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Capri, die malerische Kulisse für einen nächtlichen Spaziergang mit Beethovens Violinkonzert, geschildert von unserer Freundin Monika Gerdes.

Mein Beethoven: Violinkonzert

„Gerade das Violinkonzert von Beethoven liebe ich besonders, da ich als junger Mensch selbst einmal mit Begeisterung die ererbte Violine spielen durfte.“ So schreibt uns Monika Gerdes und hat eine wunderschöne Geschichte über einen Nachtspaziergang auf Capri mitgesendet.

Nächtlicher Spaziergang

von Monika Gerdes

„Lass uns noch einen Spaziergang machen“, sagt er, während sie satt und zufrieden aufstehen. Unter der kleinen, mit Weinreben überdachten Pergola haben sie zu Abend gegessen. Obwohl ein außergewöhnlicher Blick auf die gegenüberliegenden Felshänge dazu einzuladen scheint, noch etwas zu verweilen, zieht es sie hinaus. Sie hatten Tags zuvor hinter ihrer kleinen Familienpension einen schmalen Weg entdeckt, den sie bisher noch nicht erkundet hatten. In engen Windungen führt er sie aus dem mittelalterlichen Ort direkt in die Natur hinaus. Die Luft ist mild. Allmählich hat die Dämmerung das letzte Sonnenlicht mitgenommen, das zum Abschied einen sanften roten Schimmer über die Bergspitzen jenseits der großen Bucht legt.

Hoch über dem Meer schlängelt sich der schmale Weg eng an den Felsen entlang, und nach jeder Biegung eröffnet sich ein neuer, grandioser Anblick. Steil fallen die Felswände bis zur Küste hinab. Man hört leise den Rhythmus der an die Felsen schlagenden Wellen, und ein Blick in die Tiefe, über die niedrige Mauer, die den Weg sichert, nimmt ihnen den Atem. Ein zarter Duft von Ginsterblüten und Pinienharz liegt in der Luft. Das Rauschen der Wellen in der Tiefe mischt sich mehr und mehr mit dem Zirpen der Zikaden, die überall zu hören sind, während die Dämmerung langsam dem Nachtblau des Himmels weicht. Unzählige Sterne schmücken ihn, und ein halber Mond schickt sein silbriges Licht auf den Weg. Sie verlangsamen ihre Schritte und lauschen den Geräuschen dar Natur. Allmählich weitet sich der schmale Weg zu einer kleinen Aussichtsplattform. Ein leichter Lufthauch berührt sie und mit ihm, von irgendwoher, leise Töne einer wunderbaren Musik. Eine Violine schickt ihre heiteren Klänge zu ihnen, schwebend und wieder verschwindend mit dem leichten Wind. Dann deutlicher das sie umschmeichelnde Orchester. Die Töne kommen und verschwinden wieder wie ein Hauch. Sich an den Händen haltend, verharren sie lauschend. Schweigend setzen sie sich auf die niedrige Balustrade, ganz eingetaucht in eine verwunschene Wirklichkeit. Wer ist es, der diese verzaubernden Klänge zu ihnen schickt? Ist es Beethoven selbst, der sein wunderbares Violinkonzert mit dem lauen Südwind zu ihnen sendet? Sie schauen sich um, und ihre Blicke gehen weit über die vom Mond und den Sternen beleuchtete Bucht. In der Ferne erkennen sie schemenhaft die Lichter von Neapel und nehmen mit allen ihren Sinnen den Zauber dieses Abendgeschenks in sich auf. Sie fühlen sich eins mit der Natur und dem Universum, das alles möglich erscheinen lässt, was sie in ihren Träumen und Sehnsüchten immer wieder begleitet.

Am nächsten Morgen, bei strahlendem Sonnenlicht und angenehm kühler Luft, begeben sie sich auf die Suche nach der Ursache des geheimnisvollen nächtlichen Konzertes. Sie folgen dem am Abend gegangenen Weg und entdecken schließlich nach einigen Biegungen ein Eisentürchen, das eine eng an die Felsen geschmiegte, steile Treppe freigibt. Neugierig steigen sie hinab und stehen unvermittelt auf der Terrasse einer kleinen, in die Felsen gehauenen Bar. Nur wenige Tische und Stühle haben auf der Terrasse Platz, und voller Verwunderung beschließen sie, hier ein wenig zu rasten. Sogleich kommen sie mit dem freundlichen Besitzer dieses verwunschenen Ortes ins Gespräch und erfahren, dass er als großer Musikliebhaber hier den Ort seines erträumten Lebens gefunden  hat. Er ist es, der regelmäßig die schönsten musikalischen Werke in den ausklingenden Tag schickt, und freut sich, wenn er Menschen trifft, die von diesem Zauber ergriffen sind.

Es waren ihre letzten Tage auf Capri, das seitdem für sie immer eine Trauminsel geblieben ist, die in ihrer Erinnerung so weiterlebt, als wären seitdem keine fünfzig Jahre vergangen.