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Dr. Denis Alt ist Staatssekretär für Wissenschaft, Weiterbildung und Kultur, Vorstandsvorsitzender der Villa Musica und ein leidenschaftlicher Konzertbesucher. 

Mein Beethoven: Dr. Denis Alt

„Übermenschlich in seiner Stärke und menschlich in seiner Schwäche.“ So empfindet der Vorstandsvorsitzende der Villa Musica Beethovens Musik. Ein sehr persönliches Bekenntnis in unserer Serie „Mein Beethoven“.

Denis Alt

Mein Beethoven

Ludwig van Beethoven wäre dieses Jahr 250 Jahre alt geworden und gleichwohl ist der Popstar der Klassik in einer sich wandelnden Zeit omnipräsent. 

Immer wieder bin ich fasziniert von Beethovens Werken, die komplex und überwältigend sind. Die musikalischen Elemente passen zu einer unübersichtlichen Welt, in der das Dasein oft auch herausfordernd ist. Dieses Herausfordernde in der Musik personalisiert den Hörer und schafft eine einzigartige Symbiose zwischen dem Komponisten, der Musik und den Hörerinnen und Hörern. Die Musik reißt mit. Sie vermittelt das Gefühl, angesprochen zu werden, sie packt das Individuum in seiner Gänze, den Verstand und den Körper, an und illustriert Beethovens Genialität: übermenschlich in seiner Stärke und menschlich in seiner Schwäche.

Die 9. Sinfonie mit der Ode An die Freude, deren Instrumentalfassung seit 1985 die Hymne der Europäischen Union ist, hat Beethoven im fast tauben Zustand verfasst. Dieses menschliche Drama rührt an. Es erklärt die Gesamtheit von Beethovens Musik, denn der taube Komponist war auf seinen Körper angewiesen, um Musik wahrzunehmen. Zugleich beschäftigt mich als musikalischen Laien die Frage immer wieder, wie der taube Beethoven ohne hörbare Töne überhaupt so große Musik hat komponieren können.

Äußerst spannend, u. a. weil es zwei meiner auf den ersten Blick eher autonomen Zuständigkeiten als Staatssekretär betrifft – Wissenschaft und Kultur -, ist das Projekt, mit Hilfe von künstlicher Intelligenz Beethovens unvollendete 10. Sinfonie zu vollenden. In einem Bereich wie Musik, der für viele auf den ersten Blick nichts mit dem Thema Künstliche Intelligenz zu tun hat, wird ein einfacher Zugang gesucht, um Menschen für das Thema KI – ein bedeutendes Thema voller Emotionen, Ängste, Halbwissen und Hoffnungen – zu interessieren. Dies ist genauso interessant wie das zu erwartende Ergebnis, denn der Algorithmus ist unberechenbar und kann uns alle überraschen.

Ungeachtet des Produkts initiiert das Projekt wichtige Debatten, die ich führen möchte. Kann Kunst komplett der Maschine überlassen werden? Wie kann eine Koproduktion zwischen menschlicher Kreativität und KI-Tools funktionieren?

Beethoven war der Popstar seiner Zeit, gleichzeitig ist er zeitgemäß in einer globalisierten und komplizierten Welt. 193 Jahre nach seinem Tod motiviert er uns Debatten über aktuelle Entwicklungen zu führen und belegt, dass irgendwie alles zusammen gehört. Vor allem offenbart er uns, die Bedeutung des Menschseins - ein Leben im Trotzdem: Komponieren trotz Taubheit, Lieben trotz aller Grenzen, Freude trotz Depressionen. Diese Widersprüche sind menschlich und aushaltbar.