Archiv: Die unkonventionelle Sopranistin Simone Kermes

Simone Kermes, die Primadonna assoluta der barocken Oper, nahm mit dem Ensemble „Le musiche nove“ in Schloss Engers Arien des Rokoko aus Venedig und Neapel auf. Zwischen den Aufnahmesitzungen gab die Künstlerin in ihrer unnachahmlichen Manier Einblick in ihren beruflichen Alltag.

Mittagszeit: Zwei Arien sind „im Kasten“, Essen gab es im Schlossrestaurant Engers. Jetzt ist Erholung angesagt, bevor es in wenigen Stunden noch mal bis in den Abend heißt: Band läuft! Im Diana-Saal nehmen die Künstler gerade eine CD mit Arien aus neapolitanischen und venezianischen Opern der galanten Zeit auf. Simone Kermes sieht sich und die Kollegen von „Le musiche nove“ hier durchaus in einer Vorreiterrolle: „Das wird eine neue Renaissance geben.“

Kennen gelernt hatte man sich bei einem Barockfestival in der Schweiz, gleich verstanden und die gemeinsame Liebe zu dieser Musik entdeckt. Mit Claudio Osele, dem Leiter des auf historischen Instrumenten spielenden Ensembles, habe sie schnell beschlossen: „Das müssen wir aufnehmen!“ Und da Simon Kermes CD-Produktionen einen großen Raum einräumt, war mit Schloss Engers rasch ein geeigneter Raum für die Aufnahmen gefunden: „Eine CD zu machen, ist etwas ganz Besonderes: Man fängt den Moment ein, wie es ein Maler in einem Bild schafft.“

Natürlich bestimmen neben Aufnahmen vor allem Konzerte und Opernproduktionen den Terminkalender der Sopranistin aus Vallendar. Dennoch wirkt sie anders, als man sich eine Sängerin vorstellt. Statt in klassischen Sphären zu schweben, erlebt man eine erfrischend offene und unkonventionelle Künstlerin, die lachend bekennt, sie fände Schlager und Popmusik mindestens genauso interessant wie die Oper. Eigentlich sogar interessanter.

Da drängt sich doch gleich die Frage nach den musikalischen Vorlieben der Simone Kermes auf: Mozart, Bach, Schubert? Man wäre nicht verwundert, hätte die Sängerin die Aufzählung ihrer Lieblingsmusik mit den Worten „Im Gegenteil“ begonnen. Denn privat hört sie am liebsten Stücke der Gruppe „Rammstein“ aufgrund der „energiegeladenen Klänge und fast schon spätromantischen Texte“. Auch dem Independent-Stil ist Kermes nicht abgeneigt, denn sie liebt „Musik, die man nicht so im Radio hört“. Überhaupt keine Klassik? Doch, aber wenn, dann ohne Gesang, schmunzelt Kermes und nennt Klaviermusik mit Glenn Gould oder die Sinfonien von Gustav Mahler und Werke von Henry Purcell.

Ihr Selbstverständnis als Sängerin erklärt sie auch mit ihrer Biografie: „Ich bin im Osten groß geworden“, sagt Kermes und will diese Zeit bei Weitem nicht missen: „Die musikalische Erziehung war damals streng auf Leistung ausgerichtet. Heute ist es das Problem, dass viel zu viel Mittelmaß herauskommt.“ Der Nachwuchs werde nicht richtig unterstützt und die Talente zu wenig gefördert. Dass Kermes diese Bilanz ausgerechnet in Schloss Engers zieht, wo gerade Villa Musica das Leistungsprinzip verfolgt, macht die Arbeit vor Ort umso wichtiger. Und so sagt auch die Sopranistin von sich: „Man ist nie zufrieden, will immer weiter wachsen.“

Vor der Wende in Leipzig geboren, führte ihr Weg übrigens nicht sofort auf die Bühne: Gelernt hat Simone Kermes Sekretärin, oder wie es damals hieß „Fachkraft für Schreibtechnik“. Dann folgte jedoch alsbald das Studium bei Helga Forner an der Hochschule für Musik Felix Mendelssohn Bartholdy, das sie wie zwei folgende Aufbaustudien mit Auszeichnung absolvierte. Preise ließen nicht lange aus sich warten: Sie nahm 1993 erfolgreich am Mendelssohn-Wettbewerb in Berlin teil und errang 1996 den Bachpreis beim Bach-Wettbewerb in Leipzig.

Natürlich könnte man ihre Vita noch weiter spinnen und von Operngastspielen an der Brooklyn Academy of Music in New York, am Théâtre des Champs-Elysées Paris oder am Königlichen Opernhaus Kopenhagen berichten. In Deutschland wirkte sie an der Staatsoper Stuttgart, am Staatstheater Wiesbaden, an der Oper Bonn, am Theater Dortmund, am Staatstheater Mainz, an der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf und – natürlich, unvergessen! – am Theater Koblenz. Doch mindestens genauso interessant wie die Aufzählung der weltweiten Konzertverpflichtungen in ganz Europa, den USA und Japan ist die Künstlerin abseits des Podiums etwa in der Carnegie Hall New York oder dem Tschaikowksy-Saal in Moskau ¬– und was sie über ihre Arbeit als Sängerin zu erzählen weiß.

Denn das Prädikat „Opernsängerin“ möchte Simone Kermes nicht gerne für sich gebrauchen: „Ich bezeichne mich als Sängerin und Künstlerin“, erzählt sie im Gespräch und unterstreicht aber auch, dass sie sich ein Leben ohne das Singen gar nicht mehr vorstellen kann. Ihr künstlerisches Wirken versteht sie als Berufung und bezieht hier durchaus Stellung: „Die Kultur gerät immer mehr in den Hintergrund“, bedauert sie und hegt daher den Wunsch, dass die Menschen und hier vor allem die Entscheidungsträger den Stellenwert von Kunst und Musik in Geschichte und Gesellschaft neu erkennen.

Der Kontakt zur Landesstiftung kam – natürlich! – auch über die Musik zustande: Kermes, die im rheinland-pfälzischen Vallendar sozusagen „um die Ecke“ wohnt, hatte Villa Musica nicht zuletzt als Veranstalter von RheinVokal kennengelernt. Hier war man gerne bereit, der Sängerin und dem Ensemble „Le musiche nove“ den Diana-Saal für die CD-Produktion zur Verfügung zu stellen, wofür sich die Künstler mit dem besagten Konzert revanchierten.

Für Schloss Engers ist Simone Kermes voll des Lobs: Hier sei alles gegeben, alles geregelt. Die Musiker wohnten während der Aufnahmen vor Ort und im angegliederten Restaurant werde man verpflegt. Ansonsten war die Produktion für die Sängerin eine neue Herausforderung und Erfahrung, übernahm sie doch hierfür auch die organisatorischen Aufgaben.

Simone Kermes ist aber nicht nur vielseitig begabt, sondern vor allem unkonventionell. Als Hobby gibt sie amüsiert Karaoke-Singen an: Während ihrer Zeit in Kopenhagen wäre sie abends mit Kollegen in eine entsprechende Bar gegangen und hätte dort Songs von Celine Dion, Marianne Rosenberg oder Marlene Dietrich zum Besten gegeben und dafür begeisterten Applaus geerntet.

Und so hat die Sopranistin auch etwas Besonderes mit den Musikern von „Le musiche nove“ vor: Das jüngst in Engers aufgeführte Programm mit Arien von Antonio Vivaldi, Giovanni Battista Pergolesi, Leonardo Leo, Johann Adolf Hasse und Niccolo Porpora möchte Simone Kermes in zwei Jahren anlässlich konzertanter Verpflichtungen im spanischen Santiago de Compostella in einer Diskothek aufführen – mit Kostümen, Choreographie, Lasershow und Effekten. Kermes hegt hier die Hoffnung, dass „für so etwas auch in Deutschland mal das Interesse wach wird“.

Bis dahin jedoch stehen andere, konventionellere Termine im Kalender dieser ungewöhnlichen Künstlerin. Unter anderem in Moskau, wo sich Simone Kermes nach eigenen Worten sehr wohl fühlt und „Kraft tankt“. Ein Künstlervisum ermöglicht ihr, vor Ort zahlreiche Konzertabende zu gestalten. Simone Kermes: wohnhaft in Vallendar, doch zuhause in der ganzen Welt.