Archiv: Casting ohne Show

Casting Shows haben Konjunktur: Landauf, landab werden Superstars gesucht, gefunden freilich selten. Anders in Schloss Engers: Dort versammeln sich alljährlich im Februar die besten jungen Kammermusiker Deutschlands, um vor einer gnadenlosen Jury den Härtetest zu bestehen. Markige Sprüche im Bohlen-Stil zählen hier nicht, allein die Qualität der Bewerber und das strenge Ohr der Juroren.

Im weitläufigen Treppenhaus von Schloss Engers herrscht eine interessante Melange aus Hektik und Entspannung: Einerseits schwirren einem aus den Einspielräumen musikalische Fetzen um die Ohren und es herrscht ein Kommen und Gehen junger Musiker; andererseits hat Gerda Schmitt, heute sozusagen Managerin und Empfangsdame in einer Person, alles im Griff: Sie weist den eintreffenden Bewerbern die Zimmer zu, informiert sie über ihren Auftritt vor der Jury, hat für die Anliegen der jungen Musiker stets ein offenes Ohr und sorgt last but not least auch für das leibliche Wohl der Gäste.

Die administrative Arbeit ist zuvor erledigt worden: Bis zum 1. Dezember 2009 konnten sich Interessenten um ein dreijähriges Stipendiat für ihr Instrument – in diesem Jahr Oboe, Horn, Fagott, Viola, Violoncello, Kontrabass und Harfe – bewerben. Einzige Voraussetzung: Man ist über 18 Jahre jung, nicht älter als 28 und befindet sich noch im Studium. Zeugnisse oder gar Empfehlungen sind nicht vonnöten: „Es zählt einzig und allein das Vorspiel.“ Wer es nicht schafft, kann es übrigens erneut versuchen, wenn sein Instrument wieder an die Reihe kommt. Bei der Bratsche beispielsweise suchte Villa Musica in diesem Jahr sechs bis sieben Nachrücker für die Stipendiaten, die jetzt ausscheiden.

Ausgeschrieben wurde das Vorspiel auf der eigenen Website; außerdem verschickt Villa Musica in jedem Herbst Plakate und Handzettel an alle deutschen Musikhochschulen, schaltet eine entsprechende Anzeige im Orchesterheft und spricht auch gezielt ihre Dozenten und Stipendiaten an, damit diese in ihrem Umfeld ein Auge auf vielleicht ja geeignete Kandidaten werfen. Die 22-jährige Esra Kerber beispielsweise wurde auf das Vorspiel durch einen Aushang an der Musikhochschule Mannheim, wo sie bei Franziska Dürr studiert, aufmerksam: „Und ich habe schon viel von Villa Musica gehört, dass hier gute Lehrer arbeiten und dass es das beste ist, was man als junger Musiker machen kann.“

Zugegebenermaßen: Immer wieder drängen sich einem die fehlenden Parallelen zu den telegenen Castings auf, in die man – natürlich rein zufällig… – hin und wieder reinzappt: Denn hier zählt nicht die große Klappe oder die (mehr oder meist weniger gekonnte) Selbstinszenierung. Und in der Jury sitzen auch keine Poptitanen, sondern Spezialisten ihres Fachs. Auch wenn das Probespiel für den Außenstehenden unspektakulär verläuft und man selbst als Musikliebender nur ein äußerst oberflächliches Urteil fällen könnte, so spitzen die Juroren – für die Viola sind dies der Künstlerische Leiter von Villa Musica, Prof. Klaus Arp, der Komponist Volker David Kirchner und Cello-Dozent Prof. Martin Ostertag – genau ihre Ohren.

Und haben doch letztendlich nur ein Kriterium. Denn dass die Kandidaten sämtlich richtig und sauber spielen, wird vorausgesetzt. Neben einem schönen Ton und intelligenten Phrasierungen zählt vor allem eines: „Es muss Musik gemacht werden“, bringt Arp es auf den Punkt. Bei der Arbeit von und mit Villa Musica geht es natürlich um die Kammermusik: „Der junge Künstler soll zuhören können und nicht nur für sich spielen.“ Kirchner betont: „Die musikalische Kommunikation muss stimmen.“

Hier kommt wortwörtlich Erika Leroux ins Spiel: Die Musikerin aus Wiesbaden ist Pianistin, Komponistin, Dirigentin und arbeitet mit Villa Musica während der Vorspiele seit langem als meisterhafte Korrepetitorin zusammen. Sie ist an diesem Tag die Klavierbegleitung und ersetzt den Part des Orchesters – selbstverständlich beidhändig, aber scheinbar vor allem „mit links“: Das Konzert für Viola von William Walton spielt Leroux mal eben vom Blatt und auch Stücke von George Enescu oder Paul Hindemith sind für die Künstlerin keine große Herausforderung.

Jeder Aspirant hat ein Pflicht- und ein Wahlstück zu präsentieren. Da die Juroren gegen die Komponisten und in puncto Bratsche „üblichen Verdächtigen“ Johann Stamitz und Anton Hoffmeister ein deutliches Veto eingelegt hatten, stand in diesem Jahr der erste Satz der Sonate für Arpeggione in a-moll, D 821 von Franz Schubert als Pflichtstück auf dem Programm. „Hier zeigt sich alles, was man kann und was man nicht kann“, weißt Leroux, die heute zum ersten Mal mit den jeweiligen Bewerbern spielt. Das übrigens, so sagen einige junge Musiker nach ihrem Vorspiel, sei für sie eine besondere Herausforderung gewesen. Doch diese stellt die Jury von Villa Musica natürlich bewusst, denn jetzt darf der Solist zeigen, wie schnell er sich auf sein Gegenüber einstellen kann.

„Wir unterbrechen zwischendurch – nicht böse sein“, kündigte Martin Ostertag vor dem ersten Ton an. Zwar winken die Juroren nicht nach zehn Takten ab – auch wenn sie bereits wissen, dass der Kandidat sie nicht überzeugen wird –, doch brauchen sie nicht den ganzen Schubert zu hören, um sich ein Bild vom Können der jeweiligen Bewerber zu machen. Das Wahlstück hingegen wird meist bis zum Ende goutiert. Immerhin stehen heute nicht weniger als 17 Bewerber und Bewerberinnen vor der Tür…

Während das Pflichtstück so gewählt ist, dass die Jury grundlegende Dinge erkennt, können die Kandidaten mit ihrem Wahlstück die Kür bewältigen. Doch Vorsicht: Ein schweres und außergewöhnliches Werk kann die Juroren zwar beeindrucken, doch muss letztendlich der Vortrag ebenbürtig sein. „Vielleicht soll es aber auch von eventuellen Schwächen im Pflichtstück ablenken oder der Proband setzt darauf, dass wir das Werk nicht so gut kennen.“ Die Jury von Villa Musica kann man also nicht austricksen – wohl aber überzeugen.

Eine, die es geschafft hat, ist Ulrike Jaeger – mit Schumann und dem ersten Satz der c-moll-Sonate von Edvard Grieg. Die 23-jährige Bratschistin studiert in Salzburg bei Thomas Riebl und wurde von einer Freundin, selbst Stipendiatin von Villa Musica, auf das Vorspiel aufmerksam gemacht. Ihr Treffen mit der Jury hat sie als „ziemlich entspannt“ erlebt und war „gar nicht aufgeregt“. Villa Musica kennt sie übrigens aus vielen Programmheften: „Da liest man oft in Biografien toller Musiker, dass die hier gespielt haben.“ Außerdem interessiert sie auch die Leihgabe wertvoller Instrumente aus der Sammlung des Landes Rheinland-Pfalz.

Von etwas weiter her kommt William Murray: Der gebürtige Australier studiert in Berlin bei Hans Joachim Greiner. Auch er hat das Probespiel erfolgreich absolviert und wird in den kommenden Monaten als Stipendiat von Villa Musica das eine oder andere Projekt miterleben und -gestalten. Interessant an seiner musikalischen Biografie ist nicht nur, dass er neben der Bratsche auch Geige studiert, sondern dass er in seiner australischen Heimat bereits in jungen Jahren – Murray ist Jahrgang 1985 – als Jazz-Pianist und Mitglied verschiedener Bands und Quartette Erfolge feiern konnte. Im Gespräch kommt er auch auf die Gemeinsamkeiten zwischen dem Spiel in einer Jazz-Combo und der Kammermusik zu sprechen. Auch hier sei die von Volker David Kirchner anfangs geforderte musikalische Kommunikation unerlässlich.

Der erste Tag des Vorspiels geht zu Ende. Von den 17 Bewerbern haben es sieben geschafft, zwei kommen auf die „Reservebank“ und können nachrücken, wenn es sich einer der Stipendiaten in spe doch anders überlegt. Am nächsten Tag wird sich die Jury 23 Cellisten, zwei Harfenspielerinnen und einer Kontrabassistin widmen. Tag drei gehört dann zwölf Oboen, zehn Fagotten und vier Hörnern. Sie alle bewerben sich um ein Stipendium von Villa Musica, das ihnen die Zusammenarbeit mit den besten Dozenten ihres Fachs ermöglicht, Auftritte an faszinierenden Konzertstätten bietet und sie auf ihrem Weg in die professionelle Musikerlaufbahn ein Stück weit begleitet.