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Krippenspiel im Zirkus: Der Circus Busch an der Berliner Spreepromenade bei der Museumsinsel (Postkarte um 1900, Raphael Tuck & Sons).

Adventskalender Berlin 1906

Wo sonst kleine und große Opernfans im Abendsegen schwelgen würden, bleiben die Theater derzeit geschlossen. Kein Publikum für Hänsel und Gretel in der Pandemie. Höchste Zeit, an Humperdinck zu erinnern und an sein zweites Weihnachtsstück: Bübchens Weihnachtstraum.

Weihnachtstraum in Berlin, 1906

Am Dienstag nach dem zweiten Advent war Berlin so hektisch wie an jedem anderen Tag: ein einziges Rennen und Hupen, Stoßen und Stehlen, Rauchen und Fauchen im nasskalten Wetter des Dezember. Keiner hatte Zeit für Besinnlichkeit in diesem Advent, doch genau darum ging es im Circus Busch an jenem 11. Dezember 1906: um professionell inszenierte Weihnachtsbesinnung. Die erste familienfreundliche Riesen-Weihnachts-Show der Hauptstadt wurde einstudiert, von 500 singenden Kindern, einem Frauenchor mit 200 Stimmen und einem entsprechend gewaltigen Orchester. Die monumentale Circus-Rotunde mit ihren mehr als 4000 Plätzen bot dafür ausreichend Platz. Wo heutige Berliner den Spreestrand im James-Simon-Park genießen, ragte damals der gewaltige Bau hoch hinauf und machte der Alten Nationalgalerie auf der Museumsinsel gegenüber Konkurrenz. In der Weihnachszeit 1906 gaben dort nicht Artisten, Dompteure und Clowns den Ton an, sondern der gewaltige Kinderchor mit seinem Krippenspiel: Bübchens Weihnachtstraum

Den Text dazu hatte der Hamburger Erfolgsdichter Gustav Falke entworfen und dabei alle gängigen Weihnachtslieder eingestreut, von „Stille Nacht“ bis „O du fröhliche“ - zum Mitsingen für die Viertausend. Ein Krippenspiel für Schule, Haus und Bühne hatte er sein Werk genannt, praktisch anzupassen an jede denkbare Vorweihnachtsfeier mit Kindern. Der Stoff war herzig genug, um auch die härtesten Berliner Herzen zu erweichen. Dies war dringend nötig, denn die Uraufführung am 30.12.1906 sollte einem wohltätigen Zweck dienen. Dafür war dem Dichter Gustav Falke jedes Mittel recht: Er ließ sein namenloses Bübchen erst in einen tiefen Schlaf sinken, dann in einen seligen Traum von der Christnacht hinübergleiten: „Dem Bübchen träumt, es schneit und schneit, / Aber die Flocken kommen als Engelchen im Flügelkleid / Gar lustig durch die Luft geschwommen. / Und werden ihrer immer mehr, / Und kommen mit Gesang daher.“ Unter solchen Kinderreimen steht das Knäblein schließlich an der Krippe, vom Engel geführt. Ganz erfüllt von seinem Weihnachtstraum kehrt der Kleine am Ende in die Realität und in Mutters Arme zurück.

Der Komponist dieses rührseligen Spektakels trug einen denkbar prominenten Namen: Engelbert Humperdinck. Seit dem Welterfolg von Hänsel und Gretel dreizehn Jahre zuvor hatte die Musikwelt auf einen zweiten „Wurf“ des Meisters gehofft, auf ein neuerliches Erfolgsstück für die Weihnachtszeit – bislang vergeblich. Erst 1906 wagte er es, dafür die schönsten deutschen Weihnachtslieder selbst zu nutzen. Dazwischen setzte er seine eigenen Nummern: einen imposanten Weihnachtsmarsch als Orchestervorspiel im Glitzerglanz des Schnees, einen Eingangschor mit „Flockenfall“ und „Glockenhall“, ein Wiegenlied für die Mutter des Bübchens und die Musik zum Melodram an der Krippe. Wer jemals dachte, Weihnachtskitsch in musikalischer Vollendung sei erst in Hollywood erfunden worden, hat die Kreativität des Berliner Musiklebens um 1900 unterschätzt. Langer Nachhall war diesem komponierten Krippenspiel freilich nicht beschieden. Raffiniert reimten sich die Worte, süßlich säuselte die Musik, doch die Magie blieb aus.

Weihnachtsoper in Weimar, 1893

Wie anders war es damals im kleinen Weimar, als Richard Strauss am 23. Dezember 1893 den Taktstock hob und die Hornisten der Hofkapelle die ersten, feierlichen Akkorde des „Abendsegens“ anstimmten: das Vorspiel zu Hänsel und Gretel. Ein Zauber lag in der Luft, der bis heute anhält und unter normalen Umständen Tausende von großen und kleinen Opernfans in die Theater treiben würde. Nur der Lockdown in der Pandemie verhindert, dass auch 2020 die singenden Märchenhelden Hänsel und Gretel ihre Magie auf Jung und Alt ausüben. Denn dem Rheinländer Humperdinck ist die Quadratur des Kreises gelungen: ein Wagnersches Musikdrama über einen Märchenstoff, dabei so volkstümlich und kindgerecht in der Anlage, dass Große wie Kleine daraus den größten Genuss ziehen können – jeder und jede auf seine Weise.

Der Komponist aus Siegburg war erst Assistent Richard Wagners bei den Vorbereitungen zum Parsifal in Bayreuth, dann Hauspianist von Alfred Krupp in der Villa Hügel, schließlich Lehrer an verschiedenen Konservatorien von Barcelona bis Köln. Zehn Jahre nach dem Tod seines Mentors Wagner schuf er die deutsche Weihnachtsoper schlechthin. Wie sich hier Zitate aus echten Volksliedern mit neu komponierten Nummern „im Volkston“ ablösen, die dann erst nachträglich zu Volksliedern wurden, ist in der Geschichte der deutschen romantischen Oper einmalig. Das schönste Beispiel dafür ist der „Abendsegen“: Das Kindergebet vor dem Schlafengehen hüllte Humperdinck in eine Melodie von so großer Wärme und Schlichtheit, dass man die Nähe der Schutzengel förmlich zu spüren scheint. Nicht zufällig stellte Humperdinck gerade diese Melodie an den Beginn des Vorspiels, gespielt von vier Hörnern und zwei Fagotten. Die Streicher und die hohen Holzbläser treten leise hinzu, bis endlich auch die aufgeregtesten Kinder im Theater ganz still sind. Und nachher, am Ende des ersten Aktes, können Hänsel und Gretel zu diesem Gesang behütet einschlafen wie später auch die kleinen Zuhörer zuhause. Das scheinbar Naive dieser Töne ist kunstvoll erdacht und hat doch seine Wurzeln in einem weihnachtlichen Liederspiel für Kinder.

Liederspiel nach Bechstein auf einem Bechstein

Zu den Lieblingsideen der Romantiker gehörte das „Liederspiel“, das Erzählen einer Geschichte durch Lieder, Duette und andere Gesänge zur Klavierbegleitung, wie es Robert Schumann in seinem Spanischen Liederspiel  vorgezeichnet hatte. Humperdincks Schwester Adelheid Wette entwarf ein solches Märchen-Liederspiel als Überraschung für ihre Kinder zu Weihnachten, und zwar über das Märchen von Hänsel und Gretel, wie sie es in Ludwig Bechsteins Buch Deutsche Märchen fand. Ihr Bruder Engelbert setzte sich an seinen Bechsteinflügel und entwarf die Musik dazu. Das im Familienkreis aufgeführte Stück ging Beiden nicht mehr aus dem Kopf, bis sie beschlossen, daraus eine große Oper zu machen.

Nach der erfolgreichen Uraufführung in Weimar und der Drucklegung beim Schott-Verlag in Mainz sandte Humperdinck einen Klavierauszug an Margarethe Krupp in die Villa Hügel, begleitet von folgendem Brief: „Hochverehrte Frau, gestatten Sie mir, dass ich Ihnen und Ihrem Herrn Gemahl in Erinnerung an die auf der Villa Hügel verlebten Tage einen Klavierauszug meiner Oper Hänsel und Gretel dediziere. Ich tue dies umso lieber, als das Werkchen, welches im Begriffe steht, sich auf den deutschen Bühnen einzubringen, ihrer Liebenswürdigkeit einen großen Teil seines Daseins verdankt. Einem Bechstein’schen Märchen entnommen, wurde es auf dem Ihnen wohlbekannten Flügel von Bechstein ausgeführt, der seit einigen Jahren mein unzertrennlicher Begleiter geworden ist. Ich darf darum annehmen, dass das Buch ein gewisses Anrecht darauf besitzt, Ihrer Hausbibliothek beigezählt zu werden, und bitte Sie daher, ihm als bescheidenes Zeichen meiner dankbaren Verehrung ein Plätzchen in derselben zu gönnen.“

Der besagte Bechstein-Flügel war während seiner Monate in der Villa Hügel anno 1885 Humperdincks täglicher Begleiter, um darauf dem Firmensenior Alfred Krupp und dessen internationalen Gästen „etwas vorzuklimpern, zu was ich Lust habe“, wie der Komponist ironisch meinte. „Für diese enorm künstlerische Leistung habe ich schwelgerische Ätzung und Schlürfung, einen prächtigen Ecksalon mit schöner Aussicht ins Tal und famosen Bechsteinflügel.“ Letzteren schenkte die Familie nach dem Tod des Seniors dem ehemaligen Hauspianisten, so dass auf eben diesem Instrument Hänsel und Gretel erfunden wurde.

Zum Hören:

Das Vorspiel zu Bübchens Weihnachtstraum mit den Bamberger Symphonikern unter Karl Anton Rickenbacher:

https://www.youtube.com/watch?v=7L96FEfjylg

Vorspiel und Abendsegen aus Hänsel und Gretel mit der Deutschen Radiophilharmonie Saarbrücken Kaiserslautern unter Christoph Poppen, Solistinnen: Ruth ZIesak und Anja Schlosser

https://www.youtube.com/watch?v=CM2We57FCn8

Der Abendsegen aus Hänsel und Gretel, gesungen von Renée Fleming und fünf Sängerknaben des Mainzer Domchors, aufgezeichnet 2006 im Mainzer Dom. Die Leitung hat Trevor Pinnock.

https://www.youtube.com/watch?v=pDpK0WAPZbI