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Domenico Bedini (1747-1796), auf einem Stich aus Perugia von 1781. Er war Kirchensänger in Loreto und einer der großen Opernsänger Italiens. 1791 schrieb Mozart für ihn die Partie des Sesto in La clemenza di Tito.

Adventskalender Loreto 15.12.1796

Das Heilige Haus der Muttergottes im italienischen Loreto sollte 2020 eigentlich zum Pilgerziel für ein Heiliges Jahr werden. Wegen der Pandemie hat es Papst Franziskus bis Ende 2021 verlängert. Karl Böhmer erinnert an zwei Musiker, die zu Mozarts Zeit in Loreto wirkten.

Am Heiligen Haus in Loreto

Loreto in der Mark Ancona ist jener Ort unweit der Adriaküste, an dem fliegende Engel im Mittelalter eine kostbare Fracht aus Palästina in Sicherheit brachten: das Heilige Haus aus Nazareth. In diesem einfachen Backsteinbau, der in der Tat von Kreuzfahrern aus dem Heiligen Land hierher gebracht wurde, wuchs der Überlieferung nach die Gottesmutter Maria auf. Dort empfing sie die Botschaft des Engels, sie sei als Mutter des Erlösers auserwählt. Seit 1507 ist das schlichte braune Haus umkleidet von einem riesigen Renaissance-Schrein, mit Reliefs und Säulen verziert, ein Meisterwerk des Bramante. Davor, am Altar der Verkündigung, zelebrieren seit 1938 Kapuziner die Messe zu Ehren der Madonna – im Herzen der Basilika und des berühmten Pilgerzentrums. Loreto ist einer der wichtigsten Wallfahrtsorte Italiens, was Papst Franziskus 2019 dadurch unterstrich, dass er den 10. Dezember zum Gedenktag der Madonna di Loreto erklärte. Von jeher wird an diesem Tag am Heiligen Haus die festlichste Messe des Jahres gesungen: zur Traslazione della Santa Casa. Mit letzter Kraft sang auch der berühmteste Kastrat der Cappella Lauretana an diesem Tag des Jahres 1796 seine letzte festliche Vesper, wie wir gleich sehen werden. Vor Kurzem wurde die Festmesse per Live-Stream im Internet übertragen. So konnte man den schönen Altar bewundern und in Einblendungen das Heilige Haus, von dem so viele Kopien auf der ganzen Welt existieren. Und man konnte ahnen, welche Reichtümer musikalischer Art an eben jenem Altar über Jahrhunderte angehäuft wurden, dargeboten von der Cappella Lauretana, dem päpstlichen Chor des Heiligtums. Von zwei Musikern, die dort dienten, soll im folgenden die Rede sein: von dem Soprankastraten Domenico Bedini und von dem Kapellmeister Andrea Basili. Die Beiden kannten sich gut, und vielleicht haben sie an Weihnachten 1776 sogar zusammen musiziert.

Trauerfall im Advent, 15.12.1796

Am Donnerstag vor dem vierten Advent 1796 hatte die Cappella Lauretana einen herben Verlust zu beklagen: Ihr berühmtester Sopranist Domenico Bedini erlag einem schweren Leiden: „Er sang zum letzten Mal an dem Abend des 10. Dezember, an dem er von einem Krampfanfall heimgesucht wurde, der ihn binnen fünf Tagen zum Tode beförderte.“ So vermerkte nüchtern die Sängerchronik des päpstlichen Chores. Zehn Jahre lang hatte Bedini in der Basilika des Heiligen Hauses gedient und 940 Gottesdienste pro Jahr gesungen, wie jeder Kastrat der Kapelle. Doch in seinem Fall wurde so manche Ausnahme gemacht, denn er zählte zu den berühmtesten Opernsängern Italiens. An der Mailänder Scala und am Teatro S. Carlo in Neapel, in Rom und Florenz, Venedig und Turin, in Genua, Padua und Bologna hatte man ihm zugejubelt wegen seiner süßen Sopranstimme und seinem unvergleichlichen Cantabile. 30 Jahre lang hatte er auf der Bühne gestanden, davon die letzten 20 Jahre als erster Kastrat in der Opera seria, als klassischer primo soprano.

Noch bei seinem Abschied von der Bühne 1793 in Verona geriet die Presse ins Schwärmen: „Bedini singt das Adagio bis zum Nonplusultra und hat in der Perfektion seines Cantabile nicht Seinesgleichen“, schrieb die Gazzetta urbana veneta, eine besonders theaterkundige Zeitung. Es war nicht die einzige Lobeshymne auf den Sopranisten: In den 75 Spielzeiten seiner Glanzzeit brachte er 31 Opern zur Uraufführung. Die größten Komponisten der Epoche schrieben ihm die schönsten Arien auf den Leib, vor allem im Genre des Rondò, das er beherrschte wie kaum ein anderer. Cimarosa, Sarti und Paisiello, Bianchi, Andreozzi und Tarchi, sie alle zollten dem großen Bedini ihren Tribut. Doch fast alle diese herrlichen Arien italienischer Maestri ruhen heute ungesungen in den Archiven. Nur zwei Arien aus seinem riesigen Repertoire haben überlebt: die beiden, die er als Sesto in La clemenza di Tito von Mozart sang. Hört man im Vergleich dazu die großen Arien aus den Paraderollen seiner letzten Jahre, das süße Rondò des Giulio Sabino von Sarti und die stolze Arie des Giulio Cesare von Bianchi, kann man ermessen, aus welchen Quellen Mozart seine Inspiration für die Rolle des Sesto schöpfte (siehe die Hörbeispiele unten).

Krönungsoper im Sommer 1791

Im August 1791 erhielt Bedini in Loreto zwei Monate Urlaub, um nach Prag zu reisen. Kaiser Leopold II. hatte ihn im Juli in Padua gehört und war so begeistert, dass er ihn spontan als Starsänger zu seiner Krönungsoper in die böhmische Hauptstadt einlud. Mozart hatte die Musik dafür zu komponieren und wartete in Wien ungeduldig auf seinen italienischen Hauptdarsteller. Dort schrieb er Bedini zwei Arien auf den Leib, die heute noch immer von allen großen Mezzosopranen gesungen werden: „Parto, ma tu ben mio“ und das Rondò „Deh per questo istante solo“. Bedini selbst hat sie offenbar nicht im dunklen Mezzo-Register, sondern mit einem hellen Soprantimbre gesungen. Schon bei seinem ersten Auftritt in Loreto am Cäcilientag 1770 hatte er „durch die Süßigkeit seiner Stimme Jeden überrascht“. Später wurde immer wieder die „dolcezza“ seines Gesangs gerühmt, etwa vom überaus musikalischen König Ferdinand IV. von Neapel, der an ihm „die besondere Aufmerksamkeit für das Cantabile“ schätzte. Andere Zeitgenosschen priesen ihn für seine "voce ferma e robusta", für seine feste und robuste Stimme, die es ihm erlaubte, unschwer über die großen Orchester in Mailand, Turin und Neapel hinwegzusingen. Solche Qualitäten mussten auch Mozart imponieren. Bei der letzten Aufführung des Titus am 30. September „sang Bedini besser als jemals“ und kehrte danach in seinen Kirchendienst am Heiligen Haus zurück.

Noch mit 44 Jahren hatte er in Prag bewiesen, dass er ein souveräner Opernsänger war. Seit sein Taufeintrag wiederentdeckt wurde, kennt man sein Geburtsdatum: Er kam am 19. Mai 1747 in Fossombrone bei Urbino zur Welt und wurde noch am selben Tag notgetauft. Wer seine Lehrer in der Heimat waren, weiß man nicht, auch nicht in welchem Alter seine schöne Sopranstimme durch die grausame Operation konserviert wurde. Doch schon im Alter von 15 Jahren stand er auf der Bühne, mit 20 Jahren wurde er einstimmig zum Mitglied der berühmten Accademia filarmonica in Bologna gewählt, wie drei Jahre später auch der junge Mozart. Padre Martini wurde in Bologna Bedinis väterlicher Freund und Mentor, ebenfalls wie bei Mozart. Der berühmte Franziskanerpater mit Verbindungen zu allen Höfen Europas öffnete seinem Schützling die Türen zur Opernkarriere. Im Gegenzug sang Bedini Oratorien und Kirchenmusik, soviel der Padre wünschte: für den Neffen des Papstes, für gekrönte Häupter, die durch Bologna kamen, und zuletzt beim Requiem für Padre Martini selbst.

Bedinis eigenes Requiem wurde am 17. Dezember 1796 am Hochalter vor dem Heiligen Haus zelebriert. Die gesamte Congregazione und der ganze Chor der Basilika waren anwesend – hohe Ehren für einen König des Gesangs, den man in der Gruft der Bruderschaft des Hl. Joseph zur letzten Ruhe bettete. Es blieb ihm erspart, den Untergang seiner Welt mitzuerleben: 1797 überrannten die Truppen Bonapartes den Kirchenstaat, schändeten das Heiligtum von Loreto und verscheuchten alsbald auch die Kastraten von der Opernbühne, indem sie das neue Ideal des Tenor singenden Helden verkündeten.

Sonate für den Esel von Bethlehem 1776

Als Bedini noch ein junger Sopranist war und die behütete Welt von Loreto noch in Ordnung, begegnete er dort dem renommierten Kapellmeister Andrea Basili, für gewöhnlich der Verfasser kunstvoller Messen und Motetten. Für das Weihnachtsfest 1776 aber ließ sich Basili etwas sehr viel Schlichteres einfallen: eine Orgelsonate über den Esel in der Krippe. „Ludere Rudere“, „Spielen und Brüllen“ schrieb er auf das Manuskript dieser kurzen Orgelsonate ohne Pedal. Er widmete sie einem oft übersehenen Zeugen der Heiligen Nacht: dem „glücklichen Esel in der Grotte von Bethlehem“. „All’Asino fortunato della Grotta di Bettlem“, so steht unten am Fuß des Manuskripts geschrieben. Oben über den Noten notierte er den Titel: Sonata ch’esprime il Ragghio dell’Asino. Das sprichwörtliche „I-aa“ des Esels übersetzte er in Oktaven der rechten Hand zu bewegten Terzen der linken. Je nach Orgelregister kommen die Eselsrufe dabei mehr oder weniger drastisch zum Vorschein.

Das Manuskript dieser Sonate findet sich in einem Sammelband mit musiktheoretischen Schriften und vielen kleinen Kompositionen von Basili, der in der Berliner Staatsbibliothek aufbewahrt wird. Zwei der vielen Kanons in diesem Band sind dem Sopranisten Domenico Bedini gewidmet, der Loreto regelmäßig besuchte, lange bevor er selbst Mitglied der Kapelle wurde. Denn sein 15 Jahre älterer Bruder Giuseppe wirkte dort als Bassist. Also nahm sich der kleine Bruder Domenico im Sommer immer wieder Zeit, das Heilige Haus zu besuchen. Er borgte sich Kirchenmusik vom Kapellmeister aus, kopierte sie für sein eigenes Archiv und sang so himmlisch schön, dass die Mitglieder der Kapelle ganz entzückt waren, allen voran Kapellmeister Basili. Davon zeugen die Texte der beiden schönen Kanons für Bedini vom Sommer 1774:

Caro Bedini, amato onor dell’armonia, / Vieni ch’ognun desia / Sentirti ognor cantar. / Bedini cantor sovrano, / Qual in ciel lucente stella / Tu fai tutti innamorar.

Teurer Bedini, geliebter Ehrensohn der Harmonie, komm doch, da dich jeder ständig singen hören möchte. Bedini, du souveräner Sänger: Wie ein leuchtender Stern am Himmel machst du alle in dich verliebt.

1776 kehrte Bedini nach Loreto zurück und konnte die neue Eselssonate von Basili hören. Da er im Advent im nahen Macerata eine Oper proben musste, die er schon längst kannte (den Ezio von Guglielmi), konnte er sich leisten, zu Heiligabend seinen Bruder und Maestro Basili zu besuchen. Vielleicht stand er damals in der Basilika von Loreto und sang nach der Eselssonate des Kapellmeisters eine himmlisch schöne Motette. Oder in der Vesper des ersten Feiertags ein Magnificat von Palestrina zu Ehren der Madonna. Maestro Basili verstarb im Jahr darauf. Die Schätze seiner Kirchenmusik harren in Loreto der Wiederentdeckung.

Zum Hören:

Wolfgang Amadeus Mozart, Rondò des Sesto „Deh per questo istante“ aus La clemenza di Tito (von Domenico Bedini am 6.9.1791 in Prag uraufgeführt)

Cecilia Bartoli, Mezzosopran, György Fischer, Klavier

https://www.youtube.com/watch?v=roo34ysqc4Y

Francesco Bianchi, La morte di Giulio Cesare, Arie des Cesare „Saprò d’ogni alma audace“ (von Bedini in Triest, Reggio und Verona gesungen)

Raffaele Pe, Mezzosopran; La Lira di Orfeo

https://www.youtube.com/watch?v=A5KX0Leigw0

Andrea Basili: Orgelsonate für den glücklichen Esel in der Grotte zu Bethlehem (komponiert 1776 in Loreto)

https://www.youtube.com/watch?v=ajvGKdIlZgA

Palestrina: Magnificat primi toni (im Repertoire der Cappella Lauretana)

Voces8

https://www.youtube.com/watch?v=j9naa5YvyDU