Spielstätten-Portraits: Der Dianasaal in Schloss Engers

von Jan-Geert Wolff

Der schönste Rokokosaal am Rhein glänzt matt in Pastellfarben, denn die Patina von 255 Jahren liegt auf dem Stuck und den Fresken des Malers Januarius Zick. Gerade dies schätzen Besucher an dem Rokoko-Juwel mit Blick auf den Rhein besonders: das Authentische eines Orts der Musen, der nie zu Tode renoviert, nie bis ins Letzte herausgeputzt wurde, sondern lebt – durch und für die Musik.

Eines schönen Tages im Jahre 1759 beschloss Johann Philipp von Walderdorff, seines Zeichens Erzbischof von Trier und Kurfürst des Heiligen römischen Reiches deutscher Nation, im kleinen Örtchen Engers bei Neuwied zu bauen. Eigentlich hatte er seinen Hofarchitekten Johannes Seitz nur mit dem Umbau der Kunoburg beauftragt, einer trutzigen Zollburg am Rhein, doch dann erwachte im Kurfürsten der Ehrgeiz. Von der linken Rheinseite grüßte das prunkvolle Lustschloss seines Vorgängers Franz Georg von Schönborn herüber, “Schönbornslust” genannt, ein Meisterwerk des Balthasar Neumann. Nun sollte Neumanns Schüler Seitz beweisen, dass er auch für den neuen Kurfürsten Ähnliches bauen konnte. In nur drei Jahren entstand Schloss Engers, als klassische “Maison des plaisance” in einer Mischung aus Formen des fränkischen Spätbarock und des französischen Rokoko. 1762 wurde es eingeweiht und vom Kurfürsten für ganze sechs Jahre genutzt – bis zu seinem plötzlichen Tod 1768.

Die Lage war durch die reichen Jagdgründe an den Hängen des Westerwalds vorgegeben. Später erwies sie sich als Glück, denn während die Koblenzer Lustschlösser links des Rheins von den französischen Revolutionstruppen verwüstet wurden, blieb Engers unbehelligt und hat bis auf den heutigen Tag viel von seiner originalen Ausstattung und fast die gesamte historische Bausubstanz bewahren können.

So schlicht sich der Dreiflügelbau in seinen Fassaden gibt, so üppig ist schon die Kunst der schmiedeeisernen Gitter, die den Besucher empfangen und ihn unmissverständlich auf den Rang des Bauherren hinweisen. Heute sind es die Landesstiftung Villa Musica Rheinland-Pfalz und ihr gastronomischer Betrieb, das Hotel-Restaurant Schloss Engers, die Menschen von nah und fern hierher locken. Sie alle ziehen durch das Prunktor mit seinen Gittern ein ins weite Rund des Ehrenhofs, der sich fast unverändert erhalten hat. Auch die Rheinseite, die eigentliche Schauseite des Schlosses, wird durch alle Stockwerke von virtuosen Gitterornamenten verziert. Die Rocaille, das Markenzeichen des Rokoko, feiert hier fröhliche Urständ, wie auch in manchen Stuckdetails der Innenräume.

Hinter dem mächtigen Tor der Hofseite öffnet sich die klassische Hauptraumfolge eines spätbarocken Schlosses: Vestibül, Prunktreppe, Vorzimmer und Festsaal. Letzterer steht ganz im Zeichen der Jagd und des Weins: Die Jagdgöttin Diana hält an der Decke Hof, über ihr, fast schemenhaft, der Weingott Bacchus. Darunter malte der junge Januarius Zick, später ein weltbekannter Freskant, den sogar Goethe in Koblenz besuchte, eine Jagdgesellschaft aus Nymphen und Satyrn, Hunden und erlegtem Wild. In den Zwickeln des Gewölbes zieht sich ein Kranz kleinerer Fresken um das Rund des Saals, wobei die Grenze zum Stuck fließend bleibt. Ob das Schilf, das eine zarte Najade nur flüchtig bedeckt, noch Malerei ist oder schon Stuck, kann das Auge kaum erfassen. Ob der Meeresgott Neptun mit Dreizack und Pferdewagen schäumende Wogen aus Farbe oder Gips durchpflügt, bleibt angenehm in der Schwebe.

Auf der Wasserseite des Saals – dort, wo der Blick durch große Rundbogenfenster über den Rhein schweift – stellen die Zwickelfresken eine Wasser-Götter-Gesellschaft dar, Neptun und Thetis mit Tritonen und Najaden. Auf der Landseite gehen Pompona und andere Götinnen der Feldfrüchte und des Ackerbaus ihrer Arbeit nach. Das Auge des Betrachters wird durch einen geschwungenen Fries in Gelb und Weiß an dem Bilderzyklus entlanggeführt und wandert dann nach unten, zu den Wänden in Blassgrün mit ihrem üppig sprießenden Stuck und den fast wie Zeichnungen anmutenden kleinen Jagdszenen, die Zick bewusst monochrom ausführte, in zartem Rosa und Grün. Es war dies der letzte Schrei der Pariser Dekorateure, den der junge Maler von einer Studienreise aus der französischen Hauptstadt mitbrachte. In dem kleinen Engers machten Zick und seine Kollegen Stukkateure dem großen Paris Konkurrenz, so fein ist hier alles ausgeführt – ebenso im angrenzenden Rosenkabinett mit seinem bemalten Stuck “au porcellain”, im Stil von Porzellan.

Zu sehen gibt es also genug im Dianasaal, während vorne auf dem Podium Meisterwerke der Kammermusik in meisterlicher Interpretation erklingen. Nicht dass diese fesselnden Aufführungen viel Zeit zum Träumen ließen, doch bleibt es eine einzigartige Verbindung, jenes Schweifenlassen von Blick und Ohr in einem vollendeten Raumkunstwerk, das auch noch wundervoll klingt. Das Gewölbe ist aus Holz und vom Dachstuhl abgehängt, nach fränkischer Manier. Entsprechend resonant ist der Raum, eine große Schatztruhe der Musik. Wenn die Töne des großen Steinway-Flügels perlend den Raum füllen, wenn Streicher ihre satten Klänge unter dem Holzgewölbe üppig entfalten, dann entsteht ein Gesamtkunstwerk in des Wortes romantischster Bedeutung.

Seit 1995 veranstaltet Villa Musica hier Konzerte – nicht mehr unter dem Schutz der Jagdgöttin Diana und eines kurfürstlichen Mäzens, sondern dank der wohlwollenden Förderung der Landesregierung Rheinland-Pfalz, des Südwestrundfunks, der Sparkasse Neuwied und anderer Sponsoren. Denn anders als in kurfürstlichen Zeiten, als die erlesenen Genüsse dieses Saals nur wenigen Auserwählten zugänglich waren, kann den Dianasaal heute Jeder besuchen – in Führungen, bei Konzerten, bei den Trauungen des Standesamts Neuwied und vielen anderen Gelegenheiten. Wer mehr Zeit mitbringt, für den bietet das Hotel-Restaurant Schloss Engers viele Möglichkeiten zum fürstlichen Wohnen, Tafeln und Entspannen – nicht zuletzt bei den Konzertwochenenden der Villa Musica an Fastnacht und an Pfingsten.

Genauere Auskünfte zum Saal, zum Musikprogramm, zum Hotel-Restaurant erhält man auf der Homepage des Schlosses www.schloss-engers.de oder telefonisch an der Rezeption des Schlosses 02622 / 9264295.