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Prof. Jürgen Hardeck, seit Jahrzehnten Künstlerischer Leiter des Kultursommers Rheinland-Pfalz und für die Bezuschussung zahlloser Kulturveranstaltungen im Land zuständig, also immer auch für Beethoven-Aufführungen.

Mein Beethoven: Prof. Jürgen Hardeck

Roll Over Beethoven – ein legendärer Song und ein wunderbarer Aufhänger für Jürgen Hardeck, den Chef des rheinland-Pfälzischen Kultursommers, seinen persönlichen Weg zu Beethoven aus der Perspektive der Popkultur zu beschreiben.

Roll Over Beethoven

Beethoven aus der Sicht eines Kindes der Pop-Kultur

von Jürgen Hardeck

Als Chuck Berry 1956 seine Rock'n'Roll Nummer Roll over Beethoven herausbrachte, war ich noch gar nicht geboren. Trotz des legendären Riffs und der unbestreitbaren Bedeutung des Rockpioniers Chuck Berry gefiel mir die druckvollere, mit Streichern und Zitaten aus der Fünften Symphonie angereicherte Version dieses vielgecoverten Songs vom Electric Light Orchestra (ELO) in meiner Jugend deutlich besser.

Wann hörte ich eigentlich Beethovens Werke bewusst? Schon Anfang der Siebziger Jahre hatte ich eine Platte, die ich immer noch besitze: „Gulda spielt Beethoven-Sonaten“ (Pathétique, Mondschein, Waldstein). Ich habe sie damals gern und oft gehört. Als großer Film- und Fernsehfan, der ich damals war, erinnere ich mich natürlich an die Bedeutung von Beethoven für Schroeder, der in der TV-Serie Die Peanuts immer etwas auf einem Kinderklavier von ihm spielte - und an den „therapeutischen“ Einsatz der Neunten Symphonie in Stanley Kubricks brutalem Filmmeisterwerk A Clockwork Orange. (Wahrscheinlich hätte ich den damals noch gar nicht sehen dürfen.)

Lange Zeit standen vor allem die Symphonien im Mittelpunkt meines Interesses an Beethovens Musik. Das lag an der Schule. Die ungeraden Symphonien Beethovens seien die bedeutenden, das hatte ich in der Mittelstufe gelernt. Und unter diesen wiederum die Dritte, die Fünfte und natürlich die Neunte. (Die alte Karajan-Einspielung mit den Berlinern und die Bernstein-Aufnahme mit den New Yorker Philharmonikern stehen – wenn auch viel zu lange unangerührt, wie mir auffällt, in meiner Plattensammlung.) In der Oberstufe folgte das analytische Hören der Neunten Symphonie, was mir in durchaus angenehmer Erinnerung geblieben ist. Das war übrigens gerade während der Phase, als ich sehr viel Beatles hörte, die sich ja auch ein wenig mit Beethoven beschäftigt haben. John Lennons Because, auf dem Abbey Road-Album, zum Beispiel, basiert, wie Beatles-Kenner natürlich wissen, auf der rückwärts gespielten „Mondscheinsonate“. 

Der Spanier Miguel Rios sang 1970 A Song of Joy (Die Ode an die Freude aus dem letzten Satz der Neunten versimplifiziert) zum 200. Geburtstag des Meisters - und verkaufte den Song 7 Millionen mal, wie ich eben nachlese. (O Gott, eben finde ich auch diese Platte noch in meiner Sammlung! Ich bitte um Nachsicht. Da war ich zwölf und bislang ohne klassische Musik aufgewachsen. Ja, zugegeben, Ekseption hab ich damals auch gehört, aber eben 1970 - als ich wirklich noch sehr jung war. Danach nicht mehr.)

Je älter ich wurde, desto mehr fing ich an – auch! - die klassische Musik selbst zu lieben. Ich wurde auch nicht rückfällig, als ich mich 1983 für Billy Joels Song This Night begeisterte. Zum einen ist das eine Hommage an den Doo-Wop-Sound der 50er und 60er Jahre. Zum anderen ist der Anfang des Refrains ein komplettes Beethoven-Zitat aus dem zweiten Satz der Sonate Pathétique, das perfekt in den Song eingepasst ist und mit seinem emphatischen Charakter die Aussage des Textes brillant unterstreicht. Nun, ich denke: Solange die Populärkultur noch etwas mit ihm anzufangen weiß, braucht man sich über Beethovens anhaltende Popularität keine Sorgen zu machen. Roll on, Mr. Beethoven!