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Vokalquartett aus Spanien, heute zu sechst in der Herrnhuter Brüdergemeine Neuwied: das Ensemble Cantoría. 19 Uhr in Neuwied.

RheinVokal 2022

Renaissance-Wochenende bei RheinVokal: spanische Villancicos in Neuwied und Hohelied-Motetten aus Italien in Boppard-Herschwiesen. Zwei junge Ensembles aus Spanien und Tschechien begeisterten das Publikum.

Sonntag in Neuwied: Römische Messe mit spanischen Villancicos

Zu dieser Musik hat Michelangelo sein Jüngstes Gericht in der Sixtinischen Kapelle gemalt: zur sechsstimmigen Missa Mille regretz des Spaniers Cristobal de Morales, gedruckt 1544 in Rom. Das junge A Cappella-Ensemble Cantoría aus Spanien sang die Messe in der Herrnhuter Brüdergemeine zu Neuwied ungemein klangschön, konzentriert und lebendig – mit Orgelbegleitung, wie es im 17. Jahrhundert üblich war. Aus ihrer Heimat hatten die sechs jungen Sängerinnen und Sänger spanische Villancicos mitgebracht, wie sie um 1490 am Hof der „Katholischen Könige“ Ferdinand und Isabella gesungen wurden – schlichte Strophenlieder von ergreifender Wirkung, einstmals gesungen zur Verehrung der Gottesmutter, zur Anbetung des Kreuzes und zur Aussetzung des Allerheiligsten. Ein rares Programm, begeisternd präsentiert von Cantoría und seinem Ensembleleiter, der das Publikum auf Deutsch ansprach. Als Zugabe gab es eine Ensalada in fast theatralischer Inszenierung.

Römische Messe
Sonntag, 7.8., 19 Uhr – Herrnhuter Brüdergemeine Neuwied
Ensemble Cantoría Barcelona
Cristobal de Morales: Missa Mille regretz (Rom 1544)
Villancicos von Juan del Enzina, Torres, Escobar u.a.

Samstag in Herschwiesen: Palestrina aus Prag

Es war ein perfekt gesungenes, überaus stimmungsvolles, konzentriertes Konzert in der Herschwieser Barockkirche – so makellos wie die schöne Braut im Hohelied des Salomon. Die Cappella Mariana aus Prag sang Hohelied-Motetten der italienischen Renaissance zu vier bis fünf Stimmen. Was die drei tschechischen Tenöre um Ensemble-Leiter Vojtěch Semerád und ihr Countertenor-Kollege in den Oberstimmen boten, war vollendeter Renaissance-Gesang: perfekt intoniert, im Klang eher kammermusikalisch, im Dialog überaus lebendig – ein Vokal-Streichquartett, das im Bass um einen Gast vermehrt wurde. Dort gelang Ulrich Staber aus Wien ein wahres Husarenstück: Für den erkrankten Kollegen aus Prag sprang der Bassist vom Ensemble Cinquecento am Konzerttag ein, sang alle Partien in den Motetten fehlerlos vom Blatt und im Konzert so ton- und stilsicher, dass der SWR-Tonmeister Ralf Kolbinger seinen Hut zog. Ein praktisch perfekter SWR-Mitschnitt war das Ergebnis des schönen Sommerabends auf den Höhen des Hunsrücks.

Wer vor dem Konzert einen Spaziergang durch die idyllische Landschaft rund um Herschwiesen unternahm, der war schon eingestimmt auf die Texte aus dem Hohelied. Denn auch der Bräutigam und seine schöne Braut brechen auf zu blühenden Wiesen, zu sommerlichen Äckern und Apfelbäumen, wo sie ihre Liebe feiern. Palestrinas Vertonungen bildeten das Rückgrat des Programms. 7 seiner 29 Motetten über das Canticum Canticorum von 1584 waren zu hören, im Wechsel mit Hohelied-Vertonungen der Habsburger Hofkomponisten Isaac und Gombert und der beiden Franzosen L'Héritier und Jacquet de Mantua. Zum Abschluss erklang das “In te domine speravi“ von Josquin. Es war ein musikalischer Ausflug an die Höfe der italienischen Renaissance, wo alle diese Meister wirkten: zu den Gonzaga in Mantua und den Sforza in Mailand, zu den Medici- und Farnese-Päpsten in Rom. Vor allem aber war es ein ständiges Kreisen um die schöne Braut des Hoheliedes, um ihren Mund und ihre Wangen, ihre Küsse und ihre erhabene Gestalt, besungen in höchst sinnlichen Versen und ebenso sinnlicher Musik. Weil aber die römische Kirche die Braut des Hoheliedes auf die Gottesmutter umgedeutet hat, passten diese Motetten perfekt zu den barocken Madonnen-Statuen von Herschwiesen. In der wunderschönen Barockkirche von 1740 genossen Sänger wie Publikum die perfekte Akustik. Begeisterter Applaus für eine Sternstunde des Renaissance-Gesangs.

Hohes Lied
Samstag, 6.8., 19 Uhr – Sankt Pankratius Boppard Herschwiesen
Cappella Mariana Prag (mit Ulrich Staber als Gast aus Wien)
Palestrina: 7 Motetten aus dem Canticum Canticorum (Rom 1584)
Hohelied-Motetten von Heinrich Isaac, Nicolas Gombert, Jean l'Héritier, Jacquet de Mantua und Josquin Desprez