Archiv: Lausbub Haydn

Ein Kinderstück von Karl Böhmer mit Musik von Joseph Haydn
Für Kinder ab 5 Jahren und Erwachsene

Schauspieler (Joseph Haydn)
Musiker (Violine)
Musiker (Klavier)

Uraufgeführt im Januar 2018 in der Villa Musica Mainz

Copyright: Villa Musica Rheinland-Pfalz

Joseph Haydn (kommt herein, sehr steif, in Rock und Perücke): Grüß Gott, liebe Kinder!
Habe die Ehre (verneigt sich altertümlich)!

Ich heiße Joseph Haydn und bin von Beruf „Compositeur“. So heißt das bei uns in Österreich. Ihr würdet sagen: „Komponist“. Komisches Wort, klingt fast wie „Kompost“ oder „Kompott“. Also ein Komponist kocht kein Kompott, sondern er tut was? …

Richtig: Er schreibt Musikstücke. Und dazu schreibt er Noten auf ein Blatt Papier. Ganz viele Noten auf ganz viele Blätter, so wie dieses hier (hält ein Notenblatt hoch). Ganz früh heute habe ich schon was draufgeschrieben. Ich bin nämlich ein Frühaufsteher. Bei uns daheim, in Rohrau in Österreich, da stehen die Bauern immer mit der Sonne auf, auch die Kinder, jeden Tag! Heute um sechs Uhr. Wann seid Ihr denn heute aufgestanden? ….

Und Eure Eltern? …

Aha, und dann geht ihr gleich ins Bad, richtig? Ich auch. Ich lege sehr viel Wert auf Reinlichkeit. Ich wasche mich, setze meine Perücke auf, lege meinen Rock an, meine Schuhe, und dann erst gehe ich an die Arbeit. Ich brauche zum Ankleiden fast eine Stunde, und ihr? …

Komisch, Eure Väter tragen gar keine Perücken, dass scheint aus der Mode gekommen zu sein. Meine Eltern haben mich schon in der zartesten Jugend an Reinlichkeit und Ordnung gewöhnt. Ist das bei euch auch so zuhause? Wer macht da denn sauber? …

Besonders meine Mutter war sehr streng. Sie war Köchin im Schloss bei unserem Grafen. Da musste alles blitzsauber sein, wie bei uns zuhause. Schon als Kind war es mir unangenehm, wenn ich einen Fleck auf meinem Hemd hatte. Kennt Ihr das auch. Man isst Marmelade, und … ein Fleck! Damals gab es ja keine Waschmaschine, wie bei euch heute. Und ich hatte nur ein einziges Hemd, wir waren nämlich arme Leut. Da musste ich sehr aufpassen, dass nichts drauf kam, sonst wurde die Mutter unleidlich. Meine Mamà hielt sehr auf Reinlichkeit, Fleiß und Ordnung. Ihr seid doch sicher auch sehr fleißig und tut alles, was Eure Mutter sagt? …

Und Euer Vater? …

Mein Vater war ein herzensguter Mensch. Er sang so gerne, und ich habe ihn immer begleitet, erst auf einem Holz, auf dem ich immer so entlang gestrichen bin, als wäre es eine Geige. (Singt „Gott erhalte Franz, den Kaiser“ und streicht dazu auf einem Holzstab.) Später habe ich dann eine echte Geige gespielt und mit meiner schönen Sopranstimme gesungen. Aber davon später.

Erst muss ich euch meinen Ring zeigen (zeigt seinen Ring her). Habt Ihr auch so einen schönen Ring am Finger? Nein? Aber Eure Eltern haben einen Ring. Wisst ihr warum? …

Richtig: Weil sie verheiratet sind. Sie tragen einen Ehering. Ich bin auch verheiratet – leider. Meine Frau ist eine Schreckschraube. Und obendrein eine Verschwenderin. Die schmeißt mein Geld mit beiden Händen zum Fenster aussi, so schnell kann ich gar nicht komponieren. Ich habe 104 Sinfonien geschrieben, und noch immer reicht das Geld nicht. Deshalb trage ich meinen Ehering schon lange nicht mehr. Ich musste ihn hergeben für die Schulden meiner Frau. Aber den Ring hier würde ich nie hergeben. Den hat mir der König von Preußen geschenkt. Ohne den fällt mir einfach nichts ein. Ich sitze da, ich drehe am Ring, und sofort kommt mir eine Idee. Es ist so anstrengend, wenn man vor einem leeren Blatt Papier sitzt, und es fällt einem nichts ein, findet ihr nicht. Das kennt ihr bestimmt von Euern Schulaufgaben. Aber nein: Ihr sitzt ja vor diesen Dingern, den Computern. Damit hätte ich nie was schreiben können. Pfui Teufel!

Benutzt ihr das überhaupt noch, Notenpapier? Also ich jeden Tag. Auf diesem Papier hier steht ein wunderschönes Andante. Das ist mir gleich heut früh eingefallen, um sechs Uhr. Wisst Ihr, was das Ist, ein Andante? Das kommt von dem italienischen Wort „Andare“, „Gehen“. Also zu einem Andante kann man gehen, oder auch schlendern. Wie zu dem hier. Hört mal. (Pfeift das Thema aus der Paukenschlag-Sinfonie und geht dabei auf und ab.)
Schön, nicht? Ach, ihr habt die Melodie gar nicht richtig gehört? Besser, wir lassen sie uns vorspielen. Ich habe zwei Freunde von mir mitgebracht, die werden uns Musik machen. Herein mit euch.

Darf ich sie Euch vorstellen? Der A an der Violine und der B am Klavier. Die sind echte Virtuosen. Die spielen uns jetzt das Andante, und wir gehen dazu auf und ab. „Andante“, gehen, nicht rennen, Kinder. Immer mit Maß. Und immer brav im Takt der Musik:

NB 1: Andante-Thema aus der Sinfonie Nr. 94, ohne „Paukenschlag“ mit Gehen der Kinder

Ein schönes Andante, nicht wahr? Aber irgendwas fehlt, findet ihr nicht? Es ist so fad. Also wenn ich da im Konzert spiele, schlafen die die Männer im Publikum ganz bestimmt ein. Schläft Euer Vater auch manchmal vor dem Fernseher ein? …

Unsere Väter in Österreich tun das besonders gerne im Konzert. Vorher schlagen sie sich den Bauch voll. Sie essen und trinken, was das Zeug hält: Wiener Schnitzel und Kaiserschmarrn, Torte und Mehlspeisen, alles nacheinander, und dann trinken sie Wein und Schnaps dazu. Und am Ende werden sie so müde, dass sie sofort einschlafen, wenn leise Musik kommt. Wie mein Andante. Und dann fangen sie auch noch an zu schnarchen!

NB 2: Andante-Variation aus der Sinfonie Nr. 94 mit Einschlaf-Pantomime, aber noch ohne Paukenschlag

Ihr kennt das doch bestimmt auch, Kinder: Euer Vater schläft, aber ihr wollt unbedingt mit ihm spielen. Was macht Ihr denn da, um ihn zu aufwecken? …

Aha, interessant. Also das kann man im Konzert alles nicht machen. Ich habe aber eine andere Idee. Ihr müsst mir alle helfen, auch die Erwachsenen, bitte. Wir erschrecken den Schnarcher mit einem Stampfer. Mitten im Andante, wenn es ganz leise wird, müsst ihr alle ganz laut mit den Füßen aufstampfen, im Sitzen oder im Hüpfen. So (macht es vor). Wir probieren das jetzt mal. Aufgepasst, ich gebe euch das Zeichen. Nicht zu früh stampfen!

NB 3: Andante-Thema aus der Sinfonie Nr. 94, mit Stampfer statt Paukenschlag

Sehr gut, fantastisch. Wollen wir mal sehen, ob das den Schnarcher aufweckt. Passt auf. Unser Geiger gibt euch den Einsatz, dann wieder alle fest aufstampfen:

NB 4: Andante-Thema aus der Sinfonie Nr. 94, ohne „Paukenschlag“ (mit Stampfer statt Paukenschlag und Aufwach-Pantomime).

Großartig, das wird eine wunderbare Sinfonie, und alle Väter werden sich fürchterlich erschrecken. Da wird man wieder sagen: „Der Haydn ist unverschämt. Uns so zu erschrecken!“ Aber die Frauen lachen sich krank, und meine Sinfonie wird weltberühmt: die „Sinfonie mit dem Aufstampfer“.

Geiger: Aber, Maestro, wie klingt denn das? „Die Sinfonie mit dem Aufstampfer“. Und wer soll im Orchester bitte stampfen? Wir müssen doch geigen!

Haydn: Richtig, die Musiker müssen ja spielen. Also wie machen wir das jetzt?

Geiger: Mit der Pauke!

Haydn: Natürlich, mit der Pauke. Der Pauker hat sowieso nie was zum tun. Der wird sich freuen. Also der soll richtig auf die Pauke hauen. Aber wie können wir das hier probieren? Wir haben ja keine Pauke. Da fällt mir was ein, Kinder. Als ich so alt war wie ihr, habe ich mir eine Pauke selber gebaut. Das ist eine schöne Geschichte, die muss ich Euch erzählen.

Bei uns am Land, in Rohrau in Niederösterreich, gibt es viele Prozessionen. Wisst Ihr, was das ist, eine Prozession? Also, der Pfarrer geht voran, und das Dorf hinterher, alle fein herausgeputzt, und die Messdiener, und der Weihrauch. Alle beten und singen, mit Pauken und Trompeten. Nun war aber der Paukenspieler krank geworden, und der Pfarrer wusste, dass ich sehr musikalisch bin. Also hat er gesagt: „Sepperl“ In Österreich sagt man zu einem Buben, der Joseph heißt, Sepperl. „Sepperl, du schlägst die Pauke!“ „Nun gut, Herr Pfarrer, hohe Ehre. Aber wir haben keine Pauke zuhause, worauf soll ich denn üben?“ „Lass Dir was einfallen, Sepperl. Du bist doch so ein Lausbub.“

So hat man mich immer genannt: einen „Lausbuben“. Bloß, weil mir immer was eingefallen ist. Ich ging also heim und grübelte. Wie baut man sich ein Schlagzeug selbst? Da sah ich den Brotkorb meiner Mutter stehen und dachte: Das ist es! Ich nehme also den Brotkorb, ich spanne ein Tuch darüber, stelle das Ganze auf einen kleinen Sessel, und fertig ist die Pauke. (Schauspieler macht alles das vor.) Zum Schlagen nahm ich einen Kochlöffel. Dann hab ich geübt und geübt. Leider habe ich aber so kräftig auf die Pauke gehauen, dass das ganze Mehl aus dem Brotkorb kam und alles staubig wurde. Dafür bekam ich eine Watschen, also eine Ohrfeige von meiner Mutter. Ihr wisst ja, die konnte es nicht leiden, wenn’s dreckig war. Und dann ging auch noch der Sessel zu Bruch. Dafür bekam ich einen Schilling von meinem Vater. So heißt bei uns ein Schlag auf den Hintern. Au, tat das weh. Trotzdem bin ich ganz stolz zur Prozession gegangen und habe zum Pfarrer gesagt: „Jetzt kann ich die Pauke schlagen“. Dann kam der Paukenträger, denn jemand musste die Pauke ja vor mir hertragen, und der war viel zu groß. Ich da unten, Pauke da oben (Macht eine lächerliche Pantomime). Das ging nicht. Was haben die im Dorf gemacht? Die haben einen Buckligen geholt und ihm die Pauke auf den Rücken gesetzt. (Pantomime mit gebeugten Rücken und darauf die Pauke.) Alle haben über uns gelacht, über den Buckligen und mich, den kleinen Paukenspieler. Aber ich war stolz auf meinen Paukenträger und mich. Und ich habe so schön gespielt, dass alle am Ende gesagt haben: „Aus dem Sepperl Haydn wird noch mal ein Musiker!“ Wie recht sie doch hatten.

Also, wir machen das jetzt, wir spielen unser Andante nochmal mit meiner selbstgebauten Pauke, und dieses Mal legt Ihr Euch hin und schlaft. Alle flach hinlegen oder tief in den Sessel setzen und ganz ruhig sein! Augen zumachen. Musiker, bitte ganz leise das Andante:

NB 5: Andante-Thema aus der Sinfonie Nr. 94 mit Paukenschlag (mit erster Variation)

Und, habt Ihr Euch schön erschreckt? Großartig, das ist es: „Die Sinfonie mit dem Paukenschlag“. Die wird sicher ein Erfolg. Vielen Dank, Kinder, für eure Mithilfe. Wisst Ihr überhaupt, was das ist, eine Sinfonie? (Kinder raten.) Richtig, ein Stück für großes Orchester, also für viele Instrumente. Meine Musiker sind aber nur zu zweit, die spielen halt Bearbeitungen von Sinfonien. Also, ich hab ja schon erzählt, dass ich viele Sinfonien schreiben musste, weil meine Frau so viel Geld gebraucht hat. 104 Sinfonien, und viele davon haben Namen. Eine heißt „Der Schulmeister“, Ihr würdet sagen: „Der Lehrer“. Dieser Lehrer hat eine sehr lebendige Klasse. Ihr seid doch in der Schule bestimmt immer ganz brav und leise, wenn der Lehrer hereinkommt, richtig? Wir Kinder in Österreich waren das nicht.
Also der Lehrer in meiner Sinfonie kommt ins Klassenzimmer und schreit erst mal: „Kinder seid’s ruhig.“ Pssst, alle sind ganz leise. Dann spricht er ganz sanft weiter: „Ich mein’s doch gut, ich mein’s doch gut!“ Dann werden die Schüler wieder laut, und er brüllt wieder. In der Musik hört sich das so an:

NB 6: Sinfonie Nr. 55 Es-Dur „Der Schulmeister“, 1. Satz, Anfang, Schauspieler singt zur

Klavierbegleitung den Text: „Kinder seid’s ruhig! … Ich mein’s doch gut, ich mein’s doch gut! … Kinder, nein, so geht das wirklich nicht, wirklich nicht, wirklich nicht … Ich mein’s doch gut, ich mein’s doch gut, ich mein’s doch so gut mit euch!“

Was glaubt Ihr, was die Kinder danach machen? Richtig, sie fangen wieder an zu toben. Unsere Freunde spielen uns das jetzt einmal ganz vor:

NB 7: Sinfonie Nr. 55, 1. Satz, Violine und Klavier (bis zum Doppelstrich oder ganz)

Also das ist die Sinfonie „Der Schulmeister“. Eine andere heißt: „Der Bär“. Ich bin nämlich mit meiner Mutter einmal auf den Jahrmarkt gegangen, da war ein Tanzbär. Bären können ja gut tanzen, kennt Ihr das? Vielleicht aus dem Zirkus oder aus dem Zoo? Der auf dem Jahrmarkt war ein großer brauner Bär, der war an einer Kette festgemacht. Und der Bärenführer hat ihn mit einem Lied zum Tanzen gebracht. Dabei hat der Bär gebrummt, erst ganz leise, dann lauter (Klavier spielt den Anfang erst leise, dann laut). Dann hat der Bärenführer den Tanz gespielt (Geige spielt das Tanzthema), und der Bär hat angefangen zu tanzen. Ich dachte mir, ich mache ein paar Faxen dazu, habe also mit dem Bären mitgetanzt (beide Themen zusammen). Meine Mutter hat gerufen: „Um Gottes Willen, Sepperl“, aber zu spät. Der Bär wurde immer wilder (Tremolostelle) und hat sich von der Kette losgerissen. Er kam direkt auf mich zugelaufen (nächste Tremolostelle). Mir ist das Herz stehen geblieben (die Stelle mit den stockenden Auftakten). Und was glaubt ihr, ist passiert? Er hat sich ganz zahm vor mir auf den Boden gelegt und hat mir den Fuß abgeschleckt. (Zweites Thema.) Dann kam der Bärenführer und hat versucht, ihn einzufangen. Da wurde er wieder wütend. Dann habe ich ihn freundlich gestreichelt, und er wurde wieder ganz zahm. Wir waren ein tolles Paar, der Bär und ich. Das könnt Ihr alles in der Sinfonie hören. Also passt schön auf!

NB 8: Finale der Sinfonie Nr. 82, Violine und Klavier (bis zum Doppelstrich oder ganz)

Das war meine Sinfonie Nr. 82 „Der Bär“. Die Pariser waren ganz begeistert von dieser Sinfonie. Weniger entzückt waren sie von meiner Sinfonie Nr. 83, da habe ich nämlich eine Henne eingebaut. Hört mal, wie die schnattert. Dann kommt die Bauersfrau heraus und wird ganz wütend, weil die Henne keine Eier gelegt hat:

NB 9: Sinfonie Nr. 83, 1. Satz, zweites Thema bis Doppelstrich (Klavier solo)

Unsere Hennen zuhause haben immer Eier gelegt. Ich habe ihnen nämlich meine Musik vorgespielt. Und die andern Vögel sind gekommen und haben dazu gesungen. Am Ende konnte ich alle Vogelstimmen unterscheiden. Könnt ihr das auch? Zum Beispiel die Nachtigall? Die hört man nachts, wenn es ganz still ist. Bei mir klingt sie so:

NB 10: Violine spielt die Nachtigall aus der „Schöpfung“

Die Nachtigall singt in der Nacht, und am Morgen singt die Lerche. Habt Ihr schon mal eine Lerche gehört? Die singt so schön, ganz hoch und fein. Aber man muss sehr früh aufstehen und sich sehr leise anschleichen. In der folgenden Musik schleichen sich zwei Buben am frühen Morgen ganz leise an, um der Lerche zuzuhören (Klavier spielt die Begleitung). Dann kommt der Vogel dazu und singt:

NB 11: Streichquartett D-Dur, op. 64,5 „Lerchenquartett“, 1. Satz bis zum Doppelstrich, Violine und Klavier

Es gibt noch einen Vogel, der immer ganz früh am Morgen singt, schon wenn die Sonne aufgeht. Wisst ihr welcher? … Richtig: der Hahn. Also er singt ja eigentlich nicht, sondern er kräht. Und das klingt bei uns in Österreich so (Violine spielt den Oboen-Hahn aus den „Jahreszeiten“). Den habt Ihr nicht erkannt? Natürlich nicht: Bei euch in Deutschland krähen die Hähne eben anders, mehr so: „Kickericki“ (ahmt den Ruf nach). Aber unsere Hähne in Niederösterreich machen nun mal so (macht den Hahn aus den „Jahreszeiten“ nach).

Auch ich habe mal gekräht mit der Stimme, ohne es zu wollen. Das ist mir passiert, als ich in den Stimmbruch kam. Dafür seid Ihr noch viel zu klein. Ihr habt alle noch Eure hohen Kinderstimmen, singt mir mal alle nach, bitte: „Lalalala!“ (singt einen Dreiklang). Sehr schön. Das mussten wir als Sängerknaben in Wien ständig tun, den ganzen Tag: Dreiklänge singen, um unsere schönen hohen Stimmen zu trainieren. Ich kam nämlich wegen meines schönen Soprans zu den Wiener Sängerknaben. Und da ging es den ganzen Tag „Lalala“ (singt im Falsett Dreiklänge, so hoch es geht). Damals war meine Stimme noch sooo hoch, heute ist sie sooo tief (singt einen tiefen Dreiklang). Dazwischen lag der Stimmbruch, und der kam eines Tages, aus heiterem Himmel. Die Kaiserin war da, Maria Theresia, und ich hatte das Sopransolo. Das klang dann auf einmal so:

NB 12: Lied Hob. XVI:15, „O liebes Mädchen, höre mich, flieh länger nicht die Liebe!“ Anfang: Der Schauspieler singt im Falsett und fängt auf der Fermate D an zu krähen, als ob die Stimme bräche, versucht, weiterzusingen, aber es geht nicht.

Natürlich hat es die Kaiserin gehört. Beim nächsten Fest in Wien ließ sie unserm Dirigenten ausrichten: „Der Joseph Haydn singt nicht mehr, der kräht.“ Also durfte ich kein Solo mehr singen, sondern mein Bruder Michael. Der war fünf Jahre jünger als ich. Wie gemein: Ich hatte meine schöne Stimme verloren, und er hatte seine noch und durfte mein Solo singen. Damals durfte ich mein Lied nicht zu Ende singen, das hole ich jetzt nach, aber mit meiner tiefen Stimme:

NB 13: Lied Hob. XVI:15, „O liebes Mädchen, höre mich, flieh länger nicht die Liebe!“

Damals, als ich in den Stimmbruch kam, kannte mich die Kaiserin Maria Theresia schon, nämlich vom Schloss Schönbrunn. Das liegt bei Wien und ist ein riesiges Schloss. Um so ein Schloss neu anzustreichen, braucht man unglaublich viel Farbe, viele Anstreicher und viele Gerüste. Die standen alle gerade herum, als wie ankamen zu Pfingsten. Wir Sängerknaben mussten nur vor der Kaiserin im Gottesdienst singen, sonst hatten wir viel Zeit, um im Schlosspark zu spielen. Also sind wir auf die Baugerüste geklettert und haben viel Lärm gemacht. Wer stand plötzlich am Fenster? Die Kaiserin! Sie war nicht erfreut und ließ uns ausrichten, wenn wir nochmal so ungezogen wären, bekämen wir einen Schilling, also einen Schlag auf den Hintern. Mich hat am nächsten Tag der Vorwitz gepackt, und ich bin wieder hochgestiegen. Natürlich haben sie mich erwischt, und ich bekam meinen Schilling. Auweia, hat das wehgetan! Aber Jahre später, als die Kaiserin ein Konzert von mir besuchte, habe ich mich tief vor ihr verneigt und gesagt: „Majestät, allerschuldigsten Dank für den Schilling!“ Sie war ganz irritiert, denn sie konnte sich nicht erinnern. Dann habe ich ihr die alte Geschichte erzählt, und sie hat herzlich gelacht. Sie war überhaupt eine Lustige, unsere Kaiserin, aber sie konnte auch sehr streng sein. So hab ich sie dargestellt, im Menuett von meiner Sinfonie Nr. 48 „Maria Theresia“. Erst heiter, dann sehr majestätisch, dann streng:

NB 14: Sinfonie Nr. 48, Menuett und Trio, Violine und Klavier

Einen Vogel haben wir vorhin noch ausgelassen, liebe Kinder, den kennt Ihr sicher alle: Den Kuckuck. Könnt Ihr den mal nachmachen? Sehr gut. Das ist die Kuckucksterz (Pianist spielt die kleine Terz g-e). Aus dieser Kuckucksterz habe ich mal einen ganzen Satz gemacht. Sehr lustig. Hört mal: Die Geige fängt mit dem Kuckuck an, dann spielt sie einen Tanz aus Kroatien, einen Kolo (Violine spielt nur den Anfang des Themas). Später kommt ein zweiter Kuckuck hinzu, und die beiden lösen sich immer ab:

NB 15: Violine und Klavier spielen die Terzenstelle aus dem Rondo

Aus dem doppelten Kuckuck und dem Kolo habe ich ein ganzes Rondo gemacht, das ist so ein lustiger Rundtanz, in meinem „Vogelquartett“. Da kommen noch ganz viele andere Vögel vor. Aber die müssen wir jetzt leider auslassen. Ich habe noch viele andere Quartette mit Namen geschrieben. Eines heißt „Das Rasiermesser“, ein anderes „Der Reiter“, dann gibt es noch das „Kaiserquartett“ und das „Hexenmenuett“. Aber das würde alles viel zu lange dauern. Unsere Freunde spielen uns jetzt noch den Schluss vom „Vogelquartett“. Und damit sage ich: Adieu, Kinder. Es hat mich sehr gefreut, mit euch zu plaudern. Und denkt immer dran: Wenn ihr auf ein Gerüst klettert, lasst euch nicht erwischen!

NB 16: Streichquartett C-Dur, op. 33,3 „Vogelquartett“, Rondo (Violine und Klavier)

Karl Böhmer, Januar 2018