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Sie spielen Telemanns A-Dur-Quartett am Nikolausabend im Kurfürstlichen Palais in Trier: Traversflötist Lorenzo Gabriele und sein °Quadro animato".

Villa Musica Adventskalender

Auch 2019 erzählt Karl Böhmer im Adventskalender Geschichten von Musikerinnen und Musikern, Komponistinnen und Komponisten im Advent - von Palestrina bis Penderecki. Das erse Türchen öffnet sich auf den 1.12.1737. Georg Philipp Telemann feiert den ersten Advent in Paris.

Paris, 1. Dezember 1737

Schon läuteten die Pariser Glocken zur Adventsmesse, doch für ihn, den Lutheraner, waren sie nicht bestimmt: Am Sonntag, 1. Dezember 1737 machte sich Georg Philipp Telemann in aller Herrgottsfrühe auf und eilte durch die noch dunklen Straßen der Metropole. Im katholischen Paris bot der Palast des schwedischen Botschafters den Lutherischen Asyl für ihre Gottesdienste, auch am ersten Advent. Dorthin machte sich der Magdeburger auf und dachte dabei an ein großes Ereignis: Nur noch sieben Tage bis zum 8. Dezember, nur noch eine Woche Vorbereitungen für das große „Concert spirituel“! Wie jedes Jahr am Fest der unbefleckten Empfängnis Mariens sollten die Pariser mit einem geistlichen Programm aus „Grands Motets“ auf Weihnachten eingestimmt werden. Doch zwischen all den groß besetzten Psalmen war auch Platz für ein paar „Pièces de symphonie“, sprich: für Kammermusik. Der Flötenvirtuose Michel Blavet und der nicht weniger brillante Geiger Jean-Pierre Guignon hatten sich für diesen Tag etwas Besonderes vorgenommen: Sie wollten ein neues Flötenquartett von Telemann aus der Taufe heben, zusammen mit dem Cellisten Edouard und dem Komponisten am Cembalo. Längst hatte es sich herum gesprochen, dass sich der pfiffige Deutsche auf den „Goût français“ verstand, auf den französischen Stil. Seine Quartette galten als besondere Kostbarkeiten, dank der Kunst der Herren Blavet, Guignon, & Co. Doch nun weilte Telemann selbst in der Stadt – höchste Zeit, den Parisern neue Quartette zu präsentieren, „Nouveaux Quatuors“. Und wo hätte man dafür ein größeres, festlicheres Publikum gefunden als im „Concert spirituel“ am 8. Dezember?

Erster Advent beim Botschafter

Seit zwei Monaten befand sich der Hamburger Musikdirektor in Frankreich – Zeit genug, um seine „Nouveaux Quatuors“ zu schreiben. Ende September hatte Telemann endlich „seine lange schon zuvor entworfene Reise nach Paris“ angetreten. Die Advents- und Weihnachtsgottesdienste überließ er für dieses Jahr seinem Stellvertreter Scheibe. Sollten die Hamburger einmal ohne ihn auskommen! Es war seine erste große Reise seit Jahren und die erste ins Ausland. Da konnte ihm der nasskalte Pariser Wind ins Gesicht blasen, wie er mochte, das konnte den Wahlhanseaten nicht verdrießen. Am ersten Adventssonntag setzte er sich an die kleine Hausorgel in der Kapelle des schwedischen Botschafters und improvisierte ein Choralvorspiel über „Nun komm der Heiden Heiland“. Danach stimmte die Gemeinde aus aller Herren Länder in Luthers Choral ein, um nach alter Sitte den Advent einzuläuten. Doch Telemanns Pariser Gastgeber, der Cembalobauer Anton Vater aus Hannover, hatte vorsorglich das große Cembalo des Herrn Botschafters gestimmt. Denn nachdem man seine geistlichen Pflichten erfüllt hatte und auch die katholischen Kollegen aus den Kirchen der Stadt zurückströmten, fanden sich Blavet, Guignon und Edoaurd im Palais ein. Zu neugierig war man dort auf die neuen Quartette des Meisters.

Ein „nouvel quatuor“ von Telemann

Telemann legte die Stimmen eines „Quatuor en la majeur“ auf die Pulte. Es begann federleicht, mit einem munter plaudernden „Prélude“, um danach die schönsten Tänze „à la française“ wie an einer Perlenkette aufzureihen. Monsieur Telemann verstand sich wahrhaft auf die Kunst, den Franzosen zu schmeicheln, so vollendet konnte er ihre Musik imitieren. Zugleich aber träufelte er ihnen die Töne einer neuen Zeit in die Ohren: den galanten Stil aus Italien. Gegen diesen Ohrenbalsam war jeder Widerstand zwecklos. Die vier Instrumente schienen in eine „Conversation galante“ verstrickt zu sein, so nonchalante warfen sie sich die Bälle zu. Im Palais des Botschafters herrschte nach der Aufführung schieres Entzücken. So mancher fromme Lutheraner wurde dabei ertappt, wie er auf dem Heimweg eine Telemannsche Melodie vor sich hinpfiff. Doch würde ein so eingängiges, gut gelauntes Werk nicht zu weltlich sein für das ernste „Concert spirituel“

Flötenquartett im geistlichen Konzert

Der 8. Dezember 1737 brachte den Beweis. Nach einer einleitenden Orchestersuite von Aubert machte das „Concert spirituel“ seinem geistlichen Namen alle Ehre. Erst hörte man ein andächtiges „Deus noster“ von Cordelet, dann den großen Psalm „Beatus vir“ des königlichen Kapellmeisters Gervais, schließlich das gewaltige „Exultate justi“ vom seligen Delalande, alles komponiert im „Grand goût“ der französischen Tradition mit stark besetzten Chören, einem kraftvoll aufspielenden Orchester und Solisten, die mehr schrien als sangen – so mag es dem Deutschen Telemann erschienen sein. Doch zwischen den großen Chorwerken traten plötzlich Blavet und Guignon hervor, gefolgt von Edouard und Monsieur Telemann. Schon mit den ersten Tönen des A-Dur-Quartetts wehte frischer Wind durch die heiligen Hallen der Tuilerien. Ein Lächeln trat auf die Gesichter der Zuhörer, und von Satz zu Satz wurde es breiter. Am Ende jubelten die Pariser über ein kleines Quartett mehr als über die größten Chorstücke jenes Konzerts. Der Erfolg war so groß, dass sie auch am ersten Weihnachtstag ein neues Telemann-Quartett hören wollten – zwischen den üblichen Weihnachtsliedern, bearbeitet für Orchester. Am Fest Mariä Lichtmess folgte das dritte Quartett und so fort bis ins Frühjahr hinein. Erst zum Fest Mariä Verkündigung aber tauchte Telemanns Name in der Zeitung auf. Der „Mercure de France“ meldete: „On y chanta aussi le 25. un Motet à grand Chœur du sieur Telleman, qui a été fort goûté“. („Man sang auch am 25. März eine Motette für großen Chor von Telemann, die sehr goutiert wurde“). Mit dem 71. Psalm im großen Chorstil kam Telemann in die Zeitungen, nicht mit den kleinen Flötenquartetten, doch die kleinen Quartette bescherten ihm in Paris den großen Ruhm. Noch drei Jahre später schwärmte der Komponist von seinen Interpreten: „Die bewunderungswürdige Art, mit welcher die Quatuors von den Herren Blavet, Traversisten; Guignon, Violinisten; Forcray dem Sohn, Gambisten: und Edouard, Violoncellisten, gespielet wurden, verdiente, wenn Worte zulänglich wären, hier eine Beschreibung.“ Kein Wunder, dass „die Ohren des Hofes und der Stadt“ bald „ungewöhnlich aufmerksam wurden“ auf den Gast aus Deutschland. Seine „Pariser Quartette“ erwarben ihm „in kurzer Zeit eine fast allgemeine Ehre, welche mit gehäufter Höflichkeit begleitet war“ – so berichtete der Meister in seiner Autobiographie von 1741. Die Kammermusik hatte die große Kirchenmusik aus dem Feld geschlagen.

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