Archiv: The Young Person's Guide to Chamber Music oder Ich wünsch mir eine Klarinette

Ein Kinderstück mit Musik von Karl Böhmer und Alexander Hülshoff
für eine Schauspielerin (Ilona Schulz) und fünf Instrumentalisten

Uraufführung 2014, Villa Musica Mainz

Copyright: Villa Musica Rheinland-Pfalz

Die Schauspielerin (Ilona) alleine auf der Bühne

Ilona: Ganz schön einsam hier. Ich sitze hier schon seit Stunden rum und höre. Ziemlich anstrengend, so zu hören. (Hält sich die Hand ans Ohr.) Besonders, wenn es nichts zu hören gibt. (Hält sich ein Hörrohr ans Ohr.) Hört ihr was? Also ich nicht. Seid mal ganz still … (Versucht es wieder). Nichts zu machen. Man hat mir hier Musik versprochen, Musik für meine Kammer. Kammermusik. Glaubt ihr, wenn wir uns ganz fest Musik wünschen, dann kommt sie auch? Kommt, wünscht mal alle mit:

Alle: Wir wünschen uns MUSIIIIIIK !!!!!!

(Geige fängt draußen an zu spielen, Händel-Halvorsen Passacaglia, aber nur die Melodie einstimmig.)

Ilona: Ach, wie schön … eine Bratsche!

Geigerin: Mhmmm (räuspert sich:) Ich bin die Geige.

Ach so, Tschuldigung. Frau Geige … Was spielst Du denn da?

Geigerin: Händel.

Ilona: Brathendel oder Backhendel?

Geigerin: Georg Friedrich Händel.

Ilona: Ach so, DER. Der hat immer so viel gegessen, der Händel, den ganzen Tag. (spricht sehr schnell). Schokolade, Kekse, Gummibärchen, Eier, Suppe, Brötchen, Kuchen, alles mögliche durcheinander. Er war seeeeehr dick, müsst Ihr wissen. Aber seine Musik klingt ziemlich dünn, findet Ihr nicht? So einfach und einstimmig! (macht die Geige nach ….)

(Geige spielt wieder.)

Ilona: Sag mal, kannst Du auch mehrstimmig? Du könntest Pfeifen während Du spielst. Kannst Du nicht? Schade. Könnt ihr Pfeifen, wenn sie spielt? Also, wir versuchen’s mal … Ich dirigiere. Eins, zwei …. (Pfeifeinlage) …. Macht ihr ja ganz toll, aber Ihr seid zu laut. Man hört ja die Geige gar nicht mehr. Also Du kannst wirklich nicht pfeifen?

Geigerin: Nein, aber ich kann Doppelgriffe.

Ilona: Doppelgriffe? Ich kenne nur Doppelwhopper. Was soll denn das sein: Doppelgriffe?

Geigerin: Na hör mal! (Händel, zweistimmig)

Ilona: Ahhhh, das klingt schon viel voller. Aber immer noch so piepsig. Händel war viiiiiel dicker. Der braucht noch viel mehr Bauch. Ich wünsche mir ein Instrument mit dickem Bauch: ein Cello.

Cellist: Grüß Gott, hier bin ich schon!

Ilona: Ah, guten Tag, Herr Cello. Nehmen Sie doch Platz. Könnt ihr nicht mal zusammen spielen, Frau Geige und Herr Cello?

(Händel: Passacaglia)

Ilona: Ja, so ist es richtig. Schön! Jetzt habe ich meine Kammermusik. Könnt Ihr noch mehr spielen?

(spielen weiter, mitten hinein platzt die Bratsche.)

Bratschist: Halt, halt, das klingt ja scheußlich. Was macht Ihr denn da? Da fehlt doch was.

Ilona: Wer bist du denn?

Bratschist: Na, die Bratsche.

Ilona: Ist ja mal wieder typisch. Da hat man gerade seine Ruhe und spielt so schön, und dann kommt so’n Bratscher und macht alles kaputt. Spielverderber! Schaut mal: Die Bratsche ist nicht so schön und schlank wie eine Geige. Aber sie ist auch nicht so mächtig wie das Cello. Und ihr Klang – seltsam näselnd, wie durch die Nase. Hört mal.

(Spielt „Kraut und Rüben haben mich vertrieben“).

Ilona: Hört ihr das? Klingt wie durch die Nase! Singt mal mit, durch die Nase! Nana, nana, nananananana … Also, so klingt die Bratsche nicht schön, alleine. Aber vielleicht, wenn Du mit den andern spielst. Kommt, lasst ihn mal mitspielen!

Geigerin und Cellist: Aber wir haben keinen Platz für ihn.

Ilona: Aber da ist doch noch ein Stuhl. Lasst Ihn doch mitspielen, bitte …

Geigerin und Cellist: Aber in den Noten ist kein Platz für die Bratsche. Hör doch mal:

(spielen weiter, Bratscher versucht, sich dazwischen zu drängen)

Ilona: Halt, so geht das nicht. Ohne Noten, im Stehen. Bei Kammermusik sitzt man.

Cellist: Ich sitze immer.

Ilona: Tschuldigung, stimmt: Nun gut, aber die anderen müssen auch sitzen. Und alle drei brauchen Noten.

Bratscher: Die hab ich. Schaut mal her. (Teilt Noten aus.)

Ilona: Ahh, Beethoven! Hat der auch für drei geschrieben? Ich dachte, von ihm gibt’s nur Quartette.

Bratscher: Nein, auch Trios. Für drei Streichinstrumente.

Ilona: Und das klingt? Na dann spielt mal.

(Beethoven Opus 8, Marsch)

Ilona: Naja, ist ja ganz nett. Aber es fehlt immer noch was. So drei Streicher alleine, da würde doch gut ein Bläser dazu passen.

Streicher (winken ab): Ihhh, ein Bläser!

Ilona: Ich wünsche mir eine Klarinette. Wünscht Ihr Euch auch eine Klarinette? Wisst Ihr, was das ist? Sieht aus wie eine Blockflöte, nur schwarz und mit Klappen. Und klingt viel lauter. Und schöner … Kommt macht mit, wir wünschen uns eine KLARINEEEETTTTE

(Klarinettist spielt von draußen Gershwin, Anfang Rhapsody in blue und kommt herein)

Ilona: Aber was ist das denn? Das klingt ja SO schräg.

Klarinettist: Das ist Jazz, Gershwin. Ich kann noch lauter und schriller …

(spielt nochmal Gershwin)

Ilona: Aufhören! Wir machen hier Kammermusik, die ist klassisch, schön und viel leiser. Kannst Du auch leiser?

Klarinettist: Natürlich. Mozart (Trio aus dem Menuett der Es-Dur-Sinfonie, KV 543).

Ilona: Ja, das ist schön. Könnt ihr nicht mit ihm mitspielen? Ich hab sogar Noten (Verteilt die Noten) … Und jetzt alle zusammen: eins, zwei, drei …

(Mozart, Menuett)

Ja, ist ja ganz schön, aber irgendwas fehlt noch. Deine Klarinette klingt so spitz und so laut. Geht das nicht anders?

Klarinette: Doch, ich habe noch ne andere in A. Nicht in B.

Ilona: Was soll das denn? Klarinette in A, Klarinette in B, hast du auch eine in C und in D und in E und in F und in G und in H?

Klarinettist: Nee, nur eine in B und eine in A. Grundton B (spielt B) und Grundton A (singt A). Und die hole ich jetzt, weil die klingt viel weicher. (geht raus).

Ilona: Na endlich ist der weg. Quartett ist schon was Schönes, aber nicht mit Klarinette. Der ist so eingebildet, findet ihr nicht? Ich wünsche mir … noch eine Geige. Dann müsste Ihr nicht so viele Doppelgriffe spielen … (Geigerin kommt herein.) Ah, da ist sie ja. Hallo, zweite Geige. Wolltest Du nicht mal die erste Geige spielen? Darfst Du aber nicht. Setz dich da hin und spiel … Also, jetzt kommt ein Streichquartett. Das ist das Schönste, was es in der Kammermusik gibt. Seid ganz leise:

(Bartók, fetziger Satz)

Ilona: Aber, was ist denn hier los? Was spielt ihr denn? Lauter falsche Noten! Wie, das steht so in den Noten? Also wirklich, dass könnt Ihr aber schöner.

(Haydn, Quartettfinale op. 33,3 C-Dur)

Klarinettist: Hallo, Freunde, ich hab sie. Ich hab meine A-Klarinette mitgebracht.

Ilona: Ich wusste es, den werden wir nicht mehr los … Na, was hast Du denn an Musik mitgebracht?

Klarinettist: Mozart.

Ilona: Natürlich, immer Mozart. Kennt Ihr den? „Little Amadeus“? Irgendwann war er dann erwachsen und hat auch für Klarinette geschrieben. Seitdem spielen die Klarinetten-Futzis immer Mozart. Ist aber auch wirklich schön, das Klarinettenkonzert

(spielt das Finalthema aus KV 622).

… und das Klarinettenquintett

(spielt das Finalthema aus KV 581)

Wisst Ihr was das ist, ein Klarinettenquintett? Also ein Duo spielt man zu zweit, ein Trio zu dritt, ein Quartett zu viert und ein Quintett zu sechst …. (Kinder: Nein, falsch, zu fünft!) … Ach so, zu fünft, stimmt ja. Ich hab mich verzählt. Also ein Klarinettenquintett, das sind dann bestimmt fünf Klarinetten!

Klarinettist: Nein, um Gottes Willen, das ist ein Quintett für eine Klarinette und vier Streicher.

Ilona: Soso, warum nicht für eine Klarinette, einen Besenstil, einen Staubsauger, einen Knallfrosch und eine Triangel? Kommt, Kinder, wir führen jetzt mal unser Quintett auf! …

(Improvisiert mit vier Kindern ein Quintett auf Alltagsgegenständen, also mit ungefährlichen, möglichst lauten.)

Ilona: Nun gut, Kinder, man hört ja die Klarinette nicht mehr. Vielleicht ist es doch besser, die Streicher spielen mit der Klarinette.

Klarinettist: Genau, und deshalb spielen wir jetzt das Klarinettenquintett von Brahms.

Ilona: Wieso denn Brahms? Der ist doch immer so schwer und so traurig. Klingt wie Regenwetter. Der hat ja auch „Regenlieder“ geschrieben.

Klarinettist: Aber Brahms hat auch das Wiegenlied geschrieben.

Ilona: Ach, so, stimmt, kennt Ihr das? Kennt ihr bestimmt alle. (singt) „Guten Abend, gute Nacht …“. Kennt ihr’s? Wollt Ihr mitsingen? Und ihr, spielt mal mit! (alle spielen und singen Brahms’ Wiegenlied, Text und Noten werden auf dem Zettel ausgeteilt). Ist ja gar nicht so schlecht der Brahms. Also dann spielt halt mal sein Quintett!

(Brahms, op. 115, Thema erster Satz, nur Geigen, Bratschist und Cellist tun so, als wären sie eingeschlafen. Cellist schnarcht laut.)

Ilona: Komisch, wieso spielen denn nur die Geigen? Ich dachte, das ist ein Quintett. Ach so, schaut mal: Der Herr Cello ist eingeschlafen. (Schleicht sich ran und weckt ihn auf.) HERR CELLLLOOOOOO! Sie haben ihren Einsatz verpasst. Wisst Ihr wie das ist, seinen Einsatz verpassen? Schaut mal her … Ich spiele jetzt eine Luftbratsche.

(Geigen spielen wieder das Thema, Ilona tut so, als würde sie zählen, setzt zu spät ein und fällt vom Stuhl.)

Ilona: Seht ihr, vor lauter Schreck bin ich jetzt rausgeflogen. Da muss man ganz schön aufpassen, bei der Kammermusik, dass man nicht den Einsatz verpasst und nicht zu spät kommt. Sonst fliegt man raus. Also jetzt nochmal den Brahms und alle schön zusammen.

(Thema Quartett)

Ilona: Halt, was ist denn jetzt schon wieder los? Warum spielt denn die Klarinette nicht mit?

Klarinettist: Weil ich noch Pause habe!

Ilona: Also das ist ja doof: Spielst du jetzt mit oder machst du Pause?

Klarinettist: Na, erst Pause, dann mitspielen.

Ilona: Und wo steht das?

Klarinettist: In den Noten!

Ilona: Komisch, Kinder, habt Ihr schon mal gesehen, dass die Pause in der Schule in den Noten steht? Ist ja doof, die Kammermusik.

Klarinettist: So, dürfen wir jetzt wieder?

Ilona: Na bitte, aber jetzt mit Klarinette.

(Thema mit Quartett und Klarinette)

Ilona: (Unterbricht an der ersten dramatischen Stelle). Halt, halt, halt. Das ist ja viel zu laut, und zu aufgeregt, und zu traurig.

Klarinettist: Das ist eben Brahms!

Ilona: Also ich mag den nicht! Ihr etwa? Der Mozart vorhin war viel lustiger! Könnt Ihr nicht den Mozart noch einmal spielen? … Also bitte, Kinder, hört gut zu. Unsere Musiker spielen jetzt: Wolfgang Amadeus Mozart, Klarinettenquintett, letzter Satz. Zum Thema gibt es einen Text, den wollen wir jetzt alle gemeinsam singen, dazu habt Ihr die Musikblätter vor Euch, Eltern bitte mitsingen!

KV 581, Variationenthema gesungen:

„Wenn die Klarinette spielt mit Cello, Geige, Bratsche,
Machen alle Freunde mit bei unsrer Kammermusik.“

Prägt Euch dieses Thema gut ein. Es wird jetzt von unseren Freunde gespielt, dazu gehen sie raus, treten auf, kriegen Applaus und dann fangen sie an … Kammermusik, echte Kammermusik. Und ihr seid ganz still und applaudiert erst ganz am Ende.

(Mozart: Klarinettenquintett, Finale).