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Der päpstliche Kanzleipalast in Rom, die Cancelleria. Die Grand'Aula, in der Kardinal Ottoboni seine Oratorien aufführen ließ, befindet sich am vorderen Ende des Hauptgeschosses und war anno 1706 noch durch etliche Gebäude von der nächsten Straße abgeschirmt. Seit deren Abriss tost hier der Verkehr des Corso Vittorio Emanuele vorbei, während man links hinten zum stilleren Campo de' Fiori gelangt (Foto: Lalupa, Wikimedia).

Osterkalender 31.3.

Vor genau 30 Jahren legte Michael Schneider die Ersteinspielung eines großen Passionsoratoriums von Alessandro Scarlatti vor. Es wurde am Mittwoch der Karwoche, dem 31.3.1706, in Rom uraufgeführt.

Karmittwoch in Rom

Rom am 31. März 1706, dem Mittwoch der Karwoche: Der päpstliche Vizekanzler, Kardinal Pietro Ottoboni, empfängt eine Hundertschaft erlauchter Gäste in der Cancelleria, dem päpstlichen Kanzleipalast unweit des Campo de’ Fiori. Sechs seiner Kardinalskollegen geben ihm die Ehre, dazu die Schwägerin seiner Heiligkeit, Maria Bernarda Ondedei. Die resolute Dame aus Pesaro, deren Söhne gerade unter ihrem päpstlichen Onkel Clemens XI. Karriere machen, liebt die prachtvollen Oratorien im Kanzleipalast. In der Anticamera, heute Grand’Aula genannt, nimmt sie ihren Ehrenplatz ein und bestaunt die Dekoration des riesigen Saals. Kardinal Ottoboni überlässt an diesem Abend nichts dem Zufall. Er selbst hat das Oratorium über die Passion Christi gedichtet, der große Sizilianer Alessandro Scarlatti hat es vertont, und ein anderer Sizilianer hat die Dekorationen entworfen: Filippo Juvarra aus Messina, der spätere Architekt des barocken Turin. Bildkräftig und ergreifend sollen nicht nur Musik und Text sein, sondern auch der Raum, in dem sie aufgeführt werden.

Der Gekreuzigte im schwarzen Trauersaal

Schwarze Samtvorhänge schimmern an den Wänden. Matt glänzen ihre goldenen Fransen, matt leuchtet das Gold der Musikerempore. Das Licht kommt aus Vasen von durchscheinendem Kunstporphyr, im Innern von Kerzen erleuchtet. Geheimnisvoll flackernd fällt es auf das riesige Gemälde in der Mitte der Empore. Unter einem prachtvollen Baldachin sieht man den gekreuzigten Heiland und zu seinen Füßen den Heiligen Filippo Neri in anbetender Haltung. Selbst die Leuchten an den Notenpulten der Musiker sind umhüllt von Transparentpapier mit den Szenen der Passion. So ist der ganze Saal wie in mystisches Licht getaucht: ein „Teatro“, ein barockes Bühnenbild für die Tragödie von Golgatha und ihre heilbringenden Folgen. Plötzlich tönen sechs Trompeten durch den weiten Raum, con sordino, mit Dämpfern gespielt. Das Vorspiel des Oratoriums setzt ein. Trompeten, Pauken und Streicher scheinen die rohe Gewalt der römischen Macht darzustellen, die Jesus ans Kreuz geschlagen hat. Doch nach nur 30 Sekunden bricht sie in sich zusammen. In den Streichern hört man leise stockend die letzten Seufzer des Gekreuzigten, der seinen Geist aushaucht. Gleich danach bricht der Aufruhr der Natur los: der Vorhang im Tempel zerreißt, die Erde erbebt, die Frauen klagen über den Tod Jesu. Der Schluss bleibt offen.

Alessandro Scarlatti: Oratorio per la Passione del Nostro Signore Gesù Cristo (Rom 1706), Sinfonia; La Stagione Frankfurt, Leitung: Michael Schneider

https://www.youtube.com/watch?v=5-kGh2yqONo&list=OLAK5uy_mJeKouPRz7IXApV5-ULtohPD_J_Wd7dTg

Der düstere Schrecken von Golgatha

Alessandro Scarlatti, der Komponist dieser packenden Einleitung, liebt es, Szenen mit knappen Strichen drastisch zu umreißen. Der Sizilianer, der in Rom aufwuchs und fast zwanzig Jahre lang die neapolitanische Oper dominierte, gilt anno 1706 noch als der größte Opernkomponist Italiens. Seine Spezialitäten auch im Oratorium sind das aufgewühlte Agitato, das majestätische Arioso und das rührende Lamento. Alle drei Farben kann er gleich in der ersten Arie seines Passionsoratoriums einsetzen: La Colpa tritt auf, die Personifikation der Schuld. Sie schildert in erschütterten Tönen und Worten die Finsternis auf Golgatha und das Erdbeben nach Jesu Tod:

Fosco orrore il tutto ingombra, / Ecco il sol cangiato in ombra, / Ecco il suolo, ecco le sfere / Scosse al fin del mio potere. („Finstrer Schrecken erfüllt alles. Sieh die Sonne, in Schatten verwandelt. Sieh den Erdboden, sieh die Sphären, wie sie von meiner Macht erschüttert werden.“)

Mit Jesu Tod scheint die Schuld über die Menschheit zu triumphieren, doch sie kostet diesen Triumph nicht aus. Vielmehr ruft sie die Reue zuhilfe, il Pentimento, um den Menschen den Weg zum Heil zu weisen, den die göttliche Gnade eröffnet. La Grazia ist die Dritte im Bunde. In gelehrten Dialogen erzählen die drei allegorischen Gestalten von der Zerstörung Jerusalems und vom Weltgericht, ermahnen die Menschen zu Buße und Umkehr. Gesungen werden sie von drei viel gerühmten Kastraten des barocken Rom.

https://www.youtube.com/watch?v=BAkh7itobDM&list=OLAK5uy_mJeKouPRz7IXApV5-ULtohPD_J_Wd7dTg&index=2

Arie der Colpa „Fosco orrore“, Mechthild Bach, Sopran; La Stagione Frankfurt, Leitung: Michael Schneider

Ein neuer Stern am Sängerhimmel

Francesco Besci, der neue Stern am römischen Sängerhimmel, rührt das Auditorium in der Partie der Colpa zu Tränen. Unter seinem Spitznamen „Checchino“ wird er zehn Monate später Händels Kantate Delirio amoroso aus der Taufe heben, doch noch liegt sein Hauptaugenmerk auf der geistlichen Musik. Sein Onkel ist der Kantor der Sixtinischen Kapelle, und auch Besci müsste an diesem Mittwoch eigentlich in den Reihen des päpstlichen Chores die Lamentationen zum bevorstehenden Gründonnerstag vortragen. Ausnahmsweise ist er von dieser Pflicht entbunden worden, um beim Vizekanzler das Oratorium zur Karwoche zu singen. Dabei geht es auch hier um die berühmten Lamentationen – die Klagelieder des Propheten Jeremia über die Eroberung Jerusalems und die babylonische Gefangenschaft des jüdischen Volkes.

Die Klagelieder des Propheten Jeremia

Kardinal Otttoboni hat diese erschütternden Texte aus dem Lateinischen ins Italienische übersetzt und die ersten beiden Lamentationen bereits 1702 von Scarlatti vertonen lassen. Damit haben die Beiden für einiges Aufsehen gesorgt, kannte man diese ehrwürdigen Texte aus der Heiligen Schrift bislang doch nur im lateinischen Original, vorgetragen im strengen „Lamentationston“ des gregorianischen Chorals. Auch Scarlatti lässt seine Sänger in jenem „Tonus peregrinus“ singen, fügt aber eine kontrapunktisch reiche, bildstarke Streicherbegleitung hinzu, die jedes Textdetail ausmalt und den Schmerz des Propheten zu immer neuen Dissonanz-Höhepunkten treibt. 1706 erweitern Ottoboni und Scarlatti diese beiden Lamentationen zum zweistündigen Oratorium. Am Ende des ersten Teils singt Francesco Besci erschütternde Verse aus der zweiten Lamentation zum Gründonnerstag: „Vide Sion rapirsi della nemica destra i suoi tesori“, „Zion sieht, wie seine Schätze von feindlicher Hand geraubt werden.“ Jede Zeile des Chorals setzt bei Scarlatti in einer anderen Tonart an: G-Dur, a-Moll, g-Moll, f-Moll, C-Dur, h-Moll, H-Dur, c-Moll etc. Die harmonischen Rückungen sind ebenso kühn wie die Dissonanzen, bis der Schmerz der Tochter Zion in dem berühmten Ausruf gipfelt: „Seht, ob irgendein Schmerz sei wie mein Schmerz“. Am Ende mündet die Lamentation in eine rührende Siciliano-Arie des Soprans Checchino, gefolgt vom Einsatz seiner beiden Mitsänger Pasqualino Tiepoli und Pasqualino Betti. Begeistert schreibt ein römischer Ohrenzeuge, Scarlatti habe jenes „melancholische Thema auf immer bewundernswertere Weise in Musik gesetzt“.

https://www.youtube.com/watch?v=HHyaE9wcm30

Lamentation „Vide Sion“ und Terzetto; Roberta Invernizzi, Sopran, La Stagione Frankfurt, Leitung: Michael Schneider

Die Siciliani des Sizilianers Scarlatti

Neben dem Lamentationston beherrscht noch eine zweite musikalische Form Scarlattis Passionsoratorium: das Siciliano. Dieser Typus von weich schwingenden Klagearien im sizilianischen Rhythmus mit der neapolitanischen Sexte in der Melodie beherrscht kein anderer Komponist so vollendet wie Scarlatti, der Sizilianer aus Palermo, der so lange in Neapel wirkte. Als ihn die Wirren des Spanischen Erbfolgekriegs vom Vesuv wieder an den Tiber verschlagen, versetzt er die Römer sechs Jahre lang in einen wahren Siciliano-Taumel. Von 1703 bis 1708 schreibt Scarlatti die schönsten Arien in seinen römischen Oratorien, Serenaden und Kantaten stets im Siciliano-Rhythmus. Vier der schönsten finden sich in seinem Passionsoratorium. Für den jungen Checchino ischreibt er ein Siciliano mit Solovioline und Streichern, einen direkten Vorläufer der „Erbarme dich“-Arie aus Bachs Matthäuspassion: „Mira, Signor, deh mira il dolor mio“ („Sieh, Herr, sieh doch meinen Schmerz“).

https://www.youtube.com/watch?v=fldpwW5xCrc

Scarlatti: „Mira, Signor, deh mira il dolor mio“, Mechthild Bach, La Stagione Frankfurt, Leitung: Michael Schneider

Noch schöner ist Cecchinos Arie gegen Ende des zweiten Teils: „Ma se l’uman potere“. Hier hat Scarlatti auf den Basso continuo verzichtet und den Siciliano-Rhythmus in ätherische Höhen gehoben.

https://www.youtube.com/watch?v=Ho0kd9CzXa4

Alessandro Scarlatti: „Ma se l’uman potere“, Lola Casariego, Barockorchester Sevilla, Leitung: Eduardo López Banzo

Späte Wiederentdeckung einer Partitur

Am Ende des zweistündigen Oratoriums applaudierten die Römer an jenem Karmittwoch 1706 begeistert den Sängern und dem Maestro Scarlatti, wenn auch nur gedämpft. Denn in Rom wollte man den schönen Eindruck der Oratorien nicht durch lautes Klatschen trüben und zog deshalb den Ärmel des Gewands nach vorne zwischen die Handflächen – applauso con sordino. Noch zwei Mal hatten die Römer in den folgenden beiden Jahren Gelegenheit, Scarlattis großartiges Passionsoratorium zu hören. Dann verschwand es für fünfzehn Jahre im Archiv der Cancelleria. Erst im Heiligen Jahr 1725 ließ es Kardinal Ottoboni wieder aufführen – zwar mit Scarlattis Lamentationen und Ensembles, aber mit weitgehend neuen Arien für neue Sänger. Diese spätere Fassung liegt heute in Dresden. Von der Urfassung des Jahres 1706 mit der unveränderten Musik Scarlattis hat sich nur eine einzige Partitur erhalten, nämlich im Privatarchiv der Familie Schönborn im fränkischen Städtchen Wiesentheid, unweit von Bamberg. Es sollte fast dreihundert Jahre dauern, bis diese schlummernde Partitur endlich zum Leben erweckt wurde: Im März 1991, genau vor 30 Jahren, spielte der Frankfurter Flötist und Dirigent Michael Schneider mit seinem Orchester La Stagione in der Schlosskirche Bad Homburg das Oratorio per la Passione zum ersten Mal ein. Es erschien als Doppel-CD unter dem Titel der drei handelnden Figuren: La Colpa, il Pentimento, la Grazia. Die Hörbeispiele dieses Kalenderblatts sind weitgehend dieser schönen Aufnahme entnommen. Seitdem hat Michael Schneider das Werk immer wieder dirigiert, auch im direkten Vergleich zu jenem Oratorium, das ihm anno 1708 im Abstand von vier Tagen folgen sollte: La resurrezione, das Auferstehungsoratorium des jungen Händel vom Ostersonntag 1708. (Karl Böhmer)