Hintergrund: MusikMaschinenMusik

Die außergewöhnliche Reihe zum Zusammenhang zwischen Maschinen und Musik, ausgedacht von Dr. Lieselotte Sauer-Kaulbach, ausgeführt von Weltklassemusikern aus den Niederlanden.

QUARTETTO CINEMA
So, 15.6., 17 Uhr – Sayner Hütte
Eine mitreißende Synthese aus Streichquartett und frühem Film: Das Utrecht String Quartett spielt drei Meilensteine der frühen Moderne: die Six Little Pieces von George Anteil, das Quartett Nr. 2 des Schweizers Arthur Honegger und das Quartett Nr. 1 des Russen Alexander Mossolow. Dazu werden zwei packende Zeitzeugnisse aus der Frühgeschichte des Films gezeigt: George Anteils „Ballet mécanique“ im Film von Fernand Léger (1924) und Mossolows „Die Eisengießerei“ aus dem Ballett „Stahl“, op. 19.

Film: George Antheil „Ballet mécanique“ im Film von Fernand Léger, 1924 George Antheil, Six little Pieces for String Quartet Arthur Honegger, Streichquartett Nr. 2
Film: Alexander Mossolow, „Die Eisengießerei“ aus dem Ballett „Stahl“, op. 19 Alexander Mossolow, Streichquartett Nr. 1

HINTERGRUND
von Dr. Lieselotte Sauer-Kaulbach

Die Maschine als Faszination. Die Maschine als Bedrohung. In der Epoche früher Industrialisierung und Maschinalisierung ist beides eng verknüpft. In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts treibt das Thema auch Komponisten, Literaten, Filmemacher intensiv um. Exemplarisch dokumentieren dies das im Rahmen des Kultursommers Rheinland-Pfalz stattfindende Projekt „MusikMaschinenMusik“ vom 16. bis 25. Juni 2017 auf dem Denkmalareal Sayner Hütte.
Einen passenderen Ort könnte es kaum geben. Im 18. Jahrhundert gründete hier der letzte Trierer Kurfürst, Clemens Wenzeslaus, ein Hüttenwerk. 1815 wurde es vom preußischen Staat übernommen und Sayn zu einer der drei großen Eisengießereien in Preußen. Deren Fortschrittlichkeit offenbart sich auch in der zwischen 1828 und 1830 nach Plänen von Carl Ludwig Althans, seit 1818 Leiter der Hütte, errichteten Gießhalle mit angegliedertem Hochofen. Sie ist der erste Industriehallenbau mit einer tragenden Gusseisenkonstruktion. Althans startete in Sayn die Kunstgussproduktion; zuvor wurde hier vor allem Gebrauchseisen wie Rohre, Schienen, Kanonen und Munition für die Koblenzer Festungen hergestellt. 1865 wurde die Sayner Hütte an Alfred Krupp verkauft,, der 1870 auf dem Gelände noch eine neue Produktionshalle errichten ließ. Acht Jahre später wurde der Sayner Hochofen stillgelegt und 1926 der Hüttenbetrieb eingestellt.
Genau in jener Zeit setzen sich Künstler im Spannungsfeld von Futurismus und Expressionismus mit den positiven und negativen Effekten von Maschinalisierung und Industrialisierung auseinander. Hier, auf den Spuren von Tommaso Marinetti und seinem „Manifesto del futurismo“ von 1909, herrscht der unbedingte Glaube an Geschwindigkeit und Dynamik der maschinalen Produktion, bis hin zum Traum von der Mutation der Körper zu Maschinen, von der Verschmelzung des Menschen mit der Maschine. Dort zeigt sich eine eher skeptische Haltung in der Nachfolge der englischen „Luddites“ und Gerhard Hauptmanns, für die u. a. Rainer Maria Rilke, Walter Rathenau oder Ernst Toller mit seinem Drama „Die Maschinenstürmer“ stehen. Zeitlich und inhaltlich knüpft das Projekt „MusikMaschinenMusik“ damit an die dem Expressionismus gewidmete „Welt in Schwarz und Weiß“ 2014 in der Sayner Hütte an.
Futuristische Tendenzen spiegeln sich z. B. im Treibenden der „Maschinenmusik“ Alexander Mossolows oder George Antheils. Dass genau in jener Zeit auch das Pianola oder Player Piano, das einen menschlichen Spieler überflüssig macht und ihn technisch gar noch überflügelt, seine Blüte erlebt, passt. Die Faszination dieser „Musikmaschine“ lässt in Sayn ein Konzert mit dem Ampico Bösendorfer-Selbstspielflügel Jürgen Hockers wieder aufleben. Bis zu seinem Tod 2012 war Hocker eine Art „Papst“ der mechanischen Musik, befreundet u. a. mit Györgi Ligeti und dem amerikanisch-mexikanischen Komponisten Conlog Nancarrow, der sich ganz auf das Player Piano konzentrierte.
Einen kritischeren Ansatz zu Industrialisierung und Maschinalisierung zeigt die Filmnacht, allen voran mit Albrecht Viktor Blums „Im Schatten der Maschine“ von 1928, eine Montage aus Film- und Wochenschau-Ausschnitten mit Maschinen und Menschen, eine, wie es Fritz Rosenfeld formuliert, „Bildsinfonie der Maschinen“ und „gespenstische Vision der Wirklichkeit“.