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Der Pianist Tobias Koch, 2019 zu Gast beim Festival RheinVokal, an einem historischen Flügel der Beethovenzeit.

Mein Beethoven: Der schlichte Beethoven

Zu unserer Serie Mein Beethoven sind schon mehrere Beiträge von Freundinnen der Villa Musica eingetroffen, die hier nach und nach veröffentlicht werden. Lena-Maria Mletzko-Dannenberg hat über das mutmaßlich letzte Klavierstück des Meisters geschrieben.

Der schlichte Beethoven

Von Lena-Maria Dannenberg-Mletzko

„Rate mal, wer das komponiert hat“, fragten mich meine bildungsbeflissenen Eltern, wenn im Radio klassische Musik ertönte. In den sechziger Jahren waren Klassiksendungen eine beliebte und kostengünstige Gelegenheit, ein Konzert zu erleben. War es ein Stück von Beethoven, lag ich meistens richtig, denn Beethoven ist einzigartig. Und auch heute, wenn ich mir eine seiner Sinfonien anhöre oder die großartigen Klaviersonaten, denke ich immer wieder: Diese Gewaltigkeit, dieses Gewitter, Donner und Blitz, danach hervorbrechende Sonnenstrahlen, ein Regenbogen, so kann das nur Beethoven, unverkennbar, große Gefühle, hier geht es um Schicksal, Leben und Tod, Rettung und Untergang, Liebe und Hass. Beethoven ist gigantisch, einsam auf dem Adlerthron (Die Zeit).

Nur ist das nicht die ganze Wahrheit. Vor drei Jahren waren mein Mann und ich bei einem Konzert im Schloss von Bad Krozingen, Hort der wunderbaren Sammlung Neumeyer-Junghanns-Tracey. Museumsstücke ja, die aber spielbar gehalten und immer wieder von Künstlern zum Klingen gebracht werden. Tobias Koch spielte Beethoven-Sonaten auf dem kostbaren Hammerflügel von Johann Gottlieb Fichtel, gebaut 1803. Natürlich war es ein Erlebnis, u.a. die Pathétique so zu hören, wie sie zu Beethovens Zeiten geklungen haben mag.

Dann kam Tobias Kochs Zugabe als eine Preziose anderer Art: Die erst einige Jahre zuvor zufällig entdeckte Bagatelle in f-moll, vielleicht Beethovens letzte Komposition für Klavier. Der australische Musikwissenschaftler Peter McCallum hatte das 32 Takte kurze Stück in Beethovens Skizzenbuch, dem sogenannten „Kullak sketchbook“ in der Staatbibliothek Berlin gefunden, versteckt inmitten der Notizen  zum Streichquartett Op. 135. Erst bei der Transkription von Beethovens eigentümlicher Notenkurzschrift stellte sie sich als Klavierstück heraus. McCallum glaubt, dass es im Oktober 1926 entstand, wenige Monate vor Beethovens Tod im März 1827.

Das kleine Stück, eine Bagatelle eben, ist von anrührender Schlichtheit, dieselbe Figur wird in absteigender Linie immer wiederholt, im zweiten Teil zunächst mit Terzen ein wenig verstärkt, dann kommt noch einmal der erste Teil, die linke Hand in den letzten vier Takten aber eine Oktave höher, ein vorsichtiger Lichtblick. Es gibt keine Spielanweisungen. Tempo, Lautstärke, Betonung, alles kann der Pianist bestimmen. Am schönsten wirkt es nicht zu schnell, verhalten, eben schlicht gespielt.

Dann stellen sich auch hier große Gefühle ein – Traurigkeit, Hoffnung, Besinnung auf das Wesentliche, übrigens ganz ähnlich wie in dem Klavierstück „Lustig und traurig“ (WoO 54). Auch dies hat Tobias Koch als Zugabe gespielt und darauf hingewiesen, dass Beethoven hier das Klischee Dur=lustig/Moll=traurig widerlegt.

Auch das ist Beethoven für mich: schlicht, ein bisschen ironisch, überraschend.