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Kalle Randalu, Ehrendoktor der Musik, Este in Deutschland, Professor in Karlsruhe und einer größten Kammermusiker in Europa.

Schubert und Brahms im Mainzer Schloss

Silke Avenhaus ist eine Meisterpianistin der singenden Stimmen - ganz so, wie es sich Schubert gewünscht hätte. Kalle Randalu brachte seine ganze Erfahrung mit Brahms aus 20 Jahren Ensemble VIlla Musica mit aufs Podium. Zwei Stern-Doppelstunden beim Mainzer Musiksommer.

Brahms in der Sommerfrische

Brahms liebte die Sommerfrischen im Alpenland. Anno 1886 aber hatte er vorübergehend genug von Österreich und zog ins Berner Oberland, nach Hofstetten am Thuner See. Nie hatte er in seiner Behausung ein schöneres Alpenpanorama (Eiger, Mönch und Jungfrau), nie hatte er mehr Zeit zum ungestörten Komponieren. Was dabei herauskam, waren gleich drei Meisterwerke der Kammermusik, die am vergangenen Sonntag beim Mainzer Musiksommer zu hören waren: die zweite Cellosonate F-Dur, op. 99, die zweite Violinsonate A-Dur, op. 100, und das dritte Klaviertrio c-Moll. op. 101. Bei Kalle Randalu waren alle drei Werke in den besten Händen, denn der Pianist aus Estland hat die Opera 99 bis 101 unzählige Male gespielt, mit den besten Streichern und subtilsten Kammermusikpartnern unserer Zeit, auch im Ensemble Villa Musica. Am Sonntag agierte er beim Mainzer Musiksommer mit einem bewährten Streicherpaar aus dem Kreis der Villa Musica-Stipendiaten: Der Geiger Stefan Zientek und der Cellist Simon Eberle glänzten schon bei den Schwetzinger Festspielen in einer Sinfonia concertante von Carl Stamitz. Nun zeigten sie, wie subtil, klangschön, reif und dennoch jugendlich strahlend Brahms klingen kann.

Sonntag, 26. Juli, 18 und 20:30 Uhr, Kurfürstliches Schloss Mainz

Kalle Randalu, Klavier

Stefan Zientek, Violine

Simon Eberle, Violoncello

Brahms: Cellosonate Nr. 2 F-Dur, op. 99, Violinsonate Nr. 2 A-Dur, op. 100; Klaviertrio Nr. 3 c-Moll, op. 101 

Zwei Schubertiaden in Folge

Strahlende Gesichter gestern Abend im großen Saal des Kurfürstlichen Schlosses Mainz – bei Silke Avenhaus und ihren jungen Mitstreitern nach zwei makellos schönen, im Andante berückenden B-Dur-Trios von Schubert, beim SWR nach einem gelungenen Mitschnitt und beim Publikum nach dem dritten und vierten Konzert des diesjährigen Mainzer Musiksommers. Endlich wieder Klassik hören, endlich wieder Schubert live! Wie schrieb Robert Schumann so schön über das B-Dur-Trio: „Ein Blick auf das Trio von Schubert – und das erbärmliche Menschentreiben flieht zurück und die Welt glänzt wieder frisch.“ Dabei konnte man als Zuhörer trotz des Sicherheitsabstands im Saal und der Masken auch die Krise unserer Tage vergessen.

Im ersten Durchlauf ab 18 Uhr war Schuberts großes B-Dur-Trio Opus 99 perfekt für die Mikros des SWR: keine falschen Töne, alles wunderbar zusammen und ausbalanciert, das Andante mit magischen Momenten. Redakteur Martin Falk war hoch zufrieden. Zuvor spielte der französische Bratschist Mathis Rochat mit Silke Avenhaus eine sehr französische Arpeggione-Sonate - nonchalante, charmante und leggiero, dabei so souverän auftretend und brillierend, dass manche ZuhörerInnen in einen regelrechten „Schubert-Flow“ gerieten.

Im zweiten Durchlauf ab 20:30 Uhr wagten die Musiker dann im B-Dur-Trio noch mehr an agogischer Freiheit, an zwingender Steigerung und an Zertrümmerung der Idyllen. Dass dabei nach langer Probe und erstem Durchlauf nicht mehr alle Töne saßen, versteht sich fast von selbst. Doch Silke Avenhaus, die Dozentin am Klavier, durfte mit ihren jungen Streicherkollegen hochzufrieden sein: Der junge Geiger Dmytro Udovychenko aus der Ukraine hatte nicht nur souverän und mitreißend das herbe und heikle h-Moll-Rondo von Schubert gespielt, sondern vor allem im B-Dur-Trio eine Natürlichkeit der Phrasierung, eine Spontaneität der Agogik und einen Schattierungsreichtum im Ton an den Tag gelegt, die durch und durch "schubertisch" waren. Die Cellistin Friederike Luise Arnholdt wusste sich diesem fantastischen Geigenspiel wunderbar anzuschmiegen und setzte in ihren Soli sonor resonierende Akzente.

Über den Streichern leuchtete der herrliche Klavierdiskant von Silke Avenhaus auf. Ihr Spiel war rund und weich, klangschön selbst im Fortissimo, nie zu laut, immer spontan reagierend und führend, eine Kammermusikerin im allerbesten Sinn. Unvergesslich ihre Seufzer-Appoggiaturen in der Coda des ersten Satzes, die Glockenklänge am Ende des Andante zu den Hornquinten der Streicher - eine Schubertsche Alpenszene. Wunderbar auch das Finale mit dem Waldweben der Klavierterzen und den mühelos perlenden Triolen. Franz Schubert empfand es als das größte Lob, als man ihm sagte „daß die Tasten unter meinen Händen zu singenden Stimmen würden, welches, wenn es wahr ist, mich sehr freut, weil ich das vermaledeyte Hacken, welches auch ausgezeichneten Clavierspielern eigen ist, nicht ausstehen kann, indem es weder das Ohr noch das Gemüth ergötzt.“ Mit einem „hackenden Clavierspieler“ hat Silke Avenhaus, die Pianistin der singenden Stimmen, nicht die leiseste Ähnlichkeit. Mit ihrem Klavierspiel hat sie im Mainzer Schloss wahrhaft „das Ohr und das Gemüt ergötzt“, von 200 dankbaren Zuhörerinnen und Zuhörern.

Donnerstag, 23.7.2020, 18 und 20:30 Uhr - Mainz, Kurfürstliches Schloss

Silke Avenhaus (Klavier) mit den Villa Musica-Stipendiaten

Dmytro Udovychenko (Violine)

Mathis Rochat (Viola)

Friederike Luise Arenholdt (Klavier)

Schubert: Klaviertrio B-Dur, D 898; Rondo h-Moll, D 895; Arpeggione-Sonate a-Moll, D 821