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Clara Schumann in der Düsseldorfer Zeit, Datierung zwischen 1851 und 1854.

Adventskalender Düsseldorf 19.12.1851

Eine Goethebüste und eine neue Lampe: Robert Schumanns Weihnachtsgeschenke für seine Frau Clara am Heiligabend 1851 in Düsseldorf waren kostbar genug. Doch waren sie auch das richtige Signal nach Entbindung, Wochenbett und Weihnachtsstress? Eine Geschichte von Karl Böhmer

Weihnachtsgeschenke für Clara Schumann, Düsseldorf 1851

Am 19. Dezember 1851 wagte Clara Schumann einen ersten Spaziergang im Freien. Die Geburt ihrer jüngsten Tochter hatte ihr doch stärker zugesetzt, als sie hatte wahrhaben wollen. Nun gab es kein Vertun mehr. Weihnachten stand vor der Tür, und Robert hatte wie üblich nur Noten im Sinn. Also blieb die Vorbereitung zum Fest allein ihre Bürde, wie immer – das Schicksal so vieler Mütter und Ehefrauen in den Tagen vor dem Fest der Liebe. Ob sie sich über die Geschenke ihres Mannes am Ende überhaupt noch freuen konnte? Die Goethe-Büste war einen Taler wert, die neue Lampe deren zehn. Vielleicht hätte sich Clara stattdessen lieber etwas mehr Mithilfe ihres Gatten gewünscht. Wer weiß? 

Adventskind Eugenie

„Früh den 1sten December ein Kleines.“ Lakonischer hätte man die Geburt eines Kindes im Advent nicht vermerken können als Robert Schumann in seinem Tagebuch. Die kleine Tochter Eugenie kam am Montag nach dem ersten Advent 1851 als Rheinländerin zur Welt, denn ihre Eltern hatten 15 Monate zuvor dem „Elbflorenz“ den Rücken gekehrt und waren von Dresden an den Rhein gezogen. Dort hatte Robert den Pos­ten des Städ­ti­schen Mu­sik­di­rek­tors angetreten – eine neue Auf­ga­be, in die er sich sofort mit gro­ßer Eu­pho­rie stürz­te. Seine Frau Clara dagegen hatte wie üblich die häuslichen Pflichten zu tragen und die Schwangerschaft, was ihr im Advent 1851 besonders schwer einging.

Düsseldorfer Herbstsonate

Noch am 15. November saß Clara bei einer „kleinen musikalischen Gesellschaft“ am Flügel, um mit dem Geiger Wilhelm Josef von Wasielewski die neueste Violinsonate ihres Mannes aus der Taufe zu heben. Es mag anstrengend genug gewesen sein, diese große Sonate in d-Moll zu spielen, die ihr Gatte schon am 2. November „ziemlich beendigt“ hatte. Was dem Dresdner Geiger François Schubert versagt geblieben war, nämlich dem Komponisten eine Violinsonate zu entlocken, das gelang seinem Düsseldorfer Kollegen gleich doppelt. Der aus der Nähe von Danzig stammende Wasielewski hatte in Leipzig studiert und dort zunächst unter Mendelssohns Leitung im Gewandhausorchester gewirkt. Dann aber holte ihn Schumann als neuen Konzertmeister nach Düsseldorf, wo er alsbald zwei Violinsonaten des Meisters aufführen durfte. Sie entstanden im besonders gemütlichen Düsseldorfer Domizil in der Kastanienallee, wo man im Juli 1851 eingezogen war. Nach dem ersten Duo für Pianoforte und Violine in a-Moll vom September folgte zwei Monate später gleich die d-Moll-Violinsonate.

Advent mit Eroica  

Nur zwei Wochen nach der Uraufführung kam Clara mit der kleinen Tochter Eugenie nieder – ein wahres Adventskind, das alle seine Geschwister überleben sollte und erst 1938 in Bern starb! Das Schreien der Kleinen begleitete die Vorbereitungen zum Fest. Immerhin wurde Clara von der Hebamme unterstützt, auch bei jenem ersten Ausgang am 19. Dezember. Ihr Mann hatte derweil ein Abonnementskonzert mit dem Düsseldorfer Orchester zu dirigieren, am Donnerstag vor dem dritten Advent. Beethovens Eroica und Gades Vierte Sinfonie standen auf dem Programm, außerdem das damals viel gespielte Violinkonzert in Form einer Gesangsszene von Louis Spohr mit Wasielewski als Solisten und eine Chor-Orchester-Szene nach Byron von Hiller. Schumanns eigene neue Werke waren noch in Arbeit: die Neuinstrumentierung der Vierten Sinfonie und eine Konzertouvertüre nach dem Epos Hermann und Dorothea von Goethe.

Weihnachtsmusik mit Regimentstochter und Goethe

Vor Heiligabend gönnte Schumann seiner Frau eine kleine Freude: Er kaufte zwei Theaterkarten für eine ganz besondere Aufführung von Donizettis Regimentstochter im städtischen Theater. Die legendäre Koblenzer Sopranistin Henriette Sontag kehrte nach 20 Jahren Abwesenheit auf die Bühne zurück. Ihr Gatte, der italienische Conte Carlo Rossi, Botschafter des zukünftigen Königs von Italien in Den Haag, hatte ihr jeden Auftritt auf der Bühne untersagt. Als er aber 1848 sein gesamtes Vermögen verlor, musste sie durch ihr erfolgreiches „Comeback“ die Familie ernähren. Am 16. Dezember gab sie ihr einziges Konzert im Stadttheater ihrer Heimatstadt Koblenz. Eine Woche später triumphierte sie auch in Düsseldorf. Wie sehr konnte Clara doch mit ihr fühlen, der berühmten Musikerin, die sich so lange dem Diktat ihres Mannes hatte beugen müssen. Auch im Hause Schumann war die Arbeitsteilung streng geregelt. Nie hätte sich der Herr Musikdirektor an den Vorbereitungen zum Weihnachtsfest beteiligt, er komponierte lieber. Zwei Tage vor Heiligabend übergab er seiner Frau 20 Taler für „Weihnachtsausgaben“. Festlich sollte es schon zugehen, trotz des neugeborenen Mädchens im Haus und trotz der vielen Arbeit auf seinem Schreibtisch. Am 23. Dezember vollendete er seine Ouvertüre zu Goethes Hermann und Dorothea. Die Anklänge an die Marseillaise, die den neunminütigen Orchestersatz durchziehen, erklärte Schumann mit der ursprünglichen Funktion des Werkes: "„Zur Erklärung der in der Ouvertüre eingeflochtenen Marseillaise möge bemerkt werden, dass sie zur Eröffnung eines dem Goethe'schen Gedichte nachgebildeten Singspiels bestimmt war, dessen erste Scene den Abzug von Soldaten der französischen Republik darstellte.“" Dem französischem Marsch der Bläser stehen weiche, melancholische Gesänge der Streicher gegenüber, die das Ganze in einen besonderen Zauber hüllen, ohne jeden Anflug von Theatralik – eine Weihnachtsouvertüre.

Heiligabend mit Goethe und Orangen

Die Bescherung am Heiligen Abend feierte man bei den Schumanns wie üblich: unter dem Christbaum mit allerhand Geschenken und Geschichten, mit einem Mahl und Musik. Die Kinder durften sich an Schokolade und Obst laben, sonderlich an sechs teuren Apfelsinen. Ein Christstollen nach Dresdner Originalrezept war auch gebacken worden, damit die Kinder diese liebgewonnene Spezialität nicht missen mussten. Und natürlich wurde musiziert: Die zehnjährige Tochter Marie spielte einige Sätze aus dem Album für die Jugend, das ihr Vater zwei Jahre zuvor in Dresden geschrieben hatte. Marie war das älteste Kind der Schumanns und die beste Pianistin unter allen Schwestern. Später wurde sie Assistentin ihrer Mutter an Dr. Hoch’s Konservatorium in Frankfurt und lebte als alte Frau mit ihrer Schwester Eugenie in Interlaken. Nach der Tochter ließen sich Robert und Clara am Klavier hören. Nach den Feiertagen kamen Besucher vorbei, allen voran Wasielewski, der wieder einmal die schöne a-Moll-Violinsonate spielen wollte, die ihm Schumann schon im September dediziert hatte. Ein Weihnachtstraum in Düsseldorf mit einer erschöpften Heldin im Zentrum, die sich keine Pause gönnen durfte: Clara Schumann.

Zum Hören

Der New Yorker Geiger Giora Schmidt spielt Schumanns 1. Violinsonate, begleitet von Rohan de Silva, aufgezeichnet 2013 in New York.

https://www.youtube.com/watch?v=LwXV29MBXoQ

Der italienische Pianist Marco Tezza spielt im Teatro Olimpico zu Vicenza Winterszeit I aus dem Album für die Jugend, op. 68.

https://www.youtube.com/watch?v=85rXO0SCSR0

Die Düsseldorfer Symphoniker, Schumanns damaliges Orchester, spielen seine Ouvertüre zu Hermann und Dorothea, seine Weihnachtskomposition von 1851:

https://www.youtube.com/watch?v=co71XilaRU4