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"Vivaldi im Advent" mit Christophe Coin (Foto: Thomas Entz). Der große Barockcellist leitet die Camerata Villa Musica am 6.12. in Emmelshausen, am 7.12. im Landesmuseum Mainz (ausverkauft) und am 8.12. in Schloss Engers (ausverkauft).

Villa Musica Adventskalender

Auch 2019 erzählt Karl Böhmer im Adventskalender Geschichten von Musikerinnen und Musikern, Komponistinnen und Komponisten im Advent - von Palestrina bis Penderecki. Das zweite Türchen öffnet sich auf den 2.12.1708. Graf Schönborn beginnt den Advent mit einem Cellokonzert von Vivaldi. 

Vivaldi-Uraufführung in Mainz?

Endlich war es soweit. Der junge Horneck hatte Wort gehalten und das Päckchen aus Venedig geschickt. Rudolph Franz Erwein Graf von Schönborn hielt sein erstes Cellokonzert vom großen Antonio Vivaldi in Händen. Man schrieb den 2. Dezember, den ersten Advent 1708. Gerade war der Graf von der Adventsmesse in das Familienschloss zurückgekehrt, da hatte ihm ein Diener die Sendung aus Venedig überreicht. Umgehend gab er Befehl, die Stimmen an seine geigenden Hausdiener zu verteilen. Der Herr Organist solle das Cembalo stimmen, man werde gleich mit dem Proben beginnen. Frelich war das kleine Wiesentheid, zwischen Würzburg und Bamberg gelegen und Stammsitz der Familie, keine Bühne für eine solche Novität. Mit der Uraufführung wollte der Graf bis Weihnachten warten, bis zum nächsten Besuch in Mainz. Im Schönborner Hof am Thiermarkt, dort sollte die Uraufführung dieses Concerto stattfinden – des ersten Cellokonzerts von Antonio Vivaldi auf deutschem Boden!

Rare Compositiones des Vivaldi

Wie lange hatte sich doch Horneck Zeit gelassen, um dieses kostbare Concerto zu erwerben! Des Grafen Bruder Johann Philipp Franz, seines Zeichens Domkapitular im nahen Würzburg und für den Kaiser in diplomatischen Missionen erfolgreich, konnte es sich leisten, den jungen Musiker zur Ausbildung nach Venedig zu schicken. Doch der hatte alles andere getan als zu studieren. Auch seinen wichtigsten Auftrag hatte der Schönborn-Stipendiat schleifen lassen: „einige rare Compositiones des Vivaldi zu erhalten“. Obwohl der Maestro aus Venedig erst 30 Jahre alt war, hatte sein Ruf die Alpen längst überquert. Halb Deutschland war bemüht, bei ihm Violinkonzerte zu erwerben, doch noch keiner hatte es mit einem Cellokonzert versucht! Dringliche Mahnung war nötig gewesen, bevor Horneck endlich das erste Cellokonzert abgeschrieben und in Stimmen nach Franken geschickt hatte. Bis März 1709 sollten noch zwei neue folgen, bis 1712 fünf weitere, eines schöner als das andere.

Ein Cellist in Franken

Im Schönborn-Schloss zu Wiesentheid herrschte große Freude an jenem ersten Advent des Jahres 1708. Denn seit seinen römischen Studientagen war Graf Rudolph ein begeisterter Cellist. Jeden Tag übte er auf seinem klangvollen italienischen Instrument. Die Brüder hatten seinerzeit in Rom Geigenstunden bei Corelli genommen oder auf der Flöte dilettiert – genutzt hatte es wenig. Keiner von ihnen hatte es musikalisch soweit gebracht wie er, der Virtuose mit dem Grafentitel. Und nun hielt er seine größte Kostbarkeit in Händen: sein erstes Vivaldi-Concerto. Diesen Schatz würden die Zeiten ihm und seiner Familie nicht entreißen. Er sollte recht behalten: Bis heute liegen die acht Cellokonzerte von Vivaldi im Familienarchiv der Schönborns in Wiesentheid, die frühesten, die man kennt. Musik für die Ewigkeit.

Der große Onkel und die Brüder

Für die Ewigkeit zu bauen, war eher die Sache des großen Onkels in Mainz. Lothar Franz von Schönborn lenkte als Kurfürst und Erzkanzler des Reiches vom Heiligen Stuhl in Moguntia aus die Geschicke seiner Lande, aber auch seiner Familie. Seine sieben Neffen hatte er allesamt zum Studium nach Rom geschickt, auch Rudolph, der nicht für die geistliche Laufbahn bestimmt war, sondern der Familie einen Stammhalter zeugen sollte. Denn die Schönborns waren ehrgeizig. Ihre aufstrebende Ambition zeigte sich vorerst an den Bauten und Gärten des Onkels in Mainz und Bamberg – lange bevor Rudolphs Bruder Johann Philipp Franz den Riesenbau der Würzburger Residenz beginnen sollte, den der jüngere Bruder Friedrich Carl vollendete.

Ein Vivaldi-Winter

Auch in Wiesentheid wurde gebaut, natürlich unter italienischer Leitung. Bei den fränkischen Bauern waren die Welschen nicht beliebt: zu verschlagen, zu nahe am Herrn, immer in Händel verstrickt. Aber im Frühjahr, wenn die Landleute zur Aussaht hinauszogen aufs Feld, würden sie die neuen Cellotöne des Herrn Grafen gewiss zu hören bekommen. Denn sobald das Wetter es zuließ, übte der vornehme Herr bei offenem Fenster. Selbst die Bauern mussten zugeben, dass diesem Vivaldi im fernen Venedig ein paar Ohrwürmer eingefallen waren. Freilich ahnten weder sie noch der Graf Ende 1708, dass ihnen der schwerste Winter seit Menschengedenken bevorstand. Erst im Mai, als Main und Rhein endlich wieder aufgetaut waren, als die Sonne ihre Wirkung tat, öffnete auch der Graf die Fenster und übte die neuesten Concerti von Vivaldi. Derweil arbeitete der Komponist in Venedig an einem neuen Violinkonzert, in dem er die Eindrücke des harten Winters festhielt: die Eisläufer auf der zugefrorenen Lagune, die frierenden Menschen, den plätschernden Regen beim kurzen Tauwetter im Februar. All dies konnte Graf Schönborn wieder erkennen, als er zum ersten Mal den „Winter“ aus den „Vier Jahreszeiten“ hörte. Auch für ihn würde der Winter 1708 auf 1709 immer ein „Vivaldi-Winter“ bleiben.

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