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Der Altar der Koblenzer Schlosskapelle von Antoine-François Peyre aus seinem Werk Œuvres a'architectiure de A. F. Peyre (Paris 1818, Bnf).

Osterkalender 26.3.

Nach dem Vorbild unseres Adventskalenders haben wir unser Publikum zu einem musikalischen Osterkalender eingeladen: Musikergeschichten von Karl Böhmer mit Hörbeispielen, durch die gesamte Karwoche bis Ostern. Nr. 1: Koblenz 1787.

Karwoche in Koblenz: Stabat Mater

Im Kerzenschein funkelt das Kreuz über dem Altar der Koblenzer Hofkirche. Der Pariser Architekt Antoine Peyre hat es in Wolken gehüllt und von einem Engel gen Himmel tragen lassen, auf das Dreieck der göttlichen Weisheit zu. Mit diesem Bild vor Augen lauscht Clemens Wenzeslaus von Sachsen, Erzbischof und Kurfürst von Trier, in seinem neuen Residenzschloss am Rhein den bewegenden Klängen des Stabat Mater von Joseph Haydn. Man schreibt den 6. April 1787, Karfreitag. Auf der Empore der Kirche unter dem breiten Tonnengewölbe stimmt die Altistin Franziska Sales die herzzerreißende Arie „Fac me verum tecum plere“ an. Es ist der Höhepunkt der Passionsmusik am Koblenzer Hof – eine ganze Fastenspielzeit aus Oratorien und Kirchenmusik.

Die erste Altistin Deutschlands

Mit ihren 34 Jahren ist Franziska Sales noch immer eine attraktive Erscheinung und die berühmteste Altistin Deutschlands. Dreizehn Jahre zuvor hatte sie am Cuvilliéstheater in München einen rauschenden Erfolg gefeiert, noch unter ihrem Märchennamen Franziska Blümer, in einer Opera seria von Pompeo Sales. Auch damals war Kurfürst Clemens Wenzeslaus anwesend, denn seine Schwester regierte als Kurfürstin über Bayern, und Maestro Sales diente ihm als Hofkapellmeister. Außerdem musste er seine Koblenzer Klarinettisten mit nach München bringen, da es in der bayerischen Hofoper noch keine Klarinetten gab. Was lag angesichts von so massiver Koblenzer Präsenz in München näher, als zwischen dem Maestro und der Altistin eine Ehe zu stiften? Im November 1774 werden der 45-jährige Italiener aus Brescia und die 22-jährige Bruchsalerin ein Paar. Böse Zungen munkeln, dass hier eine fürstliche Favoritin zur Wahrung des Anstands bei einem ältlichen Kapellmeister „unter die Haube“ gebracht wurde. 1776 gastieren die Beiden bei Johann Christian Bach in London. Auch der jüngste Bachsohn ist begeistert von der strahlenden deutschen Altistin und schreibt für sie die Szene der Aurora in seiner Kantate Cefalo e Procri. Vom 19. April bis 15. Mai 1776 feiert Franziska Sales in den Londoner Bach-Abel-Konzerten sechs rauschende Erfolge, dann kehrt sie mit ihrem Mann zurück an den Rhein und wird zur „ersten Hofaltistin“ in Koblenz ernannt.

Koblenzer Oratorien

Fortan schreibt Pompeo Sales für seine Gemahlin Jahr für Jahr die Hauptpartie in einem seiner großen italienischen Oratorien: die Judith in Betulia liberata, den Joseph in Giuseppe riconosciuto, die Athalia in Gioas re di Giuda, die Sarah in Isacco und die Maria Magdalena in seiner Passione. Obwohl es in Koblenz keine Hofoper gibt und das 1787 eröffnete Theater nur komische Opern in deutscher Übersetzung spielt, kann die Sales ihren Ruf als prima donna im Altregister behaupten. Das hat sie den Oratorien ihres Mannes zu verdanken, die in ganz Deutschland berühmt sind. Bis 1789 werden sie im Akademiesaal des Schlosses aufgeführt, jeden Donnerstag der Fastenzeit. 1790 aber beschließt der Kurfürst, „von dem väterlichen Wunsche belebt, die Unterstützung der Notleidenden auf alle Art zu befördern, die Oratorien in Zukunft in dem zum Besten der Armen bestehenden Concerte in dem Comoediensaale Montags aufführen zu lassen“. Die Oratorien werden vom Schloss ins noch heute bestehende klassizistische Stadttheater verlegt, als Benefizkonzerte an den Montagen der Fastenzeit. Dort können die Koblenzer schon 1791 gegen Eintritt drei der schönsten Oratorien ihrer Zeit hören: Sant’Elena al Calvario von Sales, Debora e Sisara von Guglielmi und die Passione von Paisiello – tief bewegende Musik über biblische Stoffe, die im späten 18. Jahrhundert jeder musikalisch Gebildete kennt. Es wäre höchste Zeit, einmal im Koblenzer Stadttheater eines der großen Sales-Oratorien aufzuführen, denn sie gehören zum Besten, was die italienische Vokalmusik der Mozartzeit hervorgebracht hat.

Musikalische Fastenzeit

Die Oratorien, die Maestro Sales alljährlich für seine Frau und den Kurfürsten komponiert, sind nur ein Teil des musikalischen „Spielplans“, der sich in Koblenz durch die Wochen von Aschermittwoch bis Ostern zieht. Musikalisch ist dies keine Fastenzeit, sondern der Höhepunkt des Jahres: Jeden Mittwoch wird ein Miserere aufgeführt, jeden Donnerstag ein Oratorium, jeden Freitag ein Stabat Mater, jeweils in berühmten Vertonungen aus Deutschland und Italien. Komponisten aus der Dresdner Heimat des Kurfürsten wie Joseph Schuster oder Johann Adolph Hasse spielen dabei eine ebenso große Rolle wie die Koblenzer Lokalgrößen Sales, Starck und Lang. Neben Meistern aus Wien wie Haydn oder Gassmann, neben den großen Böhmen Myslivecek, Zach und Zelenka geben Italiener die frommen Töne an: Pergolesi, Pampani und viele mehr. Für die Fastenzeit 1784 hat sich der komplette Ablauf erhalten, und zwar in den Akten der Hofmusik, die im Landeshauptarchiv Koblenz verwahrt werden. Unter der Signatur 1 C 951 findet sich die folgende Auflistung von diversen Vertonungen des Miserere, des Stabat Mater und der Oratorien von Sales:

Mi, 26.2.         Miserere von Starck (Aschermittwoch)

Fr, 28.2.          Stabat Mater von Starck

Mi, 10.3.         Miserere von Schuster

Fr, 12.3.          Stabat Mater von Pergolesi

Mi., 17.3.        Miserere von Zach

Do, 18.3.        Oratorium Gioàs re di Giuda von Sales

Fr, 19.3.          Stabat Mater von Pampani

Mi, 24.3.         Miserere von Pergolesi

Do, 25.3.        Oratorium La Betulia liberata von Sales

Fr, 26.3.          Stabat Mater von Gassmann

Mi, 31.3.         Miserere von Köffler

Fr, 2.4.            Stabat Mater von Starck

Do, 8.4.          Oratorium Affectus amantis von Sales (Gründonnerstag)

Fr, 9.4.            Miserere von Pergolesi (Karfreitag)

Hinzu kommt die eigentliche Kirchenmusik: die Tenebrae und Lamentationen der Karwoche, diverse Choralmessen für die Fastensonntage und die Festmessen zu den vier großen Feiertagen, dem Josephstag (19.3.), Mariä Verkündigung (25.3.), zur Osternacht und zum Ostersonntag.

Schöne Stimmen singen Haydn

Viel zu singen also, wobei der prachtvoll besetzten Hofkapelle ein Chor von nur zwölf Stimmen zur Seite steht, denn Maestro Sales ist in der Auswahl der Sänger extrem anspruchsvoll: „Orchestermusiker sind nicht schwer zu finden, doch die guten Singstimmen, welche die wahre Zierde eines Hofes mit Kapelle sind, die guten Stimmen, sage ich, sind rar.“ So bekennt er in einem Gutachten vom 2. Juni 1792. Als sich 1788 die Mannheimer Sopranistin Caterina Carnoli in Koblenz vorstellt, versichert ihr Sales, sie werde Gelegenheit haben, „sich in einigen Oratorien oder Stabat Mater hören zu lassen“. In Koblenz werden auch in der geistlichen Musik die hohen Partien von Frauen gesungen, nicht von Kastraten wie in Italien. Also bezaubert die junge Mannheimerin Carnoli die Koblenzer schon bald durch ihre „sonorische Stimme“ und ihren „ausdrucksvollen Vortrag“. Sie wird engagiert und singt fortan zusammen mit Franziska Sales die alljährlichen Stabat Mater und Oratorien. Am Karfreitag 1790 ist wieder Haydns Stabat Mater an der Reihe. Carnoli und Sales stimmen den traurigen Schlussgesang an, das „Quando corpus morietur“. Doch darauf folgt die strahlende Schlussfuge „Paradisi Gloria. Amen“. Die zwölf Chorsänger und die Sopranistin malen den Glanz des Paradieses in stahlendem Kontrapunkt und jubelnden Koloraturen aus. Gegen neun Uhr abends verlässt die Hofgesellschaft an jenem Karfreitag mit österlicher Hoffnung im Herzen die Schlosskapelle zu Koblenz.

https://www.youtube.com/watch?v=7xN-Y2zwp0s

Joseph Haydn: „Fac me vere tecum plere“ aus dem Stabat Mater

James Hall, Altus, Academy of Ancient Music

https://www.youtube.com/watch?v=5KuRudRFd-w

Joseph Haydn: „Fac me vere tecum plere“ aus dem Stabat Mater

Marie Henriette Reinhold, Hofkapelle Stuttgart, Leitung: Frieder Bernius

https://www.youtube.com/watch?v=FSPjOuo5oI8

Haydn: „Quando corpus morietur – Paradisi Gloria“

Patrizia Rosario, Catherine Robbin, The English Concert and Choir, Leitung: Trevor Pinnock