Hintergrund: Six Kilda Melodies von David Graham

WERK DES MONATS AUGUST 2018

David P. Graham
Six Kilda Melodies
for Violoncello and Accordion

Settings of old Gaelic songs sung on the Island of Hirta in the St Kilda archipelago
Dedicated to Heidi Luosujärvi and Philip Graham

Uraufführung: 25.8.2018, Burg Trifels, Annweiler

Hintergrund

Wer es im Nordwesten Schottlands schon einmal bis zu den Hebriden geschafft hat, jener unwirtlichen Inselgruppe, die den jungen Felix Mendelssohn zu seiner gleichnamigen Konzertouvertüre inspirierte, der kann erahnen, wie mühsam der Weg zum Archipel St. Kilda sein mag. Diese Inselgruppe liegt noch 64 km jenseits der Äußersten Hebriden und weist auf der Hauptinsel Hirta die höchsten und gefährlichsten Klippen des United Kingdom auf. Bis 1930 wurden diese Klippen, die jungen Männer, die sie erklommen, und die jungen Frauen, die zuhause auf sie warteten, in zahlreichen Liedern besungen. Denn das St. Kilda Archipel wurde von Schafbauern bewohnt, die sich auch von den Klippenvögeln und deren Eiern ernährten. Als aber der Tourismus des späten 19. Jahrhunderts und die militärischen Auswirkungen des Ersten Weltkriegs die Isolation der Inselbewohner aufbrachen, verließen die jungen Männer scharenweise den Archipel. Der völlige Mangel an gesundheitlicher Versorgung führte schließlich dazu, dass die Einwohner 1930 um Evakuierung baten. Seitdem gehören die Inseln dem Militär und den Vögeln. Der englische Komponist David P. Graham hat ihnen mit seinen Six Kilda Melodies für Violoncello und Akkordeon ein liebevolles Denkmal gesetzt. Gewidmet hat er diese Stücke seinem Sohn Philip und dessen Duopartnerin Heidi Luosujärvi. In der letzten Trifelsserenade des Sommers 2018 erklangen sie zum ersten Mal, stürmisch gefeiert vom voll besetzten Festsaal der Burg. Es war sicher eine der stimmungsvollsten Uraufführungen, die jemals bei Villa Musica stattgefunden haben.

Einführung des Komponisten

St. Kilda
Jenseits der Hebriden, der westlichste Punkt des Vereinigten Königreichs und ein magischer Ort, wo von der Steinzeit bis 1930 Menschen lebten, die Vögel und Eier von den gefährlichen Klippen sammelten, Schafe züchteten und den Kampf mit den Elementen aufnahmen. Viel Zeit zum Singen also.

I. Òran na h-inghinn
Das Lied einer jungen Frau, die man gezwungen hatte, St. Kilda zu verlassen, um auf der Isle of Lewis einen Fremden zu heiraten. Ohne Unterlass schmachtet sie nach ihrer Heimat und ihrem Liebsten dort.

II. Cas na caora Hiortaich, ò!
Ein puirt-a-beul song, ein gesungenes Tanzlied, das auf humorvolle Weise die positiven Eigenschaften der einheimischen Schafe von St. Kilda preist: leichtfüßig, freundlich, ihre Lämmer schützend und gute Wolle gebend.

III. Gur Ann Thall ann an Sòdaigh
Beim Klettern auf den Klippen und Aufstellen von Vogelfallen auf der Nachbarinsel Soay ist ein junger Mann aus Hirta ausgerutscht und zu Tode gestürzt. Seine Familie schaut hilflos zu: Seine Witwe
beschreibt die Szene und beklagt ihr Leben, das sie nun ohne den führen muss, der für sie sorgte. Die Vögel, die ihr gehören sollten, schreien hoch am Himmel, und Engel nehmen ihre Eier weg.

IV. D’ dhà Shùil Bheag Bhiolach
Alle Dörfler befinden sich oben, im hohen Gras der Hügel, bis auf eine Frau mit ihrem Baby. Ihr gruseliges Wiegenlied vergleicht das Kind mit einem kleinen Vogel, der in einem Loch in der Felswand sitzt und mit seinen Knopfaugen schlaflos zurückstarrt.

V. Iorram suirghe
Dieses Ruderlied (Iorram) ist ein Hymnus auf den Frühling, die junge Liebe, das klare Wasser und die Rückkehr der Vögel auf die Inseln. Es wurde bereits 1865 von einem Musikforscher aufgezeichnet, und zwar so, wie es die damals schon hochbetagte Oighrig (Effie) MacCrimmon sang. Sie reklamierte das Lied für ihre Eltern, die es als Liebesduett vor ihrer Heirat gemeinsam komponiert haben sollen.

VI. Òigear a’ chùil duinn
Das Lied schildert, wie ein braunhaariger junger Adliger aus Islay im 19. Jahrhundert nach St. Kilda kommt und wie sich ein Inselmädchen Hals über Kopf in ihn verliebt, während sie allen Kilda Boys einen Korb gibt.“ (David P. Graham)

Der Komponist

David Paul Graham wurde 1951 in Stratford-upon-Avon (UK) geboren, studierte an der Reading University und bei Hans Werner Henze in Köln. Drei Jahre war er in Henzes Projekt im italienischen Montepulciano beschäftigt, wo er an der Musikschule arbeitete und deren Beitrag zum Festival vorbereitete. Dort gründete er eine Kompositionsklasse für Kinder, die Tre Opere per Burattini (Drei Puppenopern) schuf, geschrieben und aufgeführt von jungen Laien. Das Projekt wurde zum Modell.
Seine Werke wurden in Europa und Lateinamerika aufgeführt. Er schrieb Liederzyklen (Texte von Hans-Ulrich Treichel, Richard Nöbel, Rose Ausländer, Bert Brecht); größere Werke waren beim Almeida Festival, der Münchener Biennale, dem Columbus Festival (Udine), dem Steirischen Herbst und in vielen Städten Nordrhein-Westfalens zu hören. Er komponierte Musik für Hörspiele, Film-Musik für Volker Schlöndorff und Bill Douglas und arbeitet an Musik-Videos mit Harald Klemm (Dolly, ein 20-minütiger Kommentar zur genetischen Manipulation). Das Musiktheater “Die Mädchen von Theresienstadt” entstand für Thomas Neuhoff und den Jugendchor der ev. Lukaskirche Bonn (Februar 2010). Seine didaktische Arbeit mit jungen Leuten ist auch international bekannt. 1996 führte das Projekt Lighting the Candle die Tate Gallery, das Orchestra of St. John’s Smith Square und das National Youth Music Theatre zusammen, um ein Bühnenstück aufzuführen, das von sieben Schülern einer Londoner Schule geschrieben worden war. Graham arbeitet regelmäßig an der Musikschule in Düsseldorf, war häufig Composer in residence bei Universitäts-Projekten (Spanien, Berlin) und sieben Jahre lang an der Organisation eines Festivals für Neue Musik in Kuba beteiligt.