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Felix Mendelssohn, gemalt von Ferdinand-Theodor Hildebrandt

Adventskalender Leipzig 12.12.1840

Wahrhaft reiche Ernte konnte Felix Mendelssohn im Advent 1840 einfahren, doch nur einem seiner schönen Gesänge war eine Zukunft als weltbekanntes Weihnachtslied beschieden. Einblicke in einen besonders bewegten Advent des Leipziger Musikdirektors, nacherzählt von Karl Böhmer.

Hymnen für den Herrgott, 12.12.1840

Vor genau 180 Jahren fiel der 12. Dezember auf den Samstag vor dem dritten Advent, wie anno 2020. Am Abend begeisterte Felix Mendelssohn die Leipziger als Pianist in Mozarts g-Moll-Klavierquartett, das er mit stürmischen Crescendi am Ende des ersten Satzes vortrug. Doch am Nachmittag fand er noch Zeit, eines seiner reizvollsten kleineren Chorwerke zu vollenden. Die Biblioteka Jagiellonska in Krakau verwahrt die autographe Partitur, datiert auf den 12. Dezember 1840. Die Reinschrift entstand zwei Tage später. „Why o Lord delay forever / smiles of comfort to impart?“ Mit diesen Worten beginnt die dreiteilige Kantate für Altsolo, Chor und Orgel. Wie Larry Todd in seiner vorzüglichen Mendelssohn-Biographie ausführte, stellte sich der anglophile Komponist damit ganz in die Tradition des englischen Verse Anthem, jener Form von Psalm-Kantaten, wie sie die anglikanische Kirchenmusik von Byrd bis Händel dominierten. In England erschienen die drei Sätze tatsächlich als Anthem, doch in Leipzig dirigierte er sie mit deutschem Text unter dem Titel Drei Hymnen. 1842 ersetzte er die Orgel durch ein farbenreiches Orchester. Unschwer hätte er dem schönen Altsolo des Anfangs auch einen Weihnachtstext unterlegen können, doch stand ihm der Sinn in jenem Advent mehr nach Buße und innigem Gebet: „Lass, o Herr, mich Hilfe finden.“ In der Mitte folgt ein schlichter, schöner Choral: „Deines Kindes Flehn erhöre“. Das bewegte Finale „Herr, wir traun auf deine Güte, / Die uns rettet wunderbar“ wird von einer schwungvollen Fuge gekrönt. Schönster Mendelssohn, auf zwölf Minuten komprimiert, und doch zählt dieses Anthem bis heute zu den Raritäten unter seinen geistlichen Stücken. Keine Chance auf einen festen Platz im Kanon der Weihnachtsmusiken.

Lobgesang für den König, 16.12.1840

Wie Mendelssohn am Samstag vor dem dritten Advent die Ruhe fand, jenes Anthem zu vollenden, bleibt sein Geheimnis. Der König von Sachsen hatte seinen Besuch in Leipzig angekündigt, und auch der König von Preußen streckte seine Fühler aus, um sich vom Berliner Mendelssohn das Musikleben der Hauptstadt reformieren zu lassen. All dies schwemmte zusätzliche Arbeit auf seinen Schreibtisch. Das Festkonzert für den jungen Sachsen-König Friedrich August II. fiel auf den Mittwoch nach dem dritten Advent, den 16. Dezember. Am Ende geschah etwas Unerhörtes: Kaum hatte Mendelssohn seine Sinfonie-Kantate Lobgesang zum hymnischen Ende gebracht, da stürmte der begeisterte König zu ihm aufs Podium, um ihm vor aller Augen zu danken. Die irritierten Musiker verneigten sich abwechselnd vor dem Publikum und vor dem König. Seinem Bruder Paul schilderte der Komponist die Szene später nicht ohne Ironie als Tohuwabohu „wie in der Arche Noah“. Doch tatsächlich war es für ihn ein künstlerischer Triumph. Das Experiment, eine Symbiose zwischen Sinfonie und mehrsätziger Kantate zu schaffen, war geglückt. Am 25. Juni hatte er die Uraufführung des Lobgesangs dirigiert, zu den Gutenberg-Feiern der Stadt Leipzig. Nun zeigte sich, dass diese Sinfonie-Kantate ihren Platz im Konzertsaal behaupten würde.

Festgesang für Gutenberg, 24.6.1840

Mit einem anderen Beitrag zu den Gutenberg-Feiern vom Sommer 1840 war ihm auf Dauer kein Glück beschieden. Der „Gutenberg-Festgesang“ lag nutzlos auf seinem Schreibtisch, und er wusste nicht, was daraus werden sollte – aus dieser Entgleisung in die Gefilde des deutschen Patriotismus:

Vaterland in deinen Gauen / Brach der gold’ne Tag einst an, / Deutschland, deine Völker sah’n / Seinen Schimmer niederthauen. / Gutenberg, der deutsche Mann, / Zündete die Fackel an.

Just am Johannisfest, dem 24. Juni, hatten die Leipziger Johannes Gutenberg als den „Heiligen Johannes der Reformation“ geehrt, mit einer gigantischen Feier auf ihrem Marktplatz. Es ging darum, den Mainzer Gutenberg zum Vorläufer zu stilisieren, zum Herold, der den „Erlöser“ Luther angekündigt hatte. Im katholischen Mainz hätte man sich über derlei markige Kurzschlüsse deutscher Geschichte verständlicherweise gewundert. Schließlich war Johannes Gensfleisch zum Gutenberg dort lange vor der Reformation gut katholisch getauft worden und hatte 1468 in der Franziskanerkirche als „Altgläubiger“ seine letzte Ruhe gefunden. Doch das störte in Leipzig keinen. Das Zentrum des deutschen Buchhandels sah im Erfinder des Buchdrucks den Befreier der Gedanken von der Knechtschaft des alten Glaubens. Sein Denkmal wurde enthüllt, und die Honoratioren von Stadt und Universität durften sich vom Gesang eines gewaltigen Männerchores aufgerichtet fühlen – von Mendelssohns Hymnus. Die „Fackel“ des deutschen Geistes, die einst Gutenberg entzündet hatte, brannte im protestantischen Leipzig noch immer – davon waren die Leipziger überzeugt, und genau dies suggerierten ihnen die Klänge des Festgesangs.

Leicht können jene Worte von den Gauen des Vaterlands dem Enkel des jüdischen Philosophen Moses Mendelssohn nicht über die Lippen gekommen sein. Dass er überhaupt einwilligte, solche Verse eines Freiberger Gymnasiallehrers zu vertonen, hing mit seinem Bürgersinn zusammen. Als erster Kapellmeister der Stadt wollte er sich seiner Pflicht, beim Gutenberg-Jubiläum mitzuwirken, nicht entziehen. Außerdem wollte er die wundervolle Akustik des Leipziger Marktplatzes für einen wahrhaft monumentalen Klangeffekt nutzen: Sein Männerchor sang zur Begleitung von 16 Trompeten und 20 Posaunen, die zwischen Rathaus und Katharinenstraße mehrchörig widerhallten. Ironisch schrieb er nach der Aufführung an seine Mutter, nicht einmal der dafür berüchtigte Berliner Hofkapellmeister Spontini habe einen so gewaltigen Klang zustande gebracht.

Weihnachtslied für England, 1854

Kaum war der Jubel des Gutenbergfests verklungen, da suchte Mendelssohn schon nach einer Neuverwertung seines Festgesangs und dachte dabei an England. Seltsamerweise aber sperrte er sich gegen die Vorstellung, ihm einen geistlichen Text zu unterlegen: „Wenn man die richtigen Worte trifft, bin ich mir sicher, dass dieses Stück von Sängern wie Zuhörern sehr geschätzt werden wird, aber das wird niemals mit geistlichen Worten funktionieren. Es muss ein nationales und erhebendes Thema für den Text gefunden werden, etwas, das zur martialischen Bewegung des Stückes in Beziehung steht.“ So schrieb der Komponist 1843 (original auf Englisch) an den Verleger Buxton, um ihn zur Suche nach einem geeigneten Text zu animieren.

Zu seinen Lebzeiten blieb diese Suche erfolglos. Erst sieben Jahre nach seinem Tod kam dem jungen Organisten William H. Cummings die Idee, das patriotische Marschlied mit dem Jubel der himmlischen Heerscharen zu verbinden. Es fiel ihm auf, dass Mendelssohns Melodie wunderbar zu den Worten eines besonders populären Weihnachtslieds aus dem 18. Jahrhundert passte, das die Engländer bisher auf eine andere Weise sangen: Charles Wesleys „Hark! the herald Angels sing“. 1861 erschien erstmals ein englisches Gesangbuch, das Wesleys Text mit Mendelssohns Melodie abdruckte: Ein klassischer Christmas Song war geboren. Mendelssohn hätte daran sicher seine Freude gehabt, als Freund der Engländer und einer wohl gesitteten, überkonfessionellen Kirchenmusik:

Hark! the herald Angels sing / Glory to the newborn King! / Peace on earth and mercy mild / God and sinners reconciled. / Joyful, all ye nations rise / Join the triumph of the skies.

Aus Mendelssohns marschartigem Anfang „Vaterland in deinen Gauen“ wurde der weihnachtliche Weckruf „Hark! the herald Angels sing“. Das martialisch repetierte hohe D auf den Namen „Gutenberg“ wurde in den Aufruf „Joyful all“ umgeschmolzen: „Joyfull, all ye nations rise“. Nun durften alle Nationen in den Jubelruf der Engel einstimmen, während sich anno 1840 auf dem Leipziger Marktplatz nur die Deutschen selbst feierten. Bis heute finden sich alle Nationen in Mendelssohns kraftvoller Melodie wieder, die so wundervoll die Erscheinung der himmlischen Heerscharen in der Heiligen Nacht ausdrückt.

Zum Hören:

Drei Hymnen, op. 96, für Altsolo, Chor und Orchester (Anthem vom 12.12.1840)

https://www.youtube.com/watch?v=YTZZdOM6g5E

„Ich harrete des Herrn“, aus Lobgesang, op. 52 (uraufgeführt beim Gutenbergfest 1840 und wiederholt im Adventskonzert für König Friedrich August II. von Sachsen, 16.12.1840)

https://www.youtube.com/watch?v=RmQJJQaH4lI

„Hark! the herald Angels sing“ als Mitmach-Event in Saint Paul’s Cathedrale (ursprünglich Vaterland, in deinen Gauen aus dem Gutenberg-Festgesang von 1840)

https://www.youtube.com/watch?v=LDPwNPAV6tA

„Hark! the herald Angels sing“ in der klassischen amerikanischen Fassung mit Nat King Cole:

https://www.youtube.com/watch?v=n01fpjM42Wk