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Dave Brubeck auf dem Titel des Time Magazine, 8.11.1954.

Adventskalender California 1920

Am Nikolaustag hätte er seinen 100. Geburtstag feiern können: Dave Brubeck, der erste Jazz-Pianist, der mit einem Album Platin gewann, weil sich Time Out mehr als eine Million mal verkaufte. Take Five, den Klassiker im Fünfvierteltakt, kennt jeder Musikfan. Jascha Krams erinnert an das Leben des Farmersohns aus California, an seine Bands und an das Dave Brubeck Christmas Album von 1996.

Adventskind Dave Brubeck

von Jascha Krams

Dave Brubeck, der subtile Pionier, ein bescheidener Gigant des Jazz: im diesjährigen Dezember wäre er hundert Jahre alt geworden. Als Nikolauskind kam er am 6.12.1920 im kalifornischen Concord zur Welt und starb nach einem reichen erfüllten Leben hohen Alters am Vorabend seines zweiundneunzigsten Geburtstags, 5.12.2012. Durch den Welthit „Take Five“, den sein kongenialer Wegbegleiter Saxophonist Paul Desmond schrieb, erlangte er internationalen Ruhm und ist seither als Popstar des Jazz Menschen jeglicher musikalischer Sozialisation ein Begriff.

Jugend in Kalifornien

Geboren als dritter Sohn eines Rinderfarmers und einer Klavierlehrerin, kommt der kleine Brubeck angeleitet durch seine Mutter bereits früh mit Musik in Berührung. Zuhause gibt es weder Radio noch Plattenspieler. Wer Musik hören will, muss sie selbst machen. Die Intention der Mutter ist eindeutig. Brubeck ist fasziniert von den Stücken, die er von seinen älteren Brüdern zu hören bekommt, spielt selbst aber ungerne von Noten. Sich lösend von determinierenden Formen, entwickelt er eine Leidenschaft für Improvisation. Er versucht, Geräusche und Klänge seiner Umgebung zu verarbeiten. So nennt er etwa die Hufschläge von Pferden auf der Range seines Vaters als Inspiration für erste polyrhythmische Versuche.

Trotz seines musikalischen Talents und damit einhergehender Begeisterung beginnt Brubeck zunächst ein Studium der Tiermedizin und folgt somit dem Wunsch seiner Eltern. Denn nachdem sich bereits seine beiden Brüder dafür entschieden haben, ihr Leben der Musik zu widmen, soll nun er die Farm des Vaters übernehmen. Doch bereits nach kurzer Zeit wechselt er in den Fachbereich Musik, euphorisiert durch Erlebnisse, die er als Zuhörer und auch Bandmitglied in Jazzclubs macht.

Als Soldat in Europa 1944/45

1943 wird er in die Armee eingezogen und 1944 nach Frankreich geschickt. Noch vor diesem Einsatz heiratet er Iola Withlock, „die stärkste Inspiration seines Lebens“, mit der er sechs Kinder haben und bis zu seinem Tod zusammen bleiben wird. Außerdem ergibt sich in seiner frühen Militärzeit die Möglichkeit, Stunden bei Arnold Schönberg an der University of California zu nehmen. Mit hohen Erwartungen kommt der ambitionierte Student zu dem Mann, den er als die Grenzen und Normen der Tonalität und Form überschreitenden Innovator der modernen Musik verehrt, muss aber schnell die Unvereinbarkeit seines musikalischen Ansatzes mit dem des großen Komponisten erkennen.

Bei den US-Truppen in Frankreich nach der Invasion gründet er die Band The Wolfpacks, die trotz der strengen Segregation des Militärs sowohl weiße als auch schwarze Mitglieder hat und größtenteils aus verwundeten Frontsoldaten besteht. Seine Rolle als freigeistiger Bandleader beschert dem jungen Private Brubeck großes Ansehen bei den Kameraden. Der Krieg führt ihn auch durch deutsche Städte, unter anderem nach Nürnberg, wo er mit seiner Band im Opernhaus probt. In Regensburg erlebt er das Kriegsende.

Weltruhm 1959

Zurück in Amerika setzt er sein Studium fort. Besonderen Einfluss auf ihn haben die Stunden bei dem französischen Komponisten Darius Milhaud, der ihn zum musikalischen Experimentieren und Vermischen unterschiedlicher Stile motiviert. Daraufhin versucht Brubeck unter anderem, Techniken des Barocks mit dem fortgeschrittenen Harmonieverständnis des Jazz zu verbinden. Außerdem gründet er mit Kommilitonen, darunter Paul Desmond, ein Oktett, für das er komponiert und arrangiert. Auch diesem Projekt liegt die Idee einer Fusion von Jazz und klassischen Formen zugrunde, auf deren Basis zu dieser Zeit beispielsweise auch das Modern Jazz Quartet komponiert.

Die polyrhythmische sowie polytonale Musik des Oktetts ist weit entfernt vom Zeitgeist, seiner Zeit weit voraus und somit ein finanzielles Desaster. Schnell löst sich die Gruppe wieder auf, und Brubeck spielt nun, schöpferisch entmutigt durch diesen Misserfolg, als Teil eines Trios vorzugsweise Standards. 1951 wird das Trio zum heute legendären Dave Brubeck Quartet erweitert. Brubeck und Desmond sind das musikalische Zentrum, Schlagzeuger Joe Dodge und Bassist Bob Bates werden Mitte der Fünfziger Jahre durch Joe Morello und Eugene Wright ersetzt.

Diese Besetzung, das sogenannte Classic Quartet, bleibt bis zur Auflösung der Band 1967 bestehen.

Das Quartett erfährt durchweg positive Resonanz. Als zweiter Jazzmusiker nach Louis Armstrong erscheint Brubeck 1954 auf dem Cover des Time Magazine. Es folgt ein kometenhafter Aufstieg, der mit dem Album Time Out, 1959 erschienen bei Columbia Records, seinen Höhepunkt erreicht. Die zunächst als unzugänglich kritisierten, ungeraden Taktarten färben die Stücke, eine Innovation für den damaligen Jazz, der fast ausschließlich im Viervierteltakt stattfindet. Diesmal trifft Brubeck den Nerv der Zeit, punktgenau. Das Album, damals schon ein kommerzieller Erfolg, ist heute eines der meistverkauften Jazzalben aller Zeiten und längst zum Klassiker avanciert.

Der Brubeck Sound

Der Sound des Quartetts wird geprägt durch die komplexe Rhythmik, die Joe Morello feinfühlig bestimmend zugrunde legt, und das melodisch eingängige Spiel Desmonds, das zu Brubecks Blockakkorden und meist etwas kantigem Stil in kontrastierender Spannung steht. Die Stilisierung Brubecks als „Jazzman“ ist dem besonnenen Pianisten gewissermaßen unangenehm. So hätte er auf dem Time Magazine lieber Duke Ellington gesehen, zu dessen Ehren er den Standard The Duke schrieb. Ihm fehlen der jazzkulturelle Hintergrund und die unter Pianisten wie Bud Powell oder Oscar Peterson mittlerweile zum Standard gewordene technisch virtuose Brillanz. Während Jazzgrößen wie Dizzy Gillespie oder Stan Getz schon in jungen Jahren mit den Stars des Genres wie beispielsweise Cab Calloway oder Benny Goodman spielten und innerhalb der Szene gut vernetzt sind, tritt Brubeck fast ausschließlich in eigenen Formationen in Erscheinung. Dieser Mangel an ästhetischem Austausch begründet aber auch seinen individuellen Stil, der trotz seiner Popularität kaum Nachahmer fand

Einzelgänger Brubeck

Brubeck hasst Schubladendenken. Er bleibt Einzelgänger in der vor Kreativität und Selbstvertrauen strotzenden Jazzlandschaft der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. „Ein Einzelgänger, der seinem eigenen, unkonventionellen Weg folgt, entsprechend einem inneren Drang, der ihm keine Ruhe lässt.“ So hat ihn sein Lehrer Darius Milhaud charakterisiert. Unkonventionell ist auch sein Umgang mit dem Rassismus vieler Veranstalter. Mehrfach wird er aufgefordert, seinen dunkelhäutigen Bassisten Eugene Wright durch einen Weißen zu ersetzen. Die Reaktion ist immer eine Konzertabsage. Auch ein Fernsehdreh wird abgebrochen, als Brubeck bemerkt, dass Wright von den Kameramännern vorsätzlich nicht gefilmt wird. Allerdings nehmen viele Afroamerikaner ihm, dem angepasst wirkenden weißen Mittelständler, seinen Erfolg übel. So wirft Miles Davis ihm und anderen weißen Jazzmusikern in seiner Autobiographie vor, die Musik der Schwarzen geglättet und damit massentauglich gemacht zu haben, um dann weit mehr daran zu verdienen als ihre Urheber. Brubeck und der als launenhaft bekannte Davis hatten allerdings ein gutes Verhältnis.

Wiegenlieder für die Enkel

Die auf Time Out folgenden Alben können nicht an den ersten Erfolg anschließen, und 1967 löst sich das Quartett auf. Brubeck widmet sich nun vermehrt Kompositionen für Orchester oder Streichquartett, bleibt durch die Gründung eines neuen Ensembles, in dem drei seiner Söhne mitwirken und die enge Zusammenarbeit mit Gerry Mulligan nach Desmonds Tod 1977, aber auch dem Jazz erhalten. Noch bis 2006 spielt er Konzerte, dann zieht er sich aus der Öffentlichkeit zurück. Ein letztes Zeugnis des musikalischen Feingeistes Dave Brubeck sind die Aufnahmen der Wiegenlieder, die er drei Jahre vor seinem Tod für seine Enkelkinder einspielte. Diese Aufnahmen erschienen 2020 auf Wunsch seiner Söhne beim Label Verve Forecast unter dem Titel Lullabies und geleiten nun nicht nur noch Brubecks kleine Nachkommen in das Reich der Träume.

Ein weihnachtliches Album 1996

Auch für die Weihnachtszeit hat Brubeck ein ähnlich besinnliches solistisches Klavieralbum aufgenommen. A Dave Brubeck Christmas erschien 1996 über Telarc International und beinhaltet klassische Titel der Weihnachtszeit wie „Jingle Bells“, „Silent Night“ oder „O Tannenbaum“, aber auch die zwei Eigenkompositionen „Run, Run, Run to Bethlehem“ und „To Us Is Given“.  Stilistisch schlägt es impressionistisch jazzige Töne an. Einzig die Stücke „Santa Claus Is Coming To Town“ und „Winter Wonderland“ werden durch das Stride-Piano-Spiel jazztypisch interpretiert. Die meisten anderen Stücke sind kontemplativen Charakters und legen den Fokus auf harmonischen Wohlklang, der durch ruhige Repetition und Sequenzierung von Motiven sowie die Einbettung der meist wenig verfremdeten bekannten Melodien in ungewohnte harmonische Kontexte, teilweise auch romantischer Natur, interessant gestaltet wird.

Wie auf dem Album Lullabies das Wiegenlied von Brahms so erklingt die Melodie „Jingle Bells“ als Reprise zum Ende von A Dave Brubeck Christmas erneut und rundet ein unaufgeregtes aber sehr gelungenes Album für die Weihnachtszeit ab.

Zum Hören:

Time Out (1959)

Liveaufnahme des „Dave Brubeck Quartet“ (1964)

A Dave Brubeck Christmas (1996)