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Der Hamburger Michel, die Michaeliskirche, birgt seit 1788 in ihrer Krypta die sterblichen Überreste von Carl Philipp Emanuel Bach. Hier hat er etliche seiner Chorwerke dirigiert (Foto: Thomas Wolf, Wikipedia).

Adventskalender Hamburg 14.12.1788

Am 14.12.1788 starb in Hamburg Carl Philipp Emanuel Bach, der zweitälteste Sohn des Thomaskantors und berühmteste Komponist der Norddeutschen Schule. Auf seinem Schreibtisch lag keine Festmusik für Weihnachten, sondern eine Matthäuspassion.

Carl Philipp Emanuel Bach Gesamtausgabe

In schönen blauen Partiturbänden erscheint seit Jahren in den USA die Gesamtausgabe der Werke von Carl Philipp Emanuel Bach: CPE Bach Complete Works. (www.cpebach.org). Sie zeichnet sich nicht nur durch ein extrem hohes wissenschaftliches Niveau aus, sondern auch durch Praxisnähe: Die Partituren sind durchaus erschwinglich, und die Aufführungsmaterialien werden im Internet zum Download bereitgestellt. Getragen wird diese Ausgabe von David Packard (Hewlett Packard) und seiner Humanities Foundation, herausgegeben von einem brillanten Team amerikanischer Musikwissenschaftler im schönen Cambridge, Massachusetts, unweit der Harvard University. Editionsleiter ist Dr. Paul Corneilson, verantwortlich für so großartige Werkserien wie die Klavierkonzerte, die Berliner und Hamburger Sinfonien, die Klaviertrios, Flöten- und Violinsonaten, Cellokonzerte, Klavier-Solowerke etc. Besonders umfangreich ist die Serie der Chorwerke, da sie alle Passionen umschließt, die der zweitälteste Bachsohn Jahr um Jahr für Hamburgs Hauptkirchen zu schreiben hatte. Zwei seiner Chorwerke umspannen fast sein gesamtes Schaffen, vom „Berliner Bach“ bis zum letzten Lebensjahr des „Hamburger Bach“: das Magnificat von 1749 und die letzte Matthäuspassion, bestimmt für die Fastenzeit 1789. Paul Corneilson erzählt ihre Geschichte.

Letzte Passion in Hamburg, 14.12.1788

von Paul Corneilson

Am 25. November 1788 schrieb Carl Philipp Emanuel Bach an den Schweriner Organisten und Sammler Johann Jacob Heinrich Westphal folgende Zeilen:

Liebster Freund,

Seit den 18 Sept bin ich am Podagra u. andren Zufällen sehr krank gewesen. Nun fängt sichs an zu beßern. [...]

Einige Wochen später freilich nahm die Krankheit eine Wendung zum Schlechteren: Am 14. Dezember starb der Hamburger Bach im Alter von 74 Jahren. Die kurze Erholungspause Ende November gestattete ihm, sein letztes Werk zu vollenden. Wie es seine Gewohnheit war, begann er nach der Michaelismesse und vor Weihnachten mit der Arbeit an der Passionsmusik für die folgende Fastenzeit. Gemäß seinem 1790 gedruckten Nachlassverzeichnis war diese Matthäuspassion (H 802) „die letzte Arbeit des Verfassers“. Wahrscheinlich bestellte genau aus diesem Grund der Baron Gottfried van Swieten in Wien eine Partiturkopie des Werkes. Sie liegt noch heute in der Österreichischen Nationalbibliothek – die einzige Passion des Hamburger Bach, die in einer kompletten Abschrift erhalten war, bis man vor 20 Jahren das Archiv der Sing-Akademie zu Berlin in Kiew wiederentdeckte und nach Deutschland zurückbrachte. Dort fanden sich die Aufführungsmaterialien aller Passionsmusiken, die Bach von seiner ersten Hamburger Fastenzeit 1769 bis zu seinem Tod 19 Jahre später jährlich komponiert hatte, darunter allein sechs Matthäuspassionen. Wie alle diese Werke enthält auch die letzte für 1789 bestimmte Passion einige Choräle aus der Matthäuspassion seines Vaters. Daneben griff er auf Arien des Dresdner Komponisten Gottfried August Homilius zurück und auf seine eigenen, kurz zuvor publizierten Zwei Litaneien für acht Stimmen in zwei Chören (Wq 204). Da diese Werke auf Texten von Luther einerseits, Klopstock andererseits basieren, nennt man sie auch Alte und Neue Litanei. Auch sie fanden in die letzte Matthäuspassion Eingang.

Auftakt mit Magnificat, 1749

Fast 40 Jahre zuvor schuf Carl Philipp Emanuel Bach sein bekanntestes Vokalwerk: das Magnificat (Wq 215). In einer ersten Fassung vollendete er es 1749 in Potsdam, wo er als Kammercembalist Friedrichs des Großen wirkte. Möglicherweise dirigierte er es im Folgejahr in Leipzig noch vor dem Tod seines Vaters am 28. Juli 1750, um sich als dessen Nachfolger zu empfehlen. Doch die Leipziger wollten keinen Bach mehr als Thomaskantor und Musikdirektor ihrer Stadt. Stattdessen blieb der „Berliner Bach“ bis nach dem Siebenjährigen Krieg am preußischen Hof. 1768 wurde er in Hamburg Nachfolger seines Patenonkels Telemann, dem er den Vornamen Philipp verdankte.

Hamburger Fassung, 1779

Für die allererste jener sechs Matthäuspassionen, die er in seinem neuen Hamburger Kirchenamt schreiben sollte, wählte er einen Satz aus dem Potsdamer Magnificat als Eingangschor: Aus dem „Et miserericordia eius” wurde in der Matthäuspassion von 1769 (H 782) der Chorsatz „Fürwahr, er trug unsre Krankheit“. Da Bach diese Bearbeitung auch in seine Passions-Cantate (Wq 233) einfügte, das oratorische Werk Die letzten Leiden des Erlösers, das jede Fastenzeit in Hamburg aufgeführt wurde, konnte er sein altes „Et misericordia“ nicht mehr verwenden, als er im März 1779 sein Magnificat dirigieren wollte. Das Publikum im Kramer Amthaus hätte sonst vermuten können, dass er jenen bekannten Chorsatz aus seiner Passions-Music in sein lateinisches Kirchenwerk eingelegt habe und nicht umgekehrt, wie es eigentlich der Fall war. Also musste er eine neue Fassung des „Et miserericordia“ schreiben: einen chromatischen Chorsatz mit schmerzlichen Vorhalten. Er ergriff auch die Gelegenheit, den Eingangs- und Schlusschor seines Magnificat durch drei Trompeten und Pauken noch festlicher zu instrumentieren und zwei Sologesänge durch jeweils zwei Hörner zu verstärken: die Arie „Quia fecit mihi magna“ und das Duett „Deposuit potentes“. In dieser Form wurde das Werk auch in einem bedeutsamen Benefizkonzert aufgeführt, das er im April 1786 veranstaltete: Es enthielt das Credo aus der h-Moll-Messe seines Vaters mit einer neuen Orchestereinleitung des Sohnes, zwei Ausschnitte aus Händels Messias, eine seiner Sinfonien, das doppelchörige Heilig (Wq 217) und das Magnificat.

Zum Hören:

Carl Philipp Emanuel Bach: Magnificat, Wq 215 (Hamburger Fassung von 1779)

Bachchor Würzburg, Monteverdi Ensemble, Leitung: Matthias Beckert

https://www.youtube.com/watch?v=MlKelsO0G80

Carl Philipp Emanuel: Heilig ist Gott, Wq 217,2

RIAS-Kammerchor, Akademie für Alte Musik Berlin, Leitung: Hans-Christoph Rademann

https://www.youtube.com/watch?v=HGAcxYli6Ug

Carl Philipp Emanuel: Weihnachtslied, Wq 197

Dietrich Fischer-Dieskau, Jörg Demus

https://www.youtube.com/watch?v=9bAQe5zeziI