Spielstätten-Portraits: Kurfürstliches Schloss Engers

von Karl Böhmer

Auch im Jahr 2017 ist es eine Reise wert: das ehemalige Kurtierische Jagdschloss Engers, direkt am Rheinufer bei Neuwied gelegen, heute Akademie der Kammermusik der Villa Musica. Im Juli 2017 erinnert sich die Kunstwelt an den Architekten des Schlosses, den bedeutendsten Schüler von Balthasar Neumann: Der Franke Johannes Seiz wurde vor 300 Jahren, am 10. Juli 1717 in Wiesentheid bei Würzburg geboren. Im Alter von 41 Jahren begann er mit dem Bau von Schloss Engers, das halb barocker Wasserpalast, halb Rokoko-Jagdschloss sein sollte. Seiz hat diese Aufgabe meisterlich gelöst, auch mithilfe kongenialer Dekorateure. Mehr dazu verrät der folgende Artikel von Karl Böhmer.

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Eine kurfürstliche Kutschfahrt anno 1758

Die Geschichte des Schlosses Engers beginnt mit einer kurfürstlichen Kutschfahrt Ende August 1758. Zweieinhalb Jahre nach seinem Regierungsantritt nutzte der neue Kurfürst Johann Philipp von Walderdorff einen Jagdausflug zur mittelalterlichen Zollburg Kunostein in Engers, um seinen Antrittsbesuch im benachbarten Amt Sayn zu machen. Der dortige Amtmann, Franz Georg Carl Freiherr Boos zu Waldeck Montfort, kam auf eine glänzende Idee, um seinen Serenissimus aufzuheitern: Er ließ küssende Paare an der ganzen Strecke von Engers nach Sayn Aufstellung nehmen:

„Als er (der Kurfürst) anno 1758 den 31. August zu Sayn bei dem Kammerherrn und nunmehrigen Obermarschallen von Boos zu Mittag speiste, und dieses das erstemale ware, daß er in das Amt Sayn gekommen, wovon der Frhr. von Boos Amtmann war, liese besagter Amtmann das gantze Ambt dergestalt paradiren, daß bis an die Engerser Gräntze jeder Mann seine Frau, und jeder junge Pursch sein Mädel im Arm halten muste, welche bey dem Vorbeyfahren des Kurfürsten laut Vivat rifften, und sich untereinander hertzlich küssten. Dieser so lustige Empfang erfreyete sehr den Kurfürsten. Die Tafel ware von 36 Couverts. Bei den Dessert, welches das Schloß Molsberg fürstellte, erschienen 12 der schönsten Mädel aus dem Amt, und um die Tafel gehend singeten sie ein auf dieses Fest anpassende Arie unter Bekleydung der vollständiger Hofmusique mit Paucken und Trompetten. Nach der Tafel ginge man im Garten spatzieren, hier wurde in der Allee getanzt, und Em.mus geruheten auch allda zu soupiren, und zuerst nach 11 Uhr nach Engers zu retourniren, auf den anderen Tag die gantze Gesellschaft zur Mittags-Tafel dahin selbsten zu invitiren.“

Dieser Bericht aus der „Trierischen Chronik“ beweist zum einen, dass der Kurfürst die alte Zollburg in Engers noch 1758 zur höfischen Repräsentation nutzte, nämlich zu einer formellen „Mittags-Tafel“ am Tag nach seinem Besuch in Sayn. Zugleich setzte Freiherr Boos zu Waldeck alles daran, den Kurfürsten enger an die rechtsrheinischen Ämter im Umkreis von Engers zu binden. Deshalb brachte er die hübschen Mädchen der Region ins Spiel, ihren Gesang, das Küssen der jungen Paare und eine Anspielung auf das Familienschloss der Walderdorffs in Molsberg im Westerwald in Form eines „Trionfo“, eines plastisch gestalteten Zuckergebäcks beim Dessert.

Die Eindrücke jenes heiteren Spätsommertages in Sayn zeigten Wirkung: Noch beim selben Jagdaufenthalt gab der Kurfürst Befehl, Burg Kunostein abreißen zu lassen und an ihre Stelle einen Schlossneubau zu setzen. Wie die Gemälde der kurfürstlichen Jagdgesellschaft von Heinrich Foelix in Schloss Molsberg beweisen, gehörte Boos zu Waldeck zu den prominentesten Personen der kurfürstlichen Jagdgesellschaft und kannte – wie sein Eminentissimus – den bedenklichen Zustand der Burg Kunostein. Die Anspielung auf den Schlossneubau in Molsberg war ein deutlicher Fingerzeig an den Kurfürsten, Gleiches nun auch in Engers zu wagen. Alle diese höfischen Anspielungen führten zur gewünschten Entscheidung:

„Nachdem nun Ihre Kurfürstliche Gnaden Johann Philipp von Walderdorff, Erzbischof von Trier, bei höchst dero Anwesenheit dahier in Kunostein Engers im 1758. Jahr auf der Feldhühnerjagd gnädigst befohlen, daß obengenanntes altes Schloß abzubrechen sei, auf dessen Platz ein ganz neues aufzubauen, welches denn auch in sechs Jahren mit großen Kosten und Zierlichkeiten vollendet, wie es heute steht.“ (Engerser Chronik)

Den schönen Mädchen der Region ließ der Kurfürst im Dianasaal des neuen Schlosses später ein Denkmal setzen: Januarius Zick malte die Gärtnerinnen, Schäferinnen und Najaden seiner Zwickelfresken offenbar als porträtechte Darstellungen von jungen Frauen aus der Umgebung.

Der Architekt Johannes Seiz

Für die Planung des neuen Schlosses Engers kam nur der kurtrierische Hofarchitekt Johannes Seiz in Frage. Der Meisterschüler Balthasar Neumanns war 1717 in Wiesentheid in Franken geboren worden (sein Geburtstag jährt sich am 10. Juli 2017 zum 300. Mal). Er verfügte über einschlägige Erfahrungen im Schlossbau, seit er seinem Lehrer 1738-40 beim Bau der Würzburger Residenz assistiert hatte. In Kurtrier hatte er dessen Bauprojekte betreut und zu Ende geführt: den Dikasterialbau in Ehrenbreitstein, Schloss Schönbornslust bei Kesselheim, die Kirche Sankt Paulin in Trier. Auch Kurfürst Walderdorff wollte und konnte auf den Hofarchitekten seines Vorgängers Franz Georg von Schönborn nicht verzichten, obwohl oder gerade weil er sich als Koadjutor mit dem mächtigen Schönborn alles andere als gut verstanden hatte. Neue Bauaufgaben warteten auf Seiz, die Walderdorff ganz im Sinne einer landesväterlichen Haltung definierte. Denn der neue Kurfürst stammte aus dem rheinischen Stiftsadel, also aus der Mitte des Hochstifts, nicht wie seine Vorgänger (und später auch sein Nachfolger) aus fremden Landen und mächtigen Familien des Reichs (Wittelsbach, Schönborn, Wettin). Deshalb ließ Walderdorff genau dort Schlösser bauen, wo man seine Fürsorge am meisten zu schätzen wusste: in den vernachlässigten Zonen seines Landes. In Trier beauftragte er Seiz mit dem Neubau des Kurfürstlichen Palais, in Wittlich an der Mosel und im rechtsrheinischen Engers mit Jagdschlössern – also jenseits vom Prunkschloss des Vorgängers auf der linken Rheinseite und vom modischen Koblenz.

Die Auseinandersetzung mit Schönbornslust spielte in die Planungen für Engers direkt und indirekt hinein – als Vorbild und zugleich als zu vermeidende Größe. Dem Prunkbau des ungeliebten Vorgängers wollte Walderdorff etwas Bescheideneres auf der rechten Rheinseite entgegensetzen, und zwar so, dass im Neubau sein eigener, erlesener Geschmack und zugleich seine landes-väterlichen Tugenden zum Ausdruck kamen. Dies war die Bauaufgabe.

Schon die erhaltenen ersten Pläne von Seiz belegen diese Stoßrichtung: Während sein Lehrer Neumann für Schönbornslust einen monumentalen, breiten Riegel ohne weit vorspringende Seitenrisalite vorsah, ist Engers eine klassische Dreiflügelanlage um einen Ehrenhof. Der Franke Seiz übertrug hier die Anlage der Schönbornschlösser seiner Heimat, insbesondere von Pommersfelden und Würzburg, auf die bescheidenen Ausmaße einer „Maison de plaisance“, wie sie die französischen Architekten des Rokoko definiert hatten (Jacques-François Blondel, De la distribution des Maisons de Plaisance, Bd. 1, Paris 1736, besonders der Grundriss Tafel 3, die Fassaden Tafel 4 und 5, die Schnitte Tafeln 7 und 8, S. 40-64).

Am Vergleich mit Schönbornlust wird der Unterschied der Ausmaße deutlich: Engers erhielt zwar ebenfalls zweieinhalb Geschosse, bekrönt von einem Mansardendach fränkischer Prägung, die Geschosshöhe war jedoch sehr viel niedriger. Auch sahen die ursprünglichen Planungen Neumanns für Schönbornslust viel üppigere Konzepte bis hin zur Dreigeschossigkeit vor. Engers umfasst zu beiden Seiten des fünfachsigen Mittelrisalits je drei Fensterachsen im Corps de logis und den Seitenrisaliten, woraus sich eine Fassade von 17 Fensterachsen ergibt. Schönbornslust hatte in der ausgeführten Form 21 Fensterachsen, in Neumanns Entwürfen sogar bis zu 25 Achsen. Das Stichbogenfenster ist in Engers die durchgängige Fensterform, auch im Mittelrisalit. Es fehlen die herrschaftlichen Rundbogenfenster Neumanns, ebenso Säulen, Doppelsäulen oder Pilaster. Der Fassadenschmuck beschränkt sich auf einfache Lisenen in den Risaliten, die Bekrönung der Fenster auf einfache Schlusssteine im Stichbogen, und zwar durchgängig.

Schon dadurch wirken die Mittelrisalite auf beiden Seiten des Schlosses Engers wesentlich bescheidener, als man sie sich aufgrund der Neumannschen Pläne für das 1794 zerstörte Schönbornslust vorstellen muss. Hervorgehoben sind die beiden Risalite in Engers nur noch durch ihre fünf Fensterachsen mit den abgeschrägten Ecken, durch das wesentlich größere Mezzanin und die großen Fenstertüren in Erdgeschoss und Beletage, durch die Balkone und die Wappenkartuschen vor dem eigenen Mansarddach.

Hofseitig wird die Mitte der Fassade lediglich durch einen schmalen, gemauerten Balkon über dem Mittelportal betont. Rheinseitig wird diese Anlage durch Varianten gesteigert: Der Mittelrisalit krönt nun eine Freitreppe zum Rhein hinunter. Der Balkon ist über drei Achsen ausgedehnt und mit einem prächtigen schmiedeeisernen Gitter verziert. Auch alle weiteren Fenster der Rheinseite sind als Fenstertüren ausgeführt und weisen schmiedeeiserne Gitter als Brüstungen auf. Dabei steigert sich der Schmuck der Gitter vom Erdgeschoss bis zur Beletage beträchtlich, um im Mezzanin wieder bescheidener zu werden. Die Seiten des Corps de logis sind nun anders gegliedert: jeweils zwei Achsen als Risalite außen, nicht hervortretend, dazu je vier Achsen bis zum Mittelrisalit. Durch das zusätzliche Kellergeschoss auf der Rheinseite wirken die zweieinhalb Geschosse darüber ähnlich überhöht und „schwebend“ wie der Mittelrisalit.

Die beiden Gesichter von Engers: Landschloss und Wasserpalast

Die feine Abstufung der beiden Fassaden macht bereits die Doppelgesichtigkeit von Schloss Engers deutlich: Auf der Rheinseite hat man es mit einem Wasserpalast zu tun, einem Gebäude von fast venezianischem Charme. Im Deutschland des 18. Jahrhunderts wurde sonst nirgends ein Schloss so nah an einem großen Fluss gebaut. Zum Ort Engers dagegen öffnet sich das Schloss als klassisches Landschloss in Dreiflügelanlage. Diesen Eindruck unterstreicht auf jeder Seite ein vorgelagertes Element: das Ehrenhofgitter und die Freitreppe.

Im Hof wollte der Kurfürst die Nähe zu seinen Untertanen auf der rechten Rheinseite unterstreichen, den Ort Engers gleichsam umarmen. Zudem bot die Versammlung der Jagdgesellschaft auf dem Ehrenhof den Schaulustigen der Region ein glänzendes Spektakel: vom Satteln der Pferde, die aus den seitlichen Stallgebäuden geführt wurden, über das Sammeln der Hunde, vom Polieren der Jagdbüchsen bis zum Ausritt des Kurfürsten und seiner Standesgenossen im Jagdkleid. Im höfischen Leben war die Jagd der unverzichtbare, repräsentative Mittelpunkt des Herbstes.
Dass Walderdorff gerade den Engersern dieses Schauspiel bot, und nicht nur den Untertanen in Kärlich oder Kesselheim, wo die Jagdschlösser der Vorgänger lagen, machte ihn bei den rechtsrheinischen Kurtrierern ebenso beliebt wie seine joviale Art, etwa das kräftige Essen und Trinken, bei dem oft genug sein Kellermeister an der kurfürstlichen Tafel Platz nehmen durfte.

Die Wasserseite des Schlosses bot den Zeitgenossen ein anderes Schauspiel: All denen, die auf dem Rhein vorbei fuhren, bot sich eine Art über dem Wasser schwebende Kulisse dar. Die Gäste des Kurfürsten dagegen, die vom Wasser her ankamen, durften schon die Anfahrt von Koblenz und Ehrenbreitstein mit der Strömung des Rheins als angenehmes Vergnügen empfinden. Die Wasserfahrt als „Plaisir“ des Barock und Rokoko war in vielen Schlössern nur auf Kanälen möglich, in Engers aber war es ein Strom, der den Kurfürsten und seine Gäste zum Schloss trug, was wiederum den Untertanen am Ufer ein höfisches Spektakel bot. Die Begrüßung durch den Hausherrn erfolgte auf der großen Freitreppe, gefolgt vom Entrée im Gartensaal mit seinen üppigen Blumendekorationen auf dunkelgrünem Grund. Da in Engers der Gartensaal nicht zum Park hinaus führte, sondern zum Rhein, musste er in seiner Dekoration den fehlenden Garten ersetzen.

Beim Weiterschreiten durch das Vestibül und die Prunktreppe wurde die Dekoration zunächst zurückhaltender, um dann im Dianasaal plötzlich in aller Pracht zu erstrahlen. Die Zwickel-Kartuschen von Januarius Zick wiesen die Besucher dann nochmals auf die zwei Naturen des Schlosses hin: rheinseitig durch Neptun, eine Najade und einen Triton mit Conca (Muschelhorn) sowie einen Fischer und ein Fischerpärchen; stadtseitig durch Pan mit einer Rinderherde und diverse Schäfer und Schäferinnen mit Hund und Schafen sowie durch einen Satyr. Die 57 Wandfiguren von Zick „en porcellain façon“ an den Wänden des Saals greifen diese Themen lose wieder auf, während das Deckenfresko die Jagdgöttin Diana und in der Höhe Bacchus als die Herren des Schlosses ausweist.

Zu beiden Seiten des Saals öffnete sich dann für die Besucher die „Enfilade“ ins Appartement des Kurfürsten: westlich in seine Prunkgemächer mit prachtvollen Parkettböden, Tapeten, Gemälden, Vergoldungen und entsprechendem Mobiliar, gekrönt vom Deckenstuck Michael Eytels; im Osten durch das Rosenkabinett zur Sakristei bis hin zur Schlosskapelle, die mit ihrem Stuckmarmor-Altar und dem Altarbild der Auferstehung Christi von Zick alle Erwartungen an die prunkvolle Privatkapelle eines Erzbischofs erfüllte.

Dieses „Dekorations-System“ von Schloss Engers wurde im Lauf von nur knapp zwei Jahren 1760 und 1761 vollendet. Dies macht eine Besonderheit des Schlosses aus: seine ungemeine Geschlossenheit im Stilistischen als Bau der frühen 1760er Jahre. Der Gang der Arbeiten, wie ihn die Akten belegen, zeigt, wie eilig es der Kurfürst mit der Vollendung seines landesväterlichen „Lustschlosses“ in Engers hatte.

Fieberhafte Arbeiten anno 1760

Die Grundsteinlegung des Schlosses erfolgte direkt nach dem Abriss der Burg Kunostein im Juni 1759. Bis Ende des Jahres war der Rohbau vollendet, wobei noch immer der massive Turm von Kunostein neben dem neuen Schloss stand. Er wurde erst im Frühjahr 1761 abgetragen, um Platz für das Hofgitter zu schaffen. Derweil war der Innenausbau schon weit vorangeschritten.

Aus den Akten geht hervor, dass 1760 fieberhaft an der Ausstattung gearbeitet wurde, obwohl es im selben Jahr noch zu einer völligen Umänderung der Pläne durch den Kurfürsten gekommen war: Das Treppenhaus musste verlegt und neu geplant werden, was Maurerarbeiten an vielen Wänden und Türen nach sich zog. Zwischen 15. Februar und 10. Oktober 1760 mussten in „denen drey stockwerken“ diverse Wände „außgeschlag und wiederumb ausgemauert“ werden. Im Juni 1760 wurden im Festsaal zwei Türen und zwei Nischen zugemauert, im Gartensaal zwei Türöffnungen geschlossen und drei neue Türen in die Wand gebrochen.

Diese Arbeiten kann man nur aus der neuen Lage des Treppenhauses erklären: Offenbar waren an der Eingangswand des Festsaals ursprünglich drei Türen zum Treppenhaus vorgesehen. Zwei von ihnen wurden nun zugemauert und durch große Wandfelder für Spiegel oder Gemälde ersetzt. Gleichzeitig wurde die Mitteltür erhöht – deutlich höher als die beiden seitlichen Zugänge zum Saal, wie man noch heute sehen kann. Erst mit diesen Veränderungen und dem Zumauern der Statuen-Nischen in den Ecken erhielt der Festsaal seine endgültige Form.

Nun erst konnte Seiz das Wandsystem entwerfen, und zwar schon im Hinblick auf die Malereien von Januarius Zick, der bereits im Mai mit dem Malen begonnen hatte. Am 8. Mai 1760 schloss der junge Maler aus München „im beysein des baumeisteren seiz“ den Vertrag über die „Mahlerey des blavons des Engerser saals mit 12 schildern“. Gemeint sind damit offenbar die 12 Zwickel-Kartuschen, wofür Zick bereits am 12. August bezahlt wurde. Vom großen Deckenfresko ist hier nicht die Rede. Vielleicht wurde er erst damit beauftragt, nachdem sich der Kurfürst von der Qualität der kleineren Fresken überzeugt hatte. Zunächst aber, nämlich schon am 24. Juli, erhielt Zick den Auftrag für die „ferners im Saal zu Engers auf gips in Porcellaine facon Meister und ohne tadelhaft zu mahlende 20 grose und 37 kleine Füllungen zusammen 57 stück.“ Auch diese Arbeit erledigte er im Lauf von nur zwei Monaten, wofür er schon am 29. September die vorgesehenen 500 Reichstaler erhielt. Faktisch malte er also pro Tag ein Motiv an die Wände des Saals, die damals zwar noch nicht stuckiert, aber schon abgeteilt waren, und zwar in jene 20 großen und 37 kleinen Felder, die Zick zu dekorieren hatte. Wann er das große Deckenfresko ausführte, ob schon im Juli oder erst im Oktober, geht aus den Quellen nicht hervor.

Nebenan im Kurfürstenappartement wurde mindestens so fieberhaft gearbeitet wie im Festsaal: Im Frühjahr 1760 beauftragte Seiz Vergolder aus Metz mit Arbeiten im „Retirade-Zimmer“ des Kurfürsten, also im Schlafzimmer. Am 14. Juli wurde der Schreiner Sühs für den „Ziehrboden“ im Audienzzimmer bezahlt. Am 16. Juli schloss Andreas Seiz einen Vertrag mit dem Zimmermann Homberger über die „im Engerser bau von seinem holtz zu Zeit 3 woch … zu verfertigende Treppe“. Offenbar wollte der Kurfürst schon im September sein Appartement in Engers beziehen.

Dazu passen auch die Daten der Schmiedearbeiten im Schloss. Ebenfalls 1760 lieferte der Schlosser Unterseher aus Ehrenbreitstein die schmiedeeisernen Balkon- und Fensterbrüstungen für die Rheinseite, während seine Tochter Anna Katharina den schmiedeeisernen Treppenlauf anfertigte. Da das Geländer der Brüstung oben an der Treppe beim Engerser Schlosser Peter Diemont (Demand) bestellt wurde, war offenbar höchste Eile geboten.

Die Lieferung von Spiegeln und Fenstern aus Frankfurt schloss diese erste Phase der Dekoration ab. Am 2. September 1760 bestellte die Hofkammer für den Festsaal „drei Paar verschieden große Spiegel“, deren Maße von Seiz angegeben wurden. Sie wurden von dem kurmainzischen Spiegelfabrikanten Lind aus Frankfurt per Schiff nach Engers geliefert, ebenso 100 Glasscheiben, die in acht Kisten verpackt waren. Damit war die Beletage vorläufig vollendet:

Im Herbst 1760 konnte der Kurfürst zum ersten Mal über die Treppe des Neuen Schlosses in den Festsaal schreiten, er konnte Zicks Fresken und die Arbeiten der Kunstschmiede und –schmiedin bewundern, er konnte auf kostbaren Parkettböden flanieren, wenn auch noch nicht unter Stuckdecken. Zum ersten Mal konnte er im Kurfürstlichen Appartement übernachten.

Stuckierung anno 1761

Der Hofstuckateur Michael Eytel kam erst Ende 1760 ins Spiel, wohl nach dem ersten Herbstbesuch des Kurfürsten. Dabei müssen Form und Umfang der Stuckierung diskutiert worden sein, besonders für die Schlosskapelle, die Sakristei und das davor liegende Rosenkabinett, die im Ostflügel neben dem Festsaal nun erst in Angriff genommen wurden. Dies geht daraus hervor, dass Eytel erst am 19. Dezember 1760 den Auftrag zum Stuckmarmor-Altar der Schlosskapelle erhielt, „ausgips-Marmel mit figuren und Vergoldung“. Im April 1761 wurde er mit der Stuckierung zweier Zimmer beauftragt, am 8. Mai 1761 mit der Dekoration der Schlosskapelle und des Speisesaals. Die Stuckaturen im Festsaal hat er wohl im gleichen Zeitraum geschaffen, also im Frühjahr und Sommer 1761 – rechtzeitig vor dem nächsten Herbstbesuch des Kurfürsten. Auf dessen Agenda stand nun die letzte Phase in der Vollendung des Schlosses: die Arbeiten am Prunkgitter des Hofes.

Hofgitter anno 1762

Ein Entwurf von Johannes Seiz aus dem Jahr 1761, der einen Wappenlöwen auf einem Portalpfeiler zeigt, war der erste Vorbote des prachtvollen Hofgitters, das in der ersten Jahreshälfte 1762 entstehen sollte. Kurfürst Johann Philipp wünschte sich dieses Hofgitter besonders prächtig, angelehnt an zwei prominente Vorbilder: das heute zerstörte Hofgitter der Würzburger Residenz und das Gitter in Schönbornslust, das mit vier Kavaliershäusern und etlichen Statuen verziert war. Ähnliches wollte Walderdorff nun auch für Engers haben, weshalb er die Entwürfe von Johannes Seiz in allen Details prüfte und „gnädigst“ genehmigte, bis hin zu den einzelnen „zu fertigenden Eisenstangen“. Das große Vorbild Würzburg wird im erwähnten Seizschen Entwurf für den Wappenlöwen greifbar: Er entspricht fast genau einem Wappenlöwen vom Würzburger Hofgitter, das Seiz 1738 hatte studieren können, als er auf die Baustelle der Würzburger Residenz kam.

Aktenkundig wurden die Arbeiten am Engerser Hofgitter erst am 9. Januar 1762, als der Engerser Schlosser Peter Diemont und sein Kollege aus Ehrenbreitstein den Auftrag für die Nebenstücke des Prunkportals erhielten. Schon am 20. Februar 1762 folgte der Auftrag für die Seitengitter an beide Schlosser. Das zentrale Prunkgitter des Portals durfte dagegen Michael Glauckert schaffen. „Die haustein pfailer zur Einfaßung des Hofs am schloß Engers“ waren am 15. Mai vollendet, so dass die Prunkgitter nun angebracht werden konnten. Das Hofgitter war in weniger als einem halben Jahr vollendet.

Skulpturenschmuck im Hof und auf der Rheinseite

Bekrönt wurde das Hofgitter ebenfalls 1762 von einem Zyklus 38 roter Sandsteinskulpturen, die im Vorjahr bei Joseph Feill in Auftrag gegeben worden waren. Sie gehörten zum prachtvollen Skulpturenschmuck am Außenbau des Schlosses, der sich seinerzeit wesentlich üppiger darstellte als heute. Was man heute davon noch sehen kann, sind die Wappenlöwen und Vasen am Prunkgitter des Hofportals sowie die Wappenkartuschen und Vasen auf den Brüstungen der beiden Mittelrisalite. Diese dekorativen Elemente gehörten ursprünglich zu einem Ensemble von mehr als 60 Rokoko-Skulpturen, die in ihrer Verspieltheit die französische Reserviertheit der Fassaden von Schloss Engers aufbrachen.

Der Besucher, der aus der Stadt Engers ins Schloss kam, wurde von einem Ensemble tanzender und musizierender Kinder sowie exotischer Büsten begrüßt. Sämtliche 30 Pfeiler des Hofgitters und die acht Pfeiler der beiden Wachpavillons hatte Joseph Feill mit Figuren zu bekrönen, beginnend mit den beiden Wappenlöwen am Portal des Hofes, die er nach den Entwürfen von Seiz fertigte. Darauf folgten die Vasen über den Nebenstücken des Prunkgitters, die man heute noch sehen kann. Auf die Pfeiler der Wachpavillons setzte Feill acht Kinderstatuen, die man heute im Erdgeschoss des Schlosses bewundern kann: drei kleine Musikanten mit Traversflöte und Dreispitz, Trommel und Bärenmütze und einer Schalmei, eine Tänzerin und einen Tänzer sowie drei Kinder im Jagdrock, einer davon mit Flinte und Jagdhorn. Die 24 Pfosten des einfachen Hofgitters wurden mit Büsten von Orientalen, Chinesen, Satyrn und Hofnarren bekrönt. Im verspielten Rokoko dieser Figuren und Büsten orientierte sich Feill an der Kunst seines Würzburger Lehrers Ferdinand Tietz im Schlosspark von Veitshöchheim.

Wer auf der Rheinseite mit seiner Yacht oder seinem Boot anlegte, um zum Schloss hinaufzusteigen, wurde auf der Freitreppe von Jägern, Jagdhunden und erlegtem Wild begrüßt. Reste dieser Skulpturen fand man im Zuge der Schlossrenovierung 1990 im Fundament der Mauer, die heute das Schloss von der Rheinpromenade trennt. Diese Mauer lag zu Walderdorffs Zeiten direkt am Rheinufer und wesentlich tiefer, denn die Freitreppe hatte zwei weitere Treppenläufe, die sich am Rheinufer in der Mitte trafen. So standen auf der Freitreppe insgesamt 24 Podeste für Figurenschmuck zur Verfügung, der heute gänzlich verloren ist. Auch die heute zur Hälfte im Boden eingegrabene Nische am unteren Absatz der Treppe war für eine Statue vorgesehen, offenbar für den Heiligen Nepomuk, der sich heute im Schlosskeller befindet.

Vollendung und Nutzung des Schlosses

Mit der Platzierung der Statuen auf dem Hofgitter und der Freitreppe war Schloss Engers 1762 faktisch vollendet. Im Innern scheint es noch manche Veränderung gegeben zu haben, etwa im Festsaal. 1760 hatte der Kurfürst bei dem Hofmaler Heinrich Foelix einen Porträtzyklus von sich selbst und seiner Jagd-Gesellschaft in Auftrag gegeben. Diese sechs lebensgroßen Portraits waren 1762 vollendet und kamen offenbar in den Festsaal, anstelle der Spiegel aus Frankfurt, die dort 1760 aufgehängt worden waren. (Ob dies tatsächlich so war, steht dahin und ist in den Quellen nirgends belegt.)

Über die Möblierung durch Abraham Roentgen und seine Werkstatt in Neuwied weiß man nur wenig. Die erhaltenen Stücke weisen in ihren verspielten Rokoko-Intarsien in die gleiche Richtung wie die Stuckaturen von Michael Eytel: Das Innere der Prunkräume war mit allerhand „Zierlichkeiten“ im Rokokostil geschmückt, also keineswegs so schlicht wie heute.

Das gesamte kostbare Ensemble seiner Räume konnte der Kurfürst nun jeden September bei der „Feldhuhnjagd“ für sich und seine Jagdfreunde nutzen, vor allem auch für üppige Tafelfreuden. Außerhalb der Jagdsaison konnte er das Schloss prominenten Besuchern vorführen, die gerne die Bequemlichkeit der Anreise auf dem Rhein nutzten. Zu ihnen gehörte Kurfürst Clemens August von Köln, der als Bauherr von Schloss Augustusburg und Schloss Falkenlust in Brühl die erlesene Gestaltung von Schloss Engers wohl zu schätzen wusste. Dass Kurfürst Walderdorff nur noch so wenige Jahre bis zu seinem Tod 1768 in den Genuss seines Schlosses kommen würde, war bei dessen Vollendung 1762 nicht abzusehen.

Sein Nachfolger Clemens Wenzeslaus von Sachsen scheint Schloss Engers als sommerliches Ausflugsziel weiterhin geschätzt zu haben, freilich nicht mehr als Jagdschloss. Die beherrschende Schwester des Kurfürsten, Kunigunde, Erzäbtissin von Essen, frönte ihrer Leidenschaft für die Jagd lieber in Schloss Kärlich, wie ihr Reiterporträt durch Heinrich Foelix beweist. Ihr Bruder ließ den dortigen Garten ab 1783 aufwändig umgestalten, er selbst war aber kein passionierter Jäger. So wurde Engers nur noch als „Wasserpalast“ genutzt, etwa 1771, als der Graf von der Leyen den Kurfürsten auf seiner Yacht zu einem Déjeuner nach Engers beförderte. Nach dem Bau der kurfürstlichen Prunkyachten durch Seiz 1772 und 1780 blieb Engers weiterhin ein dankbares Ziel, solange der neue Kurfürst noch in Ehrenbreitstein residierte. Denn der dortige Rheinhafen lag direkt neben dem Dikasterialbau, den Clemens Wenzeslaus als Ersatzresidenz für die baufällige Philippsburg nutzte.

Erst mit dem Neubau des Koblenzer Schlosses verlagerte sich das Interesse des Kurfürsten Clemens ganz nach Koblenz. Schloss Engers wurde für die Ausstattung des Koblenzer Schlosses förmlich geplündert. Den sommerlichen und frühherbstlichen Ausflug aufs „Land“ verbrachte Clemens Wenzeslaus nun wieder vollständig in Schönbornslust und Kärlich, was ihm von Seiten der Hofkammer schon bald Rügen wegen der immensen Kosten einbrachte. Gleiche Beschwerden sind unter seinem Vorgänger nicht überliefert. Der Hofstaat, den Johann Philipp mit nach Engers nahm, fiel schon allein wegen der Dimensionen des Schlosses bescheiden aus. So nahm Clemens Wenzeslaus stets die gesamte Hofkapelle von 40 Mann mit nach Schönbornslust, während über die Musik in Engers unter Walderdorff nur Weniges und Bescheidenes überliefert ist. Auch in dieser Hinsicht, was die Größe seiner Entourage betraf, zeigte sich Johann Philipp von Walderdorff in Engers durchaus als Landesvater.