die dann ganz unbürokratisch und mit vereinten Kräften umgesetzt wird.

Frage: Was begeistert Sie an der Tätigkeit als Freundin – und für die Freunde der Villa Musica?

Barbara Harnischfeger: Ganz klar ist das immer wieder das positive Echo der Freundeskreis-Mitglieder. Es herrscht eine große Dankbarkeit und Freude über das, was ich auf die Beine stelle. Und es gibt ein gutes harmonisches Miteinander, auch im Vorstand. (schmunzelt) Dass ich der Motor bin, führt gelegentlich allerdings dazu, dass ich beim Konzert die Musik nicht so entspannt genießen kann wie ohne die Verantwortung als Gastgeberin. Ich möchte mich jedem Gast zuwenden und komme manchmal gar nicht rund, habe immer Sorge, jemanden zu übersehen. Die Begegnung mit den Menschen ist aber eine große Bereicherung für mich. Und was mir auch gefällt an meiner Arbeit als Freundeskreisvorsitzende: Ich habe Gelegenheit aufzutreten, zu reden, Interviews zu führen. Das ist fast so wie früher, als ich noch Fernsehen moderierte. Und das Beste: Ich habe für die Künstlergespräche eine halbe oder sogar eine Stunde Zeit. Beim Fernsehen oder im Radio ist meist nach drei Minuten Schluss. Ich gehe aber gerne in die Tiefe, ans Eingemachte, will etwas vom Wesen der Dinge erfahren.

Frage: Was war für Sie bislang das schönste oder interessanteste Erlebnis in Ihrer Arbeit als Vorsitzende der Freunde?

Barbara Harnischfeger: Dass der Pianist Martin Stadtfeld seinen Weg gemacht hat. Die Freunde haben ihm seine erste CD ermöglicht als er 18 war, lange bevor er mit den Goldberg-Variationen bei SONY Furore machte. Trotz seiner erfolgreichen Solokarriere ist er für die Freunde und für die Villa Musica immer ansprechbar. Und er erinnert sich dankbar an das, was ihm das Musizieren im Ensemble gegeben hat für seinen künstlerischen Reifeprozess. Zu den vielen schönen Erlebnissen, die ich den Freunden der Villa Musica ermöglichen konnte, gehört das Zusammentreffen mit dem Countertenor Andreas Scholl im ersten Jahr von RheinVokal 2005 in Bad Ems. Das Management von RheinVokal hatte sich nicht so richtig getraut bei ihm oder seiner Agentur anzufragen. Aber als ich vor dem Konzert in Bad Ems durch das Kurcafe ging, saß da Andreas Scholl ganz alleine und aß Kuchen. Ich sprach ihn an und er meinte, er wolle am Abend zwar noch in den Rheingau zu seinen Eltern fahren, aber für Villa Musica-Freunde bleibe er nach dem Konzert noch ein Stündchen. Ich hatte wieder einmal das erreicht was ich wollte. Wenn ich eine Aufgabe habe, kenne ich keine Hemmungen auf dem Weg, sie umzusetzen. Das gilt für meine journalistische Tätigkeit, das gilt für meine Führungsaufgabe beim SWR und das gilt auch für die Sache der Villa Musica.