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Schubert-Quintett mit einem unvergesslichen Cello-Dozenten: Lynn Harrell mit Alexander Hülshoff bei der Probe in Schloss Engers im November 2013 (Foto: Kai Link).

Cellist Lynn Harrell verstorben

Die Meldung geht derzeit um die Musikwelt: Am 28. April ist in Los Angeles Lynn Harrell gestorben. Der legendäre Cellist kam zweimal als Dozent zur Villa Musica, dank seines früheren Studenten Alexander Hülshoff. Hier ein Rückblick.

Bei Villa Musica 2013 und 2018

Es war ein unvergesslicher Herbst-Abend in Schloss Engers: Am 24. November 2013 spielte Lynn Harrell mit Alexander Hülshoff und den Stipendiaten Timothy Braun, Wonee Bae und Alba Gonzáles i Beccera das Streichquintett von Schubert als Musik für die Ewigkeit. Im selben Programm zauberte der große Gast aus Los Angeles das erste Brahms-Sextett mit fünf Stipendiat(inn)en so hinreißend in den Dianasaal, dass es für alle unvergesslich wurde. Am Abend zuvor hatte Lynn Harrell im Arp Museum Bahnhof Rolandseck ein Recital mit dem Pianisten Andrew Harley gegeben: Schuberts „Arpeggione-Sonate“, Bachs zweite Cellosuite und die zweite Cellosonate von Brahms. Fünf Jahre später kehrte er wieder. Im Rahmen des Projekts Rheinland-Pfalz Excellent! spielte er Haydns erstes Cellokonzert mit der Staatsphilharmonie unter Karl-Heinz Steffens in Neustadt a.d.W. und Ludwigshafen. Beim Pfingstfestival in Schloss Engers musizierte er mit Steffens an der Klarinette und jungen Streichern der Villa Musica, u.a. die Klarinettenquintette von Mozart und Brahms. Auch dieses Projekt ging in die Annalen von Schloss Engers ein.

„Mit Lynn Kammermusik zu spielen, war ein Traum“, erzählt Alexander Hülshoff. „Als ich bei ihm in Los Angeles studierte, hielt er uns Studenten immer an, noch gesanglicher, noch voller im Ton zu spielen. Diesen legendären Ton im Konzert zu hören, war ein fantastisches Erlebnis. Und natürlich konnten auch unsere jungen Musikerinnen und Musiker von einem so großen Solisten und wunderbaren Menschen unendlich profitieren.“ Zum Tod seines früheren Lehrers meint der Künstlerische Direktor der Villa Musica: „Lynn ist für mich sehr überraschend gestorben, im Alter von gerade Mal 76 Jahren. Es ging ihm zwar gesundheitlich nicht gut, doch noch vor einer Woche hatten wir Kontakt. Vor zwei Wochen hatten wir bei einer Video-Produktion virtuell zusammen gespielt. Das war wirklich sein letztes Spiel, sein Schwanengesang!“ Nachzusehen und zu hören auf YouTube: https://www.youtube.com/watch?v=sTC0-nJdW5Q

Harrells Brief an die Stipendiatinnen und Stipendiaten

Als die traurige Nachricht aus Los Angeles eintraf, stellte die ehemalige Villa Musica-Stipendiatin Martha Windhagauer einen Brief von Lynn Harrell auf Facebook, den er nach dem Projekt 2013 an unsere Stipendiatinnen und Stipendiaten geschrieben hat. Er sei hier im englischen Original wiedergegeben, weil er fast den Charakter eines musikalischen Testaments hat:

Dearest new young colleagues,

I cried at the happy/sad thought of our being together, playing together, and what we all experienced together! Today, I feel very secure that 1) the crisis in our business brought on by superficial music making, and 2) the utter lack of aesthetic ‚musical’ talent and probing effort that is all around us today and being applauded (like "The Emperor’s New Clothes“), that this does not exist with you all at all. Niente, Nichivo! You will save the planet with your musical lives little by little!  So ... I can rejoice at that energy infusion that you gave to me: Thank You!

What I mean to say is keep going: carry the Grail; and do not be distracted by empty success or acknowledgement. We all are very, very small next to Those Guys: Brahms, Schubert, Beethoven, Mozart, Bach, etc. And rejoice in our calling: to be able to share and bring alive these musical expressions so that they can soothe our listeners’ souls and insides. Oh! It is difficult, but I think you will like keeping on trying to do better and better for the next 50 years! I know that I have! And it wasn't always smooth sailing, this learning thing. No way. It sometimes felt like I would never contribute anything to music ... But, it's not as though one has the choice is it? We can't give up! It just isn't in the cards...

I have given up trying to judge how a performance went by my involvement, my contribution etc. But, I have noticed that the aftermath of ourselves, our listeners and our colleagues, when the mood is of complete relaxation, complete acceptance of ourselves and our shortcomings, is a very happy, excited, and joyful playfulness, the essence of it. It is our best times. It does take over when we have done our work well. 

I so, so look forward to experiencing your growth, change, development etc. in the next years, Warmly with hugs, Lynn

Legende des Cellospiels

Lynn Harrell war eine lebende Legende des Cellospiels, im großen Konzertsaal wie in der Kammermusik. Er hat alle großen Cellokonzerte aufgeführt und eingespielt, unter Dirigenten wie James Levine, Zubin Mehta, Kurt Masur, Simon Rattle und Riccardo Chailly. Er war Kammermusikpartner von Itzhak Perlman, Pinchas Zukerman, Vladimir Ashkenazy und weiteren geschätzten Freunden. Als Professor hat er Maßstäbe gesetzt für die Musikausbildung in den USA. 1944 in New York geboren, studierte er in seiner Heimatstadt an der Juilliard School of Music bei Lev Aronson, Leonard Rose und Orlando Cole. Bereits im Alter von 18 Jahren wurde er Cellist im Cleveland Orchestra, später dessen Solocellist. Parallel begann er seine internationale Karriere als Solist. Bis 1993 lehrte er an der Music School der University of Southern California, seitdem an der Rice University in Houston, Texas.