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Die Weimarer Schlosskapelle, zu Bachs Zeit die Himmelsburg genannt. An der Balustrade des Himmelsgewölbes vor der Orgel stand der Konzertmeister Bach mit seinen Sängern und Orchestermusikern, um am Palmsonntag 1714 seine Kantate BWV 182 aufzuführen.

Osterkalender 28.3.

Teil 3 unseres musikalischen Osterkalenders: Zum Palmsonntag erzählt Karl Böhmer vom Himmelskönig in der Himmelsburg: Bachs Weimarer Kantate BWV 182.

Palmsonntag 1714 in Weimar

Die Erwartungen waren hoch gesteckt am 25. März 1714 in der herzoglichen Schlosskapelle zu Weimar. Johann Sebastian Bach würde sein erstes „Kirchenstück“ als frisch ernannter Konzertmeister zur Aufführung bringen. Also rückten alle etwas enger zusammen als sonst, um für Gäste von außerhalb Platz zu machen. Denn längst hatte es sich herumgesprochen, dass dieser Bach mit seinen 29 Jahren der größte Orgelvirtuose Mitteldeutschlands war. Seit sechs Jahren stand er bei Herzog Wilhelm Ernst als Hoforganist im Sold, doch zwei Wochen zuvor war ihm eine Beförderung zu teil geworden. Ihre Hochfürstliche Durchlaucht hatten „dem bisherigen Hof-Organisten Bach, auf sein unterthänigstes Ersuchen, das prædicat eines ConcertMeisters mit angezeigtem Rang nach dem Vicekapellmeister Dreßen, gnädigst conferiret“. Im Gegenzug musste Bach „Monatlich neue Stücke aufführen, und zu solchen proben die CapellMusici auf sein Verlangen schuldig und gehalten sein.“ Sofort hatte sich Bach an die Arbeit gemacht und eine Kantate zum Palmsonntag komponiert, die nun zur Uraufführung anstand. Zur Probe hatte er die CapellMusici in sein Haus eingeladen, wo der zwei Wochen alte Sohn Carl Philipp Emanuel dem ungestörten Proben nicht eben zuträglich war. Auch der dreijährige Friedemann war allzu neugierig auf die Musikanten, so sehr sich auch Mutter Barbara bemühte, ihn vom Stören abzuhalten. Also verfügte die Herzogliche Verwaltung zwei Tage vor Palmsonntag kurzerhand: „Das probiren der Musicalischen Stücke im Hause oder eigenem Logiament ist den 23. März 1714 geendet, und das es jedesmal auf der Kirchen-Capelle geschehen solle, expresse befohlen worden.“

Proben in luftiger Höhe

Gesagt, getan: Bach zog mit seinen Sängern und Instrumentalistin in die Schlosskapelle um. Bequemer war es dort nicht und wärmer auch nicht als bei Bachs zuhause. Doch für die Akustik und die geradezu szenische Wirkung der neuen Kantate war das Proben vor Ort unverzichtbar. Die Weimarer Schlosskapelle trug ihren Namen nicht umsonst: Himmelsburg. Über drei Stockwerke hinweg ragten die stolzen Emporen in die Höhe wie Logenränge in einem barocken Opernhaus. Hoch über Altar und Kanzel, weit über den Köpfen des frommen Publikums erhoben sich Orgel und Musikerempore. Man hatte Beides ins Gewölbe eingebaut, in einen Himmel, der sich zu Beginn des Gottesdienstes buchstäblich öffnete. Denn besagtes Gewölbe war mit einer mobilen, hölzernen Zwischendecke verschließbar. Wer immer am Samstag vor Palmsonntag der Generalprobe der neuen Kantate lauschen wollte, bekam von der Kirche aus nichts zu sehen und wenig zu hören. Die Musici blieben vorerst unter sich: Am Rande der Balustrade versammelten sie sich stehend um die Orgel, an der ausnahmsweise nicht Bach selbst, sondern einer seiner Schüler Platz nahm. Seinem Rang entsprechend führte der neue ConcertMeister Bach mit der Geige im Arm die Palmsonntagsmusik an, und das sollte die Gemeinde gleich zu Beginn hören, wenn er im Dialog mit dem Flötisten ein prachtvolles Solo anstimmte.

Einzug des Himmelskönigs

„Himmelskönig, sei willkommen, / Laß uns auch dein Zion sein! / Komm herein, / Du hast uns das Herz genommen.“

So konnte die Weimarer Hofgesellschaft im Textbuch der neuen Kantate lesen. Offensichtlich war die Anspielung auf den Einzug Jesu in Jerusalem, offensichtlich die Verbindung zur Architektur: Jesus als der Himmelskönig zog in seine Himmelsburg ein, die Schlosskapelle zu Weimar, das thüringische Jerusalem. Er kam aus der Höhe, aus dem Himmelsgewölbe. Deshalb erklang vor dem ersten Chor eine himmlische Einzugsmusik. „In lichter Höhe ergehen sich in feierlichem Rhythmus Blockflöte und Solovioline über hingetupften Akkorden der Streichinstrumente – ein Festzug, von fern erlebt, ungreifbar wie der Äther, fast unwirklich, erst am Schluss wir aus himmlischen Höhen auf die Erde herabsteigend.“ So hat der große Bachforscher Hans-Joachim Schulze diesen unvergesslichen Moment beschrieben. Bildlich denkende Zuhörer hätten im Pizzicato der Streichinstrumente vielleicht das Anklopfen des Himmelskönigs gehört. Bibelfeste Zeitgenossen erkannten sofort den Bezug zu Matthäus 21:

„Saget der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir sanftmütig und reitet auf einem Esel und auf einem Füllen einer lastbaren Eselin.“

Bei aller Pracht der punktierten Rhythmen umschreiben die zarten Soloinstrumente Violine und Blockflöte das sanftmütige Wesen des Himmelskönigs. Freudig antwortet die Tochter Zion mit besagtem Chorsatz: „Himmelskönig sei willkommen, Laß uns auch dein Zion sein!“ Die Weimarer durften sich selbst als Tochter Zion fühlen, was nach dem Chor auch der Solo-Bass verkündete. „Starkes Lieben, / Das dich, großer Gottessohn, / Von dem Thron / Deiner Herrlichkeit getrieben!“ So singt der Bass zu einer freudigen Begrüßungsmusik der Streicher im Rhythmus einer Gavotte: Mit höfischen Klängen wurde der Himmelskönig in Weimar willkommen geheißen, nachdem er seinen Thron weit oberhalb der CapellMusici verlassen hatte.

Die unbefleckten Kleider der Herzen

Der Alt schlug danach eine weitere Brücke zum Sonntagsevangelium: „Die Jünger brachten die Eselin und das Füllen und legten ihre Kleider darauf und setzten ihn darauf. Aber viel Volks breitete die Kleider auf den Weg.“ Daraus wurde in der theologischen Deutung durch Bachs unbekannten Textdichter: „Leget euch dem Heiland unter, / Herzen, die ihr christlich seid!“ Nicht die Kleider wurden in Weimar vor dem Himmelskönig ausgebreitet, sondern die Herzen der Gläubigen. In unnachahmlicher Weise hat Bach dieses demütige Sich-Niederlegen in einer sich ständig verneigenden Melodie der Blockflöte umschrieben, die der Alt aufgreift. Nach diesem innigen Dialog offenbart der rasche Mittelteil der Arie den tieferen theologischen Sinn: „Tragt ein unbeflecktes Kleid / Eures Glaubens ihm entgegen.“ Es sollte den Weimarern nicht genügen, ihre Herzen vor dem Heiland auszubreiten wie einst die Menschen in Jerusalem ihre Kleider. Diese Herzenskleider sollten auch rein sein. Lauteren Herzens sollten sie dem einziehenden Himmelskönig entgegengehen.

Passion

Mit dem zarten Blockflötensolo endete am Palmsonntag 1714 in Weimar die Musik des königlichen Einzugs. Ein herbes Cellosolo mit harschen Orgelharmonien lenkte die Gläubigen unüberhörbar auf die bevorstehende Passion. Der Tenor sang dazu die mahnenden Worte: „Jesu, lass durch Wohl und Weh / Mich auch mit dir ziehen! / Schreit die Welt nur ‚Kreuzige!’ / So lass mich nicht fliehen!“ Die Arie sollte die Weimarer Gemeinde auf die Nachfolge im Leiden, auf die Compassio in der bevorstehenden Karwoche einstimmen. Noch eindringlicher gelang dies Bach im folgenden Chorsatz durch eine wundersame Vermählung von Mitleiden und Glaubensfreuden. Die Choralmelodie „Jesu, deine Passion, ist mir lauter Freude“ hat er nach allen Regeln kontrapunktischer Kunst durch die Stimmen geführt und dabei zwischen den Dissonanzen des Leidens immer auch das zarte Dur der Glaubensfreude aufleuchten zu lassen: „Meine Seel' auf Rosen geht, / Wenn ich dran gedenke."

Einzug ins himmlische Jerusalem

Im Abgesang des Chorals leitete Bach den Blick der Weimarer Hofgemeinde durchs irdische Leiden Jesu hindurch ins himmlische Jerusalem. Durch sein Kreuz bereitete der Heiland uns allen „im Himmel eine Stätt“. Nur deshalb konnte Bach seine Kantate mit einem freudigen Tanzsatz beenden, einem Passepied, angestimmt von der Blockflöte, die alle anderen Instrumente nach sich zieht: „So lasset uns gehen in Salem der Freuden.“ Indem die frommen Lutheraner zu Weimar sich von Bachs Musik zum Mitleiden der Passion bewegen ließen, begleiteten sie Jesus nicht nur bis zur Via Dolorosa des irdischen Jerusalems, sondern auch ins himmlische Jerusalem der ewigen Freuden. Dies hat Bach mit seinem Schlusschor unmissverständlich zum Ausdruck gebracht. Seine Musiker zogen die Weimarer Gemeinde quasi mit sich hinauf ins Himmelsgewölbe, in einer Musik, die immer höher und leichter wird. Im Mittelteil des Schlusschors aber offenbarte er durch ein monumentales Unisono der Singstimmen die Weite des himmlischen Jerusalems. Am Ende durften alle befriedigt feststellen, dass ihnen der Palmsonntag in einem einzigen Kirchenstück noch nie so bildhaft, bewegend und trotz der kleinen Besetzung musikalisch reich vor Augen und Herzen gestellt worden war wie vom ConcertMeister Bach und seinen CapellMusici.

Hörtipp:

Johann Sebastian Bach: Kantate „Himmelskönig, sei wilkommen“, BWV 182

https://www.youtube.com/watch?v=va0gzT2jyqM

Paul Esswood, Kurt Equiluz, Robert Holl, Tölzer Knabenchor, Concentus Musicus Wien, Leitung: Nikolaus Harnoncourt