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Johann Christian Bach, gemalt von Thomas Gainsborough. Der Kastrat Francesco Roncaglia brachte dieses berühmte Porträt 1778 von London nach Bologna zu Padre Martini, Bachs altem Lehrer. Dort hängt es noch heute im Museo internazionale della Musica. Hier die Variante aus der National Portrait Gallery in London (Foto Wikipedia).

Osterkalender 5.4.

Ostern 1762 im Mailänder Dom: Der junge Domorganist aus Deutschland, gerade aus Neapel zurückgekehrt, bestreitet die festliche Musik zum Osterfest. Ein Kalenderblatt zum Mailänder Bach Johann Christian.

Ostern 1762 im Mailänder Dom

„Dem Himmel sei Dank: Ich bin gesund in Mailand angekommen und habe heute Morgen meinen Dienst wieder angetreten.“ So schrieb am Karsamstag des Jahres 1762 der zweite Domorganist der lombardischen Hauptstadt an seinen Lehrer Padre Martini in Bologna. Er hieß Johann Christian Bach, war der jüngste Sohn des Thomaskantors und seit 1755 in Mailand zuhause. Gerade noch rechtzeitig vor dem Osterfest 1762 traf „Giovanni Bach“ wieder in seiner Wahlheimat ein, wo man ihn schon schmerzlich vermisste. Seit September hatte er sich dort vertreten lassen, um im fernen Neapel zwei große Opern für das Teatro S. Carlo zu schreiben. Ende Februar hatte er die Rückreise angetreten und bei seinem verehrten Lehrer in Bologna Station gemacht – für mehrere Wochen. Deshalb traf am Gründonnerstag bei Padre Martini ein Brandbrief aus Mailand ein, geschrieben vom Grafen Agostino Litta, dem Gönner und Hausherrn des jungen Bach. Es täte ihm zwar leid, die Wünsche des berühmten Franziskanerpaters zu durchkreuzen, zumal er ja wisse, wie viel der junge Bach bei ihm lernen könne, doch im Dom regten sich schon mürrische Stimmen. „Er hat die Verpflichtung, unserer Kathedrale als Organist zu dienen, und war fast das gesamte letzte Jahr abwesend, so dass er diese Verpflichtung nicht erfüllen konnte. Es wird ihm wohl nicht gleichgültig sein, eine Nische zu verlieren, die ihm 800 Lire jährlich einbringt und zudem die Aussicht auf Verbesserung seiner Lage verheißt.“

Wie der Vater so der Sohn

Ob sich Johann Christian Bach in dieser misslichen Situation an seinen Vater erinnerte? Schon Johann Sebastian Bach hatte anno 1706 als junger Organist in Arnstadt einen Urlaub von vier Wochen auf vier Monate ausgedehnt, um länger bei Buxtehude in Lübeck bleiben zu können. Derlei Eigenmächtigkeiten waren in der Bachfamilie nichts Neues, vielmehr schien der Trieb, die Musikwelt kennen zu lernen und von einem großen Vorbild zu profitieren, direkt vom Thomaskantor auf seinen jüngsten Sohn übergesprungen zu sein. Tränenreich rahm „Giovanni Bach“ vom vielgeliebten Lehrer Padre Martini Abschied und eilte nach Mailand zurück. Die Beiden sollten sich nie wiedersehen. Noch im selben Jahr erhielt der junge Bach das Angebot, für eine Saison als Hauskomponist ans King’s Theatre in London zu gehen. Aus dem einen Jahr wurden zwei Jahrzehnte, aus „Giovanni Bach“ wurde „John Bach“, aus dem „Mailänder Bach“ der „Londoner Bach“. Nun wartete Graf Litta umsonst auf die Rückkehr seines Schützlings in den herrlichen Palazzo Litta, in dem sich heute die Kulturverwaltung der Stadt Mailand befindet.

Der geliebte Lehrer in Bologna

Dass der Graf den Bachsohn „il mio Bach“ nannte oder auch „il mio Giovannino“, zeigt schon, dass er zu dem jungen Sachsen ein besonders inniges oder auch besitzergreifendes Verhältnis hatte – eine Attitüde, die der vornehme Aristokrat übrigens auch anderen seiner Stipendiaten gegenüber an den Tag legte. Bach seinerseits hing mit größter Zuneigung an seinem Lehrer Padre Martini, dem weltberühmten Franziskaner und Musikgelehrten in Bologna, dem sogar Kaiser und Könige ihren Besuch abstatteten. Natürlich kannte Padre Martini den alten Bach in Leipzig, den er für den größten Komponisten Deutschlands hielt. Es war ihm eine Ehre, dessen jüngsten Sohn zu unterrichten, was seit 1755 zu mehreren Studienaufenthalten in Bologna führte. Auch von Mailand aus suchte der junge Bach immer wieder den Rat seines Lehrers. Seine Briefe werfen ein rührendes Bild auf das Verhältnis der Beiden und dokumentieren wichtige Stationen von Bachs italienischer Karriere, die immerhin siebeneinhalb Jahre umfasste.

Geniale Kirchenwerke

Als Bach anfing, für die Kirchen Mailands große Chorwerke zu schreiben, war der Rat des verehrten Padre hoch willkommen. Nie hätte er mit 22 Jahren ein so gewaltiges Dies Irae komponieren können ohne die Hilfestellung seines Lehrers. Martinis „Politur“ in kontrapunktischen Fragen, seine Erfahrung im Umgang mit Sängern und seine Beherrschung aller Stile prägten den jungen Bach nachhaltig. Umgekehrt hatte Padre Martini zwar viele Schüler unter den Domkapellmeistern Italiens, auch angesehene Opernkomponisten wie Bernardo Ottani, Ciccio de Majo oder Josef Myslivecek. Keiner aber war so genial wie der junge Sachse aus Leipzig. Ohne Übertreibung kann man sagen, dass seit den römischen Jahren des jungen Händel kein junger Deutscher in Italien so geniale Kirchenmusik komponiert hatte wie Johann Christian Bach.

Ein vollkommener Italiener

All dies beruhte auf einer Voraussetzung, die seinen Brüdern im Norden ein Dorn im Auge war: Christian konvertierte zum katholischen Glauben. Dass dies ehrlich gemeint war, dass er durch Padre Martini und viele andere katholische Geistliche tatsächlich die andere Konfession liebgewonnen haben könnte, haben ihm seine Brüder nie geglaubt, auch nicht einige andere Deutsche. Der Mainzer Hofbibliothekar Wilhelm Heinse unterstellte dem Mailänder Bach in seiner Kirchenmusik Heuchelei und eine äußerliche Attitüde. Dabei bewegte er sich hier stilistisch vollkommen auf den Bahnen seines Bologneser Lehrers: Natürlichkeit, opernhafter Gesang, Pracht des Orchestralen und dennoch gründliche Fugen waren die Mischung, die Martini all seinen Schülern lehrte. Auch sonst war Bach in Italien perfekt assimiliert. Er sprach und schrieb makelloses Italienisch, war umgänglich, liebreizend und bewegte sich so elegant durch die Metropolen der Halbinsel, dass man ihn eher für einen Preußen aus dem großen Berlin hielt als für einen Sachsen aus dem viel kleineren Leipzig. In Neapel verliebte er sich so leidenschaftlich in die Ballerina Colomba Beccari, dass die Verwaltung des Teatro S. Carlo Kopf stand. Doch obwohl der verliebte Bach selbst königliche Gebote missachtete, musste man ihm jeden Streich verzeihen wegen der Schönheit seiner Arien.

Gloria zu Ostern

Wunderschöne Arien durchziehen auch die Kirchenmusik von Johann Christian Bach, besonders das gewaltige Gloria in G-Dur, das er zum Josephstag 1760 komponierte. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass er es zwei Jahre später an Ostern noch einmal aufführte, denn der Dienstantritt am Morgen des Karsamstags galt sicher nicht seinem Orgelspiel. Bekanntlich hat die Orgel von Gründonnerstag bis zur Osternacht zu schweigen. An jenem Morgen hat der Mailänder Bach sicher ein Chorwerk für die Ostermesse geprobt. Sehr wohl möglich, dass es sich um sein großes Gloria handelte. Es vereinigt alle Qualitäten des Mailänder Bach in einer Dreiviertelstunde prachtvollster Musik: lange sinfonische Orchestervorspiele, wohlklingende Chorsätze und fantastische Arien, in denen das typische „singende Allegro“ des Bachsohns schon Mozartsche Züge annimmt. Gerade zum Osterfest scheint dieses Werk wunderbar zu passen: die jubelnden Koloraturen und das innige Cantabile, der Reichtum des Orchestersatzes und die beeindruckenden Chorpassagen. Dass dieser Komponist ein wahrer Bachsohn war, wird man nach dem Hören dieses Gloria kaum bestreiten können. (Karl Böhmer)

Hörbeispiel:

https://www.youtube.com/watch?v=59F2fZS9Kc4

Johann Christian Bach: Gloria in G (uraufgeführt in Mailand am 19. März 1760), Valérie Gabail (Sopran), Barbara Hölzl (Alt), Lluis Vilamajo (Tenor), Stephan MacLeod (Bass), Les Agrémens, Kammerchor Namur, Leitung: Wieland Kuijken (CD-Einspielung von 2003, vom Label auf YouTube eingestellt und deshalb leider von Werbung unterbrochen)