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Dorothee Oberlinger im Gespräch mit Barbara Harnischfeger vor dem RheinVokal-Auftritt in Boppard-Herschwiesen

FREUNDE bei RheinVokal 2019

„Ganz nah dran – Musik und mehr“, dies ist das Motto von „FREUNDE der Villa Musica“. Sie unterstützen nicht nur die Landesstiftung Villa Musica, sondern auch das Festival RheinVokal.  Und sie wollen dem Publikum einen Mehrwert bieten zum Konzert: den Gedankenaustausch über das Erlebte und gelegentlich die intime Begegnung mit Künstlern. So interviewte die Freundeskreis-Vorsitzende Barbara Harnischfeger, ehemals Journalistin des SWR, die so benannte „Königin der Blockflöte“, Dorothee Oberlinger, vor dem Konzert am 14. Juli 2019 in Boppard-Herschwiesen und berichtet hier darüber.

Nachklang. Ich höre gerade die neuste CD/Streaming "Night music" von Dorothee Oberlinger - wunderbar zum Tagesausklang - und denke an ihr herrliches Konzert in der Barockkirche St. Pankratius in Boppard-Herschwiesen. Welch eine Virtuosin auf einem unscheinbaren und seit Schulzeiten verkannten Instrument. Blockflöte.

Zum Interview bringe ich meine eigene Blockflöte aus Kindertagen mit. Dorothee Oberlinger betrachtet sie und sagt:  "Deutsche Griffweise, ein Loch über dem anderen, nicht mal mit Doppelloch. Das war eine Verirrung, eine Verunstaltung der Barockflöte, eine Erfindung aus der Wandervogelbewegung. Keine Gabelgriffe, damit kann man nicht sauber spielen. Schade, wenn man mit solch einem Instrument anfängt“.

Vom Hunsrück in die Welt

Dorothee Oberlinger hat richtig angefangen, im Unterricht bei ihrer Mutter, daheim in Simmern im Hunsrück. Aus dem Urlaub in Polen brachte sie, die Querflöten-Lehrerin, zwei Blockflöten mit und dann übten Mutter und Tochter. Der Vater war Pfarrer und Superintendent des Kirchenkreises Simmern-Trabach. Verwandt mit den Orgelbauern aus Windesheim? Ja, das war mein Onkel, sagt der Vater, der auch im Konzert ist. Die Tochter, die schon als Vierzehnjährige in der Kirche auftrat, ist von Simmern aus über das Studium in Köln ein Weltstar auf der Blockflöte geworden – als Solistin und mit dem eigenen Ensemble 1700. Zudem ist die 49jährige inzwischen auch noch Dirigentin, hat ein Festival im hessischen Arolsen in der Nähe von Kassel und ist seit Juni 2019 Festspielleiterin in Potsdam-Sanssouci. Dort hat sie im Juni eine bislang ungespielte Barockoper herausgebracht, den "Polifemo" von Bononcini, im Aufführungsstil der Entstehungszeit, und selbst dirigiert. Ihr Mann, ein gelernter Designer, hat das Bühnenbild gemacht. Er ist auch der Hoffotograf der „Königin der Blockflöte“, wie sie oft genannt wird, für die CD-Covers bei harmonia mundi. Sie selbst schreibt die Einführungstexte.

100 Blockflöten im Arsenal

Dorothee Oberlinger ist eine Frau mit tiefen Kenntnissen der Musikgeschichte. Diese Kenntnisse braucht sie auch, wenn sie aus ihren rund 100 Blockflöten die passenden für ein Konzert aussucht. Entstehungszeit eines Werkes, der Stil, die Stimmtöne sind wichtig. Blockflöten sind eine Familie: und außer Sopran, Tenor, Alt und Bass wie im Chor gibt es auf der einen Seite Sopranino, andererseits nach unten Grossbass, Subbass, Subkontrabass bis zu zwei Meter Länge und mit Anblasrohr. Auch der Aufführungsort ist entscheidend für die Auswahl des Instrumentes. Die Essener Philharmonie und die Tonhalle Zürich, das Teatro Colòn in Buenos Aires brauchen es kräftiger als eine hallige Kirche oder gar das Mikrofon bei einer Rundfunkaufnahme, erläutert die Spezialistin.

So natürlich wie Pan

Und was hat Dorothee, die mehrere Instrumente erlernt hat in ihrer Jugend, auch Cello, bei der Blockflöte gehalten? Antwort: „Es ist ein natürliches, archaisches Instrument. Die Luft geht direkt hindurch. Keine Klappen, keinen Ansatz, kein Rohrblatt, man bläst einfach rein – ein Segen und ein Fluch zugleich. Man lernt sein ganzes Leben lang, das Blasen zu kultivieren. Das Spannende ist die Direktheit. Man merkt die Luft unter den Fingerkuppen, sehr fein und delikat. Durch Bewegung der Finger auf den Löchern ist die Dynamik zu gestalten. Das hat es mir angetan. Ich kam einfach nicht davon los.“

Dann aber so erfolgreich zu werden ist doch wohl auch Glück, oder?

Frappierende Antwort: Es habe mal jemand gesagt, es dauert zehn Jahre, um über Nacht berühmt zu werden. Arbeiten müsse man und Durchhaltevermögen haben.

Ich möchte wie Orpheus singen

Wie spielt man eine Blockflöte? Was bringt die Professorin ihren Studenten bei in Salzburg am Mozarteum, was müssen die lernen? In der Instrumentaltechnik: Körperwahrnehmung, Atemschulung, am Klang arbeiten, Koordination der Finger mit der Zunge, technische Dinge. Viel wichtiger sei es aber, dass die Lernenden eine Idee bekommen für Interpretation, in welchem Stil sie sich bewegen, welche Affekte, welchen Charakter ein Stück hat.

Und es sei sehr inspirierend, sich einen Text zu denken beim Instrument spielen. Noch Beethoven habe seine Schüler mit Texten unterrichtet, seine Klaviersonaten mussten sie mit Worten unterlegen, damit sie eine konkrete Vorstellung haben. Jede Instrumentalmusik sei von der Imagination her vokal basiert, sagt die Flötistin. Händel habe Opernarien zu Flötensonaten gemacht. Und auf Nachfrage sagt die Barockflöten-Virtuosin: „Ja, ich will wie ein Sänger klingen“.

Apropos Atemtechnik: die Zuhörer sind immer gespannt, wie ein Holzbläser lange Phrasen meistert. Permanentatmung ist das Stichwort: gleichzeitig blasen und durch die Nase einatmen. Nicht in der Barockmusik, sagt Dorothee Oberlinger, die sei sehr rhetorisch, da müsse es Punkt und Komma geben, Ausrufezeichen. „Das sind die natürlichen Stellen, an denen ich atme“.

Eine große Rolle spiele die Zunge. „Alles was man beim Sprechen benutzt, alle Vokale, Konsonanten, knackig und weich, bis hin zum L, alle Farbigkeit des Sprechens muss ich – ohne Einsatz der Stimmbänder natürlich - im Instrumentalspiel abbilden.“  Ein O abzubilden klinge anders als ein i.

Und das alles geht auch mit Lippenstift, hört die erstaunte Interviewerin auf ihre Frage danach. Nur locker müssten die Lippen sein, sagt Frau Oberlinger. Sonst brauche es nichts. Ein spezielles Jogging für langen Atem gebe es nicht. Aber körperlich fit sein müsse sie schon, dann könne sie vielleicht noch mit 70 oder 80 Blockflöte spielen.

Einen Aspekt noch spricht Barbara Harnischfeger an: Fehler beim Spielen. Denn Dorothee Oberlinger hat dazu eine dezidierte Meinung. Im Barock habe man Störungen bewusst eingebaut, um Aufmerksamkeit zu erreichen. Die maschinelle Perfektion sei eine moderne Idee. Gerade in der Barockmusik gebe es so viel Spontanität. Da müsse Risiko dabei sein. Und wörtlich: „Wenn ich nicht mal eine neue Kurve nehmen darf beim Improvisieren, dann ist es langweilig, das merkt das Publikum, dann können sie sich eine Platte anhören. Es muss auch mal was schief gehen dürfen, sonst kann man das Risiko nicht nehmen. Und man muss doch merken, da spielen lebendige Menschen. Irritation ist immer gut“. Und mit Schmunzeln der Zusatz: „Na ja, wenn alles gut geht, ist es auch schön.“

Dorothee Oberlinger. Im Konzert und in der Begegnung beim Gespräch eine faszinierende Frau – finden die Zuhörer. So wissend, so tiefgehend und so lebendig - im Spiel wie im Sprechen. Diese positive, natürliche Ausstrahlung. Eine Königin der Blockflöte, ja, aber eine Königin der Herzen.

 

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