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Giudtta Pasta in der Rolle der Nina, gemalt von Giuseppe Molteni 1829 (Mailand, Pinacoteca di Brera)

Adventskalender Mailand 18.12.1831

Dezember 1831 in Mailand: Giuditta Pasta bereitet die Uraufführung der Norma vor und hadert mit der Arie „Casta Diva“. Am zweiten Weihnachtstag schickt sie Maestro Bellini ein Weihnachtsgeschenk - zum Dank für die schöne Arie. Eine wahre Geschichte, nacherzählt von Karl Böhmer

Ein Weihnachtsgeschenk von Giuditta Pasta, Mailand 1831

Erleichtert schaute Giuditta Pasta auf ihren Lampenschrim. Am 18. Dezember 1831 hatte sie sich entschieden: Sie würde die Arie „Casta Diva“ doch singen. Es war der milde Schein dieser Lampe mit ihren keltischen Kriegern und Jungfrauen, die ihr die unendlich langen, dunklen Phrasen von Maestro Bellini erhellt hatten. Erst zwölf Jahre waren vergangen, seit sie in Hosenrollen ihre ersten rauschenden Erfolge gefeiert hatte: in Cimarosas Gli Orazi e i Curiazi, in ZIngarellis Romeo e Giulietta. In jenen alten Opern also, die vor mehr als 30 Jahren für ihren Lehrer Crescentini geschrieben worden waren. Von ihm, dem letzten großen Kastraten, dem Hofsänger Napoleons und Meister des Tontragens, hatte sie ihr fantastisches Sostenuto gelernt: „Wie gut Madame Pasta Portamento singen kann, wie sie die Töne gleitend ansingt, wie sie eine lange Passage akzentuieren, verbinden und ebenmäßig halten kann“, das hatte schon 1824 der französische Romancier und Rossini-Bewunderer Stendhal in glühenden Worten gepriesen. Wenn sie Rossinis Semiramide oder Desdemona sang, Mayrs Medea oder Paisiellos Nina, lagen ihr London und Paris zu Füßen. Denn keine andere verstand so wie sie, die tragischen Heldinnen zu verkörpern. Und dazu ihre Stimme! „Eine Stimme, die uns jeden Augenblick genauso in Entzücken versetzt wie die Sänger aus der guten alten Schule, eine Stimme, die mit dem schlichtesten Wort eines Rezitativs rühren kann, deren gewaltige Töne die widerspenstigsten Herzen dazu bringen, sich von der Gemütsbewegung ergreifen zu lassen.“ So hatte es Stendhal beschrieben.

Doch nun stand all dies auf dem Prüfstand. Mit 34 Jahren würde sie ihr Debüt an der Mailänder Scala geben, von jedem Sänger gefürchtet, doch für eine Lombardin aus der Provinz, aus Saronno quasi eine Hinrichtung. Wie kalt und abweisend die Mailänder sein konnten, wusste sie nur zu gut. Und nun musste sie sich ausgerechnet hier, in der Höhle des Löwen, in einer neuen Partie von Bellini bewähren, noch schwieriger als die Sonnambula. Alle ihre früheren Rollen, all jene himmlischen Melodien eines Cimarosa, Paisiello oder Rossini waren nichts im Vergleich zu dem nicht enden wollenden Sostenuto, das Bellini von ihr verlangte – für das Gebet der Priesterin zur keuschen Göttin im bleichen Mondlicht. Wie hatte sie mit der Partie gehadert, doch nun fühlte sie sich bereit dazu.

Ein Lampenschirm für Bellini

Acht Tage später sandte Giuditta Pasta den keltischen Lampenschirm als spätes Weihnachtsgeschenk an Vincenzo Bellini. Man schrieb den 26. Dezember 1831. Abends stand die Premiere der Norma auf dem Spielplan der Mailänder Scala, die ihre Saison damals noch am zweiten Weihnachtsfeiertag eröffnete - wie jedes große Theater in Italien. Der Lampenschirm war begleitet von ein paar Stoffblumen und einem zärtlichen Billet: „Erlauben Sie mir, Ihnen eine Gabe anzubieten, die mir Trost spendete, als ich mit unglaublicher Furcht Ihre erhabenen Harmonien studierte, die auszuführen ich so wenig geeignet bin. Abends war jener Lampenschirm Zeuge meines Studiums der Norma, am Tage diese Stoffblumen. Sie können meinen innigen Wunsch bezeugen, mich Ihrer Wertschätzung immer würdiger zu erweisen. Giuditta Pasta, Ihre Ihnen sehr zugeneigte Freundin.“

Das seltsame Weihnachtsgeschenk ist noch heute im Museo Belliniano in Catania zu sehen, der sizilianischen Heimatstadt des großen Bellini. Selbstverständlich ging dem Geschenk eine Geschichte voraus: Giuditta Pasta, damals schon „Primadonna assoluta“ auf allen Bühnen Italiens, weigerte sich, die Arie „Casta diva“ zu singen – ausgerechnet die Sortita der Druidenpriesterin Norma, die heute berühmteste Arie Bellinis. Die Pasta fand, das Stück passe nicht zu ihrer Stimme – wohlgemerkt in der Originaltonart G-Dur, nicht einen Ganzton tiefer, wie es heute normalerweise gesungen wird, also in F-Dur. (Das Flötensolo im Orchestervorspiel klänge in der Ursprungstonart viel heller und silbriger als heute – aber dies nur nebenbei.) Bellini gelang es nicht, seine widerspenstige Primadonna zu zähmen, also traf er mit ihr eine Vereinbarung: Eine Woche lang sollte sie die Arie in Ruhe studieren und dann endgültig entscheiden. Wenn sie bei ihrer Ablehnung bliebe, würde er eine neue Arie schreiben. So gesehen hat es die Nachwelt einer Lampe zu verdanken, die ihr Licht so mild auf die Noten warf, dass die berühmteste Belcanto-Arie der Welt nicht in der Versenkung einer Schublade verschwand.

Fiasko am zweiten Weihnachtsfeiertag

Am Ende der Woche war die Pasta überzeugt, und der Applaus am Premierenabend gab ihr Recht: „Casta diva“ war eine der wenigen Nummern der Norma, denen die Mailänder an jenem zweiten Weihnachtsfeiertag rückhaltlos Beifall spendeten: „Ich komme aus der Scala, erste Aufführung von Norma. Würdest Du es glauben? ... Fiasko! Fiasko!!! Ernstes Fiasko!!!! Ehrlich gesagt: Das Publikum war grausam, es schien gekommen zu sein, um mich zu vernichten. Und in seiner Bosheit wollte es, wie ich glaube, dass meine arme Oper Norma das gleiche Schicksal erleide wie die Druidin. Ich erkenne jene lieben Mailänder nicht wieder, die Il PirataLa Straniera und La Sonnambula mit beglückten Gesichtern und jauchzenden Herzens begrüßten; und doch dachte ich, dass ich ihnen mit Norma eine würdige Schwester präsentiert hätte. Leider war dies nicht der Fall, ich hatte Unrecht.“ So schrieb Bellini noch in der Nacht nach der Premiere an seinen neapolitanischen Freund Florimo, und in seiner tiefen Trauer kündigte er an: „Ich reise mit der Eilpost ab und hoffe, noch vor diesem Brief anzukommen.“ Glücklicherweise war der Postwagen schon abgefahren, und Bellini blieb in Mailand.

Triumph nach Weihnachten

Nach der zweiten Aufführung am 28. Dezember hatte er seinen kühlen Kopf wiedergewonnen: „Am ersten Abend riefen nur die Einleitung, Polliones Auftritt und der von Pasta einen Ausbruch der Begeisterung hervor [sprich: „Casta Diva“]. Was nicht gefiel, war das Duett zwischen Pollione und Adalgisa, und das wird nie gefallen, weil es mir selbst nicht gefällt; das Duett, das am Anfang des Schlussterzetts steht, hat sehr gefallen, aber das Terzett, so wie es ausgeführt wurde, nicht; die Sänger waren übermüdet, weil sie am selben Morgen den ganzen zweiten Akt geprobt hatten. Und so gefiel es nicht. Darum endete der erste Akt, ohne dass jemand Beifall erhielt oder herausgerufen wurde.“ Insgeheim muss er gespürt haben, dass der Siegeszug der Norma nicht aufzuhalten war.

Schon bei der zweiten Aufführung wandelte sich die grausame Verachtung in heimliche Anerkennung, bei den folgenden Aufführungen gar in Begeisterung. Bis zum Ende der Spielzeit wurde Norma in Mailand 34 Mal aufgeführt, bis zum Ende des 19. Jahrhunderts allein an der Scala 208 Mal. Auf Mailand folgten sofort Premieren in allen großen Musikzentren: 1832 am Teatro S. Carlo in Neapel, 1833 in Bologna, Wien und London, 1834 in Rom, Turin und Madrid, 1835 dann endlich am Teatro La Fenice in Venedig mit Maria Malibran in der Titelrolle. Die spanische Diva wurde zu einer der erfolgreichsten Norma-Darstellerinnen, obwohl sie die Partie in die Mezzosopran-Lage transponieren musste. Noch vor Bellinis frühem Tod 1836 folgten Paris, Prag und Pressburg. Bellini hatte Recht behalten: „Ich hoffe gegen das vom Publikum ausgesprochene Urteil Berufung einzulegen und Norma als die beste meiner Opern auszurufen. Wenn nicht, werde ich mich mit meinem sehr unglücklichen Schicksal abfinden und zum Trost sagen: ‚Haben nicht auch die Römer den berühmten Pergolesi für seine Olimpiade ausgepfiffen?’“

Erstaunlicherweise kannte Bellini noch die grausame Geschichte von Pergolesis römischem Fiasko 100 Jahre zuvor. Im Januar 1835 hatten die Römer die nachmals berühmteste Opera seria des 18. Jahrhunderts so vehement abgelehnt, dass sie dem Komponisten faule Orangen an den Kopf warfen, was zum tragischen frühen Tod des jungen Maestro im Alter von 26 Jahren beigetragen haben soll. Bellini blieb dieses Schicksal erspart - vorerst. Doch auch er hatte nur noch knappe vier Jahre zu leben: Im September 1835 erlag er im Alter von 33 Jahren in Puteaux bei Paris einem chronischen Darmleiden, viel beweint vom Publikum der französischen Hauptstadt, das gerade seine letzte Oper feierte: I Puritani. Derweil setzte sich der Siegeszug der Norma unaufhaltsam fort, bis nach Sankt Petersburg (1837), Vera Cruz (1838), Santiago de Cuba (1840) und New York (1841).

Zum Hören:

Bellinis „Casta Diva“ in einer Konzertaufnahme mit Maria Callas aus der Pariser Oper, 19.12.1958:

https://www.youtube.com/watch?v=s-TwMfgaDC8

Die gesamte Norma mit der dramatischen Ouvertüre zu Beginn, aufgezeichnet im Teatro Communale di Bologna mit der unvergessenen Daniela Dessì in der Titelrolle („Casta Diva“ beginnt bei 30:30, das Duett „Qual cor tradisti“ beginnt bei 2:20:00)

https://www.youtube.com/watch?v=u1fm6nxZNhA

Eine der gefeierten Arien von Giuditta Pasta vor Norma: „Quelle pupille tenere“ aus Cimarosas Orazi e Curazi, wieder gesungen von Daniela Dessì:

https://www.youtube.com/watch?v=tKtwjzMU96I