Archiv: Ein Cello erzählt aus seinem Leben

Die weitgehend wahre Geschichte von Alexander Hülshoffs Cello
Ein Kinderstück mit Musik von Karl Böhmer nach einer Idee von Alexander Hülshoff

Cello Schauspielerin Ilona Schulz
Cellist Alexander Hülshoff

Uraufführung 2013, Villa Musica Mainz

Copyright: Villa Musica Rheinland-Pfalz

(Alex kommt auf die Bühne, holt das Cello aus dem Kasten, setzt sich und spielt ein Pizzicato auf einem Ton, langsam, lauter werdend, Ilona kommt aus dem Cellokasten, hinter dem sie sich versteckt hat, und hält ihr Ohr ans Cello.)

Na, was sagt ihr? Klinge ich nicht schön? Ich kann auch lauter … (crescendo).

Ich liebe es, wenn an mir rumgezupft wird, das tut richtig gut.
Sonst werde ich ja gestrichen. Wie sieht das denn aus? (Alex nimmt einen dicken Malerpinsel und streicht damit über die Saiten.) Nein, das klingt nicht mit so einem Pinsel. Ich werde mit einem Bogen gestrichen, seht ihr? (Alex nimmt den Bogen und hält ihn hoch.) Hört mal, wie schön das klingt! (er spielt den Anfang der 1. Bachsuite coll’arco)

Wunderschön, nicht wahr? Trotzdem musste ich mich erst dran gewöhnen, dass mir einer ständig mit dem Bogen über die Saiten streicht. Das kitzelt ganz schön. (Erzählerin schüttelt sich.)
Ihr könnt euch ja mal gegenseitig kitzeln, dann wisst ihr was ich meine. (Kinder kitzeln ihren Nachbarn).

Apropos Saiten: Die müssen ja auch draufgemacht werden. Das mag ich nicht, das ist so lästig wie Schuhe binden. Kennt Ihr das? Aber Ihr könnt ja auch nicht ohne Schuhe aus dem Haus – und ich nicht ohne Saiten.

Schaut mal, was ich so alles an mir habe: einen Bauch aus Holz (Alex klopft auf das Cello), Wirbel, einen Rücken, Schultern, fast wie bei Euch! Jedes Detail ist wichtig, sagte Maestro Giovanni, jede Kleinigkeit. Maestro Giovanni, das war der große Giovanni Grancino aus Milano, der hat mich gebaut. Maestro Grancino hat Italienisch gesprochen. Morgens, wenn er in die Werkstatt kam, begrüßte er mich: Alex: „Buon giorno, come stai? Hai dormito bene?“
Wir Musikinstrumente müssen ja keine Sprachen lernen, unsere Sprache versteht man auf der ganzen Welt. Das ist auch gut so, denn später musste ich fort aus Italien, nach Deutschland, nach Ungarn, ja sogar nach Argentinien. Wie hätte ich so viele Sprachen lernen sollen? Aber hier im Saal gibt es bestimmt ein paar Kinder, die noch eine andere Sprache sprechen außer deutsch. Wer von Euch kann denn Italienisch (spanisch, englisch)? Was heißt denn „Ich liebe Musik“ auf Italienisch (spanisch, englisch…)?

Nein, das mit den Sprachen ist nichts für mich. Wisst ihr, Noten sind überall die gleichen. Unsere Sprache sind die Melodien, und die versteht man auf der ganzen Welt.

Doch zurück nach Milano. Wisst Ihr wie es zugeht in so einer Werkstatt von Streichinstrumenten? Da wird gesägt, geschliffen, gehämmert, gestimmt (Alex improvisiert). Ich hatte ganz viele Geschwister, die kleinen waren die Geigen (Alex spielt hoch), die etwas größeren die Bratschen (spielt tiefer) und dann natürlich die vielen Celli (noch tiefer). Ihr könnt ganz deutlich am Klang hören,
welches Instrument es ist, denn je tiefer der Klang desto größer das
Streichinstrument. Aber am tiefsten klingen die Kontrabässe.
Die sind ganz groß und nehmen den meisten Platz in so einer Werkstatt ein.

Wisst Ihr, wie mein Spitzname ist? „Cello“. Strenggenommen heiße ich „Violoncello“. Das ist wie bei Sebastian und Basti, Violoncello und Cello. Wie heißt du? Michael und Michi … (Ilona fragt einige Kinder nach ihrem Namen und improvisiert dazu einen lustigen Spitznamen).
Jetzt hört mal, so ungefähr klang das in der Werkstatt:

PROKOFJEW: KLEINER MARSCH.

Wisst Ihr, wie alt ich bin? Ratet mal! (Kinder raten.) Also, ich sag’s euch: Ich bin 324 Jahre alt! Sieht man mir nicht an, oder? Wer kann rechnen? Wer weiß, in welchem Jahr ich gebaut wurde? (Kinder rechnen.) Wir haben das Jahr 2015, weniger 324…

Richtig, 1691. Ich wurde 1691 in Milano gebaut, also quasi geboren. Im selben Jahr kam ein berühmter Cellist, so heißt der Mann, der auf mir spielt, aus Rom nach Milano, den nannten sie nur „Giovannino“, der kleine Giovanni. Klein war er schon, aber auch ziemlich dick. Der hat ganz viele meiner Geschwister ausprobiert und am Ende mich. Ich habe ihm sofort gefallen, er hat gespielt und gespielt … und mich dann gekauft. So kam ich in die große Stadt Rom. Da lebt übrigens der berühmteste Mann der Welt. Wißt ihr, wie der heißt?
Genau, Papst. Aber dem Papst haben sie ja jetzt den Papsttitel weggenommen. Er hat von der Bibel abgeschrieben. Egal. Der Papst hat mir also zugehört und ganz viele Kardinäle, das sind die alten Männer im roten Kleid, die den Papst wählen. Der kleine dicke Giovannino war berühmt in der Stadt. Er hat ständig mit dem großen Corelli gespielt, dem Gott der Geige, wie die Römer sagten. Die Beiden haben auch wirklich himmlisch zusammen gespielt. Ihr berühmtestes Stück hieß „La Follia“, die Verrücktheit!

CORELLI: LA FOLLIA.

Findet Ihr, dass das verrückt klingt?
Dann ist etwas sehr Trauriges passiert: Der kleine dicke Giovanni ist gestorben, ganz plötzlich. Er war halt leider zu dick, hat zu viel Eis gegessen. Und dann hat mich niemand mehr gespielt. Der dicke Giovanni lebte im Palazzo eines Kardinals. Wisst Ihr wie groß so ein Palazzo ist? Riiiiiiiiiiiiesig. Der hat viele, viele Zimmer. Wenn man einmal ruft: „Hallo, hallo, hallo…“, kommt ein Echo zurück. Und in jedem Zimmer stehen Musikinstrumente. Da hat sich keiner mehr um mich geschert.

Ich stand einfach in einer Ecke rum, Jahre lang, neben so einem eingebildeten Cembalo. Das ist eine Art Klavier, aber nicht schwarz wie das hier (zeigt auf den Flügel), sondern mit viel Gold und Silber. Das war ganz schön arrogant, das Cembalo, dabei war es ständig verstimmt. Aber ich war auch verstimmt. Wenn jahrelang niemand mehr auf dir spielt, bist du einfach verstimmt. Und ich stand in der Ecke und war traurig. Bis eines Tages etwas Wunderbares passiert ist. Erst kam der Stimmer, das ist so einer, der zieht an den Saiten des Cembalos herum, bis sie stimmen. Mich hat er auch gestimmt. (Cellist zieht eine Saite hoch.) Da wusste ich: Jetzt kommt bald jemand, der uns Beide spielt. Und schon am selben Abend kam ein berühmter Kapellmeister aus Neapel, Scarlatti hieß der. Und mit ihm ein Cellist, der hieß „Francischello“. Also Franz oder besser: Franzl. Der berühmte Scarlatti nahm am Cembalo Platz und der Franzl nahm mich zwischen die Knie und begann zu spielen. Er hat gespielt wie ein Engel, ich habe davor noch nie so schön geklungen. Dabei hat der Franzl einen Trick angewendet, das habe ich sofort gemerkt: Er hat mit dem Daumen gespielt, in der Daumenlage. Ganz schön raffiniert. Schaut mal:

FRANCESCO ALBOREA

(Während ich spreche, spielt Alex evtl. nochmal ganz leise ein paar Takte aus dem vorhergehenden Stück bis Stichwort Neapel).
Alle waren ganz baff in Rom, dass man so spielen kann, auch der Kardinal. Er sagte dem Franzl, er hätte einen Wunsch frei. Da hat der Franzl gesagt, dass er mich gerne hätte, und der Kardinal hat mich dem Franzl geschenkt. So kam ich nach Neapel.

Ganz schön anstrengend, Neapel. Überall stinkt es nach Fisch, denn die Stadt liegt am Meer. Und sie liegt am Vesuv, das ist der große Vulkan, aus dem es ständig raucht. Ich hatte ganz schön Angst vor dem, aber der Franzl war ein so guter Mensch. Der hat mich beschützt und er hat so wunderschön auf mir gespielt ( Alex spielt nochmal bis Stichwort geduftet). Ich bekam einen Ehrenplatz in seinem Haus und habe sogar zugesehen, wenn er gegessen hat. Spaghetti. Die waren seine Lieblingsspeise. In Rom gibt es das beste Eis der Welt und in Neapel die besten Spaghetti. Leider dürfen wir Celli ja nichts essen. Aber die Nudeln haben immer so wunderbar geduftet!

In Italien geht es einem Cello gut: Da ist es schön warm, da friert man nicht, da regnet es wenig und man kann nicht nass werden. Wehe dem Cello, das über die Alpen muss, in den Norden. So ist es mir ergangen, leider. Die Söhne vom Franzl konnten mit mir nichts
anfangen, denn die haben Geige gespielt und der Franzl hatte plötzlich keine Zeit mehr mit mir zu spielen. Also haben sie mich verkauft, ausgerechnet an einen Deutschen. Da musste ich über die Alpen, mitten im Winter. Der viele Schnee, das Gewackele in der Kutsche. Mir wird jetzt noch ganz schlecht davon. Und dann holen sie dich aus der Kutsche und du frierst jämmerlich! Und plötzlich bist du in Berlin. Wer von Euch war schon mal in Berlin, Hand hoch. Heute ist Berlin eine schöne Stadt aber damals… Nur Soldaten, staubige Straßen und unfreundliche Menschen. Keine Sonne, kein Meer, kein Eis, keine Spaghetti. Die haben gar nicht kapiert, dass so ein Cello aus Italien friert bei dem Wetter. Da musste ich erst einmal kräftig niesen … ja niesen. Ich kann auch niesen. Ich kann zwar nicht sprechen, nicht essen und trinken aber niesen:

(Cello spielt einen Klang wie Niesen.)

Dann haben sie endlich verstanden, was mir fehlt. Erst haben sie den Arzt gerufen, der hat mich untersucht (holt ein Strethoskop heraus und hört das Cello ab). Dann haben sie mit einem Schal probiert (legt einen Schal ums Cello), dann mit einer Uniform (legt eine Uniform ums Cello), dann mit einem Hut (setzt ihm einen Dreispitz auf). Aber man kann doch ein Cello nicht anziehen wie einen Soldaten! Endlich hatte einer eine gute Idee: Wir bauen einen Kasten. Und so hatte ich endlich meine Ruhe, mir war warm und ich wurde nur rausgeholt, wenn man mich gespielt hat. (Ilona verschwindet kurz hinterm Kasten und kommt dann wieder hervor).

Mein neuer Besitzer war der Cellist des Königs. Habt Ihr schon mal einen echten König gesehen? Ganz schön fett, der König in Berlin. Der hat auch Cello gespielt. Einmal hat er mich zwischen die Knie genommen und auf mir gespielt, da hat er mich fast erdrückt, denn er war noch dicker als der dicke Giovanni! Gott sei Dank war mein Besitzer Franzose, der war viel schlanker und der Hofcellist seiner Majestät. Er hieß Duport (durch die Nase).

Monsieur Duport hat sehr gut gespielt, nicht so schön wie der Franzl, wenn ihr mich fragt. Halt wie ein Franzose, immer durch die Nase. Aber doch irgendwie schön. Dieses Stück hat er für mich geschrieben,
(durch die Nase) die Duport Etüde Nr. 8.

DUPORT ETÜDE NR. 8

Also in Berlin, da gibt es Buletten und Berliner und Currywurst. Schrecklich! Wisst Ihr, wie die Finger von einem Berliner riechen, wenn er Currywurst gegessen hat? Und das klebt dann alles an den Saiten! Ich wollte wieder zurück nach Italien, Pasta wird wenigstens mit der Gabel gegessen. Und tatsächlich: Ich durfte wieder zurück. Das war in der Zeit von Napoleon, den kennt ihr, oder nicht? Das war der kleine Kaiser, der immer die Hand in die Weste gesteckt hat und den Hut quer aufgesetzt. (Macht Napoleon nach.) Der kam nach Berlin, hat den Duport gehört und fand das Cello so schön, dass er es haben wollte. Einem Kaiser kann man nichts abschlagen, also wurde ich wieder mal verschenkt. Napoleon hatte einen kleinen Sohn, der war König von Rom, obwohl er erst zwei Jahre alt war. Ist einer von euch schon König? Naja, jedenfalls hat er seinem kleinen Sohn etliche Musikinstrumente nach Rom geschickt. Auch mich. Ich habe mich schon so auf Rom gefreut. Leider kamen wir nie dort an, denn die blöden französischen Soldaten haben einen Kasten in Bergamo vergessen: meinen Cellokasten und mich. Bergamo liegt ganz nahe bei Mailand, da wollte ich mal nachsehen, wie es Maestro Grancino geht. Aber so kam es nicht. Ein Cellist aus Bergamo hat mich entdeckt und seinem kleinen Sohn geschenkt, der gerade Cello gelernt hat. Der hieß Alfredo Piatti. „Alfred Platte“. Seine Musik klingt aber gar nicht platt:

PIATTI, CAPRICE

Erst ist der junge Piatti mit mir in Italien von Hochzeit zu Hochzeit gezogen (Alex spielt Hochzeitsmusik). Das war eine lustige Zeit. Dann wurde er berühmt und hat in ganz Europa gespielt, mit allen berühmten Komponisten.

Da war zum Beispiel der berühmte Herr Mendelssohn. Der kam woher? Aus Berlin! Der Arme. Aber der war lustig, nicht so ein Miesepeter wie die andern Berliner. Mendelssohn und Piatti haben sich wunderbar verstanden und viel zusammen musiziert, zum Beispiel ein „Lied ohne Worte“. Wisst Ihr, was das ist? Versucht es mal! Wer kann ein Lied ohne Worte singen? … (Ilona summt eine Melodie vor z.B. „Alle meine Entchen“ und die Kinder summen nach). Also, Ihr wisst ja: Wir Instrumente können keine Sprachen. Wenn wir Lieder singen, dann geht das immer nur ohne Worte.
Deshalb Lied ohne Worte:

MENDELSSOHN, LIED OHNE WORTE

Das war eine tolle Zeit: Immer auf Reisen, immer in den großen Städten der Welt, London, Paris, endlich auch Budapest. Wisst Ihr, wo das liegt? In Ungarn. Wart Ihr schon mal in Ungarn? Die Ungarn sind sehr feurig – so wie ihr Lieblingsessen: Gulasch! So ein richtiges Gulasch mit viel Paprika und Knödeln. Das ist wie Ungarische Tänze, wild und sehr würzig. Wenn ihr jetzt mal alle aufsteht, dann bringe ich Euch einen ungarischen Tanzschritt bei, den man direkt am Platz
tanzen kann. (Ilona studiert den Tanzschritt ein und die Kinder tanzen.)

BRAHMS, UNGARISCHER TANZ

Das war ein Ungarischer Tanz. Komponiert hat ihn Johannes Brahms, der kam zwar aus Hamburg, liebte aber ungarisches Essen und ungarische Musik. Deshalb hat er viel mit David Popper musiziert. Das war der berühmteste Cellist in Budapest und mein neuer Besitzer.

In Budapest war’s lustig, da wäre ich gerne geblieben. Aber dann kam es wieder ganz anders: Popper hatte mich einem seiner Schüler geschenkt, Robert Neumann. Und der nahm mich eines Tages mit
aufs Schiff. Gut, also Schiffe kannte ich schon, denn ich bin schon mal mit einem gereist, aber dieses Schiff war viel, viel größer und es fuhr viel, viel weiter. Wochen lang waren wir auf dem Meer unterwegs und an einem Abend sind wir in einen Sturm geraten. Das war so schrecklich und unheimlich, das könnt Ihr Euch nicht vorstellen. Ich war ja zum Glück in meinem Kasten drin aber ich konnte den Sturm genau hören. Das klang etwa so (Ilona macht Windgeräusche, Sturm, Blitz und Donner mit der Stimme nach). Nein das klang eigentlich noch viel unheimlicher und lauter, macht mal mit. Ihr macht den Wind und Ihr trommelt mit den Füssen auf dem Boden (Kinder machen Sturm nach). Das Schiff machte auch Geräusche, die mir Angst einjagten (Alex macht mit dem Cello knarzende Geräusche).
Dann kam noch dazu, dass mir durch den hohen Wellengang furchtbar schlecht wurde. Beinahe hätte ich in meinen Cellokasten gekotzt…Entschuldigung, das sagt man nicht, aber zum Glück können Musikinstrumente sich nicht übergeben. Irgendwann war der Sturm dann auch mal vorbei und wir gingen an Land.
Das war in Argentinien! Wo liegt Argentinien, wer weiß es? … Richtig, in Südamerika. Da kommt der Messi her, der Fußballspieler, und auch der Maradona. Und noch etwas kommt aus Argentinien: der Tango.

PIAZZOLLA, TANGOETÜDE

(Ilona tanzt zur Musik ein paar Tangoschritte mit)
Toll, so ein Tango gell? Ganz schön schwer zu tanzen. Und ein bisschen verrückt, wie die Argentinier halt so sind. Ein bisschen verrückt war auch Robert Neumann, der Herr Cellokünstler, mein neuer Besitzer. Er hat mich nämlich getauscht! Könnt Ihr Euch das vorstellen? Mir ist ja schon viel passiert. Ich wurde verkauft, verschenkt, vergessen – aber getauscht! Da kam so eine hübsche Cellistin, die ein französisches Cello hatte, das dem Herrn Neumann gut gefiel. Und sie wollte lieber ein italienisches haben. Also wurden wir getauscht.
Wir waren ganz schön sauer, das französische Cello und ich. Aber die junge Cellistin hat mich wieder mitgenommen nach Europa. Und wisst ihr wohin in Europa? Nach Wien. In die Stadt des Wiener Walzers.

STRAUSS, WALZER

(Ilona tanzt zur Musik ein paar Walzerschritte mit)
Wien war eine schöne Stadt: So viel Musik, und immer war ich mit dabei. Dann aber wurde meine Besitzerin krank und konnte selbst nicht mehr spielen. Ich hatte schon Angst, dass ich wieder frierend
in der Ecke stehen muss, aber nein. Sie hat mich verliehen – nicht verkauft, nicht verschenkt, nicht getauscht, sondern verliehen, an junge Musiker. Da wurde ich dann immer ein paar Jahre gespielt von verschiedenen jungen Leuten. Die haben alle schön gespielt, aber ständig verliehen zu werden, das ist nichts auf Dauer. Gott sei Dank kam Alex, der ist mein neuer Besitzer. Der macht keine halben Sachen, der hat mich gekauft. Endlich bin ich wieder in festen Händen, seit 17 Jahren. Das ist wie verheiratet sein. Der Alex spielt so schön, das macht richtig Spaß. Und ich komme auch immer noch ganz schön rum in der Welt: Heute Istanbul, morgen Amerika, dann wieder Deutschland, Amerika, Israel.

Was ich alles von der Welt sehe. Und im Flugzeug habe ich immer meinen eigenen Platz. Das glaubt ihr nicht? Doch, der Alex muss für mich immer ein eigenes Ticket kaufen. Da heiße ich dann „Mister Cello“ und der Stewart fragt mich, ob ich auch was trinken möchte und dann antwortet immer Alex für mich (Alex: „ Martini gerührt, aber 2x bitte“). Da bin ich dann unheimlich stolz, denn der Alex ist so cool. Nach der Landung freue mich auf den Moment, wo mich Alex aus dem Kasten holt und auf mir spielt.

Am schönsten ist es, wenn er Bach spielt. Die Suiten für Violoncello solo von Johann Sebastian Bach. Die sind fast so alt wie ich selbst.
Wenn Alex eines Tages nicht mehr auf mir spielt, wird sich wieder jemand in meinen Klang verlieben und mit mir musizieren, denn im Gegensatz zu den Menschen, wird meine Stimme niemals verstummen.

BACH SUITE (ein oder zwei Sätze)

(Ilona verschwindet wieder langsam hinter dem Kasten und bevor der letzte Ton verklingt wird es langsam dunkel im Raum). BLACK