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Blick auf den Zoll bei Bonn zur Zeit Beethovens, (Stich von H. Grape).

Adventskalender Bonn 17.12.1770

Beethovens 250. Tauftag ist heute das große Thema in allen Medien. Doch wie war das eigentlich am 17. Dezember im Jahre des Herrn 1770 in der Remigiuskirche zu Bonn? Karl Böhmer geht dem Tag der Tage ein wenig genauer nach.

Adventskind Beethoven

Heutzutage ist es eine feste Regel: Katholische Pfarrer taufen nicht an einem Adventssonntag. Dieser simple Umstand könnte bei der Berechnung von Beethovens Geburtsdatum eine gewichtige Rolle spielen, sofern die Regel auch schon im 18. Jahrhundert gegolten haben sollte. Am 17. Dezember 1770, dem Montag nach dem dritten Advent, schritt der kurkölnische Tenorist Johann van Beethoven zum Taufstein der Bonner Remigiuskirche. Seine Gattin, die aus Thal-Ehrenbreitstein bei Koblenz stammte und mit Mädchennamen Helena Keverich hieß, war von einem Knaben entbunden worden – wann genau, darüber rätselt die Nachwelt bis heute. Im Kirchenbuch wurde der Geburtstag wie üblich nicht vermerkt, sondern nur der Tauftag. Doch waren die beiden tatsächlich identisch, wie man heute so gerne annimmt? Im Grunde gibt es drei Möglichkeiten: Der kleine Ludwig könnte am 15. Dezember abends zur Welt gekommen sein, im Laufe des 16. Dezember oder am 17. in der Frühe. Denn wäre der Junge am Samstag in der Frühe geboren worden, hätte man ihn noch am selben Tag taufen können. Bei einer Geburt am Samstagabend oder im Laufe des Sonntags aber mussten die Eltern in jedem Fall bis zum Montag warten. Vielleicht wurde Beethoven aber auch erst am 17. Dezember in aller Herrgottsfrühe geboren. Dann hätte er mit Papst Franziskus den Geburtstag gemeinsam – wie vielleicht noch manches andere. Insofern gratulieren wir heute Papa Francesco zum 84. Geburtstag und Beethoven zum 250. Tauftag.

Taufschmaus im kleinen Kreis

Taufpate des kleinen Ludwig war sein damals 58-jähriger Großvater Louis van Beethoven, Hofkapellmeister des Kurfürsten von Köln. Die zweite Patin, Nachbarin Gertrude Baum, verfügte als Ehefrau eines kurkölnischen Kellerschreibers über Vermögen. In ihrem Haus fand der Taufschmaus statt, weil die Eltern damals noch zu beengt lebten, um Gäste bewirten zu können. Der Großvater aber fristete als Strohwitwer ein eher tristes häusliches Dasein, da seine Frau schon vor Jahren in eine Irrenanstalt eingewiesen worden war. Auch Beethovens Großmutter Keverich lebte in einer Anstalt und war Witwe, da der Großvater Heinrich Keverich schon lange nicht mehr lebte. Er war bereits 1759 verstorben, und zwar in Diensten des Trierischen Kurfürsten Johann Philipp von Walderdorff, dem er gerade im Familienschloss Molsberg im Westerwald aufgewartet hatte. Gekocht hat Beethovens Großvater mütterlicherseits aber auch in der alten Kunoburg zu Engers, dort, wo sich heute am Rheinufer der prachtvolle Bau von Schloss Engers erhebt, der in seinem Todesjahr 1759 erst im Rohbau stand. Von allen Großeltern kannte der kleine Ludwig nur seinen Taufpaten Louis.

Verwirrung um das Geburtsjahr

Schon im Jahr zuvor, am 2. April 1769, hatte der Großvater Louis seinen Vornamen einem hoffnungsfrohen Enkel gespendet, doch war dieser erste Ludwig van Beethoven sechs Tage nach der Taufe verstorben. (Übrigens hatte auch Mozart einen älteren Bruder mit dem Vornamen Amadeus, der vier Jahre vor seiner Geburt starb!) Wie damals durchaus üblich, gab man dem Zweitgeborenen den Namen des verstorbenen Bruders, was freilich Jahrzehnte später zu einiger Verwirrung um Beethovens Geburtsjahr führte. 1810 nämlich forderte der Meister von Wien aus einen Taufschein in Bonn an. Dazu musste er sich an die napoleonische Verwaltung des Departements Rhin et Moselle wenden, die nun auf Französisch die lateinischen Eintragungen im Kirchenbuch von 1770 übermittelte, und zwar völlig korrekt. Beethoven glaubte aber nicht an das Geburtsjahr: „Es scheint der Taufschein nicht richtig, da noch ein Ludwig vor mir.“ Der Meister hielt seinen eigenen, korrekt übermittelten Taufschein für den seines verstorbenen Bruders und glaubte felsenfest daran, dass er erst 1772 geboren sei. Schuld daran war offenbar sein Vater Johann: Um die Leistungen des Wunderkindes Louis noch wundersamer erscheinen zu lassen, machte er den Sohn zwei Jahre jünger, was dieser schließlich auch selbst glaubte. Schon einmal, im Jahr 1784, musste der Vater in dieser Hinsicht Farbe bekennen und 1770 als das wahre Geburtsjahr seines Filius offenlegen. Doch hatte dies sein Sohn später in Wien längst vergessen.

Akademien zu Weihnachten

In der Kaiserstadt machte Beethoven kein Aufhebens um seinen Geburtstag, denn nicht einmal sein Neffe Karl kannte das genaue Datum. Nur einmal, 1823, bemerkte dieser: „Heute ist der 15. Dezember, und da bist Du geboren“, um gleich anzufügen, dass er „nicht dafür stehen könne“, sich also über das genaue Datum im Unklaren sei. In katholischen Familien wurde ohnehin der Namenstag gefeiert und nicht der Geburtstag, in Beethovens Falle also der 25. August, der Ludwigstag. Im Sommer war dem Meister und glühenden Naturliebhaber mehr zum Feiern zu Mute als im kalten Winter. Der Advent war in Wien meist mit den Vorbereitungen für anstrengende „Akademien“ verbunden. Mehr als einmal fielen Beethovens Konzerte auf die Tage kurz vor Weihnachten. Man kann sich vorstellen, mit wie vielen Scherereien die Vorbereitungen dafür verbunden waren. Im Advent hätte Beethoven seinen Geburtstag nie in Ruhe feiern können.

Erinnerung an den Großvater

Weihnachten war für den Meister auch aus anderen Gründen kein Fest der Ruhe und der traulichen Gedanken, war es doch mit einer schmerzlichen Erinnerung verbunden: Als Dreijähriger hatte er an Heiligabend 1773 den Tod seines geliebten Großvaters miterleben müssen. Da sonst keine Großeltern mehr vorhanden waren, lieferte dieser Sterbefall den kleinen Ludwig ganz dem Regiment seines strengen Vaters aus. Auch die als gütig beschriebene Mutter war zuhause eine durchaus resolute Koblenzerin. Mit dem Großvater verschwand die Freude aus Beethovens Kindheit. Nur die Musik und die Natur blieben dem kleinen Jungen, um sich gegen die Grobheit des Milieus zu behaupten, in dem sich sein Vater bewegte. Noch später in Wien brachte der Meister seinem Großvater tiefe Verehrung entgegen. Dies berichtete Beethovens Jugendfreund Franz Georg Wegeler in seinen 1838 zu Koblenz gedruckten Biographischen Notizen über Ludwig van Beethoven: „An diesem Großvater hing der kleine Louis mit der größten Innigkeit, und so zeitig er denselben auch verlor, blieb bei ihm der frühe Eindruck doch sehr lebendig. Mit seinen Jugendfreunden sprach er gern vom Großvater, und seine fromme und sanfte Mutter, die er weit mehr als den nur strengen Vater liebte, mußte ihm viel vom Großvater erzählen. Das Bild desselben, vom Hofmaler Radoux gefertigt, ist das Einzige, was er sich von Bonn nach Wien kommen ließ, und was ihm bis zu seinem Tode Freude machte.“

Gratulations-Menuett

Wie gratuliert man Beethoven zum 250. Geburtstag? Mit einem „Gratulations-Menuett für großes Orchester“ aus seiner eigenen Feder. Ein solches bot er 1822/23 verschiedenen Verlagen an, leider vergeblich, so dass es zu seinen Lebzeiten nicht zum Druck befördert wurde. Im Beethoven-Werkeverzeichnis firmiert es deshalb unter den „Werken ohne Opuszahl“: WoO 3. Komponiert wurde es zu einem Namenstag: Am 3. Oktober 1822 wurde in Wien das Josephstädter Theater eingeweiht, wozu Beethoven seine Ouvertüre Die Weihe des Hauses, op. 124, neu komponierte. Einen Monat später, am Vorabend des 4. Novembers, feierte das dankbare Theaterpersonal den Namenstag seines Direktors Carl Friedrich Hensler mit einer Überraschungsparty. Nach etlichen Lobreden ertönte zum Ausklang von der Straße her eine Freiluftmusik, bestehend aus zwei Ouvertüren, einem Flötenkonzert und einer „eigends für diesen Abend von Ludwig van Beethoven herrlich neu komponierten Symphonie“. Was der Berichterstatter von Bäuerles Theaterzeitung für eine Sinfonie hielt, war freilich nur jenes Gratulations-Menuett. Immerhin umfasst dieses Tempo di Menuetto quasi Allegretto in Es-Dur 108 Takte und zählt zu Beethovens spätesten Orchesterwerken. 

Zum Hören:

Ludwig van Beethoven: Gratulations-Menuett für großes Orchester Es-Dur, WoO 3

Berliner Philharmoniker, Leitung: Herbert von Karajan

https://www.youtube.com/watch?v=CGyXmBpW2y8